Psychotherapie mit entaktogenen Substanzen: Therapeutische Mechanismen und Wirkungen

Von Prof. Dr. Torsten Passie

 

Psychoaktive Substanzen wie die Halluzinogene LSD oder Psilocybin und die als Entaktogene bezeichneten Stoffe Methylendioxymethamphetamin (MDMA) oder Methylendioxyethylamphetamin (MDE) und andere können eine große Hilfe bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und in der Traumatherapie sein (Winkelman und Roberts, 2007; Leuner, 1971; Abramson, 1967). Diese therapeutischen Optionen waren Gegenstand umfangreicher Forschungen in den 1950er und 1960er Jahren (vgl. Passie, 1997). Nach Diskreditierung und Verbot dieser Substanzen für medizinisch-therapeutische Anwendungen zum Ende der 1960er Jahre gibt es seit Mitte der 1980er Jahre wieder eine Reihe von Bemühungen, Wirkungen dieser Stoffe im psychotherapeutischen nutzbar zu machen. Diese Bemühungen wurden nicht zuletzt angestoßen durch das Bekanntwerden einer neuen Gruppe von psychoaktiven Substanzen, den so genannten Entaktogenen, die besser klinisch handhabbar als die vordem üblichen Halluzinogenen sind und neuartige therapeutische Möglichkeiten eröffnen können.

Bisher gibt es keine systematische Beschreibung der therapeutischen Wirkmechanismen bzw. Wirkungen der Therapie mit Entaktogenen. Die vorliegende Arbeit stellt sich die Aufgabe, die für die therapeutischen Wirkungen von Entaktogenen verantwortlichen Elemente bzw. Mechanismen herauszuarbeiten. Diese sind nämlich nur in Teilen mit denen für die Behandlung mit Halluzinogenen (wie sie Leuner (1971) und Grof (1983) herausgearbeitet haben) identisch und rechtfertigen von daher eine eigenständige Betrachtung.

Vor dem Verbot im Jahre 1986 wurde MDMA von Psychotherapeuten in den USA als Hilfsmittel in der Psychotherapie angewendet (Stolaroff, 1997). Noch vor dem endgültigen Verbot intervenierten diverse dieser Psychotherapeuten bei der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) und stellten das psychotherapeutische Potential von MDMA dar (Seymour, 1987). Dadurch kam es zu einem Gerichtsverfahren, welches das Verbot der Substanz nochmals überprüft und kurzzeitig wieder aufhob. Letztlich hatten sich die Hinweise auf ein therapeutisches Potential derart verdichtet, dass die Suchtstoffkommission der WHO anlässlich des (durch sie veranlassten) Verbotes der Substanz MDMA dem Verbotserlass folgendes Statement beigab: „Es sollte beachtet werden, dass die Kommission bei Ihren Diskussionen der Frage eines angeblichen therapeutischen Nutzens von 3,4-Methylendioxymethamphetamin breiten Raum gab. Obwohl die vorliegenden Berichte die Neugier der Kommission weckten, gelangte sie zu der Auffassung, dass den Untersuchungen ein entsprechender methodologischer Aufbau fehlte, der für eine Ermittlung der Verlässlichkeit der getroffenen Beobachtungen unerlässlich ist. Es war jedoch genügend Interesse geweckt worden, um die Empfehlung auszusprechen, dass Untersuchungen angeregt werden sollten, die diesen vorläufigen Befunden nachgehen. Zu diesem Zweck legte es die Kommission den einzelnen Ländern nahe, den Artikel 7 des Übereinkommens über psychotrope Substanzen auszuschöpfen, der die Forschung über diese interessante Substanz erleichtert“ (WHO Expert Committee on Drug Dependence, 1985, S. 25).

Seit dieser Zeit rissen die Bemühungen, diese Stoffe therapeutisch zu nutzen, nicht mehr ab. Beispielhaft seien hier die Studien von Greer und Tolbert (1986), der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT) (Styk, 1994; Benz, 1989) sowie die aktuellen Studien zur MDMA-unterstützten Psychotherapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen in den USA durch Michael Mithoefer (2008) und Peter Oehen (2008) in der Schweiz wie auch die Studie zur Angstminderung in der Psychotherapie bei terminal Krebskranken an der renommierten Harvard-Universität in Boston (Halpern, 2008), angeführt.

Der Autor der vorliegenden Arbeit stand bzw. steht mit den genannten Arbeitsgruppen in direktem Kontakt und konnte außerdem in der Praxis von Hanscarl Leuner (Göttingen) sowie in anderen Zusammenhängen eine Reihe praktischer Erfahrungen mit der therapeutischen Wirkung derartiger Stoffe sammeln. Außerdem konnte er, gemeinsam mit deren Autor, die Ergebnisse einer Interviewstudie zu Veränderungsprozessen in der psycholytischen Therapie mit Entaktogenen auswerten (vgl. Passie und Dürst, 2008).

Um sich den teils außergewöhnlichen subjektiven Erlebnissen mit angemessenem Vorverständnis nähern zu können, sollen einleitend Wirkungen und therapeutische Implikationen des veränderten Erleben unter psychoaktiven Substanzen skizziert werden.

 

Veränderungen des Erlebens unter psychoaktiven Substanzen

Unter der Wirkung von typischen psychoaktiven Substanzen wie den Entaktogenen (MDMA, MDE, MDA, MBDB) und den Halluzinogenen (Psilocybin, LSD) kommt es bei weitgehend klarem Bewusstsein (im Sinne von Selbstwahrnehmung und Realitätsprüfung) und gutem Erinnerungsvermögen zu einer Aktivierung von Affektivität und Sinnesfunktionen und tagtraumartigen Imaginationen vor geschlossenen Augen (Passie et al., 2005a; Leuner, 1962) Die Fähigkeit zu abstrahieren tritt zurück. Die aufkommenden Einfälle und Gedankenreihen sind sinnkohärent verbunden und gehorchen den Regeln des Freudschen Primärvorganges. Bildhaftes Denken steht im Vordergrund, emotionale Einsichten werden gewonnen und unbewusste psychische Inhalte treten hervor. Diese sind überwiegend konfliktzentriert bzw. spiegeln die latenten (unbewussten) Konflikterfahrungen in teils bildhaft-symbolischer Form nach Art der Traumsymbolik wider. Häufig gelingt es dem Patienten aus einer Beobachterperspektive, nach dem Prinzip eines Weitwinkelobjektives, weit auseinander liegende innerseelische Fakten wie Erinnerungen, menschliche Beziehungen, Gefühlserlebnisse oder fehlerhafte charakterliche Einstellungen miteinander in Sinnzusammenhang zu bringen. Dabei sind mehrere Bewusstseinsbereiche gleichzeitig angesprochen, sodass eine breite Integration unbewussten Materials gelingen kann. Der Betreffende kann eine Fülle introspektiver Einsichten in neurotische Fehlhaltungen gewinnen. Deren Überzeugungscharakter ist durch die ausgeprägte emotionale Beteiligung ausgesprochen gut, sodass der therapeutische Prozess beträchtlich vertieft und beschleunigt wird (Grof, 1983, Leuner, 1981). Während der Sitzung bleibt die situative Orientierung im Sinne einer Einsicht in den therapeutischen Charakter der Situation erhalten („reflektierender Ich-Rest” nach Leuner, 1962). Dies lässt sich über eine individuell angepasste, niedrige bis mittlere Dosierung der Substanzen regulieren.

Die psycholytische Methode ist jedoch keine eigenständige Therapie. Vielmehr ist sie Hilfsmittel für eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Im tiefenpsychologischen Behandlungskontext entfaltet sich durch die psycholytischen Sitzungen regelhaft ein Netzwerk von Konnotationen und Einsichten in die unbewusste Psychodynamik der Person (Abwehrmechanismen des Ichs, Affekt- und Triebimpulse, Traumsymbolik usw.).


 

Die Entaktogene MDMA und MDE

Bei den Entaktogenen handelt es sich um Substanzen mit einem spezifischen Wirkungsbild, welches weder den Halluzinogenen noch den Stimulantien (Amphetaminen) zuzuordnen ist. Zwar teilen Entaktogene einige Eigenschaften beider Substanzgruppen, doch ihr Wirkungsschwerpunkt liegt im emotionalen Bereich (Gouzoulis-Mayfrank et al., 1996).

In seiner ersten Publikation aus dem Jahre 1986 zur pharmakologischen Charakterisierung der Entaktogene leitet der Medizinchemiker David Nichols den Begriff Entaktogene wie folgt her:
 

 „Diese Substanzen wirken so, dass sie es dem Therapeuten bzw. dem Patienten ermöglichen, den inneren Kern seiner selbst zu berühren und sich mit schmerzlichen emotionalen Aspekten auseinanderzusetzen, die sonst nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Ich halte die lateinische Wurzel tactus als Teil des neuen Begriffes für geeignet, da das Wort „Takt“ eine sensible und behutsame Art der Kommunikation impliziert, die der Entstehung von Abwehr entgegenwirkt. Ergänzt durch die griechischen Wurzeln „en“ (= innen) und „gen“ (= entstehen lassen) entsteht der Name „Entaktogen“ mit der Bedeutung des Ermöglichens einer behutsamen Berührung mit dem eigenen Inneren“  

David Nichols,  Übersetzung T.P.

 

Die psychischen Wirkungen der Entaktogene sind – im kontrollierten und geschützten therapeutischen Rahmen – gekennzeichnet durch eine leicht kontrollierbare Erlebnisveränderung mit primär emotionaler Tönung bei oft vorkommender Entängstigung und ausgeprägter psychophysischer Entspannung. Sie induzieren regelmäßig eine erhöhte Bereitschaft zur Kommunikation und eine gesteigerte Introspektionsneigung. Die Aufmerksamkeit lässt sich leicht auf emotional bedeutsame Inhalte lenken. In einer Art innerem Dialog können durch die angstreduzierende Wirkung („Auflösung neurotischer Furcht“) und eine dadurch begünstigte Erweiterung der Assoziationswelt neue Aspekte des eigenen Selbst bzw. der eigenen Geschichte wahrgenommen und in neue Bedeutungszusammenhänge gestellt werden. Dabei können, im Sinne einer katalytischen Wirkung, latente, sonst unbewusste innere Spannungssysteme („transphänomenale dynamische Steuerungssysteme“ nach Leuner, 1962; „systems of condensed experience“ nach Grof, 1978) auf Auflösung drängen und die mit ihnen verbundenen psychischen Inhalte ins Bewusstsein treten. Weiter entsteht ein Gefühl erhöhter Selbstsicherheit und Selbstakzeptanz sowie der empathischen Wahrnehmung anderer. Im Unterschied zu den Halluzinogenen bleiben kognitive Funktionen und Ich-Integrität weitgehend unverändert (Passie et al., 2005a).

