Formen ekstatischen Erlebens beim verstärkten Atmen (Hyperventilation) Prof. Dr. Torsten Passie, Randolph Pleske und Dr. Hannah Binder

Das verstärkte Atmen ist eine uralte Methode zur Tranceerzeugung bzw. Veränderung des Bewusstseinszustandes, die im Schamanismus und bei religiösen Praktiken verwendet wird. Verstärktes Atmen wird in der Schulmedizin als Überatmung oder Hyperventilation (HV) bezeichnet. Hyperventilation ist so definiert, dass ein Mensch mehr bzw. stärker atmet als es seine körperlichen Bedürfnisse erfordern. Dadurch kommt es zu verschiedenen Wirkungen auf die Physiologie des Organismus. In der medizinischen Literatur wird HV ausschließlich als krankhafter physiologischer Vorgang bzw. als psychopathologische Erfahrung beschrieben (z. B. Spinhoven 1992, Fried 1973, Weimann 1968).

In den 1970er Jahren wurde das verstärkte Atmen durch den amerikanischen Laientherapeuten Leonard Orr „wiederentdeckt“ und als „Selbsthilfemethode“ verbreitet. Unter den Bezeichnungen „Rebirthing“ (Orr und Ray 1979) und „Holotropes Atmen“ (Grof 1987, Grof und Grof 2013) sind solche Methoden heutzutage praktisch weltweit als (psycho-)therapeutische Methoden verbreitet. Trotz dieser Verbreitung wurden bisher die subjektiven Erlebnisveränderungen durch eine längerdauernde (therapeutisch) intendierte HV nicht systematisch untersucht.
Diese Lücke in der wissenschaftlichen Forschung versuchten wir mit
unseren Untersuchungen zu schlie-
ßen. Zusammen mit Kollegen an der
Medizinischen Hochschule Hannover
und dem Bender Institute für Neuro-
imaging an der Universität Gießen hat
unsere Gruppe seit mehr als zehn Jah-
ren Forschungen zum „therapeutischen
Atmen“ auf praktisch allen Ebenen
betrieben: Wir haben eine Reihe von
Blutwerten gemessen, Herzfunktion und Blutdruckwerte erfasst sowie Sauerstoffund Kohlendioxidwerte erhoben. Außerdem haben wir Veränderungen der Hirndurchblutung, des Bewusstseinszustandes und des Gefühlserlebens untersucht. Das hat uns ein relativ vollständiges Bild dieser Zustände vermittelt.

Die der vorliegenden Darstellung zugrundeliegenden Untersuchungen hatten zum Ziel, die unter einer willentlich forcierten HV auftretenden psychischen Veränderungen mit Fragebögen psychometrisch zu objektivieren (Studie 1) und die sich aus den subjektiven Erlebnisbeschreibungen ergebenden Erfahrungsmuster und Erlebnisweisen zu systematisieren und darzustellen (Studie 2). Ausschnitte aus diesen beiden Untersuchungen werden im Folgenden dargestellt, mit einem Schwerpunkt auf den ekstaseartigen Erlebnisphänomenen. Außerdem wird ein plausibler hirnphysiologischer Wirkmechanismus für das veränderte Erleben beim verstärkten Atmen vorgestellt.

Physiologische Veränderungen durch verstärktes Atmen

Es erscheint uns angebracht, zunächst in einfachen Worten die Auswirkungen von HV auf den menschlichen Organismus zu skizzieren.

Im Körper wird Sauerstoff zu Kohlendioxid (CO2) „verbrannt“, um den Muskeln, aber auch dem Gehirn und anderen Geweben Energie zur Verfügung zu stellen. Da CO2 als Endprodukt beim Stoffwechsel anfällt, zeigt der CO2-Gehalt das Ausmaß des Stoffwechsels in einem Körpergewebe an. Daher nutzt der Körper den CO2-Gehalt, um den Stoffwechsel eines Gewebes festzustellen und das Maß der Durchblutung darauf einzustellen. Mit anderen Worten: Wo mehr Stoffwechsel stattfindet, fällt mehr CO2 an und die Blutgefäße erweitern sich.

Beim verstärkten Atmen wird vermehrt CO2 abgeatmet und der CO2-Spiegel in den Geweben sinkt ab (vgl. Abb. 4, S. 214). Daher nimmt der Körper an, dass weniger Stoffwechsel stattfindet, und verengt die Gefäße. Demnach „blufft“ man beim verstärkten Atmen den Körper. Denn obwohl während des verstärkten Atmens mehr Sauerstoff verbraucht wird, wird durch den verringerten CO2-Gehalt vorgetäuscht, die Gewebe bräuchten kaum Sauerstoff. Somit verengen sich die Blutgefäße und es findet weniger Blutdurchfluss statt.

Für das therapeutische Atmen sind vor allem die Wirkungen auf die Hirndurchblutung von Bedeutung. Schon 1946 hat man festgestellt, dass bei verringertem Kohlendioxidgehalt durch verstärktes Atmen die Hirndurchblutung um bis zu 30 Prozent absinkt (Kety et al. 1946). Neuere Untersuchungen mit bildgebenden Methoden („Neuroimaging“) haben gezeigt, dass die Durchblutung in der äußeren Schicht des Gehirns, also der Hirnrinde, am stärksten vermindert ist. In der Mitte des Gehirns, wo die Zentren des Gefühlslebens liegen, fällt die Durchblutung dagegen nicht so stark ab (Bednarczyk et al. 1990, Posse et al. 1997). Das bedeutet, dass die Schicht der „grauen Zellen“, das Denkund Kontrollorgan sozusagen, stärker in ihrer Funktion geschwächt wird als die tieferliegenden Hirnstrukturen. Daher kommt es zu einer Verminderung von Kontrollmechanismen und einer Verstärkung des Gefühlserlebens, aber auch zu Schwindel und geistigen Veränderungen. Im Anschluss an die HV-Phase, also die Phase des aktiven Atmens, steigt der CO2-Gehalt wieder an und die Blutgefäße weiten sich. Bei vielen unserer Probanden fiel in der Nachphase der Sauerstoffgehalt zeitweilig ab, weil der „Atemantrieb“ durch den erhöhten CO2-Spiegel fehlte, was aber unproblematisch ist, da der Körper das gut toleriert. Es gibt noch einige weitere körperliche und biochemische Veränderungen, doch das sind die wichtigsten.

Als Begleiterscheinungen oder „Nebenwirkungen“ des verstärkten Atmens treten Verkrampfungen der Hände und manchmal Empfinden von erschwertem Atmen auf. Gesunden Menschen kann im Stehen schwindelig werden; im Sitzen oder Liegen ist das aber kein Problem. Diese Nebenwirkungen sind harmlos und medizinisch unbedenklich (Weimann 1968).

Verstärktes Atmen ist für gesunde Menschen ungefährlich. Nicht so atmen sollten schwer herzkranke Menschen, bei denen sich die ohnehin schon verringerte Durchblutung des Herzens weiter verringern kann. Bei Menschen mit einer Epilepsie, also mit vom Hirn ausgehenden Krampfanfällen, kann das verstärkte Atmen das Gehirn „reizen“ und einen Krampfanfall auslösen. Dass es beim verstärkten Atmen bei gesunden Menschen nicht zu gefährlichen oder bleibenden Schädigungen kommt, ist durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt (vgl. Brown 1953, Gardner 1996).

Verstärktes Atmen zur Tranceerzeugung und in der Psychotherapie

Man könnte vermuten, dass die bewusstseinsverändernde Wirkung des verstärkten Atmens von Urmenschen beim Feueranblasen entdeckt wurde. Schamanen, die urtümlichen Medizinmänner, haben das Atmen wahrscheinlich seit Jahrtausenden zur Tranceerzeugung angewandt (Lommel 1965). Noch heute gibt es bei Buschleuten in der Sahara einen Heilungs-Trancetanz, bei dem im Kreis gehend bis zum Eintreten einer Trance verstärkt geatmet wird (Abb. 2) (Katz 1985, Pfeiffer 1973).

