Hawaiianische Holzrose: Botanik und (Psycho-)Pharmakologie der Argyreia nervosa


Einleitung

Im Rahmen einer neuen Jugendbewegung („Techno-" oder „Rave-Kultur") werden seit den 2000er Jahren verstärkt halluzinogene Stoffe konsumiert. Zunehmend kommt es angesichts der Illegalität der meisten benutzen Drogensubstanzen zum Ausweichen der Konsumenten auf „legale“ Ersatzstoffe in Form von Pflanzenpräparaten, z. B. Engelstrompeten, Salvia divinorum, aber auch der hier geschilderten Hawaiianischen Holzrose [20].

In unserer ausführlichen Veröffentlichung (siehe pdf) habe wir einen Fall einer ungewöhnlichen Reaktion auf die Einnahme der Samen der Hawaiianischen Holzrose dokumentiert. 


Botanik

Argyreia nervosa (Abb. 1) gehört zur Gruppe der Convolvulaceae (Windengewächse). Sie soll ursprünglich im indischen Raum beheimatet gewesen sein und ist durch große herzförmige Blätter, die an der Unterseite dicht mit feinen Härchen besetzt sind, charakterisiert. Die Stämme sind cremefarben. Die Blütenkörper sind tief und recht groß. Sie wachsen an der Pflanze in Bündeln, sind weiß, gewellt und von ovaler Gestalt. Sie kommt in Wäldern und an Hecken vor und ist eine der größten Windenpflanzen. In ihrer Heimatregion blüht sie während der Monate Juli und August. Die Pflanze wurde auch in Nordamerika und Europa erfolgreich kultiviert, hat jedoch nur als Zierpflanze ökonomische Bedeutung [16].

Inhaltsstoffe

In den Samen (Abb. 2) und Pflanzenteilen der Argyreia nervosa wurden bisher 30 Alkaloide nachgewiesen; von denen 19 identifiziert wurden [5]. Es handelt sich ausschließlich um Alkaloide mit einem Indolkern, von denen einige eine große strukturelle Ähnlichkeit mit dem bekannten Halluzinogen LSD aufweisen. Sie unterscheiden sich teilweise nur durch die Anzahl der substituierten Äthylgruppen [8]. In dem Alkaloidgemisch machen 5 (und 2 Strukturisomere) dieser Substanzen mit etwa 80% den wirksamen Anteil aus (Tabelle 1). Alle anderen Alkaloide kommen dagegen nur in sehr geringen Mengen bzw. in Spuren vor.

Pharmakologische und psychische Wirkungen

Als Verursacher der psychopharmakologischen Wirkung kommen von den genannten Stoffen nur Lysergsäureamid, Iso-Lysergsäureamid, Lysergsäureäthylamid und Iso-Lysergsäureäthylamid in Betracht [4, 14, 23]. Da diese Substanzen jeweils etwa 10-mal schwächer in der Wirkung sind als LSD, ist davon auszugehen, dass bei den gegebenen Konzentrationen das Lysergsäureamid und das Iso-Lysergsäureamid die wirksamen Hauptbestandteile der Pflanzensamen sind [24, 27]. Ergometrin ist als Medikament in der Geburtshilfe gebräuchlich (z. B. semisynthetisches Methylergometrin als Methergin®; [21]) und nicht psychoaktiv. Die in der Argyreia vorhandenen Konzentrationen von Ergometrin sind allerdings bei Einnahme von 2–5 Samen mit 0,2–0,4 mg sicher uterotonisch wirksam [2, 6, 9]. Somit muss vor einem Gebrauch durch Gravida dringend gewarnt werden.

Chanoclavine und Elymoclavine wurden bisher nicht systematisch am Menschen untersucht, sind aber von einigen Autoren als nicht psychoaktiv beschrieben worden [4], obgleich sie bei Tieren ein Exzitationssyndrom erzeugen sollen [15]. Auch sie sind wegen der geringen Konzentrationen als bedeutungslos einzustufen.

Da die mexikanischen Windengewächse Rivea corymbosa und Ipomoea violacea („Ololiuqui“,„Morning Glory“) eine praktisch identische Zusammensetzung an Alkaloiden, wenn auch in geringerer Gesamtkonzentration, aufweisen, kann auch auf Untersuchungsergebnisse mit diesen Pflanzen(zubereitungen) zurückgegriffen werden. Deren psychopharmakologische Wirkungen wurden ausführlicher beforscht [13, 17].

Es wurden von psychopharmakologischer Seite sowohl das Gemisch der Gesamtalkaloide als auch die bedeutendsten Einzelalkaloide (LA, Iso-LA, LAE, IsoLAE) eingehend untersucht. Im direktenVergleichderEinzelsubstanzen mit dem Gemisch zeigt sich, dass es sich bei diesen Alkaloiden um die Hauptwirkstoffe handelt [10, 11, 14].

LA und LAE zeigen als Monosubstanzen einen jeweils sehr konstanten Wirkungsverlauf. Dies gilt im Unterschied zu LSD, bei welchem der Rauschverlauf interund intraindividuell stark variiert, auch für die psychischen Wirkungen. Beide Stoffe produzieren keine eigentlich halluzinogene Wirkung, die dem LSD nur ansatzweise vergleichbar wäre. Zudem erzeugen beide ausgeprägte vegetative Nebenwirkungen wie sie vom LSD unbekannt sind.

