Schamanismus und traditionelle Heilkunst Die Ahnen der modernen Psychotherapie?

Von Prof. Dr. Wielant Machleidt und Prof. Dr. Torsten Passie

Das Studium des Schamanismus als ursprünglicher Heilmethode kann als Grundlage einer „vergleichenden Psychotherapie“ dienen (Ellenberger, 1985). Einer solchen vergleichenden Psychotherapie geht es darum, das methodische Spektrum einer allgemeinen Psychotherapie so zu erweitern, dass Patienten in Europa wirkungsvoller behandelt werden können und Patienten aus anderen Kulturen bei uns therapeutisch besser erreichbar werden (Machleidt und Heinz 2008, 2010). 

Begriffsbestimmung, Aufgaben und Krankheitsmodelle im Schamanismus

Begriffsbestimmung

Zunächst sei eine Begriffsbestimmung des Schamanismus vorausgeschickt.

Der Schamanismus im Sinne der erweiterten Begriffsbestimmung gilt als ubiquitäres Phänomen (Halifax 1984). Über seine Funktion sagt Eliade (1975, S. 13-15):  „ [...] der Schamane (bleibt) die beherrschende Gestalt, denn in dem ganzen Bereich, wo das ekstatische Erlebnis für das religiöse Erlebnis schlechthin gehalten wird, ist der Schamane, und nur er, der große Meister der Ekstase“. „Der Schamane ist der Spezialist einer Trance, in der seine Seele den Körper zu Himmel- und Höllenfahrten verlässt“. Er kann darüber hinaus auch Magier und Medizinmann sein: „Einem Schamanen wird im Allgemeinen die Fähigkeit zum ärztlichen Heilen und zum Wundertun zuerkannt“, und er ist „Psychologe, Seelengeleiter ins Jenseits, Priester, Dichter und Mystiker“. Männliche und weibliche Schamanen können definiert werden als in selbstinduzierten besonderen Bewusstseinszuständen wirkende Heiler und Helfer der Menschen. Sie sind Mittler zwischen der gemeinsamen Alltagsrealität, der Diesseitswelt, und der transintelligiblen Anderwelt (Lommel 1980). Nicht jeder Heiler ist allerdings ein Scha­mane und schamanisches Wirken ist nicht auf das Heilen einzuengen.

Aufgaben

Die Schamanen sind Lehrer und Übermittler der Anthropologie, Kosmologie und Religion ihrer Völker. Sie sind zugleich wichtige religiöse Funktionsträger in der archaischen Kulturwelt der Jäger- und Sammlervölker, aber auch seltener von Ackerbauvölkern wie z.B. den Tumbuca in Malawi/Ostafrika (Machleidt und Peltzer 1991, 1997).  Schamanen finden sich in der klassischen Grundgestalt bei vielen Völkern des eurasischen Raumes. Ähnliche Funktionsträger gibt es aber auch in Nord- und Südamerika, in Ozeanien, Australien und Afrika. In vielen dieser Kulturen bestehen schamanisti­sche Traditionen bis heute weiter.

Für Angehörige der Ethnien, welche Schamanen hervorbringen, ist alles Diesseitige unterlegt von transintelligiblen Kräften (Geistern). In der schamanischen Séance geschieht ein Verbinden und Regulieren von Sinnverbindungen zwischen der Menschenwelt und dem übernatürlichen Bereich der Geister. Schamanen haben im besonderen Bewusst­seinszustand den diagnostischen Durchblick in Leib und Seele des kranken Menschen. Sie erfahren im Trancezustand ganz unmittelbar, was Ursache, Wesen und Möglichkeit der Abhilfe der Erkrankung ist. Doch auch das Heilen selbst kann in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen stattfinden.

Außer dem Heilen haben Schamanen noch andere Aufgaben. Sie begleiten komplizierte Geburten und sind gegenwärtig bei Initiationsriten und dem Sterben. Ihnen obliegt die Sorge für die Verstor­benen, für die Geister der Ahnen.  Schamanen sind Lehrer und Wahrer der Kosmologie, der Religion, der Mythologie. In jeder Sitzung erneuern sie mit der spürbaren Präsenz der Geister die Religion ihres Volkes.

Die beiden bedeutendsten Krankheitsmodelle im Schamanismus sind weltweit aufzufinden. Dies ist die Verursachung von Krankheitserscheinungen durch das Eindringen böser Geister und einen Verlust der Seele z.B. schwere Körperkrankheit, Entführung durch gute oder böse Geister, Erschrecken, Tabuverletzung u.a.).