Die islamischen Mystiker, die Sufis, verwenden das ver-
stärkte Atmen zur Hervorrufung religiöser Trancezustände.
Auch im Yoga gibt es zwei Techniken, bei denen eine ver-
stärkte Atmung angewendet wird (Lysebeth 1977). Unse-
re Arbeitsgruppe an der Medizinischen Hochschule Hannover konnte plausibel machen, dass auch in der Sexualität verstärktes Atmen in Form des „Stöhnens“ eine Rolle bei der Vertiefung sexuellen Erlebens spielt (Passie et al. 2003, 2004). Doch die ursprüngliche kathartische, reinigende Wirkung ist beim Schluchzen verwirklicht, wo es sowohl zum verstärkten Atmen als auch zur Freisetzung von Gefühlen kommt.

Mitte der 1970er Jahre „entdeckte“ Orr die therapeutische Wirkung und begann, es als eine „Selbsthilfemethode“ zu verbreiten. Orr wurde in den Folgejahren allerdings immer obskurer in seinen Ansichten und Praktiken. So nutzte er zunehmend autosuggestive Affirmationen, propagierte „spirituelle Reinigung“ durch das Atmen und brachte später auch das Erreichen von „Reichtum und Unsterblichkeit“ mit dem Atmen in Zusammenhang (Orr und Ray 1979). Um 1980 kam der international bekannte LSD-Forscher und Psychotherapeut Stanislav Grof dazu. Er kombinierte das Atmen mit starker, treibender Musik und forcierte den Ausdruck von Gefühlen und körperlichen Spannungen (Grof 1987).

Von der nachfolgenden Generation wurde das verstärkte Atmen nicht mehr als Mittelpunkt der Therapie gesehen, sondern in der „Integrativen Atemarbeit“ (Platteel-Deur und Mensing 1993) und der von Pleske und Pleske praktizierten „Atemzentrierten Psychotherapie“ mit einer längerfristigen Psychotherapie verknüpft. Zur heutigen Verbreitung der Methode ist zu sagen, dass die Methode eher randständig ist, obwohl weltweit sicher Zehntausende diese Atemerfahrungen gemacht haben.

Trotz der Tatsache, dass der Methode ein plausibler Wirkmechanismus zugrunde liegt und die auftretenden psychologischen Phänomene gut zu therapeutischen Prozessen passen, wurden wissenschaftliche Untersuchungen, die eine therapeutische Wirksamkeit unzweifelhaft feststellen könnten, bisher nicht durchgeführt.

Definitionen: Therapeutisches Atmen, HV-Phase, Nachphase

Zur Klärung der im Folgenden verwendeten Begriffe werden hier Definitionen für drei wichtige Begriffe gegeben.

Therapeutisches Atmen (nach Pleske) ist ein verstärktes Atmen in einem psychotherapeutischen Rahmen im Einzeloder Gruppensetting. Die verstärkte Atmung erfolgt ohne Musik und Körperarbeit. Es werden keine Kopfhörer oder Augenklappen verwendet. Das verstärkte Atmen wird vom Therapeuten begleitet und erstreckt sich über einen Zeitraum von 30 bis max. 60 Minuten, woran sich eine 20bis 30-minütige Ruhephase (Nachphase) mit sanfter, fließender Musik anschließt. Während der Phase des aktiven Atmens bleibt der Therapeut in ständigem Kontakt mit den/dem Klienten. Verbale psychotherapeutische Interventionen sind Teil der Methode. Das Ausleben von Gefühlen wird nicht forciert, aber zugelassen (vgl. Passie und Pleske 2011).

Als HV-Phase wird hier die Phase des verstärkten Atmens bezeichnet. Während dieser Phase wurde verstärkt geatmet, mit einer Frequenz von 25–30 pro Minute bei einer nach Möglichkeit gleichbleibend erhöhten Atemtiefe. Die HV-Phase im Rahmen der hier geschilderten Versuche war jeweils 30 Minuten lang, die Dauer der Nachphase betrug ebenfalls 30 Minuten.

Als Nachphase wird jene Phase einer Atemsitzung bezeichnet, die sich unmittelbar anschließt, wenn das verstärkte Atmen (=HV) eingestellt wird. Erst nach einer mindestens 20-minütigen Phase verstärkten Atmens ist die Nachphase voll ausgeprägt. Während der Nachphase kommt es zu einer 20 bis 30 Minuten dauernden Rückbildung der durch das verstärkte Atmen im Körper verursachten Veränderungen. Das Erleben ist während dieser Phase von ausgeprägter körperlicher und seelischer Entspannung und einem regressiven Bewusstseinswandel geprägt.

Veränderungen des Bewusstseins und Gefühlserlebens bei verstärktem Atmen

Es wurde von uns eine Untersuchung durchgeführt, welche die Frage verfolgte, ob sich unter der Wirkung einer HV objektiv messbare Veränderungen des Bewusstseins und der Affektivität ereignen. Dafür wurde ein wissenschaftliches Experiment an der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt.

Da bisher keine wissenschaftliche Studie dieser Art durchgeführt wurde, war eine statistische Power-Analyse vorab nicht möglich, so dass von einem „gewöhnlichen Stichprobenumfang“ auszugehen war. An der Studie nahmen insgesamt 26 Personen teil. Die HV-Gruppe bestand aus 15 Teilnehmern, davon 4 Frauen und 11 Männer (mittleres Alter 36.2 ± 5.16 Jahre). Die Kontrollgruppe bestand aus 5 Frauen und 6 Männern (mittleres Alter 31.6 ± 6.65 Jahre). Bei keinem der Teilnehmer wurden bei den Voruntersuchungen körperliche oder psychische Erkrankungen festgestellt. Alle Teilnehmer hatten Abitur.

Die Blutgasanalyse wurde mit einem Messgerät durchgeführt, welches keine Hautverletzung nötig machte. Es wurde lediglich ein Sensor auf den Unterarm geklebt. Mit dem Gerät (TINA® TCM3/TCC3 der Firma Radiometer, Kopenhagen) wurden dann Sauerstoff und CO2 kontinuierlich online und computerkompatibel gemessen.

Die Teilnehmer der HV-Gruppe wurden angehalten, mit höherer Frequenz und tiefer als gewöhnlich zu atmen, wobei die HV-Gruppe während der 30-minütigen HV-Phase auf Atemfrequenzen von 25–30 pro Minute und eine gleichbleibende Atemtiefe kontrolliert wurde. Nach 30 Minuten wurden die Teilnehmer der HV-Gruppe angewiesen, die verstärkte Atmung einzustellen. Die Blutgas-Messungen wurden während der folgenden 30 Minuten (hier als „Nachphase“ bezeichnet) fortgesetzt, so dass der Messzeitraum insgesamt 60 Minuten umfasste. Im Anschluss an die Messung füllten die Versuchspersonen die bereitliegenden Fragebögen aus. Der Ablauf war bei der Kontrollgruppe identisch. Auch diese lagen auf der gleichen Liegefläche in der gleichen Position, wurden aber angewiesen, mit normaler Frequenz und Tiefe zu atmen.

Zur Messung veränderter Bewusstseinszustände wurde der 5D-APZ-Fragebogen eingesetzt, der aus 94 Items besteht. In dem Fragebogen werden generelle Statements bezüglich eigenen Empfindens mithilfe einer visuellen Analog-Skala (1–100 mm lang) zwischen den Polen „nicht mehr als gewöhnlich“ und „sehr viel mehr als gewöhnlich“ bewertet. Es können mit dem Fragebogen fünf Hauptdimensionen veränderter Bewusstseinszustände festgestellt werden. Die fünf Hauptdimensionen sind: 1. Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE); 2. Angstvolle Ichauflösung (AIA); 3. Visionäre Umstrukturierung (VUS); 4. Vigilanz-Reduktion (VIR) und 5. Auditive Veränderungen (AWV) (Tabelle 1). Der 5-D-APZ ist ein international validierter Standardfragebogen zur Messung von veränderten Bewusstseinszuständen (Dittrich 1998).