Die intrapsychischen Abwehrmechanismen werden zwar gelockert, bleiben aber dem Ich weiterhin verfügbar. Der Zustand bietet lediglich die Möglichkeit bzw. lädt dazu ein, diese Mechanismen „beiseite zu lassen“, sich selbst auf neue Weise kennenzulernen (Passie et al., 2005a, Hess, 1997). Bei einer mittleren Dosierung haben MDMA bzw. MDE eine Wirkdauer von vier bis sechs Stunden.

 

Psychophysiologische und neurobiologische Wirkungen der Entaktogene

Entaktogene stimulieren den Sympathikus und verursachen darüber eine leichte Steigerung von Blutdruck und Pulsfrequenz sowie eine Ausschüttung von Prolaktin und Kortisol (vgl. Passie et al., 2005a). Die psychischen Effekte der Entaktogene werden nur sekundär über das dopaminerge System vermittelt. Gemäß neueren Forschungsergebnissen wird die Wirkung der Entaktogene über eine massive Freisetzung und Wiederaufnahmehemmung des Neurotransmitters Serotonin aus Nervenendigungen verursacht. Inwieweit eine Wiederaufnahmehemmung für Noradrenalin für die Wirkungen der Entaktogene mitverantwortlich ist, muss noch offen bleiben, da alle Entaktogene auch geringfügig mit diesem Mechanismus interagieren (Vollenweider, 2001).

In einer Studie zum Neurometabolismus unter dem Einfluss des Entaktogens Methylendioxyethylamphetamin (MDE) (2 mg/Kg p. o.) mittels [18F]FDG-Positronen-Emissions-Tomographie (Gouzoulis et al. 1999) zeigte sich keine signifikante Veränderung des globalen Hirnmetabolismus, aber eine Stoffwechselsteigerung im Kleinhirn und eine Reduktion des kortikalen Metabolismus mit Betonung der frontalen Regionen. Im Bereich des anterioren Cingulums zeigte sich dagegen eine deutliche Stoffwechselsteigerung. Womöglich mitbedingt durch ein anderes Aktivierungsparadigma während der Untersuchung, zeigte die FDG-PET-Studie von Gamma et al. (2000) unter MDMA (1,7 mg/Kg p. o.) beidseits signifikante Steigerungen des regionalen zerebralen Blutflusses (rCBF) im Kleinhirn, dem ventromedialen präfrontalen Kortex, dem ventralen anterioren Cingulum sowie dem inferioren Temporal- und dem medialen Okzipitallappen. Beidseitige Verminderungen des rCBF zeigten sich in den Arealen der prä- und parazentralen Lobi, dem dorsalen und posterioren Cingulum sowie dem superioren temporalen Gyrus, der Insula und dem Thalamus. Die untereinander reich vernetzten Strukturen des ventralen und dorsalen Cingulums, der Thalamus, des Temporallappens und des Kleinhirns werden als zentrales Netzwerk bei der Regulation von Stimmungen und Emotionen diskutiert (George et al., 1995). Von besonderer Bedeutung erscheint eine ausgeprägte Deaktivierung der linken Amygdala, bei der es sich um das neurobiologische Substrat der Entängstigung und Euphorie unter MDMA handeln dürfte.

Eine besondere psychophysiologische Wirkung von Entaktogenen wie MDMA und MDE ist die Induktion eines psychischen und physiologischen Zustandes wie er typischerweise unmittelbar nach dem Erleben eines Orgasmus auftritt (postorgasmischer Zustand) (Passie et al., 2005b) (Tabelle 2). Jüngst konnte zudem nachgewiesen werden, dass es während des postorgasmischen Zustandes auch zur Deaktivierung der linken Amygdala kommt (Komisaruk et al., 2007).

Implikationen neurobiologischer Entaktogen-Wirkungen für die Traumatherapie

Neuere neurobiologische Forschungen haben aufzeigt, dass es bei der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen während der Einwirkung traumatischer (d. h. die normale psychische Verarbeitungskapazität überschreitenden) Erlebnisse zu einer abnormen Reizverarbeitung kommt. Normalerweise werden die eingehenden Sinnesreize von den sensorischen Feldern an den Thalamus weitergeleitet, der für deren Distribution in die weiterverarbeitenden Hirnstrukturen sorgt. Vor der Abspeicherung im Gedächtnis (Hippokampus) werden die Sinnesinformationen zunächst mittels der Amygdala auf ihre Überlebens- und Gefahrenrelevanz vorsondiert und dann in entscheidenden Teilen dem Kortex zugeführt, der für eine weitere Bewertung und Einordnung sorgt, bevor die Reize dann im Gedächtnis abgelegt werden. Bei traumatischen Erlebnissen kommt es nun zu einer „Vereinfachung“ der Verarbeitungsweise. Dabei werden die Verarbeitungsschritte in phylogenetisch älteren Hirnarealen (limbisches System, Amygdala und Hippokampus) bevorzugt, sodass die komplexeren Bewertungs- und Einordnungsvorgänge über den Kortex „ausgelassen“ werden und es zu einer „direkten Abspeicherung“ (ohne Zwischenschritt über den Kortex) kommt. Treten nun Sinneseindrücke, die an das Trauma erinnern, in das Erlebnisfeld, so kommt es zu einer überstarken Aktivierung der Amygdala, ohne die Möglichkeit der Hemmung dieser Reaktion durch die - in ihrer Aktivität stark reduzierten – Strukturen des Cingulums und des medialen frontalen Kortex (Nutt und Malizia, 2004). Insbesondere in der linken Amygdala findet sich bei PTSD-Patienten eine überstarke Aktivierung (Liberzon und Sripada, 2008), die mit dem Ausmaß der Symptomatik korreliert (Shin et al., 2005).

Die unter den Entaktogenen MDMA und MDE zu findende basale Entängstigung, die neurobiologisch mit einer Deaktivierung der linken Amygdala in Beziehung steht (Gamma et al., 2000), kann möglicherweise hilfreich bei der Integration traumatischer Erfahrungen bzw. Erinnerungen sein. Dies wurde mehrfach berichtet und ist aktuell Gegenstand von zwei klinischen Studien (Oehen, 2008; Mithoefer, 2008). Möglich erscheint, dass die Deaktivierung der Amygdala den Zugang zu dem im oben skizzierten pathologischen Modus abgespeicherten und amnestisch unzugänglichen Erinnerungen eröffnet, da die Amygdala normalerweise eine Freisetzung von traumatischen Erinnerungen (aufgrund ihrer ängstigenden Qualität) verhindert. Über diesen neurobiologischen Mechanismus könnten somit traumatische Erinnerungen einem therapeutischen Reprozessieren zugänglich werden. Auch könnte damit, über eine (auch anderen Trauma-Therapieverfahren zugrundeliegende) „nachgeholte“ kortikale Verarbeitung, eine bessere und symptommindernde Integration von Traumata gelingen (Pagani et al., 2007). Aktuelle klinische Erfahrungen zeigen, dass offenbar das psychische Erleben unter Wirkung von MDMA „wie von selbst“ in die Richtung einer benignen Reprozessierung einschlägiger traumatischer Erinnerungen läuft (Oehen, 2008; Mithoefer, 2008).

Rahmenbedingungen der psycholytischen Sitzungen

Bei den dieser Arbeit in Teilen zugrunde liegenden Sitzungen bzw. Beschreibungen von Behandlungswirkungen durch die Interviewpartner von Dürst (2006) wurden mittlere Dosierungen von MDE (125-150 mg p.o.) oder MDMA (100-125 mg p.o.) verwendet. Die Behandlungen wurden nach den Prinzipien der psycholytischen Methode (Passie, 2007; Leuner, 1971; Fontana, 1965) im Rahmen von Wochenendseminaren in einer Gruppe von 8-15 Klientenin durchgeführt. Vor den Sitzungen wurden mit den Klienten diverse Einzelgespräche (10-30) im Sinne einer tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapie geführt. Die Psycholyse-Sitzungen wurden von drei permanent anwesenden professionellen Psychotherapeuten (2 Männer, 1 Frau) begleitet. Die Teilnehmer verwendeten während der Sitzung Augenklappen und über Kopfhörer wurde leise Hintergrundmusik zur Stimulation des Erlebens gespielt. Die Teilnehmer wurden angehalten, sich dem inneren Erleben möglichst unbefangen hinzugegeben. Eine Integration und Deutung des in der Sitzung Erlebten fand in einer Gruppensitzung am Morgen des Folgetages statt (Dürst 2006). Bei den behandelten Patienten handelte es sich um weibliche und männliche Patienten mit Charakter-, Angst-, und Sexualneurosen sowie neurotischen Depressionen und psychosomatischen Störungen (Duerst, 2006). Was Fragestellungen, Erhebungs- und Auswertungsmethodik der Studie von Dürst angeht, so wird auf Dürst (2006) verwiesen.

 

Psychotherapeutische Erfahrung mit Entaktogenen und ihre therapeutischen Elemente  

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Elemente Patienten in der Therapie mit Entaktogenen für die Bearbeitung ihrer Probleme als besonders eindrücklich, hilfreich und wirksam erlebt haben, um darüber Einblicke in die therapeutischen Wirkmechanismen zu gewinnen (phänomenologische Methode; vgl. Moustakas, 1994).