Mit welchen Heilmethoden arbeiten Schamanen?

Schamanen sind als „Meister der Ekstase“ „Bewusstseinskundige“ (Scharfetter, 1999). Sie setzen ihre Fähigkeiten zu selbstinduzierten veränderten Bewusstseinszuständen in therapeutischen Ritualen ein. Sie werden so zum Mittler zwischen der bewussten Alltagswelt und der übernatürlichen Welt. Sie erfüllen damit sowohl im individualpsychologischen, im sozialen als auch darüber hinausgehend im kosmologisch-weltanschaulichen Bereich eine Ordnungsfunktion. Als Heiler stehen ihre kurativen Funktionen neben der der Herbalisten, der Knochen- und Organspezialisten und der der Hebammen. Die schamanistischen Heilmethoden haben eine große Vielfalt ihrer speziellen Techniken zur Austreibung oder Bannung krankheitsverursachender Geister, wie zum Beispiel Massieren, Heraussaugen eines krankheitsverursachenden Objekts, Berührungen, Extraktionen, Beschwörungen, Tänze und Gesänge, Gebrauch psychoaktiver Substanzen u.v.a.m. Heilungen durch das Wort und bestimmte Anwendungen finden sich in großem Variantenreichtum kulturübergreifend in psychiatrisch/psychotherapeutischen Behandlungskontexten.  Auch die Nutzung von veränderten Bewusstseinszuständen ist in der modernen Psychotherapie bekannt (vgl. Tabelle 1), führt aber ein eher randständiges Dasein.

Schamanische Heilungspraktiken können über die oben schon genannten Techniken auch Bäder, Beschwörungen, Gesänge, magische Chirurgie und eine Reihe prophylaktischer Praktiken beinhalten. Doch beinhalten sie auch meist weniger Spektakuläres wie etwa klärende und stützende Gespräche mit den Betroffenen und deren Angehörigen, Erhebung der körperlichen und psychiatrischen Anamnese, die Überweisung an andere Schamanen oder Heilkundige usw. Ein schamanisches Heilritual soll Geborgenheit, Klärung, Führung, Sichanvertrauen, Sichausdrücken, aber auch kathartische Wirkungen und systemische Aspekte sozialer Regulation vermitteln. Das Miteinbeziehen der Angehörigen ist eher typisch und unterstützt bzw. verstärkt in der Regel die Interventionen des Schamanen bzw. seiner Rituale (s.a. Stöckigt 2009).


Welche Funktion haben Trance-Zustände im Heilungsprozess?

Einschlägige Übersichten zeigen, dass die institutionalisierte Nutzung von veränderten Bewusstseinszuständen in Völkern, insbesondere bei deren Schamanen, weltweit verbreitet ist (Bourguignion 1973). Diese Universalität verweist auf einen wahrscheinlichen adaptiven Wert von Trancezuständen, der dann zu deren Institutionalisierung führte. Die Trancezustände und deren adaptiver Wert formen die psychobiologische Basis des Schamanismus.

Trancezustände sind charakterisiert durch eine qualitative Veränderung mehrerer Funktionen des mittleren Tages-Wach-Bewusstseins (Passie 2007). Diese können, stark vereinfacht, folgendermaßen charakterisiert werden:

  •  Traumartige Versunkenheit
  •  Affektive Stimulation
  •  Vertiefung innerpsychischen Erlebens
  •  Abnahme der Eigensteuerung
  •  Visionäres + religiöses Erleben
     

Die absichtlich hervorgerufenen Trancezustände bei Schamanen stellen 1. den Kontakt in Geister- und Jenseitswelt her, helfen 2. bei der Erklärung und Einordnung von unklaren oder krankheitsverursachenden Ereignissen/Bedrohungen, dienen 3. der Sicherung des Gruppenzusammenhalts, 4. der Stressreduktion und auch – verkörpert insbesondere im Heilungsritual – 5. der psychophysischen Integration.