Bei unserer Untersuchung wurden noch weitere Fragebögen eingesetzt. Doch für das hier behandelte Thema ist neben dem 5D-APZ nur noch das Phenomenology of Conscious­ ness Inventory (PCI) in der deutschen Version (Rux 2002) von Interesse. Dieser Fragebogen hat 56 Items, die verbal zwei Pole des Erlebens charakterisieren und jeweils mit einer 7-stufigen numerischen Analog-Skala versehen sind. Die Fragen erfassen verschiedene Aspekte bewussten Erlebens, insbesondere des Gefühlserlebens. Der PCI-Fragebogen wurde in umfangreichen Studien validiert und gilt als Standardinstrument zur Erfassung veränderter Bewusstseinszustände (Pekala 1991).

Statistische Auswertung

Für die statistische Analyse der Daten wurde das Programm SPSS (Statistical Package for the Social Sciences) verwendet. Die zwei Gruppen wurden miteinander verglichen, um statistisch signifikante Unterschiede bestimmen zu können. Ein Two-tailed Mann-Whitney U Test wurde angewandt. Als signifikant werden Unterschiede bezeichnet, wenn p kleiner als 0,05 war und als hochsignifikant, wenn ein p kleiner als 00,1 gegeben war.

 

1. Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE)

Diese Skala misst strukturelle Erlebnisveränderungen des Selbsts und des Körpers, der Beziehung zur Umwelt, Veränderungen des Zeiterlebens und positive Stimmungsveränderungen. Der Begriff „ozeanische Selbstentgrenzung“ ist angelehnt an den Begriff des „ozeanischen Gefühls“ von Sigmund Freud, welcher zum Terminus technicus für Ekstase oder „kosmischmystische“ Erfahrungen in der Psychoanalyse geworden
ist. Im Kern beschreibt er eine positiv erlebte Erfahrung der Ich-Auflösung mit begleitenden Glücksgefühlen. Die Ichgrenzen erscheinen aufgelöst und die Unterscheidung von Individuum und Umwelt verschwimmt bzw. wird aufgehoben.

Repräsentative Items für die OSE-Skala:
• Es schien mir, dass ich und die Umwelt eins

waren.
• Ich fühlte mich sehr glücklich ohne äußeren

Anlass.

2. Angstvolle Ich-Auflösung (AIA)

Diese Skala beschreibt eine unangenehme Erfahrung. Das
Ich wird mit Pein und Angst erlebt. Die Kontrolle über die Ich-Funktionen, die desintegriert oder fragmentiert sein können, ist stark geschwächt. Das Ich droht sich aufzulösen, was als entmächtigend und bedrohlich erlebt wird. Die Selbstkontrolle ist vermindert oder aufgehoben. Die Denkprozesse sind beschleunigt oder verlangsamt, nicht selten fragmentiert; inhaltlich besetzt von ängstigenden Themen. Zeit kann als quälend langsam erlebt werden.

Repräsentative Items für die AIA-Skala:

  • Es schien mir, als wenn da eine unsichtbare 
Wand zwischen mir und der umgebenden 
Welt war. 

  • Ich fürchtete, die Kontrolle über mich zu 
verlieren 

 

3. Visionäre Umstrukturierung (VUS)

Bei vielen veränderten Bewusstseinszuständen sind visionär-halluzinatorische Phänomene ein typischer Aspekt. Diese lassen sich in drei Formen unterteilen:
1. elementare, „primitive“ optische Phänomene;

2. organisierte szenische halluzinatorische Phänomene, die komplex strukturiert und meist mit dazugehörigen Affekten integriert sind;
3. Veränderungen der Erscheinung und Bedeutung von in der Außenwelt wahrgenommenen Objekten.

Auch hypnagoge Imaginationen und Synästhesien gehören zum Messbereich dieser Skala.

Repräsentative Items für die VUS-Skala:
• Ich sah Lichter oder Lichtblitze in totaler Dun

kelheit oder mit geschlossenen Augen.
• Die Dinge in meiner Umgebung hatten eine

neue, fremdartige Bedeutung für mich.

4. Vigilanz-Reduktion (VIR)

Items dieser Skala charakterisieren verringerte Wachheit und eine mögliche Trübung des Bewusstseins. Dies geht typischerweise mit einer Vigilanzminderung oder -fluktuation einher und ist meist mit einer reduzierten kognitiven Performanz und Selbstkontrolle assoziiert.

Repräsentative Items für die VIR-Skala: • Ich fühlte mich dösig.
• Meine Wahrnehmung war getrübt.

5. Auditive Wahrnehmungsveränderung (AWV)

Diese Skala erfasst akustische halluzinatorische Phänomene und besteht aus Items, die subtilere Veränderungen wie das Hören von Klicks oder amorphen Tönen beinhalten, bis hin zum Hören von Musik oder Stimmen. Manchmal kommentieren diese Stimmen das Denken oder die Handlungen der betreffenden Person.

Repräsentative Items für die AWV-Skala sind:
• Ich hörte diffuse Geräusche, ohne zu wissen,

woher diese kamen.
• Ich schien meine eigenen Gedanken zu hören,

als ob ich sie ausgesprochen hätte.

Tabelle 1: Beschreibung der Messdimensionen des 5-D APZ-Fragebogens (nach Passie und scHarfeTTer 2003)

 

Allgemeine Beobachtungen

Bei den Probanden der HV-Gruppe wurden erhebliche Veränderungen des Befindens beobachtet. Diese bestanden neben einer körperlichen Unruhe während der HV-Phase in einer psychischen Enthemmtheit, einem veränderten Körperempfinden und einem intensivierten Gefühlserleben. Diese Veränderungen sind bei keinem der Probanden in der Kontrollgruppe aufgetreten. Außerdem berichteten alle Teilnehmer der HV-Gruppe über das Gefühl einer sehr tiefen körperlichen und psychischen Entspannung im Anschluss an die HV-Phase, also während der Nachphase; während die Probanden der Kontrollgruppe lediglich eine leichte Entspannung, manchmal mit Einschlaftendenz, zeigten.

Blutgasmessungen

Die Blutgasmessungen zeigten in der HV-Gruppe praktisch während der gesamten HV-Phase eine erhebliche Minderung des CO2-Spiegels im Blut, während der Sauerstoffgehalt unverändert blieb. Erst nach Beendigung der HV-Phase zeigte sich bei den meisten Versuchspersonen eine Abnahme des Sauerstoffspiegels. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe zeigten keine solche Veränderungen, bei ihnen bewegten sich CO2und Sauerstoffgehalt die gesamte Zeit im physiologischen Normbereich (Abb. 4 und 5).

 

Aufgrund der Ergebnisse ist festzuhalten, dass eine verstärkte Atmung über einen Zeitraum von 30 Minuten im Verlauf der ersten 10 Minuten zu einem starken Abfall von CO2 im Blut führt, der während der gesamten HV-Phase erhalten bleibt. Die O2-Konzentration zeigt ein minimales Absinken nach Beginn der HV. Der stärkste Abfall des Sauerstoffspiegels zeigt sich nach dem Ende der HV-Phase, also zu Beginn der Nachphase. Dies lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass viele Probanden nach der HV eher weniger stark atmeten, bedingt durch den verringerten Atemantrieb bei niedriger CO2-Konzentration. Nach Abschluss der einstündigen Messung erreichten die Werte wieder das Ausgangsniveau.

Veränderungen des Bewusstseinszustandes und der Affektivität

Abb. 6 zeigt die Ergebnisse des 5D-APZ-Fragebogens, vergleichend für beide Gruppen. In den Messdimensionen OSE und VUS sowie dem Gesamtscore gibt es hochsignifikante Unterschiede zwischen der HVund der Kontrollgruppe, während der Unterschied in Bezug auf die Messdimension AIA signifikant ist. In den Messdimensionen VIR und AWV konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der HV-Gruppe und der Kontrollgruppe festgestellt werden.