In der Übersicht stellen sich die zu behandelnden Elemente wie folgt dar:

1. Erfahrungsmöglichkeiten in der Gruppe

2. Bedeutung der Therapeuten

3. Entängstigung, Öffnung, Vertrauensbildung

4. Psychophysische Relaxation und verändertes Körpererleben

5. Dynamisierung intrapsychischer Prozesse

6. Altersregressionen

7. Mentale Alternativsimulationen

8. Problemaktualisierung und korrigierende Neuerfahrungen

9. Transpersonale Erfahrungen

Nachfolgend werden die genannten Elemente genauer beschrieben und zumeist anhand von Aussagen in den Interviews illustriert. Die Seitenangaben beziehen sich, wo nicht anders angegeben, auf die Arbeit von Dürst (2006). Die ursprünglich auf Tonträger aufgezeichneten und dann wörtlich transkribierten Interviewtexte wurden zur Verbesserung der Lesbarkeit von Füllwörtern befreit und bezüglich Syntax und Grammatik der Schriftsprache angeglichen. Wo mehr als zwei Worte heraus- oder hereingenommen bzw. verändert wurden, ist dies mit ... bzw. [ ] kenntlich gemacht. Selbstverständlich wurde darauf geachtet, dass sich durch diese Veränderungen keine inhaltliche Veränderung bzw. Sinnentstellung ergibt.

 

1. Erfahrungsmöglichkeiten in der Gruppe

Die Therapiegruppen hatten jeweils 10 bis 15 Teilnehmer. Einige Teilnehmer kannten sich durch mehrfache Teilnahme untereinander. Da die Teilnehmer sich während ihrer Teilnahme an den psycholytischen Sitzungen in tiefenpsychologischen Einzelbehandlungen befanden, war für sie die Gruppensitzung eine neue Erfahrung, die viele Ängste und Wünsche mobilisierte.

„Die Gruppe war für mich sehr wichtig, denn es waren verschiedenartige Männer und Frauen da. Dadurch konnte man bestimmte Rollen ausleben. Man sieht sich ja in diesem Zustand in den anderen Personen bzw. Rollen gespiegelt, zum Beispiel Vater und Mutter oder in Rollen, die man im Alltag erlebt, sprich Arbeitskollegen usw. Man kann sich ganz gut damit auseinandersetzen, wenn man das möchte. Und vor allen Dingen war es wichtig, die anderen Erfahrungen zu hören, sich auszutauschen, auch während der Sitzungen. Für mich war es toll zu sehen: Wie sehen mich die anderen, wie nehmen die das wahr?“

„Die Erfahrung in der Gruppe war auch sehr wichtig, weil man da zutiefst mit sich konfrontiert war, aber zugleich auch in der Gruppe war und das gleich praktisch umsetzen konnte. Dadurch, dass man sich geöffnet hat, es wagte sich zu öffnen, und eine Gruppe da war, die auch bereit war einen anzunehmen, konnte man das neue Gefühl gleich praktisch üben. Und das waren sehr gute und hilfreiche, auch lehrreiche Kontakte. Man hat voneinander gelernt …”.

“Am Ende der Gruppensitzungen fanden dann ja auch Gespräche statt und nachts war man zusammen und konnte sich unterhalten. Da war die Bedrohung völlig weg. Das war für mich ganz wichtig, dass ich Menschen nicht mehr in erster Linie als Bedrohung empfinde, sondern stattdessen wieder Vertrauen aufbauen kann, insbesondere Gruppen gegenüber, die ich ja nicht kontrolliere. Ich bin früher mit Gruppen zusammen gewesen, aber dann habe ich die Gruppen immer kontrolliert. Und hier hatte ich das Gefühl, ich kann die Kontrolle aufgeben. Ich kann mich wirklich entspannen. Da passiert mir nichts, da ist Wohlwollen vorhanden. ... eine ganz wichtige Erfahrung, die sich in meinem Leben fortsetzt, weil ich Menschen wieder mehr Vertrauen entgegenbringen kann”.

Aus den Beispielen wird deutlich, dass in einer derartigen Gruppe eine ganze Palette von Ängsten und Vorbehalten im zwischenmenschlichen Raum mobilisiert wird; in Abhängigkeit von den biografischen Vorerfahrungen. Daneben werden auch korrigierende Neuerfahrungen und vertrauensfördernde Erlebnisse ermöglicht. Durch die entängstigende Wirkung der Entaktogene können während der Sitzungen hindernde Befürchtungen überwunden und neue Erfahrungen gemacht werden, die vorbestehende negative Erinnerungen und Befürchtungen oft konterkarieren. Auf der Grundlage einer Sicherheit und therapeutische Struktur vermittelnden Gruppenatmosphäre und der entängstigenden Wirkung entwickelt sich nicht selten eine, liebesgefühlgetragene Offenheit, Gelassenheit und Behutsamkeit in der Kommunikation mit anderen Gruppenmitgliedern (entaktogene Wirkung). Es kommt zu einer Öffnung und Vertrauensbildung im mitmenschlichen Bereich. Lange gewohnte interpersonale Ängste, Vorbehalte und Barrieren scheinen wegzufallen (Adamson und Metzner, 1988). Hierbei kann zwischen neuartigen Erfahrungen in Einzelbegegnungen und dem Effekt einer tragenden Gruppe unterschieden werden. Zudem scheint sich häufig eine oszillierende Nähe zur Gruppe durch die Hinwendung zum Eigenen zu ergeben. Die Gruppe wird dann zu einem interpersonalen Probierfeld, zu einem Experimentierraum, in dem korrigierende Neuerfahrungen mit mitmenschlicher Nähe gemacht werden können. Von nicht zu überschätzender Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass diese interaktionellen Prozesse sich weitgehend ohne sexuelle Ambitionen (und interpersonale Fixierungen nach Abklingen der Wirkung) ereignen. Dies ist ein erstaunliches und immer wieder beobachtbares Phänomen, welches den Probiercharakter der Situation begünstigt, da neue Formen von Nähe und Interaktion mit großer Unbefangenheit gelebt werden können. Wie bereits beschrieben, hat diese Wirkung ihre neurobiologische Begründung vermutlich in einer psychophysiologischen Ähnlichkeit von entaktogen-induziertem Zustand und postorgasmischem Zustand (Passie et al., 2005b). Interessant ist auch, dass sich die Gruppenprozesse nicht, wie man aufgrund der großen individuellen Verschiedenheit des Erlebens vielleicht erwarten könnte, im Sinne einer Chaotifizierung auswirken. Vielmehr scheinen sich autoregulative Prozesse abzuspielen, die (ergänzt durch Strukturierung der Therapeuten) die Gruppe in einem weitgehend ungestörten Gleichgewicht halten. Dies wird auch durch die Ergebnisse von Fontana (1965) und den Schweizer Psycholysetherapeuten (Gasser, 1996) bestätigt. Es scheint, dass durch die entängstigende Wirkung der Entaktogene eine beschleunigte und vertiefte vertrauensvolle Einlassung auf therapeutisch wirksame Erfahrungen in einer Gruppensituation ermöglicht werden kann.

 

2. Bedeutung der Therapeuten

Grundsätzlich kommt der Beziehung zum Psychotherapeuten im Rahmen einer Psychotherapie eine zentrale Bedeutung zu. Da aufgrund der während einer psycholytischen Sitzung - weitgehend eigengesetzlich - ablaufenden pharmaka-induzierten „psycholytischen“ Prozesse tritt der Therapeut über lange Zeit eher in den Hintergrund. Aufgezeigt sollen aber auch die Aspekte, für die der Therapeut von Bedeutung bleibt.

“In dem Augenblick, als man sich innerlich von falschen und beängstigenden Vorstellungen gelöst hatte,... da hat er eine Atmosphäre von Unerschrockenheit vor dem angeblich Schrecklichen vermittelt … als ob da ein Löwenbändiger wäre, der, wenn so ein Vieh in den Käfig reinkommt, sagt: Okay, es ist ein Löwe, gucken wir uns den mal an. Dieser Umgang mit beängstigenden Gefühlen war sehr wichtig”.

“Im Gegensatz zu den Einzelsitzungen spielte der Therapeut während der Gruppensitzungen eine fast dezentrale, periphere Rolle. Er war sehr wichtig in der Einleitungsphase, für das Vertrauen, dass ich aufgebracht hatte, für den Sprung in dieses Wasser … Da war er mir sehr wichtig in seiner Rolle als jemand, der dieses Setting herstellt, diese Atmosphäre. Während der Sitzung selbst spielte er für mich fast keine Rolle. Ich kann mich nur an ein, zwei, drei Mal erinnern, wo ich ihn hinzuzog als einen mir sehr vertrauten Kenner meiner ganzen Probleme, dem ich unbedingt jetzt mal erzählen musste, was ich rausgefunden hatte …”.

Aus den Beschreibungen wird klar, dass die Therapeuten in einem allgemeinen Sinn als eine vertrauensvolle und sichernde Struktur und Atmosphäre herstellend gewünscht und erlebt werden. Außerdem haben sie eine im individuellen Fall unterschiedliche therapeutische Struktur und Halt vermittelnde Funktion. Darüber hinaus ist zu entnehmen, dass die Übertragungen auf die Therapeuten einen oft deutlich positiven Akzent bekommen. Die Patienten empfinden offenbar erheblich weniger Vorbehalte, können sich besser „öffnen“ und sich besser anvertrauen. Da die therapeutische Beziehung zentral darauf bezogen ist, adäquates mitmenschliches Vertrauen wiederherzustellen, erscheint es möglich, dass die psycholytischen Gruppensitzungen diesbezüglich katalytische Wirkung auf das (Wieder-)Erleben zwischenmenschlichen Vertrauens haben können. Interessanterweise kommt es dadurch nach den vorliegenden klinischen Erfahrung, trotz einer gewissen Intensivierung der positiven Übertragungsaspekte, nicht zu einer der Therapie hinderlichen Idealisierung der Therapeuten (Dürst, 2006, Styk, 1997).