Offenkundig ist, dass die Schamanen selber die Überzeugung hegen, dass sie im Trancezustand über besondere diagnostische und therapeutische Fähigkeiten verfügen. Ein Faktum scheint zu sein, dass einige veränderte Bewusstseinszustände eine Steigerung der emotionalen und intuitiven Wahrnehmungsfähigkeit bewirken. Zumeist verringern sie auf Basis ihrer neurobiologischen Effekte das Gebundensein an Konzepte und können so eine „offenere“ Wahrnehmung ermöglichen (vgl. Emrich 1989). Zudem wird die Affektivität stimuliert und das innere Erleben im Sinne von traumartigen oder visionären Erlebnissen stark angeregt. Eingesetzt als adaptiver Dissoziationszustand in Heilsituationen, verfeinert und differenziert ein Trancezustand möglicherweise die Wahrnehmungsbilder des Schamanen von der Gesamtverfassung seines Patienten und versetzt ihn in die Lage, sich ohne sogenanntes „Faktenwissen“ orientieren zu können. Im Trancezustand ist der Schamane intensiv auf das zu heilende Subjekt bezogen. Dies impliziert, dass alle Phantasien und therapeutischen Handlungsanweisungen sehr individuell auf den jeweils präsenten Patienten (bzw. dessen Angehörige) bezogen sind. Das dadurch und auch durch den Bezug auf eine transintelligible Welt der Geister und Kräfte akzentuierte affektiv-kognitive Beziehungsgefüge zwischen Heiler und Patient gibt dem Diagnose- und Heilungsprozess in den jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen sein spezifisches Gepräge. Die, nicht überall übliche, Zentrierung der Heilungszeremonie auf den einenoder nur wenigePatienten ist das, was an den Heilungszeremonien der südost-afrikanischen Schamanen sehr beeindruckt. Trance ließe sich so als feines Instrument zur Initiierung und Vertiefung einer tragenden Affektbeziehung zwischen Heiler und Patient verstehen - auf einer erweiterten affektiven und bewusstseinsmäßigen Grundlage. Vertiefte und professionell gehandhabte (Über-)Tragungsbeziehungen korrelieren auch in der westlichen Psychotherapie bekanntlich mit gutem Therapieerfolg.

Trance könnte demnach ein wertvoller Zugang zur Erfassung der Gesamtwirklichkeit des Patienten und sogar seiner zu antizipierenden Genesung sein. Dies wäre in Beziehung zu setzen mit der „Übertragung“, dem „szenischen Verstehen“, der „freischwebenden Aufmerksamkeit“ wie auch dem wissenschaftlichen Instrumentarium und Verstehen in der westlichen Psychotherapie. Es darf nicht vergessen werden, dass eine Reihe von schamanistischen Heilpraktiken jedoch nicht nur eine Induktion von Trancezuständen beim Schamanen impliziert, sondern auch eine solche beim Kranken (und teils sogar bei dessen Angehörigen, wenn diese präsent sind). Eine Anwendung von Trance- oder tranceartigen Bewusstseinszuständen zur Heilung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen ist auch in der Tradition der westlichen Medizin nachvollziehbar (vgl. Tabelle 3 sowie Dittrich und Scharfetter 1987). Eine offene Frage ist, inwieweit der Ideentransfer an psychotherapeutischer Methodik zwischen den Kulturen auch zu einem professionellen Gebrauch außergewöhnlicher Bewusstseinszustände in westlichen Psychotherapien führen könnte. Dies würde nicht zuletzt vom Nachweis einer spezifischen transkulturellen Wirksamkeit der Trancetechniken abhängen. Dieser Wirksamkeitsnachweis bedürfte für außergewöhnliche Bewusstseinszustände, trotz einiger vielversprechender Bemühungen (s.a. Dittrich und Scharfetter 1987), noch weiterer systematischer empirischer Fundierung.

 