Die Messwerte mit dem zweiten von uns verwendeten Fragebogen, dem PCI, sollen hier nicht detailliert wiedergegeben werden. Sie bestätigen eine Zunahme des positiven Erlebens und eine (schwächere) Verstärkung von negativ erlebten Gefühlsempfindungen. Betrachtet man die drei Subdimensionen der „Positive Affect Dimension“ des PCI, so fällt auf, dass zwar Empfindungen von Freude und Liebe verstärkt erlebt werden, das Erleben aber keine sexuellen Aspekte beinhaltet. Eine sexuelle Erlebniskomponente wäre aufgrund des weiter unten geschilderten „körpernahen Glückserlebens“ jedoch durchaus zu vermuten gewesen.

Eine signifikante Steigerung des imaginativen Erlebens zeigt sich in der PCI-Messdimension „Imagery“ nicht, doch ist die Subdimension „Amount“, d.h. die Menge des Imaginierten, im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöht. Außerdem fällt eine Fokussierung auf inneres Erleben auf, wie es in dem hohen Score der Subdimension „Direction of Attention“ zum Ausdruck kommt. Auch „Arousal“ (Erregung) und Selbstkontrolle sind signifikant verändert. In Bezug auf die Messdimension „Altered States of Awareness“, die für den Grad der subjektiven Bewusstseinsveränderung steht, zeigt sich ein hochsignifikanter Unterschied zwischen der HV-Gruppe und der Kontrollgruppe.

Insgesamt weisen die Skalenwerte des 5D-APZ und des PCI, aber auch die Konstellation der gesamten Veränderungen, eindeutig darauf hin, dass es während der HV-Atmung bzw. in der Nachphase zu einem ausgeprägten veränderten Bewusstseinszustand kommt.

Leider war eine Trennung in HV-Phase und Nachphase nicht möglich, da die Fragebögen „danach“, also nach Ablauf beider Phasen, angewandt wurden, was eine Zuordnung des Erlebten zu einer der Phasen nicht ermöglicht. Die Ergebnisse eines anderen von unserer Gruppe durchgeführten Experiments weisen allerdings darauf hin, dass sowohl in der aktiven HV-Phase als auch in der Nachphase ekstatisches Erleben auftreten kann (Joas 2008).

Hyperventilation und veränderte Hirndurchblutung

Im Unterschied zur Forschung zu psychischen Veränderungen sind die physiologischen Wirkungen während der HV wissenschaftlich detailliert untersucht worden. Es sollen hier jedoch nur die Resultate geschildert werden, die für ein Verständnis der psychischen Wirkungen von Bedeutung sind.

Es ist experimentell gesichert, dass sich während einer HV der Gehalt des Blutes an CO2 verringert; bei stärkerer HV vom Normwert (35–45 mm Hg) auf deutlich unter 20 mm Hg (Fried 1987). Die Veränderung des CO2-Gehaltes im Blut hat eine starke Wirkung auf das Gehirn, da – wie schon oben beschrieben –, die Hirndurchblutung über den CO2-Gehalt des Blutes gesteuert wird (Brian 1998). Der Blutfluss im Gehirn kann während einer starken HV um bis zu 50 Prozent im Vergleich zum normalen Hirndurchblutung verringert sein (Kety und Schmidt 1946, Duarte 1995).

Einige der bildgebenden Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (Posse et al. 1997) und Positronen-Emissions-Tomographie (Bednarczyk et al. 1990) demonstrieren nicht nur eine generelle Abnahme der Hirndurchblutung, sondern zeigen ein bestimmtes Verteilungsmuster der Durchblutungsveränderungen. So kommt es in der äußeren Hirnrinde (dem Sitz der „grauen Zellen“, mit denen wir denken und unser Verhalten steuern) zu einer stärkeren Abnahme der Durchblutung als in den so genannten subkortikalen Strukturen, wie etwa dem limbischen System, wo das „Gefühlszentrum“ des Gehirns lokalisiert ist. Das dadurch eintretende „Ungleichgewicht“ zwischen dem Einfluss der Hirnrinde und den Gefühlszentren könnte die Erklärung für das intensivierte Gefühlserleben und die Veränderungen des psychischen Gesamtsystems bei der HV darstellen (Passie et al. 2003). Auch die euphorischen Gefühlszustände könnten durch eine verminderte Durchblutung der äußeren Hirnschichten mitvermittelt sein, da solcherart Durchblutungsverminderungen als Ursache euphorischer Zustände diskutiert werden (Pearlson et al. 1993). Mit der Hypothese einer stärker gefühlsgesteuerten Hirnfunktion stimmen auch neuropsychologische Untersuchungen überein, bei denen eine Reduktion der kognitiven Kontrolle während forcierter HV gefunden wurde (Gibson 1978).

Subjektive Erlebnisphänomene beim therapeutischen Atmen: Eine qualitative Studie

Um eine weiterführende und differenziertere Erforschung der Erlebnisveränderungen zu ermöglichen, wurde von uns eine weitere Studie durchgeführt. Diese sollte das subjektive Erleben während der Atemsitzungen (HV-Phase und Nachphase) detaillierter erschließen, um darüber Anhaltspunkte zu gewinnen, welche Erlebnisweisen auftreten und wie diese im subjektiven Erleben beschaffen sind. Da es sich um die systematische Erhebung qualitativer – nicht quantitativer – subjektiver Erlebnismerkmale handelt, wird diesbezüglich auch von „qualitativer psychologischer Forschung“ gesprochen. Solche qualitativen Studien schaffen erst die Voraussetzung für eine objektivierende und quantitative Forschung, da nur so Anhaltspunkte für die Entwicklung von entsprechenden objektivierenden Methoden wie z. B. wissenschaftliche Fragebögen gewonnen werden können.

In der Studie wurden während mehrerer – unter gleichbleibenden Umständen stattfindender – Gruppensitzungen mit therapeutischem Atmen von den Teilnehmern schriftliche Protokolle über das Erlebte angefertigt. Diese wurden dann mit inhaltsanalytischer Methodik ausgewertet (Mayring 2008). Dies bedeutet, dass die Erlebnisprotokolle in Bezug auf inhaltliche Merkmale zunächst grob systematisiert werden. In einem nächsten Schritt werden anhand des Materials Kategorien entwickelt, denen die Beschreibungen dann zugeordnet werden. Dann werden die Hauptmerkmale extrahiert, zusammenfassend beschrieben und mit repräsentativen Beschreibungen unterlegt.

Die im folgenden angeführten Zitate von Erlebnisbeschreibungen sind der Dissertation von Binder (2017) entnommen.

Das Spektrum der Erlebnisveränderungen

Das Gesamtspektrum der möglichen Erlebnisveränderungen unter HV und in der Nachphase ist gemäß den Ergebnissen recht breit. Es konnten folgende regelmäßig auftretende Phänomene beschrieben werden: 1. verstärktes Gefühlserleben; 2. verstärktes Bilderleben; 3. Regression; 4. veränderte Steuerungsfähigkeit; 5. Wiedererleben von Erinnerungen; 6. „affektive Abreaktionen“; 7. körpernahes Glückserleben; 8. mystische Erfahrungen und 9. „Kernerfahrungen“. Im Folgenden wird auf die Erlebnisphänomene 1 bis 6 nur kurz eingegangen, während die dem ekstatischen Erleben nahestehenden Erlebnisphänomene 7 bis 9 ausführlicher behandelt werden.

Verstärktes Gefühlserleben

Zu den bedeutendsten und stärksten Wirkungen des verstärkten Atmens dürfte die Intensivierung des Gefühlserlebens gehören, die von vielen Teilnehmern eindrücklich geschildert wurde und die sich in den oben beschriebenen psychometrischen Messungen wiederspiegelte. Obgleich das Erleben von „positiven“ Gefühlen anscheinend deutlich stärker ausfällt, ist auch das Erleben von „negativen“ Affekten verstärkt, d.h. alle affektiven Erlebnisqualitäten imponieren gesteigert, mit einer Tendenz zu positiv erlebten Qualitäten. Gemäß den Erlebnisprotokollen der Probanden war insbesondere die Nachphase von einem sehr positiven Gefühlsund Körpererleben begleitet.

