Was ist Microsing? Ein Versuch in Fragen und Antworten

Was ist Microdosing und wo kommt es her?

Der Begriff „Microdosing“ hat verschiedene Ursprünge. Zuerst kam er in der Pharmakologie auf, als man nach Alternativen für Tierversuche suchte. Mit modernen Methoden können schon sehr geringe Mengen von Stoffen im Organismus gemessen werden. Daher kann man die grundlegenden Daten darüber, was im menschlichen Organismus mit einer Substanz geschieht, schon bei der Gabe von nur einem Hundertstel einer wirksamen Dosis herausfinden. Das ist Microdosing in der Pharmakologie. 

Des Weiteren gibt es noch eine Anwendung von Microdosing in der Landwirtschaft, wo man das Heranbringen von Dünger in nur sehr kleinen Mengen direkt an die Pflanzenwurzeln – statt es über das gesamte Feld zu verteilen – als Microdosing bezeichnet.

Das Microdosing von Psychedelika kam dagegen erst nach 2010 mit der Veröffentlichung des Buches „The Psychedelic Explorer’s Guide“ von Jim Fadiman (2011: Rochester) in größerem Umfang auf. Dieser berichtete, dass die Einnahme geringer Dosen von Psychedelika bei Computerfachleuten im Silicon Valley, also einem Kreativitätsherd der Computerindustrie, durchaus üblich sei.

 

Gab es Microdosing schon früher?

Ja, es gibt schon eine längere Geschichte des Microdosings. 

Zuerst haben der Entdecker des LSD, der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, und seine Mitarbeiter nur noch geringe Dosen LSD im Bereich von 20-40µg getestet, nachdem Hofmann bei seiner ersten absichtlichen Einnahme von 250 Mikrogramm (µg) LSD einen Horrortrip erlebte. Hofmann hat solche niedrigen Dosen in den 1940er Jahren wiederholt eingenommen.

In den 1950er Jahren hat der deutsche Psychiater und Psychotherapeut Walter Frederking seinen Patienten geringe Dosen LSD mit nach Hause gegeben, so dass sie diese über die Woche hinweg gelegentlich einnehmen konnten. Das habe einigen Patienten geholfen, ihre Spannungszustände und andere Beschwerden vermindert und sie für die Psychotherapie offener gemacht. Die Dosen lagen im Bereich von 20-40µg. Es gibt noch andere Berichte aus der ferneren Vergangenheit über die Verwendung kleiner Dosierungen, meist von rekreationalen Gebrauchern. Mehr zur Geschichte vom Microdosings kann der Interessierte in meinem Buch „The Science of Microdosing Psychedelics“ (2019) nachlesen. 

In der ethnographischen Literatur lässt sich die Einnahme geringer Dosen dagegen praktisch nicht finden. Eine Ausnahme sind die Tarahumara-Indianer in Mexiko, die sich vor den halluzinogenen Effekten des Peyote-Kaktus fürchten und deshalb nur sehr geringe Dosen zur Leistungssteigerung einnehmen. Dieser bei ihnen gebräuchliche Kaktus enthält allerdings neben dem Halluzinogen Meskalin auch amphetaminähnliche Substanzen. 

Wie hoch sind die Dosierungen beim Microdosing und Minidosing?

Zur Frage, in welchem Dosisbereich man von Microdosing spricht, gibt es verschiedene Definitionen, was erstaunen muss, da es ja zunächst so aussieht, als wenn es sich um ein recht einheitliches Phänomen handeln würde. 

Beim Microdosing, so wie es Fadiman beschreibt, geht es um Dosierungen, deren Wirkungen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen. Nur diese fallen in seine Definition. Sie liegen demnach im Bereich von 5-15µg LSD oder 2-4mg Psilocybin, wobei zum Psilocybin Studien vorliegen, die zeigen, dass von der Mehrzahl der Versuchspersonen Dosierungen ab 3mg bemerkt werden.