Sinnstiftung

Eine Gemeinsamkeit zwischen Psychoanalyse und Schamanismus sieht Nathan (1986) darin, dass die schamanistische und die psychoanalytische Methode ganz zentral und wirksam mit dem Wort arbeiten. Dies ist nicht selbstverständlich bei therapeutischen Methoden, die in ganz unterschiedlichen Kulturepochen entstanden sind. Es scheint gleichgültig zu sein, ob eine Methode, wie zum Beispiel die schamanistische, als eine „primitive“ bezeichnet wird oder eine andere als „wissenschaftlich“. Der therapeutische Erfolg wird zum entscheidenden Kriterium, nicht die Wirkvorstellung. Auch aus der Erfolgsbilanz anderer therapeutischer Methoden lässt sich sagen, dass eine Psychotherapie scheinbar dann erfolgreich ist, wenn die Erklärungsmodelle und Behandlungsschritte des Therapeuten/Heilers für das subjektive und kulturelle Weltverständnis des Patienten plausibel und nachvollziehbar sind. Und dies ist ganz unabhängig von seinem Akkulturationsniveau und von der Tatsache, ob Dritte das benutzte Erklärungsmodell und die Behandlungsschritte als „objektiv“ bzw. im Sinne „wissenschaftlicher Erkenntnis“ ,als richtig beurteilen. Auch in der Behandlungspraxis des Schamanismus lässt sich das Konstrukt eines sinnstiftenden Zusammenhangs zwischen einem Symptom und seiner Diagnose, seiner Ätiologie und der angewandten therapeutischen Methode finden. Zum Beispiel führt die Begegnung mit einer Schlange im Urwald oder ein schockierendes Verlusterlebnis (z.B. ein Unfalltod) zu einer Schreckerfahrung, die als Seelenverlust (Susto) diagnostiziert wird und den Schamanen veranlasst, für den Patienten ein Heilritual zum Zurückholen der Seele abzuhalten. Eine analoge sinnstiftende Logik ist in der westlichen Psychiatrie/Psychotherapie/Psychoanalyse auszumachen. Die psychotherapeutische Arbeit orientiert sich an dem für die Verursachung der Symptome maßgeblichen Konflikt. Generell spielt die Symptomatik für die deskriptive Diagnostik in der westlichen Psychiatrie/Psychotherapie und ebenso für den Schamanen eine herausragende Rolle. Für die Psychotherapie ist sie jedoch mit einem dynamischen Verstehenszugang vor dem Hintergrund der individuellen konflikthaften Lebensgeschichte zu verknüpfen. Der so ergründete Sinn des Symptoms, zum Beispiel einer Schlangenphobie bzw. einer Verlustdepression, führt zu einem bestimmten therapeutischen Vorgehen, das innerhalb des Verstehensmodells der Störung für den Patienten plausibel und erfolgversprechend ist.

 

Transkulturelle Wirkfaktoren

Neben den in diesem Abschnitt noch zu schildernden psychotherapeutischen Wirkfaktoren, möchten wir zunächst vorwegschicken, dass schamanistischem wie ärztlichem Handeln ein Grundschema von aufeinander folgenden Schritten zugrunde liegt, welches in beiden Handlungszusammenhängen praktisch identisch ist:

  • Eruierung + Diagnose
  • Sichernde Beziehung
  • Klärung + Verklarung
  • Affektmobilisierung
  • Ressourcenmobilisierung


Die offenkundige Parallelität zwischen einigen Behandlungsmethoden von Medizinmännern bzw. Schamanen und westlicher Psychotherapie führte F. Torrey (1986) bei kulturvergleichenden Psychotherapiestudien zu dem Ergebnis, dass vier Grundelemente in allen Psychotherapiemethoden, die diesen Namen verdienen, vorhanden sind (Basic Components of Psychotherapy):
 

  • Ein gemeinsames Erklärungssystem

         (A shared world view)

  • Die persönliche Qualifikation des Therapeuten

         (The personal qualities of the therapist)

  • Die Erwartungen des Klienten/Patienten

         (The expectations of the client)

  • Die Bewältigungsstrategie

         (An emerging sense of mastery)

 

Aus Torreys Sicht nutzen Therapeuten auf der ganzen Welt diese vier Grundelemente von Psychotherapie und verstärken einzelne dieser Grundelemente durch Gebrauch spezieller Techniken. Man hat diese als „unspezifische Wirkfaktoren“ bezeichnet. Es scheint, dass diese Wirkfaktoren sich auch zwanglos in Anschauungen und Praktiken des Schamanismus wiederfinden lassen. Allerdings ist auf die große Heterogenität des Schamanismus und auf die sehr allgemein gehaltene Definition dieser Komponenten hinzuweisen. Dies insbesondere im Hinblick auf die konkret angewandten Techniken, die bei den Schamanen doch erheblich stärker mit einem dramatischen Aspekt, rituellen Verrichtungen, der Verbindung in die Welt des Transintelligiblen, affektiver Katharsis und körperlichen Behandlungstechniken assoziiert sind.
 

Wirkfaktoren einer allgemeinen transkulturellen Psychotherapie

Setzt man die wesentlichen Merkmale traditioneller Heilkunst und moderner Psychotherapie in einen Vergleich, so lassen sich unter den Gesichtspunkten der Vorbereitung, bei den Wirkfaktoren und bei Verständniszugang und -grundlage größere Übereinstimmungen erkennen, während unter den Gesichtspunkten des Rahmens, der Krankheitskonzepte und der Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen (VBL) größere Unterschiede bestehen (vgl. Tab. 2).