Ein Proband schilderte seine Erfahrungen folgendermaßen: „Von totaler Verzweiflung und Trauer über Wut, das hab ich bei einer Atemsitzung ... gehabt. So eine Wut zu spüren habe ich noch nie in meinem Leben so ausgelebt. Also gespürt hab ich sie vielleicht, aber eben nicht so rausgelassen. Aber auch ganze Glückseligkeit und Freude, also die ganze Palette an Gefühlen“ (III, 36).

Verstärktes Bilderleben

 

Das Auftreten von Bildern, Reminiszenzen oder ganzen Szenen, die „vor einem inneren Auge“ wahrgenommen werden, sind häufig geschilderte Phänomene in den untersuchten Atemsitzungen. Während des Bilderlebens tritt das epikritisch-abstrakte Denken zugunsten eines emotional-assoziativ gesteuerten bildhaften „Denkens“ zurück. Gemäß den Schilderungen der Probanden kommt es sowohl während der HV-Phase als auch in der Nachphase zu einem verstärkten Bilderleben, was sich in den Fragenbogenmessungen bestätigt hat. So zeigt sich in der Messdimension „visionäre Umstrukturierung“ des OAVAV ein gegenüber der Kontrollgruppe um das Mehrfache erhöhter Wert. Folgendes Zitat aus einem Erlebnisprotokoll macht diese Phänomene anschaulich: „Es sind eher Sequenzen. Das kann [aber] wechseln: wenn man ein Bild gesehen hat und man dann vielleicht eine Traurigkeit spürt .... Dann kommt vielleicht ein anderes Bild, was damit nichts zu tun hat ... wofür es aber vielleicht wichtig war, sich das vorherige anzugucken. Manchmal kommen die Bilder unaufgefordert und es gibt Sequenzen, wo man ... während der ganzen Atemsitzung weitergeht ..., die sich auch ergänzen“ (IV, 53).

Regression

Die regressiven Prozesse können sowohl auf äußere Merkmale der Situation (liegende Position, geschlossene Augen) als auch auf innere psychophysisch bedingte Mechanismen zurückgeführt werden. Während der Atemsitzungen kommt es aufgrund von Veränderungen der Hirndurchblutung zu einer Schwächung kortikaler Kontrollfunktionen. Darauf verweist auch das verstärkte Gefühlserleben, welches das Erlebnisfeld stark vereinnahmen kann. Auch das verstärkte Bilderleben mit einer Primitivierung des epikritischen Denkens weist auf eine Regression des psychischen Systems hin.

Die Nachphase scheint ebenfalls von einem regressiven Erleben geprägt. Dieses wird von tiefer Entspannung und einer ausgeprägten Introspektionsneigung mit verstärktem Bilderleben bestimmt. Beim Gefühlserleben stehen positive Erfahrungen im Vordergrund. Geschildert wird das Empfinden eines basalen Vertrauens „in die Welt, den eigenen Körper und sich selbst“, was zumeist mit einem Empfinden von „Offenheit und Verletzlichkeit“ einhergehe. Man fühle sich innerlich „leicht“ und könne „sich gehen lassen“. Daher bestehe keine Notwendigkeit, das Erleben willentlich zu steuern. Auch diese Erlebnisqualitäten können im Sinne einer Regression verstanden werden.

Veränderte Steuerungsfähigkeit

Fast alle Probanden wiesen auf eine teils erheblich veränderte Steuerungsfähigkeit bzw. Selbstkontrolle während der Atemsitzungen hin. Die auftretenden inneren Prozesse scheinen, insbesondere während der HV-Phase, durch ein nur wenig willentlich gesteuertes „Heraussprudeln“ von Empfindungen, Gefühlen, Bildern und Erinnerungen gekennzeichnet zu sein. Im PCI zeigt sich in der „Volitional control dimension“ eine gegenüber der Kontrollgruppe erheblich verminderte Selbstkontrolle.

Auch während der Nachphase scheint eine verminderte Selbststeuerung vorzuliegen. Dadurch dominiert das körpernah erlebte „basale Vertrauensempfinden“, welches auf einem ausgeprägten körperlichen Entspannungszustand basiert. Auf diesem „Untergrund des Erlebens“ wird von den Probanden oft von einem „Sich-dem-Erleben-völlig-Hingeben“ berichtet.

Wiedererleben von Erinnerungen

In den meisten Fällen scheint es zu einem über die aktivierten Gefühle initiierten vorwiegend bildhaften Rückerinnern zu kommen. Dieses kann von angedeuteten Reminiszenzen bis zu ausgeprägten hypermnestischen Phänomenen, teils verbunden mit Altersregressionen, reichen. Hierbei können biographische, emotionale, gedankliche und körperliche Phänomene zusammenwirken bzw. gemeinsam auftreten. Neben schwächeren, womöglich fragmentierten Erinnerungsphänomenen können auch eindrückliche szenische Rückerinnerungen vorkommen. Was für Erinnerungen auftreten, scheint individuell verschieden und kaum vorhersehbar. Es scheint eine Häufung von Erinnerungen an besonders prägende und einflussreiche, aber auch an erschütternde, manchmal sogar traumatisierende Ereignisse in den berichteten Erfahrungen zu geben.

Die gelegentlich in psychotherapeutischen Büchern zum Holotropen Atmen (z. B. Grof und Grof 2013) oder Rebirthing (z. B. Orr und Ray 1977) erwähnten „Erinnerungen an die Geburt“ waren in dem von uns erhobenen Material praktisch nicht zu finden.

„Affektive Abreaktionen“

Gemäß den Erlebnisberichten und den Interviews treten in den Atemsitzungen häufig starke Gefühle auf, die in der Regel auch zu entsprechenden Verhaltensbzw. Affekt-Reaktionen (Weinen, Ärger ausdrücken, Schreien, Lachen usw.) führen. Das unmittelbare Erleben und Ausdrücken starker Affekte wird in der psychotherapeutischen Literatur als  „kathartische Abreaktion“ bezeichnet (Nichols und Zax 1977), die es dem Subjekt erlaube, „... die traumatischen Ereignisse, an die diese Affekte geknüpft sind, wachzurufen, ja sie wieder zu erleben und abzureagieren“ (Laplanche und Pontalis 1986: 247). Zu „Abreaktionen“ kommt es gemäß den Erlebnisbeschreibungen und Interviews hauptsächlich während der HV-Phase. In der Nachphase scheinen dagegen nur gelegentlich Abreaktionen aufzutreten. Von einem Probanden wird ein „Abreagieren“ von Gefühlen folgendermaßen geschildert: „Ich kann schon sagen, dass ich mindestens bei der Hälfte meiner Atemsitzungen ... sehr traurige Empfindungen hatte, die schnell in Weinen übergingen. Dabei habe ich festgestellt, dass, wenn das Weinen tiefer wurde, es in ein Schluchzen überging“ (I, 2f ).

Formen ekstatischen Erlebens beim verstärkten Atmen

Wir kommen nun in den Bereich von ekstatischen Erlebnisqualitäten. Dies sind beim therapeutischen Atmen aus unserer Sicht die körpernah erlebten Glücksgefühle, die wir den mikroekstatischen Phänomenen zuordnen, die mystikoformen Erfahrungen sowie die Kernerfahrungen, die wir den makroekstatischen Phänomenen zurechnen. Bezüglich der Einteilung in mikround makroekstatische Phänomene verweisen wir auf die Arbeit von Passie und Scharfetter im vorliegenden Band. Während die mystisch-ekstatischen Erfahrungen anerkanntermaßen zu den zentralen Erlebnisweisen ekstatischer Art gerechnet werden, sind das körpernahe Glücksempfinden und die Kernerfahrungen bisher nicht als solche beschrieben worden.

Grundsätzlich sind bei diesen drei Formen ekstatischen Erlebens die Wachheit und die Bewusstseinsklarheit nur wenig verändert; womit es sich um „luzide“ (gegenüber den „somnambulen“) ekstaseartige Zustände gemäß der Definition von Oesterreich (1921) handelt (vgl. auch den Beitrag zu Trance und Besessenheit auf Seite 69).