Wir selbst haben eine neue Kategorie eingeführt, nämlich die des Minidosings. Dies bedeutet, dass Dosierungen mit bemerkbaren Effekten, also im Bereich von 20-50µg LSD (oder 4-8mg Psilocybin) eingenommen werden. Sieht man sich im Internet die Tausende von Einträgen zum Microdosing an, so ist bei den meisten Beschreibungen offensichtlich, dass die Leute deutlich bemerkbare Effekte hatten, also Minidosen eingenommen haben. Sonst hätten sie ja auch nichts zu beschreiben …

Wofür wird Microdosing angewendet?

Microdosing wird von den Usern für verschiedene Zwecke eingesetzt. In erster Linie für die Verbesserung von Performance und kreativer Leistung. Dann gibt es Menschen, die davon ausgehen, dass Mikrodosen von LSD ihr Empathievermögen und ihren Zugang zur Beziehungswelt im Alltagsleben verbessern. 

Als dritte Anwendung wird die dauerhafte Einnahme von Mikrodosen alle drei Tage für die Verbesserung von Stimmung und eine Minderung von Angstgefühlen beschrieben. 

Eine vierte Anwendung besteht darin, gewöhnliche Psychopharmaka, insbesondere sogenannte Antidepressiva, mit Hilfe von regelmäßigem Microdosing à la Fadiman besser absetzen zu können. Wie in den letzten Jahren zunehmend bekannt wurde, haben die Antidepressiva nicht nur eine ziemlich schwache Wirksamkeit bei Depressionen, sondern auch viele Nebenwirkungen, und es macht große Probleme, sie wieder abzusetzen, da das Gehirn sich an deren Einfluss gewöhnt. Detaillierte Berichte oder gar Studien zum Microdosing beim Absetzen von Psychopharmaka fehlen bisher.

 

Was für Wirkungen werden dem Microdosing von Usern zugeschrieben?

Die Anwender von Microdosing beschreiben eine Vielzahl von Wirkungen. So soll es die Alltagsperformance, das Empathievermögen und kreative Leistungen verbessern. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es dafür bisher nicht. Des Weiteren wird eine Tendenz zu einer gesunderen Lebensführung beschrieben. Man gewinne ein besseres Gespür dafür, was einem gut tue, was gesund sei und was nicht. Nach dem Motto: Da esse ich mal einen Salat statt eines Steaks, und mache heute doch mal meine Sportübungen. Wissenschaftliche Untersuchungen liegen dazu bisher nicht vor. 

Einige Microdoser haben davon gesprochen, dass sich ihre innere Grundeingestelltheit, sozusagen der Boden aller psychischen Vorgänge, abgewandelt habe, sie also unter Microdosing mit einer anderen „Voreinstellung“ der Welt und anderen Menschen begegnen würden. Das ist möglich, aber es dürfte sich um eine sehr subtile Wirkung handeln, insbesondere was deren tatsächliche Auswirkung auf Erleben und Verhalten angeht.

In Bezug auf ein regelmäßiges Microdosing zum Zwecke der Stimmungsverbesserung oder Angstminderung wird von Gebrauchern beschrieben, dass sie eine Besserung erleben. Eine Studie mit Mikrodosen von LSD aus den 1950er Jahren, die jedoch methodische Mängel aufweist, hat keine relevanten positiven Effekte auf Depressivität beschrieben. Allerdings hat die Firma Sandoz, die LSD und Psilocybin damals als Forschungsmittel vertrieben hat, von Kleinstdosen Psilocybin beschrieben, dass es Verbesserungen bei Angst und Depressivität gegeben habe. Doch das waren Einzelfälle, die zudem nicht einheitlich reagiert haben.

 

Gab es früher schon Studien zu niedrigen Dosen von Psychedelika?

Ja, es gab einige wissenschaftliche Studien zu niedrigen Dosierungen. Dabei ist aber streng zu unterscheiden zwischen Dosen im Bereich von 20-50µg LSD (Minidosing) und solchen im Bereich von 5-15µg (Microdosing). 