 

3. Entängstigung, Öffnung, Vertrauensbildung

Entaktogene wie MDE und MDMA üben ihre Wirkung offenbar maßgeblich über eine entängstigende Wirkung auf die Psyche aus. Dies zeigt sich auch auf der neurobiologischen Ebene. So wurde unter MDMA eine signifikante Verringerung des Hirnstoffwechsels in der, das „Furchtnetzwerk“ des Gehirns (Bandelow, 2001) maßgeblich unterhaltenden, linken Amygdala gefunden (Gamma et al., 2000). Für die entängstigende Wirkung finden sich folgende Beispiele:

“Bei MDMA bin ich einfach völlig ‘verweichlicht’ und das war für mich ganz wichtig. Es ist also so, als wenn alle Schranken fallen, als wenn alle Gefühle einfach zugelassen sind. … eine aufgeweichte Situation, die mich geöffnet hat. Ich hatte keine Kontrolle mehr darüber, ob ich mich öffne oder nicht. Das war ja genau der Punkt, dass ich eigentlich zu stark kontrolliert bin oder war. Das fiel dann weg. Dann war ich irgendwie schon fast eher anhänglich, weich, offen und redselig; was ich so nicht kannte” (10).

“Einmal hatte ich so eine Nähe aufgebaut, dass ich mich so wohlfühlte neben dem Therapeuten und das Gefühl hatte, jetzt muss der unbedingt bei mir bleiben und ich plaudere jetzt mit dem und am liebsten lass ich den gar nicht mehr gehen weil das gerade so gemütlich ist. So ein Gefühl hatte ich, so was freundlich, kuschelig Intimes. Doch ohne mit irgendwelchen Ambitionen weiter zu gehen, mehr was freundschaftliches. Das war für mich ein großer Schritt, so weit zu kommen, so was menschlich-freundschaftliches zu erleben”.

“… Die Zustandsveränderung nach Einnahme der Substanzen … Es ist, als würde sich der Brustkorb öffnen, ganz tief einatmen und untertauchen, so dahingleiten mit einem enormen Gefühl des Glücks. Wenn man das dann einmal erlebt hat und das dann wieder eintritt, ist es einfach unbeschreiblich. Also, Öffnen und Wohlsein zugleich, körperliches Wohlbefinden, sich gut fühlen und sich unter seiner Decke verkriechen und wunderbar bei sich sein. Ja, auch lustvoll. Man ist sehr wach, sehr aktiv, aber ich habe mich immer so weich dabei gefühlt. Ganz entspannt war ich, sehr aufmerksam, aber entspannt”.

“MDMA ist … die Herzöffnung und Gefühlsöffnung. Da war für mich erstmal sehr große Angst, weil das ja genau meine Problematik war, meinen Gefühlen keinen freien Lauf zu lassen. Ich verkrampfte. Es war kalt. Ich hatte Angst, Angst, Angst. So wie das eigentlich in meinem Leben auch immer war, d. h. immer wenn ein Gefühl hochkommen wollte, bekam ich Angst. Ich habe also unter MDE/MDMA dieses Wehren, dieses Kämpfen genau gesehen oder gefühlt. Ich kann so weitermachen oder ich kann langsam versuchen, in kleinen Schritten mich darauf einzulassen und dieses Gefühl kommen zu lassen, zu spüren, sprich, meinen Körper zu spüren. Das hat sich im Laufe der Sitzungen dann auch verändert. Es kam immer mehr Gefühl und ich habe dann immer mehr Vertrauen zu mir selbst gekriegt. … Mein Herz wurde immer weiter, ich hatte also die Möglichkeit, an all meine Gefühle ranzukommen, an Bilder ranzukommen, auch an Ängste ranzukommen, die zu sehen. Ich hatte auch Angst davor, dass Ängste sich auflösen, dass sie gar keine Ängste sind und ich mir eigene Panik selbst gemacht habe”.

“Das Zentrale, Verändernde an diesen Erfahrungen ... ist schwer auszudrücken. Es ist ja ganz vielschichtig. Da waren Erlebnisse dabei, die sich auf ganz vielen Ebenen abgespielt haben. … Das Zentrale ist sicherlich …, dass alles, was mir problematisch, unlösbar, verwehrt vorkam, auf eine ganz eigenartig geschlossene Art und Weise Sinn machte. Ohne Trennung zwischen Geist, Körper, Seele. Diese drei Ebenen kamen miteinander in Einklang und schienen plötzlich an einem Strang zu ziehen; was Ideen betrifft, was Erfahrung betrifft, auch was Der-Wahrheit-ins-Auge-sehen betrifft. … Diese Einheit von bei mir doch immer getrennt agierenden Schichten war sehr bedeutsam … Vorher wurden da immer Kompromisse gemacht. Was soll man denn auch sonst mit drei so zerstrittenen Geschwistern machen, die man irgendwie ein bisschen ruhig halten muss. Plötzlich waren die drei vereint und waren sich einig ... plötzlich das Gefühl, wir sind jetzt eine Macht; zusammen sind wir viel besser”.

Es zeigt sich in den Beschreibungen, dass die basale Balance von Angst und Vertrauen unter der Wirkung von Entaktogenen verschoben wird. Entaktogene wie MDMA und MDE erzeugen nach den hier aufgearbeiteten Beschreibungen eine ausgeprägte Verminderung von Ängsten; ein Effekt, der auch als basale Entängstigung bezeichnet werden kann. Diese Wirkung hat ihr Korrelat in der neurobiologischen Deaktivierung der Amygdala in der linken Hirnhemisphäre, einer das Furchtnetzwerk des Gehirns unterhaltenden anatomischen Struktur. Dies zumeist zugunsten eines in tiefgehender Weise verspürten Vertrauens in sich selbst, seine eigenen Kräfte und das Wohlwollen und die „Güte“ anderer. Diese Entängstigung eröffnet im therapeutischen Rahmen Möglichkeiten einer erweiterten Selbstexploration von Motiven, Hintergünden, Gefühlslagen und Zusammenhängen von Ereignissen der eigenen Biographie. Ein wichtiger Aspekt der Entängstigung ist die erhebliche Verminderung des Erlebens einer Gefährdung der eigenen Integrität, was neue Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung und des Erkennens von Problemen ermöglicht. Meist ist auch das Selbstwerterleben stark positiv verändert („Ich bin mehr ok, als ich dachte“). Von vielen werden diese Veränderungen des Selbsterlebens als „Öffnung gegenüber Liebe und Selbstliebe“ beschrieben. Dies kann verstanden werden als eine temporäre Aufhebung narzißtischer Blockierungen oder Dysregulationen, was eine „Veränderung der Verteilung der Energien im psychischen Apparat“ (Freud) impliziert. Eine bei vielen neurotischen Störungen vorhandene und die Selbstentfaltung behindernde verurteilende innere Instanz scheint weitgehend ausgeschaltet (Greer und Tolbert, 1986).Aufgrund des veränderten Bewusstseinsrahmens sind auch die Bahnen, in denen sich die gewöhnlich die zugehörigen Assoziationen bewegen, verändert und es kann zu einer „neuen Kontextualisierung“ des Erlebtem kommen (ähnlich dem „Reframing“. in der Hypnotherapie). Bemerkenswert ist die eigenständige und doch sinnvolle Logik dieser Neuverortung und Neubewertung von Erfahrungen, Personen und Ereignissen. Da die kognitiven Fähigkeiten unter der Wirkung von Entaktogenen nur wenig beeinträchtigt sind (Passie et al. 2005a), können die gefühlsaktivierenden bzw. gefühlsöffnenden Aspekte der Erfahrung recht zwanglos (bei eher „relaxierten“ als qualitativ veränderten kognitiven Funktionen) kognitiven Einsichten verbunden werden. Diese „Neuordnung“ geht nicht selten sehr tief und bleibt aufgrund der Realitätsnähe (die unter Umständen größer sein kann als in dem durch Ängste eingeengten gewöhnlichen Wachbewusstsein) nicht selten dauerhaft erhalten. Da auch die persönlichen Eigenarten und Erfahrungshintergründe anderer mit größerer Empathie und Akzeptanz erlebt werden, kann es in Folge der Sitzungen auch zu bleibenden Veränderungen von Beziehungen bzw. Beziehungserfahrungen kommen. Bedeutende Heilwirkungen kommen über das Erleben der dazugehörigen Gefühle, insbesondere von Trauer, zustande, was durch die unspezifische affektive Aktivierung unter den Substanzen begünstigt wird. Gelegentlich kommt es jedoch nicht zur affektiven Abreaktion im unmittelbaren Zusammenhang mit dem konkreten Erlebnis. Die Betroffenen gelangen dann erst „verspätet“, nämlich erst nach dem Abklingen der akuten Substanzwirkung (abends bzw. nachts), zur Trauerreaktion bzw. Abreaktion der Affekte, was als Teil der Integration betrachtet werden kann.

 

4. Psychophysische Relaxation und verändertes Körpererleben

Mit großer Regelmäßigkeit berichten Personen unter der Wirkung von Entaktogenen von einer fundamentalen psychophysischen Entspannung. Der Körper wird als sehr angenehm und frei von Verspannungen erlebt. Viele Menschen haben den Eindruck es werde durch die sehr tiefgehende psychophysische Relaxation eine tiefe Geborgenheit über den ganzen Körper spürbar (Adamson und Metzner, 1988).Das veränderte Körpererleben scheint unmittelbar der schon beschriebenen Entängstigung zusammenzuhängen.

“Das war zunächst eine ganz körperliche Wahrnehmung … da haben sich in mir richtig - auch körperlich spürbar  - Barrieren gelöst. Und über diese … schon fast vitale physische Wahrnehmung kam dann sekundär die Erlebnisebene dazu und auch die … konkreten Erlebnisse von der Kindheit bis jetzt. Nach einer ersten leichten Verkrampfung wurde ich sehr arglos … als würde ich mich in einen  Strom legen, wohl wissend, dass ich da drin schwimme und nicht untergehe. [Ich] habe da ganz physisch so etwas wie Urvertrauen oder Vertrauen erfahren, … ein Gefühl, als würde ich über Wendeltreppen in eine Tiefe gehen, aber nicht so in finstere, unheimliche Keller, sondern in Unterschichten, völlig wertfrei. Eine Lösung von körperlichen Sperren zu erleben, die unglaublich faszinierend war, weil ich mir dann erst bewusst wurde, wie … verkrampft ich sonst in meinem Alltag bin …”.