Körpernahes Glückserleben

An Körperempfindungen werden zu Beginn und während der HV-Phase meist Anspannung und „Verhärtung“, Wärmeund Kälteempfinden (teils wechselnd), „körperliche Vibrationen“ und motorische Unruhe geschildert. Zu den subjektiv empfundenen Spannungen während der HV-Phase kommen die „realen Verkrampfungen“ durch die sich als Nebenwirkung entwickelnden Spasmen der Hände sowie gelegentlichen Kribbelund Taubheitsempfindungen an den Händen und im Gesichtsbereich. Von außen betrachtet besteht in der HV-Phase eine verstärkte Körperbewegung, während die Personen in der Nachphase meist ruhig daliegen.

Dennoch scheint es, dass in Bezug auf das veränderte Körpererleben die Nachphase bedeutsamer ist. Fast immer wird von einer großen körperlichen Entspannung und „seelischen Gelöstheit“ berichtet, die den Erlebnisfluss tragend bestimmt. Die Aufmerksamkeit ist nach innen gewandt – und das so sehr, dass zwar noch Geräusche oder Musik wahrgenommen werden, aber in einem ruhigen Ambiente die Aufmerksamkeit fast vollständig von körpernahen Empfindungen absorbiert ist. Regelmäßig wird das „Empfinden und Erleben von Körper, Geist und Psyche als einer untrennbaren Ganzheit“ geschildert. Der Atemtherapeut Pleske beschreibt dies so: „Wir bringen den Klienten durch die Abwehr hindurch und vermitteln ihm, dass es sicher ist, da durchzugehen. Über die Atmung baut sich eine körperlich spürbare Energie auf und wenn wir den Prozess beenden, ist die Energie noch da und löst sich mit der Musik in einer stark intensivierten Körpererfahrung. Typische subjektive Beschreibungen sind ‚aufgeladen sein‘, ‚strömende Körperenergie' und ‚Energiephänomene‘. Manchmal sind die Erfahrungen sogar ekstatisch, so dass Leute sagen ‚oh, ich kann plötzlich Energie abgeben‘ oder ‚ich möchte dem, der hier neben mir liegt, all meine Liebe geben‘ oder so etwas“ (Passie und Pleske 2011).

In den Berichten der Probanden finden sich folgende Stichworte: Gelöstheit, Ruhe, Entängstigung, Euphorie, körperliche Tiefenentspannung, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Harmonie, Akzeptanz, Hingegeben-Sein, Glückserleben, Zuversicht, Versöhnung, Zukunftsvertrauen, Aufgehobensein.

Es scheint, dass der „ gewöhnliche Rahmen von Anspannungsmustern, mit denen wir im Alltag unterwegs sind“ (z. B. um mit den Muskeln ständig der Schwerkraft entgegenzuwirken oder psychische Spannungen auszuhalten), in der Nachphase aufgehoben ist, so dass die Personen sich „auf eine ganz neue Weise spüren können“. Die quasi vollständige Aufhebung des gewöhnlichen Rahmens von körperlich-seelischen Spannungsmustern führt gemäß den Erlebnisprotokollen zu einer Zunahme des Vertrauens in den Körper, die Gefühle und das eigene Selbst: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Vertrauenfinden in die Gefühlswelt viel mit dem Körpererleben zu tun hat. In der Nachphase erlebt man eine fundamentale Entspannung ... Das ist in erster Linie eine körperliche Erfahrung, in der man den Körper als eine ‚Heimat‘, als etwas, wo man ‚zuhause‘ ist, erlebt. Es handelt sich um einen gefühlsund empfindungsgesteigerten Zustand, in dem basales Vertrauen in die Gefühlswelt und Körperlichkeit konkret erlebt wird ... Sich den Gefühlen und dem Körper ganz anvertrauen zu können ist eine tiefgehende existenzielle Erfahrung“ (Passie und Pleske 2011: 21f.). Dieses Erleben scheint unabhängig von der persönlichen Biographie und mit großer Regelmäßigkeit aufzutreten. Zur Illustration dieser Zustände zitieren wir aus den Erlebnisbeschreibungen der Teilnehmer:

„Das hat was von Herz aufgehen. Da durchströmt mich ... eine Energie durch den ganzen Körper. Das wird alles ganz warm und kribbelig. Wirklich so ein kompletter Energiefluss mit einer Offenheit im Bauchund Brustbereich verbunden. Das ist so ein wohliges Gefühl; so als wenn ich mich selber in den Arm nehme und mich tragen kann“ (V, 72).

„Das ist wirklich eine ganz tolle Erfahrung, dass [es] mich total durchströmt und ich denke, ich könnte zerplatzen vor Energie. Das fühlt sich total schön an“ (V, 79).

„Die Glücksempfindungen würde ich auf jeden Fall mit dem Körper in Verbindung bringen. Das waren Glücksempfindungen, die sich aber auch auf die Psyche oder auf das seelische Erleben, Gefühlserleben bezogen. Also: Körper war glücklich, Gefühl war glücklich, Seele war glücklich und der Geist eigentlich auch ...“ (I, 15).

„[Mein Körper hat] sich wie angespannt angefühlt, dann entladen, dann mit körperlichen Glücksgefühlen angereichert .... So eine Art Ausgeglichenheit zwischen den drei Spannungssystemen Körper, Seele, Geist. Die sind da in einer Art Einklang miteinander verschmolzen, so dass man ein fundamentales Vertrauen in Körperlichkeit und Gefühle erleben kann“ (I, 11).

Zur Psychophysiologie der Nachphase

Aus physiologischer Sicht könnte das Erleben in der Nachphase folgendermaßen entstehen: Nachdem die Durchblutung des Gehirns (und anderer Körpergewebe) durch den abgesenkten CO2-Spiegel während der HV-Phase stark abgenommen hat, tritt in der Nachphase nun eine vermehrte Durchblutung auf. Mit anderen Worten: Die Verknappung der Durchblutung während der HV-Phase führt in der Nachphase dazu, dass sich unter dem steigenden CO2-Spiegel die Gefäße öffnen und das Gehirn „wieder aufblüht“ (so fühlt sich das an!). Dadurch kommt es zu verstärktem Wärmeempfinden, körpernahem Glückserleben und einem sanften Empfinden psychischer Entgrenzung (siehe Abb. 7).

 

Die Probanden berichten zwar von einem starken Wärmeempfinden, andererseits scheint es ihnen doch auch schnell kalt zu werden, wenn sie nicht zugedeckt sind. Letzteres wäre durch die vermehrte Durchblutung von Haut und Muskeln erklärbar, die zu vermehrter Wärmeabfuhr führt. Das „Wiederaufblühen“ der Hirndurchblutung in der Nachphase kann mit einem Phänomen verglichen werden, was jeder kennt, der einmal im Winter mit bloßen Händen einen Schneeball geformt hat. Während sich durch die Kälteeinwirkung auf die Hände die Gefäße zusammenziehen, um einem Wärmeverlust zu verhindern, kommt es danach zu einer verstärkten Durchblutung, so dass man plötzlich ganz warme Hände hat. Die Physiologen nennen das „reaktive Hyperämie“ – eine in Bezug auf die vorher verminderte Durchblutung reaktiv stark gesteigerte Durchblutung.

Mystisch-ekstatisches Erleben

Mystisch-ekstatische Erfahrungen wurden in anderen Abschnitten des vorliegenden Buches schon näher charakterisiert. Der Betroffene nimmt intensiv wahr und vermeint sich auf der „tiefsten Ebene menschlichen Erlebens und Erkennens“ zu bewegen, das beim mystischen Erleben als existenzieller Urgrund oder gar „Gott“ verstanden wird. Er erfährt sich als „grenzenlos“ oder wie in etwas Umfassenderem aufgelöst. Solche mystischen Verschmelzungserfahrungen gelten als Kernbestand religiöser Erlebnisweisen (vgl. z. B. Scharfstein 1973).