Diese Studien zeigen, dass im ganz niedrigen Dosisbereich kaum Effekte zu verzeichnen sind; auch wenn sich Pupillendurchmesser und galvanischer Hautwiderstand laut einer Studie aus dem Jahre 1953 schon bei 8µg minimal verändern sollen; subjektiv wahrgenommen haben die Versuchspersonen davon jedoch nichts. Im etwas höheren Dosisbereich, also über 20µg, zeigen sich durchaus bemerkbare Wirkungen. Diese wurden als mentale Irritation, Unwohlsein, Dysphorie, manchmal auch Euphorie, ein Gefühl der Distanz zur Welt, Passivitätsneigung und Unlustgefühle beschrieben. Auch Einwirkungen auf die geistigen Fähigkeiten wurden vielfach gemessen. Diese zeigten sich zumeist kompromittiert, werden also schlechter. Als Beispiel mag eine Studie des US Militärs dienen, in welcher Soldaten eine Dosis von 35µg LSD verabreicht wurde. Als die Wirkung eintrat, wurden sie aufgefordert, mehrere Partien Blitzschach zu spielen. Dabei zeigte sich, dass sich die Performance unter der LSD-Wirkung geringfügig verschlechterte.

 

Was waren die Ergebnisse?

Die Ergebnisse insgesamt weisen darauf hin, dass die Schwelle für wahrnehmbare Effekte bei LSD um die 20µg liegt. Darunter wird also praktisch kaum jemand, der in mit wissenschaftlicher Methodik durchgeführten Experimenten LSD eingenommen hat, sagen können, ob er LSD bekommen hat oder nicht. 

Wissenschaftliche Experimente sind ja so ausgerichtet, dass man doppelblinde und placebo-kontrollierte Studien macht. Das bedeutet, dass die Kapseln mit dem aktiven Medikament genauso aussehen wie die Placebo-Kapseln (Kapseln ohne Wirkstoff) und der Versuchsleiter wie auch die Versuchspersonen nicht wissen, welche Kapseln das wirksame Mittel enthalten und welche nicht. Bei derartigen Versuchen konnte eindeutig gezeigt werden, dass unterhalb von 20µg fast alle Versuchspersonen keine überzufällig richtigen Angaben dazu machen können. 

Es ist erwähnenswert, dass man in dem kritischen Bereich zwischen 15 und 25µg kaum Studien durchgeführt hat, die tatsächlich die geistigen Funktionen in ihren verschiedenen Facetten systematisch untersucht haben. Man sollte hier allerdings die Ergebnisse differenzieren, da einfache geistige Funktionen wie die Reaktionsgeschwindigkeit oder das psychomotorische Geschick weniger beeinträchtigt werden als kompliziertere wie die Intelligenz und das abstrakte Denken, zum Beispiel bei Mathe-Aufgaben.

 

Ist Microdosing illegal?

Ja, das ist es. Sobald mit Substanzen hantiert wird, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen – wie z.B. LSD und Psilocybin –, tut man etwas Illegales und kann dafür bestraft werden, auch wenn wir in Deutschland für geringe Mengen, die lediglich dem Eigenverbrauch dienen, recht tolerante Regelungen haben, die nur selten zu tatsächlicher Bestrafung führen. In Holland, wo einige Pflanzenteile der Psilocybinpilze legal gehandelt werden dürfen, sieht das anders aus.

 

Kann man diese kleinen Dosen überhaupt zuverlässig bestimmen?

Das ist schwierig. Zuerst mal muss man ja wissen, ob es sich tatsächlich um die Substanz handelt, die man benutzen möchte. Auf dem Schwarzmarkt gibt es weder Reinheitsgarantien noch genaue Mengenangaben. Von daher bleiben genaue Dosierungen wohl eine Wunschvorstellung. 

Was das praktische Vorgehen angeht, so empfehlen User, dass man die oft auf Papier aufgeträufelten LSD-Präparate einfach entsprechend kleinschneiden solle, um auf die gewünschte Dosis zu kommen. Das geht natürlich nur dann, wenn man eine halbwegs zuverlässige Angabe hat, wie viel das Papierplättchen enthalten soll – und auch dann sind solche Dosen bestimmt nicht zuverlässig.

Andere meinen, man solle das Plättchen soweit als möglich kleinschneiden und dann in einer Flasche mit destilliertem Wasser über einige Tage hinweg mehrfach länger schütteln. Damit könne man dann auch exakter dosieren; frei nach dem Motto: 100 Milliliter enthalten die Menge von einem Plättchen a 100µg, so dass dann 1 Milliliter also 1µg enthalten sollte. Bislang unpublizierte wissenschaftliche Untersuchungen haben vor kurzem gleichwohl gezeigt, dass doch erhebliche Mengen der Substanz in den Papierresten verbleiben, so dass bei einem solchen Vergehen keine exakte Dosierung resultieren dürfte. 