Insbesondere innere Barrieren vor körperlicher Annäherung und Körperkontakt werden gewöhnlich behutsam vermindert, machen einem ausgeprägten Nähebedürfnis Platz und können so zu neuen Erfahrungen im Kontakt mit anderen führen. Für das Erleben körperlicher, aber auch menschlicher Nähe oft bestimmende Gefühle von Scham und Gefährdung der emotionalen Integrität sind in diesem Zustand weniger bestimmend.

Besonderer Erwähnung bedarf die Tatsache, dass es sich bei diesen oft sehr positiv erlebten Näheerfahrungen um „sexuell neutrale“ Möglichkeiten von körperlicher Nähe handelt. Die Entaktogenen stimulieren zwar ein Bedürfnis zum Nahesein mit anderen, erzeugen keine eigentliche sexuelle Stimulation (Zemishlany et al., 2001; Rakete und Flüsmeier, 1995; Buffum und Moser, 1986). Dies deckt sich auch in den umfangreichen Erfahrungen der Schweizer Psycholysetherapeuten, die über nicht einen Fall von sexualisiertem Verhalten während psycholytischer Gruppensitzungen berichteten (Gasser, 1996; Styk, 1997). Eine plausible psychophysiologische Erklärung für diese „entsexualisierten“ Möglichkeiten körperlicher und menschlicher Nähe lieferten Passie et al. (2005b) mit ihrer Hypothese einer psychophysiologischen Äquivalenz von MDMA/MDE-induzierten Zuständen und dem postorgasmischen Zustand. Für viele Patienten bieten sich hier enorme Möglichkeiten von körperlichen und menschlichen Näheerfahrungen, die frei von sexuellen Motiven sind und es ihnen ermöglichen, sich (wieder) für positive Erfahrungen von menschlicher und körperlicher Nähe zu öffnen und diese auch konkret zu erleben.

 

5. Dynamisierung intrapsychischer Prozesse

Eine Hauptwirkung von Entaktogenen ist die Aktivierung des Gefühlserlebens. Es macht den Eindruck, dass die Substanzwirkung dabei als Promotor der latenten Psychodynamik des Patienten wirkt. Typischerweise kommt es in therapeutischen Rahmenbedingungen zur Konfrontation mit Ängsten, Mitgefühl und Liebe sowie unaufgearbeiteten und problematischen Beziehungen. Auch kann es zur Reaktivierung traumatischer Erfahrungen kommen, die gewöhnlich auf eine Weise erfolgt, die das aufkommende (unbewußte) Material für den Betroffenen mit relativ großer innerer Ruhe und in geordneter Form erlebbar macht und so eine konstruktive Verarbeitung bzw. Integration des - im gewöhnlichen Wachbewusstsein abgespaltenen - Erlebten ermöglicht. Sehr differenziertes, emotionales und intellektuelles Klarwerden, Erinnern und Eruieren von aktuellen und vergangenen Sachverhalten und Beziehungen sind möglich. Typisch ist auch die Zusammenschau innerpsychischer Problemlagen und Zusammenhänge bei erhaltener therapeutischer Ich-Spaltung. Auch Altersregressionen, die ein sehr realistisches Wiedererleben von Geschehenem auf dem psychischen Organisationsniveau der entsprechenden Altersstufe ermöglichen, werden berichtet. Interessant sind auch die dabei gelegentlich auftretenden Alternativsimulationen von prägenden Situationen der Vergangenheit in einem inneren Erlebnisraum. Trotz der Ähnlichkeiten des Erlebnisflusses mit dem Träumen bzw. Tagträumen kommt es bei diesen außergewöhnlichen und intensiven Erlebnisformen nicht zu einer traumartigen Fragmentierung oder Verfremdung des Erlebens. Zugespitzte Formen intrapsychischer Prozesse finden sich in den seltenen und erlebnisverdichteten szenisch-synoptische Rekapitulationen von wesentlichen Strängen prägender biografischer Erfahrungen. Mit den beschriebenen intrapsychischen Prozessen verbunden kommt es auch zum Erahnen, Spüren und Erkennen eigener Möglichkeiten und Ressourcen.

 

6. Altersregressionen

Altersregressionen sind definiert als Rückbildungen der psychischen Strukturiertheit bzw. des psychischen Funktionierens auf das Niveau einer jüngeren Altersstufe.

Altersregressionen im Rahmen der psycholytischen Therapie wurden erstmals von Fernandez-Cerdeno (1964) untersucht. Im Unterschied zu Altersregressionen bei hypnotischen Verfahren (vgl. Scott, 1993) kommen diese in psycholytischen Sitzungen eher spontan themengebunden vor und weisen eine große Erlebnisintensität auf. Zudem werden sie mit einer großen inneren Beteiligung erlebt und führen den Betroffenen auch in das typische Erleben der jeweilgen Altersstufe in nahezu realistischer Weise zurück. Dies kann von einem hypermnestischen Erleben innerer Szenarien begleitet sein. Diese intensiven Erlebnisse können zu starken Gefühlsevokationen mit affektiven Abreaktionen führen. Gelegentlich kommt es unter dem Einfluss eines altersregressiven Prozesses zu Durchleben verschiedener aufeinanderfolgender Phasen von zunächst meist fragmentarisch und undeutlich beginnenden Erinnerungen, die dann immer deutlichere Gestalt gewinnen und aufgrund der Intensität des Wiedererlebens in Altersregressionen transformiert werden.

“…Die Schmerzerlebnisse, die hatten was Biografisches. Da wusste ich genau, wann dieser große Schmerz entstanden ist. Zum Beispiel hab ich immer gewusst, dass als ich vier Jahre alt war, mein Vater für ein Jahr weggegangen ist. Er musste gehen … und ich habe diesen Schmerz nochmals durchlebt mit vier und dann wusste ich, dieser Schmerz war so heftig aus der Perspektive eines vierjährigen Kindes. In diesem Moment habe ich verstanden, dass da bei mir Verlustschmerz stattgefunden hat und dass ich diesen Schmerz abgekapselt habe. Den habe ich nie gespürt und nie erkannt. Erst durch so eine Reise bin ich darauf gestoßen und konnte mir erklären, warum ich an der Stelle so hart geworden bin. Nämlich weil dieser Schmerz, also den ich durchgemacht habe, so heftig war. Es muss mich wirklich umgehauen oder bedroht oder zerstört haben, dass mein Vater gegangen ist. Ich weiß nicht, wie das abgelaufen ist, aber nachdem ich diesen Schmerz erlebt habe, hat sich dieses Problem aufgelöst. Ich fühle seitdem keine diffuse Wehmut mehr, auch keine Verlustangst oder irgendwas Trauriges mehr. Solche Erfahrungen habe ich öfter gemacht, dass ich einem Schmerz begegnet bin der mir dann den Rest erklärt hat; warum ich so und so und so bin. Und durch die Begegnung mit diesem Schmerz habe ich dann die Sache aufgelöst. Dann war sie weg …”.

“Ein Beispiel für ein konkretes Erlebnis während der Sitzungen: Ich hatte mal eine Abtreibung und ich konnte mich unter MDE/MDMA sehr schön von dem Kind verabschieden. Ich habe das Bild noch einmal gesehen und konnte das loslassen. Ich hatte vordem immer so ein Schuldgefühl in mir, dass das nicht sein darf und dass ich das nicht hätte machen dürfen. Das war für mich unter MDE/MDMA sehr angenehm, weil ich an dieses Gefühl der Traurigkeit noch einmal rankam. … und ich hatte dann das Bild auch klar im Kopf, dieses Kind, so wie ich mir das vorgestellt hatte.  Und ich habe damit meinen Frieden gefunden, weil ich durch die Herzöffnung noch einmal behutsam an diese Schuld rankam”.

Anscheinend sind biografische Erlebnisse von besonders großem subjektivem Gewicht oft Anlass zu Altersregressionen und stehen dann im Zentrum des Erlebens. Naranjo (1973) hat in seinen Erörterungen zur psycholytischen Therapie mit dem Entaktogen Methylendioxyamphetamin (MDA) Altersregressionen als typischen Bestandteil psycholytischer Therapieerfahrungen herausgestellt und Spezifika dieser Altersregressionen folgendermaßen charakterisiert: [During age regression with MDA] „... the patient simultaneously regresses and retains awareness of the present self. The person more than conceptually remembers, as he may vividly recapture visual or other sensory impressions inaccessible to him in the normal state, and he usually reacts with feelings that are in proportion to the event. All the way from hypermnesia to repetition of a past experience in which not only the old feelings are again felt” (Naranjo, 1973, S. 26). Im Unterschied zu Altersregressionen, wie sie typischerweise unter Halluzinogenen wie LSD vorkommen, findet sich unter der Wirkung von Entaktogenen keine LSD-typische Alteration des kognitiven Systems. Wie bereits erwähnt, kommt es unter der Wirkung von Entaktogenen eben nicht zu einer Regression des kognitiven Funktionierens auf frühere ontogenetische Stufen wie etwa bei LSD (Lienert, 1964), sondern zu einer erinnerungsgeleiteten Altersregression im Sinne eines differenzierten Wiedererlebens - bei erhaltenen Ich-Struktur und intakten kognitiven Fähigkeiten.

 

7. Mentale Alternativsimulationen

Im Rahmen von mit dem Wiedererleben verbundenen regressiven Prozessen kann es zu spontan sich entwickelnden kreativen und konstruktiven Prozessen im Bezug auf eigenes Erleben und Verhalten in den Erfahrungswelten der Vergangenheit kommen. Zum einen können im Rahmen der therapeutischen Ich-Spaltung (d. h. ein Teil des Ichs regrediert, ein anderer Teil behält die Erwachsenenperspektive) vergangene Situationen nicht nur wiedererlebt, sondern auch unter Einbezug von kreativen Kräften des erwachsenen Anteils konkret umgestaltet werden. Es wäre vorstellbar, dass man sich darüber von der Fixierung auf ein aus der Vergangenheit überkommenes Verhaltens-/Erlebensmuster löst, indem neue Möglichkeiten des Umgangs mit den wiedererinnerten, aber auch mit aktuellen (von diesem Verhaltensmuster bestimmten) Gefühlsreaktionen und Situationen erkannt werden.