Vereinzelt werden auch beim verstärkten Atmen im psychotherapeutischen Kontext Erfahrungen der ekstatischen „Ich-Auflösung“ berichtet. Dies ist auch von Autoren, die mit der Methode des Holotropen Atmens gearbeitet haben, beschrieben worden (Jahrsetz 1999, Walch 2009, Grof und Grof 2013).

In den folgenden Beschreibungen werden Erfahrungen eines subjektiven Einswerdens mit der Umwelt geschildert. „Wenn ich an die ersten Jahre denke, als ich ganz viel mit Widerständen zu tun hatte und schwer reingekommen bin ins Atmen und es immer anstrengend gewesen [ist] ... Da war das so, dass ich in der Entspannung dann oft in so einen Nirwana-Zustand gekommen bin, [in] so eine Leere, Nichts, traumähnliches Verschwinden; auch kein Denken und eigentlich auch kein Gefühl mehr da ist ... so ganz entspannt, dieses einfach glücklich, zufrieden, Einssein“ (VII, 105). „Einssein mit sich und der Umwelt ... das trifft es am ehesten“ (VII, 116).

Ein Teilnehmer schildert eine Erfahrung, in der er Gott als präsent und mit ihm verbunden erlebte: „Ich habe auch ein Erlebnis mit Gott gehabt, wo Gott mit mir gewesen ist. Wo ich das Gefühl hatte, da [sind] nur noch Gott und ich. Das war für mich ein ganz tiefes Erlebnis. Es war dieses tiefe Gefühl, mit Gott verbunden zu sein. Eins zu sein ... Es waren nur noch Gott und ich da. Es waren keine Eltern, keine sonstigen Menschen mehr da, sondern es waren Gott und ich ... Es war ein tiefes Gefühl, ein schönes Gefühl. Es war dieses Einssein mit Gott, diese Verbindung zu Gott zu haben ... Das war ein ganz tiefes inneres Erlebnis“ (II, 29).

Etwas abstrakter beschreibt der folgende Teilnehmer seine mystischen Erfahrungen und deren Folgewirkungen: „Ich hatte zwei, drei Erlebnisse, wo ich sagen muss, das hat mich im Innersten bewegt. Das war einmal in einer Einzelsitzung, wo ich eine Sekunde wie eingeschlafen war und plötzlich wieder wach wurde. Da hatte ich das Gefühl, ich bin eins mit allem; und dann hat sich nach und nach mein Ich und meine Identität wiederhergestellt. Das war total eindrücklich, dass die ganze Ich-Konfiguration, die wir normalerweise für unsere Identität nehmen, wie weggeblasen war. Dass ich von dem her ‚nichts‘ war und mich mit allem eins fühlte. Diese Sitzung werde ich nie vergessen. Das vermittelt auch eine Art Sicherheitsgefühl. Nicht nur Vertrauen in den Körper, sondern auch Vertrauen in die Welt. ... im Wesentlichen ist es so etwas, was aus solchen tiefer gehenden Erlebnissen hervorgehen kann“ (I, 15f.). Mystische Erlebnisse können bekanntermaßen das gesamte Weltund Selbsterleben eines Menschen verändern, ihn sich in der Welt anders fühlen lassen.

„Kernerfahrungen“ – Eine Sonderform ekstatischen Erlebens

Da während der mystischen Erfahrungen das Ich-Erleben massiv verändert oder aufgehoben ist, hat man in der Psychopathologie auch von einer „Depersonalisation“, d.h. einer Aufhebung des Empfindens der personalen Identität, gesprochen. Diese ist definiert als ein erheblich verändertes Erleben der Person, die sich – in unterschiedlichen Graden – nicht mehr als von der Umwelt abgegrenzt erlebt, in sich zu zerfallen scheint und sich selbst als fremd erlebt. Auch wenn der Begriff der Depersonalisation eher auf krankhafte Zustände angewandt wird, ist doch deutlich, warum er auch für die Beschreibung mystischer Erlebnisweisen verwendet worden ist. Von uns wird er hier lediglich als Hilfsbegriff verwendet, um die Unterschiede zwischen einem von Naranjo (1979) als „Depersonalisierung“ beschriebenen Phänomen und dem von ihm vorgeschlagenen Begriff der „Personalisation“ zu verdeutlichen.

Claudio Naranjo, ein chilenischer Psychiater und Psychotherapeut, der sowohl mit Halluzinogenen als auch mit Entaktogenen in der Psychotherapie gearbeitet hat, kennzeichnet die mystische Ich-Auflösung („Gipfelerfahrung“) unter Halluzinogenen wie LSD oder Psilocybin mit dem Begriff der „Depersonalisierung“. Dabei erscheint das Ich als Illusion, verliert seine Begrenzungen, und scheint sich in einem Größeren, Umfassenderen aufzulösen. Unter der Wirkung von anders wirkenden psychoaktiven Substanzen wie dem Entaktogen MDMA („Ecstasy“) wurden Gipfelerfahrungen beschrieben (Naranjo 1979, Passie und Dürst 2009). Diese haben jedoch ein anderes Gepräge. Es scheint eher ein verstärktes und erweitertes Erleben des „Ichs“ der Person aufzutreten, was von Naranjo (1979) als „Personalisation“ bezeichnet wurde. Im Anschluss an Naranjo wurden derartige Erfahrungen von Passie und Scharfetter (2013) als „Personalisations-Ekstasen“ bezeichnet (vgl. Seite 162 ff.)

Das „erweiterte“ dynamische Ich-Erleben bei diesen Erfahrungen wäre als Auflösung einer durch Vorerfahrungen bedingten Einengung des bisherigen Ich-Erlebens zu verstehen. Zentral erscheint eine Affirmation der individuellen Aspekte des Selbst, die sich durch eine von (Selbst-)Akzeptanz getragene Offenheit der subjektiven Erfahrungswelt auszeichnet. Dabei werden die „weltlichen“ Dinge und Zusammenhänge angesichts eines umfassenderen Transzendenten nicht bedeutungslos, sondern das Ich-Erleben ist durch Entspanntheit, Entängstigung und innere Ruhe so verändert, dass sich der Eindruck einer basalen Intaktheit des (eigenen) Lebens und Ichs ergibt. Man scheint nichts mehr zu benötigen zum eigenen Glück, denn alles scheint vorhanden. – Gemäß unseren Untersuchungen treten Zustände eines in dieser Weise erweiterten Ich-Erlebens auch beim therapeutischen Atmen auf.

Der Begriff der Kernerfahrungen wurde von den Psychotherapeuten Regina und Randolph Pleske geprägt (Passie und Pleske 2011). Er soll eine spezifische Kategorie von Erfahrungen beschreiben, die beim therapeutischen Atmen ab und zu auftreten und die von den Studienteilnehmern als sehr tiefgehende und bedeutsame Erfahrungen beschrieben werden. Erfahrungsgemäß kommt es im Verlauf von 20 bis 30 Atemsitzungen einoder zweimal zu einer solchen Erfahrung (Passie und Pleske 2011).

Passie und Pleske (2011: 45) liefern folgende Definition: „Als Kernerfahrung werden Erfahrungen angesprochen, die durch eine Öffnung im Gefühlsbereich mit meist ausgeprägten positiven Empfindungen und Erkenntnissen bei meist großer körperlicher Entspannung gekennzeichnet sind. Es scheint dabei eine ‚Berührung mit dem innersten Kern der Person‘ hergestellt zu werden. Häufig wird eine starke Verbundenheit mit sich selbst, seinem Potential, aber auch der umgebenden Welt erlebt“. So beschreibt es auch ein Teilnehmer unserer Studie: „Es scheint so, dass man einen Erkenntnisgewinn über seine Ressourcen und sein Potential erfährt. Dies aber nicht im Sinne des gewöhnlichen Denkens. Typisch ist es, dass Menschen in diesem Zustand Eingebungen haben wie ‚ich könnte mich aus dem bisherigen Zustand rausbewegen und Heiler sein‘ oder ‚ich könnte ein Geschäftsmann werden‘ oder ‚ich könnte nach Hause gehen und meine Frau wieder in die Arme nehmen‘, so was in der Art. Es ist nicht einfach zu beschreiben, wie in diesem Zustand Möglichkeiten gesehen und spürend erfahren werden; vieles plötzlich überraschend einfach erscheint“ (Passie und Pleske 2011: 33).