Bei Psilocybinpilzen, die je nach Standort bzw. Zuchtmethode ganz unterschiedliche Mengen und Zusammensetzungen verschiedener Alkaloide enthalten, dürfte eine auch nur halbwegs exakte Dosierung noch problematischer sein.

 

Gibt es Hinweise, dass Microdosing wirksam sein könnte und wenn ja wie?

Dafür, dass Microdosing im Sinne Fadimans wirksam sein soll – also durch Einnahme von Dosen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle –, gibt es lediglich anekdotische Berichte von Usern. Wissenschaftliche Belege oder Studien liegen dazu nicht vor. 

Neue Studien zeigen, dass merkbare Effekte, wie schon in den alten Studien beschrieben, erst ab einer Dosis von 20µg LSD auftreten und dann auch nur sehr gering ausfallen. Diesbezüglich folgen also die experimentellen Ergebnisse der wissenschaftlichen Logik. Diese sagt: Große Dosen führen zu starken Effekten, mittlere Dosen zu mittelstarken Effekten, kleine Dosen zu kleinen Effekten, sehr kleine Dosen zu sehr kleinen Effekten usw. Dies bestätigen auch die drei in den letzten zwei Jahren zum Microdosing durchgeführten methodisch hochwertigen Studien aus 2019 von Yanakieva et al., Bershad et al. und Family et al.

Eine weitere Studie von Bershad et al. (2020) hat mit neurophysiologischer Bildgebung am Gehirn gezeigt, dass schon sehr kleine Dosen LSD einen nachweisbaren Effekt auf einige Hirnareale haben, ohne dass sich dies in einer veränderten kognitiven Leistungsfähigkeit widerspiegelte. Das kann man sich damit erklären, dass auch dem Gehirn eine gewisse Schwerfälligkeit eigen ist, das heißt, dass es sich von „kleinen Anstößen“ bzw. geringfügigen Einflüssen nicht aus seinen gewohnten Bahnen bringen lässt. Dafür möchte ich ein Beispiel geben. Wenn Sie einem Einkaufswagen, der Ihnen vielleicht im Supermarkt im Weg steht, einen ordentlichen Schubs versetzen, so wird er ein bis zwei Meter vorwärts rollen. Versetzen Sie ihm jedoch nur einen kleinen Schubs, so rollt er nur 10 oder 20cm. Wenn Sie den Einkaufswagen nur leicht berühren, so ist zwar eine Berührung an ihrem Arm messbar, aber der Einkaufswagen bewegt sich nicht.

Fürs Microdosing gemäß der Definition von Fadiman ist somit festzustellen, dass bislang mit wissenschaftlich haltbarer Methodik keine bzw. nur extrem kleine Effekte nachgewiesen wurden. 

 

Spielt der Glaube an die Wirksamkeit eine Rolle?

Das ist wahrscheinlich der Fall. Es geht ja in wissenschaftlichen Versuchen darum, die durch Glauben und Erwartungen bedingten Effekte zu minimieren, indem man gezielt Placebos einsetzt und keiner der am Experiment Beteiligten weiß, welche Kapsel ein Medikament und welche ein Placebo enthält.

Der Glauben daran und die Erwartungen spielen praktisch bei allen medizinischen Anwendungen eine große Rolle. Diese als „unspezifische Heilwirkungen“ klassifizierten Effekte werden auch durch Placebo-Behandlungen erzeugt. Je größer der Glauben und die Erwartung an die Wirkung eines Medikamentes oder einer Behandlung sind, desto größer fallen die Placebo-Wirkungen aus. 

Da es beim Microdosing um sehr kleine Dosierungen geht, dürften Erwartungen und Glauben eine große Rolle spielt; ähnlich wie vielleicht bei der Homöopathie. Außerdem ist LSD eine Substanz mit einem zauberhaft-magischen Ruf, die sehr potente Wirkungen ausüben kann; zumindest bei höheren Dosierungen.