“Diese Mischung eben, dass man ganz instinktiv mal gespürt hat, es geht auch anders, man ist nicht gefangen in diesem kindlichen Problemlösungsverhalten, das man sich fast wie Rückenmarksreflexe angewöhnt hat und von dem man immer dachte, das geht eben nicht anders. Dass man plötzlich sieht: Na klar geht das anders. Mit einer absoluten inneren Gewissheit zu sagen: Ja, das geht anders, aber natürlich geht das anders. Das ist keine Spinnerei, … nein, das war ein sehr praktisches, ein sehr erwachsenes Gefühl, eine von Machbarkeit geprägte Experimentierfreude”.

“Da gab es eine Situation, wo es um die Beziehung zwischen meiner klammernden Mutter und mir ging und ich sagte: Die ist immer in meinem Kinderzimmer drin, die geht nie raus aus meinem Leben. Hier habe ich es als Kind erlebt, dass sie immer in meinem Kinderzimmer ist … auf der Sitzung. Was auch immer ich mache, die ist immer dabei; und dann habe ich richtig laut in den Raum gerufen: Hau ab, raus hier, ja, raus hier! [Ich probierte] tausend Möglichkeiten, in einer fast kindlichen Experimentierlust: Auf welchen Ton reagiert die so, dass sie endlich hier raus geht. Ich habe dann bewusst gespürt: Rein körperlich kriege ich es nicht hin. Ich fühlte mich schon klein, aber nicht hoffnungslos unterlegen, sondern entwickelte plötzlich Strategien, wie kriege ich die da raus. … dann habe ich auch geschrien, habe geschimpft, mit dem Fuß aufgestampft … und dann entwickelte ich plötzlich kreative Ideen. Was könnte man aus dieser scheinbar unlösbaren Situation eigentlich machen, damit man die mal endlich auflöst? Dies mit einer fast kindlichen Neugier und dann schlicht und einfach - auch das war eine wunderbare einfache Lösung - zu sagen: Na, dann gehe ich eben raus, ja. Und dann bin ich innerlich in diesem Bild rausgegangen; soll die doch im Kinderzimmer bleiben, viel Spaß noch!”.

Für eine Entwicklung von veränderten Umgangsformen mit Erfahrungen und Situationen ist natürlich eine Klärung des in der Vergangenheit stattgehabten Geschehens bzw. Erlebens von großer Bedeutung. Hierbei kann das für psycholytische Prozesse typische Hineingehen in die Vergangenheit mit erhaltenem Ich-Funktionen und einer erweiterten Perspektive im Sinne eines Weitwinkelobjektives, welches in die Lage versetzt, zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Erfahrungen und Fakten in einer retrospektiven Rekapitulation miteinander in Sinnzusammenhang zu bringen, erheblich zu einer klärenden Neuordnung der Vergangenheit beitragen.

„[Ich hatte immer] die Vorstellung von einem stattgehabten Missbrauch. Das hat sich unter MDE/MDMA ganz gut aufgelöst. Wichtig war, dass ich dieses Gefühl zu meinem Vater wiedergefunden habe; diese Liebe noch einmal gespürt habe, die er mir damals gegeben hat. Am Anfang war das eher so ein Schwarz-Weiß-Bild. Das hat sich aber im Laufe der Zeit verändert, so dass ich zum Schluss unter MDE/MDMA sagen konnte: Ich kann dieses Gefühl zu ihm wahrnehmen. … Ich habe ihn als Bild gesehen, habe ihn als Vater gesehen und dieses Gefühl dazu. Es war ein anderes Gefühl, ein tanzendes Gefühl. Es war einfach eine schöne Schwingung zwischen uns, als ich Kind war. Darüber habe ich gemerkt, dass dieser Missbrauch nie stattgefunden hat, dass es mein Kopf, dass ich es war, die sich das ausgedacht hat. Es war die Racheaktion eines kleines trotzigen Kindes, was sehr enttäuscht darüber war, dass die Eltern sich getrennt haben. … Dadurch habe ich auch diese Angst gespürt, die ich dann später, gegenüber anderen Menschen, anderen Männern hatte, dass die mich halt wieder enttäuschen könnten. Mir wurde deutlich, dass ich mich als junges Kind entschlossen habe: Ich lasse mich nicht mehr auf irgendwelche Menschen ein, die mir sagen, sie lieben mich. Ich wollte damit einfach nichts mehr zu tun haben. Das habe ich dann auch in Bildern gesehen: Dieses Kind, das sich gewehrt hat und gesagt hat: Nein, will ich nicht. Ich habe auch gemerkt, wie ich mir damit selbst Dinge kaputt mache …“.

“In meiner Gefühlswelt war es so, dass ich genau diese Punkte bzw. Situationen, die mich verletzt haben in meinem Leben auf den Reisen noch einmal durchgemacht habe. Ich habe es dann oft anders erfahren als ich es noch in Erinnerung hatte, wie es gewesen bzw. wie es in meiner Gefühlswelt war. Zum Beispiel die Trennung meiner Eltern. Da hatte ich das Gefühl, mein Vater hat mich nie geliebt, da er uns verlassen hat. Auf einer Reise habe ich dann noch einmal erlebt, wie meine Eltern sich getrennt haben, vor allem, dass sie sich nicht wegen mir getrennt haben. Damit ist mein Schuldgefühl weggegangen. Vorher hatte ich immer das Gefühl, ich bin schuld, dass die sich trennen. Auf dieser Reise eben habe ich gesehen, dass es halt viele Auseinandersetzungen waren, aber dass ich nichts damit zu tun hatte, sogar, dass nichts an der Liebe mir gegenüber abgenommen hatte. Vorher hatte ich immer das Gefühl, man liebt mich deswegen jetzt nicht mehr”.

Die oben beschriebenen psycholytischen Prozesse lassen sich in wesentlichen Teilen den psychotherapeutisch relevanten Klärungsprozessen im Sinne Grawes (1995) zuordnen (vgl. auch Schlichting, 2000).

 

8. Problemaktualisierung und korrigierende Neuerfahrungen

Problemaktualisierung ist nach Grawe (1995) ein wesentliches Element des therapeutischen Veränderungsprozesses. Problemaktualisierung heißt, dass was verändert werden soll, in der den therapeutischen Bedingungen auch real erlebt werden kann. Neben der Aktualisierung des Problems spielen für Veränderungsprozesse auch korrigierende Neuerfahrungen eine wichtige Rolle. Für diese beiden Aspekte lassen sich folgende Beispiele anführen:

“Einmal habe ich ein Vertrauenserlebnis gehabt. Also ich hatte absolut kein Vertrauen während dieser Sitzung, dem Umfeld gegenüber, den Therapeuten gegenüber, den Leuten gegenüber, es war alles ganz furchtbar für mich. Ich habe dann durch Gespräche mit dem Therapeuten Vertrauen kennengelernt. Ich lernte wie sich das anfühlt, der Situation zu vertrauen. Ich habe vorher nie anderen vertraut; oder doch: solange ich das alles im Griff hatte. Doch mich einfach einer Situation aussetzen und dem anderen vertrauen, dass der mir hilft und gut ist zu mir, das kannte ich nicht. Dieser Situation bin ich in den Sitzungen begegnet, dieser Seite an mir, meinem Misstrauen und dann der Erfahrung, wirklich Vertrauen zu erleben. Seit dieser Sitzung kann ich vertrauen, nicht ständig, nicht immer, aber durch die Vertrauenserfahrung ist Vertrauen entstanden in mir. Und das ist auch nie wieder weggegangen …”.

“Es gab eine Begegnung mit einem Mann auf einer Sitzung, wo ich den Mut gefunden habe, mich dem männlichen Part zu nähern. Erstmal war natürlich diese Angst da: Soll ich mich darauf einlassen oder soll ich nicht? Letztlich war es dann eine wunderschöne Erfahrung. Ich konnte mich auf diesen männlichen Teilnehmer einlassen. Ich habe das erste Mal diese Angst vor Nähe verloren, was ja immer mein Thema war. … Ich habe meinem Gefühl vertraut und konnte mich einlassen und es wurde auch angenommen. Das war für mich das Wichtige, das bedeutete nämlich, ich konnte meinem Gefühl vertrauen.  Für mich war ganz wichtig, dass ich diese männliche Seite auch ganz anders kennengelernt habe. Vorher war ich ja immer sehr misstrauisch und die Männer standen im schlechten Bild. Und dann hatte ich plötzlich eine ganz andersartige Begegnung ...”.

“Einmal hatte ich vor dem inneren Auge tatsächlich einen runden Tisch meiner inneren Instanzen: da saßen die Vernunft, die Kreativität, die Lust und der Zorn und sie durften alle mal einen Kommentar abgeben. Ich hatte den Eindruck, mein Ich sitzt als Moderator da und sagt: ‘So, wir haben jetzt ein Problem, wie können wir das lösen’? Jeder darf mal was einbringen. Zorn sagt: ‘Alles kaputtschlagen’, Lust sagt: ‘ach, machen wir einfach was anderes’, Vernunft sagt: ‘Oh, wenn das mal gut ausgeht’. Alle durften allen zuhören und jeder durfte was sagen. Es kamen alle möglichen Ideen. Ich habe mir alles angehört und dann am Schluss entschieden: ‘Ich denke, wir machen das jetzt so ...”.

Die Beispiele demonstrieren, wie neurotisch eingeengte Erlebens- und Verhaltensmuster, die das Leiden des Patienten zu wesentlichen Teilen ausmachen, einer Neuinterpretation und Bearbeitung zugänglich werden, wenn sie im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse zum Erleben gebracht werden. Hierbei ist sowohl das konkrete Erleben der einengenden Muster als auch deren Veränderung durch neue Erfahrungen mit anderem Inhalt und Ausgang entscheidend, denn für erfolgreiche Veränderung kommt es nach Grawe darauf an, „… dass der Patient tatsächlich erlebt, worum es geht …“ (Grawe, 1995, S. 137). Dieses „tatsächliche Erleben“ kann im Rahmen von psycholytischen Therapien in einem Zustand von Entängstigung und vermehrter Offenheit gegenüber Neuerfahrungen in großer Verdichtung erfahren werden, sodass sich eine durchgreifende Wirkung im Bezug auf Vertrauensbildung und zwischenmenschliche Beziehungen entfalten kann.