Kernerfahrungen implizieren einen besonderen energetischen Zustand, der ein ganzes Spektrum von Erfahrungsmöglichkeiten enthält. In diesem Zustand ist das rationale Denken vermindert bis aufgelöst. Man denkt nicht mehr im herkömmlichen Sinne, sondern man „erfährt“. Das ist gekoppelt an tiefe Gefühle, die im Körper erlebt werden.

Es wird eine innerste Gelöstheit und Stärke empfunden. Dieses unverstellte Selbstempfinden scheint aus dem Körperinneren zu stammen, von dort gleichsam „auszustrahlen“. Aufgrund des von den gewöhnlichen Spannungsmustern und neurotischen Verstellungen „befreiten“ Erlebens scheinen Kernerfahrungen einen Eindruck davon zu vermitteln „wie ich bin, wenn ich nicht so blockiert und gestört bin“. Eine Person kann sich dann als in ihrer Kraft befindlich erfahren. Im Kontakt mit diesem inneren Kern findet eine direkte und sehr ganzheitlich empfundene Selbstannahme statt, verbunden mit einem Gefühl von Gesundheit und Intaktheit, von Kraft, Vertrauen und Verbundenheit. Es stellt sich dann nicht die Frage „Wie viel bin ich wert?“ oder „Bin ich es überhaupt wert, angenommen und geliebt zu werden?“ usw. Denn dieses Empfinden liegt noch vor jedem Fragen und Bewerten. So beschreibt ein Teilnehmer: „[Eine solche Erfahrung] ... führt zu einem tiefen Kontakt mit mir selbst. Ich fühle mich mit mir verbunden und fühle Selbstliebe. Kann mich so annehmen wie ich bin. Tränen fließen ohne Ende. Nach der Entspannungsphase großartiges Gefühl der Verbundenheit mit mir selbst(Bericht 5). Eine Kernerfahrung ist demnach eine Kontaktaufnahme mit einem innersten psychophysischen Kern, einer ganz archaischen Erfahrungsqualität, die – unterhalb aller individualitätsbedingten Auszeugungen – am Grunde des Erlebens liegt. Für dieses Erleben hat die Nachphase einen hohen Stellenwert, da man sich auf einem höheren Energieniveau ganz tief zu spüren und anzunehmen scheint, wie es die folgenden Beschreibung zeigt: „[Nach der Phase der aktiven Atmung] ist es so, dass der Körper fundamental entspannt ist. Wenn man es geschafft hat, länger als 20 Minuten verstärkt zu atmen und hört dann auf, ist es ein unheimlich tolles Erlebnis, sich in einer solchen Gelöstheit zu befinden, sowohl körperlich als auch seelisch, als auch mental ... Ich habe auch sehr euphorische Zustände, die 10, 20 Minuten anhielten, erlebt, die mich sehr beeindruckt haben. Man fühlte sich sehr vitalisiert und in einer emotionalen Klarheit und Reinheit, sehr intensiv(I, 10f.). Das ist nicht bewusst gesteuert, sondern vollzieht sich eher automatisch. Diese tiefe Selbstannahme wird wahrscheinlich auch auf körperlicher Ebene sehr tief gespeichert und vermittelt innere Sicherheit und Vertrauen. „Es war ein sehr wohliges Gefühl und ich war glücklich, einfach nur mit mir sein zu können! Ich genieße es, Zeit mit mir zu verbringen und hier war dieses Gefühl sehr wärmend, sehr im Eins sein mit mir“ (Bericht 52).
In diesem Sinne ist auch die folgende Erlebnisbeschreibung zu verstehen: „Es fühlt sich nur schön an. Ich bin mit mir im Reinen, alle Anstrengung ist weg. Ich muss nicht ständig an mir arbeiten und überlegen, ob ich es richtig mache. Ich brauche nur in mich reinhorchen und ich kann mir vertrauen“ (Bericht 45).

Mit Kernerfahrungen gehen oft tief berührende Erfahrungen großer Dankbarkeit einher. Dankbarkeit dafür, dass man lebt, für das, was man schon hat, was schon da ist. Das hat eine quasi „archaische“ Qualität. Es ist etwas Existentielles, was einen sehr mitnimmt, ergreift und durchwirkt. „Ich hab in mehreren Sitzungen dieses Gefühl bekommen, so eine Urkraft in mir zu haben. Die Heilungsfähigkeit oder die Ressourcen, die ich brauche, um Sachen für mich zu ändern. Das sind total wichtige Erfahrungen. Die gehen mir teilweise, wenn ich im Alltag wieder mal [in] schlechtere Phasen oder schlechtere Gefühlszustände komme, verloren. Aber ich weiß, dass das da ist. Insofern sind das ganz wichtige Erlebnisse für mich, mich da wirklich so komplett zu spüren, wie ich bin und auch mit so einem Urvertrauen: Alles wird gut und alles wird aus mir heraus gut. Das ist eine ganz wichtige Erfahrung, die ich wiederholt gemacht habe.“ (V, 72).

Je mehr die gewöhnliche Filterung des Erlebens durch individuelle biographische Prägungen entfällt, desto mehr wird der Kern der Gefühlswelt, die Liebe, gespürt. Im Kern gibt es keine Angst; nur das Gefühl der Liebe. „Da hatte ich in der Ruhephase ein richtiges entspanntes Gefühl. So habe ich mich schon ewig nicht mehr gefühlt. Das hing auch ganz lange nach und [war] mit ganz viel Glückseligkeit verbunden. So eine innere Zufriedenheit, was dann auch noch mal dazu beiträgt, dass man sich noch mehr fallen lassen kann“ (III, 41).

Wenn in Gruppensitzungen geatmet wird, kommt es in der Nachphase regelmäßig dazu, dass sich die Teilnehmer in einem sehr gelösten, angstfreien Zustand sehr tief begegnen, sich umarmen, einander halten oder sich in die Augen schauen und sich tiefe, echte Dinge sagen, die sie sich noch nie zu sagen getraut haben.

Man könnte also postulieren, dass in dem veränderten Energiezustand während der Nachphase durch ein intensiviertes körpernahes Erleben der Kontakt mit einem inneren Kern hergestellt und empfunden wird. Dieser „Kern“ unseres Selbsts liegt vermutlich noch unter all dem, was uns als individuelle Wesen mit unseren biographischen Prägungen ausmacht. Er ist keine anatomische Struktur. Doch die Beschreibungen über einen Kontakt mit diesem „Kern“ sind so häufig, dass man seine Existenz zumindest annehmen kann. Wird dies auf ein psychologisches Schichtenmodell bezogen, so befänden sich um diesen innersten Kern diverse Schichten, die durch unsere Erfahrungen geprägt sind und unsere Individualität ausmachen. Aufgrund der klinischen Erfahrungen mit dem therapeutischen Atmen scheint es, als sei der Zugang zu Kernerfahrungen umso versperrter, je mehr an Verspannungen durch Unausgeglichenheiten der oberen Schichten (verursacht durch harmoniestörende biographische Erfahrungen) darüber liegt.

Interessant ist die Vorstellung, dass auf dieser „entindividualisierten“ Erfahrungsebene alle Menschen Gleichartiges erleben, egal aus welchem Kulturkreis, unverstellt durch individuelle Prägungen. In dieser „Universalität“ gleicht es dem mystischen Erleben.

Es ist beim bisherigen Kenntnisstand nicht ganz klar, inwieweit die „Kernerfahrungen“ eine eigenständige Sonderform ekstatischen Erlebens darstellen. Einige Merkmale legen allerdings nahe, dass sie eine solche darstellen könnten.

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