 

Was macht die Ergebnisse von Umfragen zum Microdosing unsicher?

Wissenschaft ist eine gute Sache und führt nicht selten auch zu objektiven Ergebnissen. Dies allerdings nur, wenn die Methodik gegen Unsicherheiten und Fehler abgesichert ist. Das ist bei Umfragen, insbesondere im Internet, nicht gegeben. Mit einem solchen Umfrage-anliegen wendet man sich ja an jene Menschen, die einen Computer besitzen und regelmäßig damit umgehen. Alle anderen sind ausgeschlossen. Das begrenzt beispielsweise die Teilnahme älterer Menschen. Dazu kommt, dass Menschen, die mit Microdosing zwar Erfahrungen gemacht haben, diese aber als belanglos empfanden, sich kaum die Mühe machen werden, im Internet Fragebögen auszufüllen. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von einem Auswahleffekt oder „selection bias“. Das bedeutet, dass nur eine sehr begrenzte und nach unklaren Kriterien ausgewählte Anzahl von Menschen untersucht wird, was zwangsläufig zu falschen Ergebnissen führt; unter anderem, da man so vor allem „Gläubige“ erreichen wird. Das allein macht solche Umfragen aus wissenschaftlicher Sicht problematisch, um nicht zu sagen obsolet. Ein anderer Faktor, der die wissenschaftliche Seriosität infrage stellt, ist die Tatsache, dass man weder sicher weiß, welche Substanz noch in welcher Dosierung die in der Umfrage erfasste Person tatsächlich eingenommen hat. Somit dürften derartige Umfragen kein realistisches Bild ergeben. 

Als Wissenschaftler erstaunt mich die Tatsache, dass selbst hochklassige wissenschaftliche Zeitschriften in den letzten zwei Jahren mehrere dieser fragwürdigen Studien publiziert haben. Auch das führt zu Fehleinschätzungen über die Wirkungen von Microdosing in der Öffentlichkeit.

 

Gibt es neuere Studien zum Microdosing?

Ja, es gibt neue Untersuchungen zum Microdosing bzw. Minidosing aus 2019. Diese wurden mit Dosen von 5-26µg durchgeführt. Ihre Ergebnisse zeigen, dass minimale Wirkungen ab 10-15µg messbar sind; auch wenn sie von den Versuchspersonen nicht wirklich bemerkt werden. 

Die kognitiven Fähigkeiten wurden in den beiden neueren Studien von Family et al. (2019) und Bershad et al. (2019), die das ausdrücklich untersucht haben, nicht beeinflusst – weder negativ, noch positiv.  

Bewusstseinsveränderungen im eigentlichen Sinne treten nach diesen Studien nicht bzw. nur in verschwindend geringem Ausmaß auf. In der Studie von Family et al. (2019) fand sich allerdings eine dosisabhängige Vigilanz-Reduktion, also eine Wachheitsminderung, die nicht ganz unerheblich und auch schon bei 10µg messbar war. Dieses Resultat steht im Gegensatz zu den von den Microdosern berichteten anregenden Wirkungen. Stimmung, Depressivität oder Ängste wurden dagegen nicht signifikant beeinflusst.

Die Ergebnisse von Umfragen, die trotz ihrer oben dargelegten methodischen Mängel als „wissenschaftliche Studien“ publiziert wurden, geben an, gewisse positive Effekte gefunden zu haben (z.B. Hutten et al. 2019) und zwar hinsichtlich einer Verbesserung der Performanz als auch jener von Depressivität, Ängsten und ADHS-Symptomen. Eine dieser Umfragestudien, nämlich die relativ sorgfältig gemachte von Polito et al. (2019), fand eine Zunahme von Neurotizismus über den längeren Zeitverlauf; was mit den weiter oben angeführten anekdotischen Berichten übereinstimmen könnte.

Eine Studie von Bershad et al. (2020) über die Durchblutungsaktivität am lebenden Gehirn konnte geringfügige Einwirkungen von sehr kleinen Dosen LSD auf einige Areale des Gehirns nachweisen. Dass die gemessenen minimalen Einwirkungen zu relevanten Veränderungen der Hirnfunktion führen, ist unklar und bedarf weiterer Untersuchungen.