 

9. Transpersonale Erfahrungen

Schon aus frühen klinischen Erfahrungen mit Halluzinogenen ist bekannt, dass viele Menschen unter deren Wirkung sowohl mystische Erfahrungen haben und in ungewöhnlicher Weise Einblick in archetypische Zusammenhänge bzw. Menschheitsprobleme gewinnen können (Grof, 1978, Masters und Houston, 1966). Mystische Erfahrungen können starke triggernde Wirkungen auf psychotherapeutische Entwicklungen haben und deutliche Effekte auf Lebensorientierungen und Wertewelt haben (empirisch belegt durch die Studien von Griffith et al., 2005 und McGothlin et al., 1967). Derartige Erfahrungen sind in Sitzungen mit psycholytischen Dosierungen (aufgrund der, im Vergleich zum psychedelischen Vorgehen eher niedrigen Dosierungen) nicht besonders häufig, kommen aber regelmäßig vor.

“Die ersten Reisen hatten eher immer was Negatives; nein, im Nachhinein was super Positives, aber in dem Moment negativ weil ich irgendeiner Seite an mir bzw. einer Situation begegnet bin, die schmerzhaft, belastend oder traurig war. Später hatte ich den Eindruck, als wenn Wissen in mir aufstieg, und das war sehr beglückend. Ich hatte das sichere Gefühl, viel von den Zusammenhängen der Welt verstanden zu haben. Plötzlich habe ich gewusst, was wirklich Liebe ist. … als wenn ich ein schlaues Buch gelesen hätte, aber ich habe es dann auch gefühlt. Ja, das sind Zusammenhänge, die ich dann verstanden habe. Das Universum, das Leben, Sterben, Krieg, Freiheit, so große Begriffe die ich plötzlich verstanden habe oder fühlen konnte. Das tolle war, dass ich wußte, was es ist, was Liebe ist oder Freiheit ist. Aber ich konnte es nicht formulieren, und das war genau das großartige Erlebnis. Es war nicht in Worte zu fassen und trotzdem ganz klar da, fühlbar und sichtbar. Das waren tolle Erlebnisse. Dies ist erst in den letzten Sitzungen passiert, als … meine Belange nicht mehr so im Vordergrund waren, also erst nach der Entrümpelung”.

“In der ersten Sitzung, in der ich diese körperliche Lösung und Erlösung erlebt habe, habe ich auch eine Liebe zu mir selbst gespürt, wie ich sie in dieser Art und Weise nie erfahren hatte. Das kann man sicher auch als eine Art spirituelle Erfahrung sehen. Das war ganz herznah und ganz gefühlsnah und mit körperlich spürbarer Gewissheit; dass ich von irgendeiner Form von Liebe getragen bin, die in mir ist, und die durch mich durchfließt, wenn ich mich öffne …. Aber die Liebe ist eben auch in mir, sodass die Frage, haben mich meine Eltern auch so richtig schön lieb gehabt, wie ich das immer haben wollte, und was haben sie denn alles falsch gemacht, wurde plötzlich unglaublich langweilig. Also dieses Sündenregister, das ich bis dahin akribisch wie ein Finanzbeamter durchforstet hatte, war nicht mehr spannend …”.

“Ich hatte auf MDE/MDMA Gefühle, dass ich mich auflöse, in nichts oder in andere Leben, oder dass ich einfach irgendwo war, dass ich einfach in so einer Farbenwelt war. Es war wunderbar und es war schön und ich war einfach nichts. Das war eine wunderbare Erfahrung, ein sehr schönes Gefühl, einfach mal nichts zu sein …”.

Für LSD wurde schon früh das Auftreten von „Peak-Experiences“ (Maslow) oder „integralen Erfahrungen“ (Masters und Houston, 1966) beschrieben. Die Person erlebt dabei eine Art subjektiven „Aufstieg“ in eine neue Wahrnehmungsebene, im Sinne intensiver Erfahrungen von oftmals überwältigendem Charakter. Die emotionale Ladung dieser Erlebnisse ist ausgesprochen hoch, auch wenn sich das Erleben äußerlich meist in einem Zustand der Ruhe vollzieht. Der Betreffende nimmt auf intensivste Weise und mit Gewissheit wahr, sich auf der tiefsten Ebene menschlichen Erlebens zu bewegen, verstanden als Essenz, existenzieller Urgrund oder Gott. Dabei erscheint das eigene Ich als Illusion und verliert seine Begrenzungen, indem es in einem Größeren, umfassenderen sich aufzulösen scheint. Sherwood et al. (1963) haben als erste die persönlichkeitswandelnden Wirkungen solcher „psychedelic experiences“ beschrieben. Pahnke und Richards (1966) haben sich mit der Phänomenologie mystischer Erfahrungen und ihren Implikationen systematisch auseinandergesetzt. Sie betonen die Identität dieser Erlebnisse mit denen von religiösen Mystikern und heben ihre persönlichkeitswandelnde Wirkung auch im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse hervor.

Für die hier beschriebenen Erfahrungen ist zu betonen, dass es sich um solche unter der Wirkung von Entaktogenen handelt. Auch unter deren Wirkung kommt es zu sogenannten Peak-Experiences, die jedoch typischerweise ein anderes Gepräge haben. Wie die Beschreibungen zeigen, scheint bei diesen eher eine Affirmation der individuellen Aspekte des Selbst im Zentrum zu stehen; während bei LSD eher die Ich-Auflösung und eine Begegnung mit einem umfassenderen Transzendenten typisch ist. Die Ich-Auflösung unter Entaktogenen wäre dagegen eher als Auflösung einer durch Vorerfahrungen bedingten Einengung des Ich-Erlebens zu beschreiben, die sich durch eine von (Selbst-)Akzeptanz getragene Offenheit der subjektiven Erfahrungswelt auszeichnet. Die weltlichen Dinge und Zusammenhänge verschwinden hier aber keineswegs (etwa angesichts eines übergeordneten Transzendenten), sondern ihre Wahrnehmung ist lediglich durch Entängstigung und innere Ruhe so verändert, dass sich der Endruck einer basalen Intaktheit und Geordnetheit des (eigenen) Lebens ergibt. Man scheint nichts mehr zu benötigen zum Glück, denn alles ist vorhanden in der tiefsten Ruhe, der man sich hinzugeben in der Lage ist. Alles scheint eine Erklärung zu haben. Niemand hat es gegeben oder nach ihm gefragt. Eine ständig kritisierende und urteilende innere Instanz scheint ausgeschaltet und durch eine Art bedingungsloser Akzeptanz ersetzt.

Naranjo (1973), der sowohl mit Halluzinogenen als auch mit Entaktogenen Erfahrungen in der Psychotherapie gesammelt hat, kennzeichnet die Peak-Experiences unter Halluzinogenen wie LSD mit dem Begriff der „Depersonalisierung“ und diejenigen unter Entaktogenen mit dem (neuen) Begriff der „Personalisierung“.

Kennzeichnende Elemente der in den obigen Beschreibungen geschilderten transpersonalen Erfahrungsqualitäten sind: 1. eine vollständig entspannte Öffnung gegenüber dem inneren Erleben; 2. das Empfinden einer emotionalen Gelöstheit, derart, dass alles in Ordnung und sicher scheint; 3. eine positiv erlebte Annäherung an einen „inneren Kern“ der eigenen Person; 4. ein Erkennen und Spüren, „was Liebe ist“; 5. ein Geöffnetsein für Selbstliebe, ein Sich-annehmen-können mit basaler Selbstakzeptanz; 6. eine Besinnung auf nicht-materielle Aspekte von Sein und Glück.

Transpersonale Erfahrungen könne sehr tiefgehende Einsichten vermitteln, sind von großer Erlebnisintensität und können in einigen Fällen eine durchgreifende Wandlung der persönlichen Lebensorientierung und Wertewelt nach sich ziehen. Im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse stimulieren sie oft neue Wahrnehmungen der eigenen Person, anderer oder der Welt, verändern Blickwinkel und Perspektivität und können darüber auch triggernde Wirkungen auf psychotherapeutische Veränderungsprozesse entfalten.

 

Therapieresultate aus der Sicht von Patienten

Es ist für das Thema der vorliegenden Arbeit von Belang, anhand von Selbstschilderungen aufzuzeigen, was von Patienten als Resultat der abgelaufenen therapeutischen Prozesse wahrgenommen wird. Dies kann jedoch selbstverständlich nur hinweisenden Charakter haben.

“Durch diese Sitzungen hat sich für mich verändert, dass die Wahrnehmung intensiver und die Beziehungen zu Menschen klarer geworden sind. … ich habe im Grunde genommen ein deutlich tieferes und besseres Verhältnis zu Menschen. Ich kann sie stärker fühlen und mitbekommen und auf sie eingehen. Ich bin viel empathischer geworden“.

“… Danach habe ich viele Dinge gemacht, einfach gemacht. Ich spürte ein kaum beschreibbares Vertrauen in die eigene innere Stärke und Fähigkeit. Was immer auch an Folgen, Konflikten, Problemen entsteht, lösen zu können. Ein absolutes Vertrauen, dass ich vorher nicht kannte, denn es waren eben immer noch vorsichtig abgecheckte Versuche, die immer noch eine gewisse Absicherung gesucht haben. Ich entwickelte einen viel direkteren Bezug zu den tiefsten Gefühlen. Ich glaube, ich habe von da an erst gespürt, was Liebe ist. Eine Ausnahme sind vielleicht meine Kinder. Da habe ich innigste Liebe schon mal gespürt und das hat mich damals auch in die Therapie getrieben, weil ich da dieses Gefühl mal gespürt habe und gemerkt habe, dass ich das sonst gar nicht habe im Leben. ... Es gab natürlich auch schmerzliche Veränderungen, Risse, Brüche, aber ich war plötzlich sehr, sehr viel angstfreier und sehr viel mutiger”.

“Ich habe einen anderen Zugang zu meiner Innenwelt, zu meinem Gefühlsleben. Ich bin mehr bei mir. Ich kann mich mehr mit mir auseinandersetzen. Ich habe keine Angst mehr vor meinen Gefühlen. Ich war nach den Sitzungen bereit, eine neue Partnerschaft einzugehen, mich vollkommen darauf einzulassen. Das habe ich eigentlich alles dieser Therapie zu verdanken, dass ich diese Angst verloren habe, die Angst vor mir selbst und die Angst vor meinen Gefühlen”.