Die moderne vergleichende Psychotherapieforschung (Grawe, 1995, Maiello 2008) erlaubt - trotz einiger Schwächen – wesentliche Schlussfolgerungen bezüglich der Wirkungsweisen unterschiedlicher Psychotherapiemethoden, auch über Schulengrenzen hinweg. Grob vereinfachend wurden vier hauptsächliche Wirkfaktoren identifiziert, die Einfluss auf psychotherapeutische Prozesse haben.

Die Wirkfaktoren einer Allgemeinen Psychotherapie (Grawe 1995):

  • Ressourcenaktivierung
    (Activation of positive resources)
  • Problemaktualisierung
    (Actualisation of what is to be changed)
  • Aktuelle Hilfe zur Problembewältigung
    (Active help for coping with the problem)
  • Motivationale Klärung
    (Motivational clarification)

Unter Ressourcenaktivierung werden die auch von Torrey beschriebenen „unspezifischen Wirkfaktoren“ subsummiert. Darunter versteht man die Schaffung einer guten Therapiebeziehung (mit oder ohne Trancetechnik), die Erweckung positiver Erwartungen beim Patienten auf Hilfe vom Therapeuten, den Entwurf eines plausiblen Erklärungsmodells und eine Bewältigungsperspektive für die bestehenden Probleme. Bei der Aktivierung individueller und sozialer Ressourcen hat der Schamanismus zweifellos einen Wirkungsschwerpunkt.

Die Nähe der schamanistischen Methodik zu den psychodynamischen Techniken liegt in der Vermittlung zwischen bewusster und unbewusster Welt und einer Harmonisierung beider bei konflikthaften Zuspitzungen. Beim Schamanismus spielt allerdings der Aspekt der Integration des Sozialen eine größere Rolle. Die Analogie zwischen beiden Therapiemethoden betrifft den Bereich der Klärung unbewusster Motivationen und damit den Kernbereich, in dem die tiefenpsychologischen Verfahren ihren Schwerpunkt haben.

Bei der Problemaktualisierung geht es um das „Prinzip der realen Erfahrung“. Wenn eine Reaktionsweise verändert werden soll, so muss sie in der Therapie lebensnah wiedererlebt werden (durch Konfrontation, in der Übertragung etc.). Auch hier gibt es Analogien zu schamanistischen Ritualen. Ein Teil des Rituals besteht häufig darin, die Auslösesituation der psychischen Störung dramatisch nachzugestalten. Dabei kommt es zur Reaktualisierung der damit verknüpften Gefühle. An diesen setzt die therapeutische Arbeit an. Diese dramatische Technik findet sich in der westlichen Psychotherapie z.B. in der Gestalt des Psychodramas.

Darüber hinaus bietet der Schamanismus pädagogische und verhaltensanleitende (behaviouristische) Methoden sowie den Gebrauch psychisch wirksamer Substanzen. Psychoaktive Substanzen, insbesondere die sog. Halluzinogene (Meskalin, Psilocybin u.a.) werden weltweit, (überall dort wo entsprechende psychoaktive Pflanze wachsen), von den Schamanen zu Heilungs- und Divinationszwecken angewendet. Letztere gehören jedoch aktuell nicht zum Methodenspektrum moderner Psychotherapie. Allerdings werden weniger aktivierende, aber stimmungsmodulierende psychoaktive Substanzen in nennenswertem Umfang eingesetzt wie z.B. u.a. Anxiolytika, Antipsychotika und Antidepressiva.

Schluss

Bei einem Vergleich der in traditionellen Behandlungssettings und in der modernen Psychotherapie gefundenen Wirkfaktoren (Machleidt und Passie 2010) zeigt sich eine Teilkongruenz dahingehend, dass die traditionelle Heilkunde Ressourcen aktivierende Techniken bevorzugt und die Sozialgemeinschaft eine bedeutende Ressource darstellt, während in den modernen psychodynamischen Verfahren die motivationale Klärung große Bedeutung hat. In beiden Methodenrepertoirs spielen Problemaktualisierungen und Problembewältigungsstrategien neben behavioralen, sozialen, pädagogischen und medikamentösen Interventionen eine wesentliche Rolle. Betont werden muss die große kulturelle und auf den individuellen Heiler bezogene Vielfalt der Verfahren und Techniken, wie auch die große Vielfalt moderner psychotherapeutischer Techniken, in denen bei aller Kreativität der Methoden die Wirkfaktoren einen gemeinsamen Bezugspunkt darstellen.

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