 

Können Nebenwirkungen auftreten?

Hier ist zunächst nochmal auf die Unterschiede von Microdosing und Minidosing hinzuweisen. Bei dem unterhalb der Wahrnehmungsschwelle angesiedelten Microdosing würde man keine spürbaren Auswirkungen auf die Alltagsperformance, also beispielsweise beim Einkaufen oder Autofahren, erwarten. Das ist beim Minidosing anders. Hier treten ja merkbare Effekte auf, die das geistige Funktionieren und die Reaktionsfähigkeit beeinflussen. Daher sollte man unter dem Einfluss einer Minidosis kein Auto fahren und keine komplizierten Handlungsabläufe realisieren wollen; auch simple Büroarbeit dürfte erheblich schwerer fallen. 

Schaut man sich mögliche Langzeit-Nebenwirkungen bei regelmäßiger Einnahme an, so stellen sich berichtete Effekte und sachlich begründete Vermutungen uneinheitlich dar. Einige Gebraucher berichten über positive Langzeitwirkungen auf Stimmung und Ängste, während andere Microdoser, die ich persönlich gesprochen habe, über eine Verschlechterung des geistigen Funktionierens und des psychischen Zustandes nach Wochen bis Monaten regelmäßiger Einnahme berichten. Lediglich drei Personen, welche über mehr als drei Monate sich alle drei Tage regelmäßig dosiert haben, nahmen an der Umfrage von Herrn Fadiman teil. Alle drei berichteten über keinerlei Effekte bis zum Tag 50. Zwischen Tag 50 und Tag 60 kam es dann zu stärkeren Schwankungen der Stimmung, mit Ausschlägen sowohl in die positive als auch in die negative Richtung.

Es wurden Befürchtungen ausgesprochen, dass längerfristiges Microdosing über ein ständige Aktivierung eines bestimmten Serotonin-Rezeptors bei wenigen Menschen zu einer krankhaften Umwandlung von Gewebe im Bauchraum und am Herzen führen könnte. Das ist theoretisch möglich, da von anderen „Mutterkornderivaten“ (zu denen LSD zählt) solche Gewebsveränderungen berichtet wurden. 

Einige Ärzte haben in den 1960er Jahren Patienten über mehr als zwei Jahre mit täglichen Dosen von 100µg LSD behandelt und bei Nachuntersuchungen keine negativen Auswirkungen festgestellt. Es ist möglich, dass die Untersuchungsmethoden damals nicht empfindlich genug waren. 

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass diese Gewebsveränderungen, wenn sie denn auftreten, nach dem Absetzen des Medikamentes von selbst wieder verschwinden.

 

Gibt es andere Erklärungen, welche die Popularität von Microdosing erklären können?

Man kann über andere Erklärungen nachdenken. Einmal hat ein Vortragender die Parallelen zum Phänomen des Hypes dargestellt, was sich recht plausibel ausnahm. Von der sozialpsychologischen Seite her könnte es sich gut um einen Hype handeln, der ja laut Definition auch ohne große tatsächliche Wirkungen zustande kommen kann.

Eine andere Idee geht dahin zu vermuten, dass viele Menschen doch ziemliche Angst vor den ungewöhnlichen Wirkungen von LSD haben, diese Ängste aber bei der Einnahme kleiner und nahezu unwirksamer Dosen gut zügeln können. Danach können sie dann ihren Freunden erzählen, dass sie „LSD genommen“ haben; ohne überhaupt nur Ansätze des Spektrums seiner Effekte erlebt zu haben. Auch hierin kann ein Motiv liegen.

Und noch eine weitere Idee: Im Unterschied zu den 1960er Jahren, als es in Mode war zu behaupten, man hätte die „größte Dosis“ genommen, kommt es nun dazu, dass sich ein anderer Zugang entwickelt und zwar dergestalt, dass wir uns heute dem Phänomen Psychedelika vorsichtiger und mit mehr Gefahrenbewusstsein nähern, indem wir nicht – wie damals – möglichst große Dosen einnehmen, sondern möglichst kleine – und uns so an diese brisanten Substanzen ganz langsam neu herantasten.

 

Literatur

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