“… Ich habe durch die Sitzungen ein anderes Selbstvertrauen gekriegt. Ich habe mehr an mich geglaubt und dadurch eine andere Stärke entwickelt und konnte auch meine Ziele besser verfolgen, konnte meine Wünsche formulieren; was ich vorher nicht konnte. Ich konnte dann anfangen, die Wünsche auszusprechen und umzusetzen, mir Ziele stecken und diese Ziele bearbeiten. … Ich bin mit einer anderen Kraft aus diesen Sitzungen raus und habe gespürt, dass ich mir vertrauen kann. Somit bin ich dann raus ins Leben und habe angefangen, Schritt für Schritt meine Sachen zu ändern”.

“... die Erlebnisse, die ich da gemacht habe, wie ich mich gesehen habe, kennengelernt habe, die begleiten mich. Meine harten Seiten, aber auch meine liebevollen Seiten sind mir viel präsenter geworden. Ich sehe das auch in meiner Arbeit, dass ich viel einfacher, natürlicher, umgänglicher bin als vorher, weniger kontrolliert. Ich muss weniger beweisen. Ich bin einfach da und weiß, ich habe zwar Aufgaben zu erledigen, aber das mache ich halt. Der Art des Umgangs mit Menschen erscheint mir mindestens so wichtig wie das Ergebnis der jeweiligen Aufgaben. Der Umgang mit Menschen hat sehr von den Erfahrungen mit den Medikamenten profitiert”.

Was durchgängig aus diesen Beschreibungen zu sprechen scheint, ist, dass es einen Zuwachs an Selbsterkenntnis (im Sinne des Erlebens und Verstehens eigener Beschränkungen und Möglichkeiten) sowie eine Vermehrung von Selbstakzeptanz gegeben hat. Daneben stehen Erweiterungen des Erlebens von Vertrauen und Gefühlen im Allgemeinen sowie veränderte Erfahrungen im mitmenschlichen Raum. Diese spezifischen Koordinaten der Veränderung spiegeln (trotz ihres teils auch unspezifischen Charakters) spezifische Merkmale des veränderten Erlebens unter Entaktogenen wieder und können von daher Anlaß zu der Vermutung geben, es handele sich bei den geschilderten Veränderungen um Ausflüsse der spezifischen Erfahrungen unter der Wirkung von Entaktogenen bzw. von durch diese Erfahrungen in spezifischer Richtung beeinflußten Veränderungsprozessen. Im Bezug auf die Kategorien von Grawe (1995) scheint sich hier der Wirkfaktor „veränderte Bedeutungen“, in denen der Patient sich selbst und seine Umwelt erfährt, in großer Deutlichkeit zu zeigen. Zudem kommt es im Gefolge von Prozessen, die am ehesten der Klärungsperspektive nach Grawe (1995) zuzuordnen wären, zu einer „Mobilisierung individueller Ressourcen“.
 

Weitere Aspekte des therapeutischen Prozesses

Aus den bisherigen Erörterungen lassen sich fünf wesentliche Elemente herausarbeiten, die an der therapeutischen Wirkung psycholytischer Sitzungen mit Entaktogenen beteiligt sein dürften:

  • Verminderung und Transparenz und von Übertragungsphänomenen

Im Rahmen der Gruppensituation, bei der gewöhnlich zwei bis drei Therapeuten (beider Geschlechter) anwesend sind, hat es den Anschein, als würden - im Unterschied zu den im dyadischen Setting bei der psycholytischen Therapie beschriebenen Intensivierungen der Übertragung – Übertragungsphänomene in dem beschriebenen gruppentherapeutischen Setting eine fast nur marginale Rolle spielen. Da sich die Klienten primär auf die Aspekte der Therapeuten konzentrieren, die positiven Halt, Anlehnung und Unterstützung vermitteln und darüber hinaus die meiste Zeit auf sich selbst konzentriert sind (Augenklappen, Kopfhörer), scheinen problematische Übertragungsphänomene stark vermindert. Auch können durch die Gruppensituation Übertragungstendenzen weniger Raum greifen und eher „wegdiffundieren“.

  • Erlebnis und Integrationsarbeit

Es ist anzunehmen, dass sich eine nachhaltige therapeutische Wirkung nur mittels einer psychotherapeutischen Nachbereitung und Integrationsarbeit erreichen lässt. In der substanzunterstützten Situation des Wiedererlebens bzw. Neuerlebens geht es zunächst um das Spüren, Ansehen und Annehmen des Wahrgenommenen und dann erst um dessen Integration. Selbstverständlich sollten die neu gewonnenen Erfahrungen, Erkenntnisse und Gefühlszugänge in einer sorgfältigen Einzelbehandlung durchgesprochen und durchgearbeitet werden, da diese wichtige Integrationsarbeit allein an den erlebnisintensiven Wochenenden nicht gelingen kann. Unterbleibt dieses Durcharbeiten, so bleibt das Erlebte und Erreichte nicht wirksam verankert.

 

Aktivieren Entaktogene Selbstheilungskräfte?

Aufgrund der geschilderten Wirkungen, über welche die Entaktogene (unter geeigneten psychotherapeutisch strukturierten Bedingungen) psychotherapeutisch wirksame Prozesse fördern können, kann die Annahme sinnvoll erscheinen, dass es sich um die Aktivierung von Selbstheilungsvorgängen handelt. So sind die im veränderten Bewußtseinszustand ablaufenden Prozesse praktisch immer weitgehend eigenständige Bewusstwerdungen sonst unbewusster Erinnerungen, Bewertungen, Prozesse und Verhaltensweisen. Der Therapeut handelt während der psycholytischen Sitzungen lediglich supportiv und anregend, und nur selten konfrontierend oder führend, da diese Prozesse im Normalfall „fast wie von selbst“ ablaufen und kaum einmal intensivere Interventionen der Therapeuten erforderlich machen. Die Aufgabe der Therapeuten besteht demzufolge primär in der Sicherung des Rahmens und einer supportiven Haltung, die primär auf die Kräfte und Ressourcen des Patienten orientiert.
Die durch die Entaktogene induzierte tiefreichende psychophysische Relaxation und Entängstigung setzt narzisstische Dysregulationen und Verzerrungen außer Kraft (positives Ganzheitsempfinden, „Selbstliebe“, „Geborgenheit“) und könnte darüber Selbstheilungskräfte entfalten. Aus den Beschreibungen und klinischen Beobachtungen wird zudem deutlich, dass die oben aufgezeigten Möglichkeiten von korrigierenden Neuerfahrungen, insbesondere im interpersonalen Raum sehr konstruktiv von den Patienten genutzt werden können. Die Destrukturierung von oft chronischen neurotischen seelisch-körperlichen Verspannungen können so Heilungsprozesse begünstigen. Hierzu schreibt der LSD-Therapeut Grof (1985, S. 367): „Ein wesentliches Nebenprodukt dieser therapeutischen Strategie ist die Entwicklung des Gefühls bei den Klienten, Herr über sich selber zu sein. Sie erkennen sehr rasch, dass sie sich selber helfen können und dass sie eigentlich die einzigen sind, die dies vermögen. Dadurch schrumpft ... der Glaube, dass nur eine magische Intervention von seiten des Therapeuten ... ihnen von Nutzen sein könnte“.

 

Die psycholytische Therapie mit Entaktogenen und die vier allgemeinen Wirkfaktoren von Psychotherapie nach Grawe

Im Bezug auf die vier Wirkfaktoren von Psychotherapie nach Grawe kann aufgrund der vorliegenden Studie (im Einvernehmen mit Schlichting, 2000, S. 73f.), Folgendes festgehalten werden: „Gerade weil sich in der Erlebnissitzung nicht nur die Pathologie darstellt, sondern eben auch die Erlebnisfähigkeit, Gefühle der Liebe und der Bindung, also intensive positive Affekte für den Patienten wieder erlebbar werden, kann er lernen, zur Problemlösung auf seine eigenen emotionalen Ressourcen zurückzugreifen und damit auch sein Selbstkonzept von seinen eigenen Kompetenzen positiv zu korrigieren. Ebenso nutzt die psycholytische Therapie die Problemaktualisierung und Konfrontation, wenn sich in der Sitzung eben auch problematische Beziehungsmuster, Ängste, neurotische Symptombildungen und Abwehrmechanismen sehr plastisch und erlebnisintensiv für den Patienten darstellen“. Dazu kommt die verstärkte Möglichkeit korrigierender Neuerfahrungen im intrapsychischen und insbesondere auch interpersonalen Bereich. Diese hat gewichtige Implikationen im Bezug auf die von Grawe postulierte „neurobiologische Umformung durch Neuerfahrung“ (Grawe, 2004). „ ... Schließlich die Klärungsperspektive, die in Form der verbesserten Introspektion und Einsicht in die Psychogenese der Störungen und Probleme, in die Wurzeln der eigenen Lebensgeschichte, aber auch in die kreativen Potentiale sowie in die eigenen Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten einen ganz besonderen Stellenwert in der psycholytischen Behandlung besitzt“ (Schlichting, 2000, S. 74).

 

Schluss

Zusammenfassend kann davon gesprochen werden, dass die psycholytische Therapie (insbesondere diejenige mit Entaktogenen) sowohl die Wirkfaktoren konventioneller Psychotherapie bedient, als auch diese in therapeutisch zuträglicher Weise zu verstärken in der Lage ist. Dazu kommen weitere, bisher nur wenig beforschte, Wirkfaktoren wie sie etwa die starke intrapersonale und interpersonale Entängstigung, das veränderte Körpererleben, die Altersregressionen, die hypermnestischen Phänomene, die mentalen Alternativsimulationen und die transpersonalen Erfahrungen darstellen. Allerdings stellt das klinische Arbeiten mit dieserart von veränderten Erlebnisweisen sehr hohe Anforderungen an die Ausbildung der Therapeuten und deren persönliche Integrität.

  • Literaturverzeichnis

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