LA (0,5 mg p.o.) und in höherer Dosis Iso-LA (2 mg p.o.) erzeugen an vegetativen Wirkungen Hypersalivation, Übelkeit (z. T. mit Erbrechen), Diarrhö, Schwindel, Blutdruckschwankungen, Reduktion der psychomotorischen Aktivität, Müdigkeit und eine Trübung der visuellen Wahrnehmung. Bei höheren Dosierungen tritt starke Müdigkeit mit Bewusstseinstrübung und nachfolgendem Schlaf auf. Bei den psychischen Effekten stehen Müdigkeit und Indifferenz, Apathie, und ein Gefühl innerer Leere sowie der Irrealität und Bedeutungslosigkeit der Außenwelt wie auch depressive Befindlichkeiten im Vordergrund [14]. Die für LSD typischen Wahrnehmungsveränderungen wie visuelle Illusionen, hypnagoges Erleben, Synästhesien und die meist euphorische Stimmungslage treten nicht auf. Die Wirkung hält etwa 5 h an [15]. Im Tierversuch konnte eine positive Korrelation von zerebraler Iso-LA-Konzentration mit entsprechenden Verhaltensveränderungen bei Mäusen gefunden werden [28].

LAE und Iso-LAE erzeugen in kleinen Dosen (0,25 mg total s.c.) nur geringfügige vegetative Wirkungen [29]. In höheren Dosen (0,5–0,75 mg s.c., i.m.) imponieren dagegen ausgeprägte physische Nebenwirkungen wie transiente Hypertonie, Tachykardie und Tachypnoe. Außerdem treten regelmäßig Hypersalivation, Parästhesien, Wärmeund Kältegefühle, motorische Verlangsamung und Unsicherheit sowie Übelkeit auf [6, 11, 14, 24, 25]. Bei den psychischen Wirkungen stehen Apathie, Benommenheit, Indifferenz und eine Trübung des Sensoriums mit zeitweiliger VerwirrtheitimVordergrund.DassubjektiveErleben wird dominiert von „Gedankenleere“,Zeiterlebensveränderungen,dem Gefühl einer Persönlichkeitsveränderung sowie visuellen Wahrnehmungsveränderungen (bei ca. 33% der Vp.), wird jedoch als bei weitem nicht so eindrücklich und intensiv wie unter LSD beschrieben [24]. Allerdings wird durch LAE im Unterschied zum LA trotz ausgeprägter Apathie kein Schlaf erzeugt. Insgesamt kommt es zu einer Minderung des Bewusstseins und der kognitiven Funktionen. Das Erleben unter LA/Iso-LA bzw. LAE/Iso-LAE wurde von den Versuchspersonen als generell unangenehm beschrieben.

Hofmann [14] wie auch Heimann [11] untersuchten systematisch die psychischen Wirkungen der (mit der Argyreia nervosa bezüglich der qualitativen Alkaloidzusammensetzung praktisch identischen) Rivea corymbosa im Vergleich mit den Einzelsubstanzen LA, IsoLA, LAE, Iso-LAE. „Der Vergleich der Veränderungen der einzelnen Erlebnisbereiche zwischen den Teilsubstanzen und dem Gesamtalkaloidgemisch lässt erkennen, dass Letzteres eine Kombination darstellt und nicht andere Symptome bewirkt als die Teilsubstanzen.“ [10, 11] Für das Spektrum der vegetativen Nebenwirkungen gilt das für die Einzelsubstanzen Gesagte; allerdings ist anzunehmen, dass hierbei die Wirkungen des LA bzw. Iso-LA – aufgrund der höheren Konzentration dieser Stoffe im Gesamtalkaloidgemisch – dominieren. Im Vordergrund der psychischen Wirkungen des Gesamtalkaloidgemisches steht eine beeinträchtigende Bewusstseinstrübung. Die Versuchspersonen wirken schwer leidend, apathisch und bewusstseinsgetrübt. Bewegungen und Sprechen sind verlangsamt. Das Erleben gestaltet sich im Unterschied zum LSD eintönig und ohne phasenhafte Wechsel. Wahrnehmungsstörungen treten nur selten auf, obgleich gelegentlich im Halbschlaf hypnagoge Erscheinungen beschrieben wurden. Visuelle Illusionen und Pseudohalluzinationen, die beim LSD das Wirkungsbild beherrschen, fehlen jedoch fast vollständig. Nach Heimann besitzen die Einzelsubstanzen wie auch das Gesamtalkaloidgemisch "... keine psychodyseptischen Eigenschaften im engeren Sinne, sondern erzeugen eine unangenehme, durch starke vegetative Störungen gekennzeichnete, vorwiegend sedierende Intoxikation, die sich am ehesten mit der Wirkung von Scopolamin vergleichenlässt“[10,11].Einschränkendist anzumerken, als dass Scopolamin im Gegensatz zu LA und LAE eine ausgeprägte Mundtrockenheit hervorruft [19].


Synopsis

Fälle von Intoxikationen mit Samen der Hawaiianischen Holzrose weisen auf das Gefahrenpotenzial bei der Einnahme von alkaloidhaltigen Pflanzen weitgehend unbekannter Zusammensetzung hin. In der Literatur findet sich bisher allerdings nur eine Falldarstellung einer solchen Intoxikation, die jedoch im Widerspruch zu sämtlichen hier zugrunde liegenden Quellen steht. AlAssmar [1] beschreibt dort einzig auf der Grundlage seiner eigenen Interpretation der Arbeit von Shawcross [23] und des von ihm beschriebenen Falles eine starke halluzinogene Wirksamkeit der Samen der Hawaiianischen Holzrose. Nach den bisherigen Erkenntnissen (mit Ausnahme der Angaben von Al-Assmar) kann die von den Konsumenten erwünschte halluzinogene Wirkung bei Einnahme von Pflanzensamen der Hawaiianischen Holzrose aufgrund ihrer Zusammensetzung nicht erzielt werden. Es ist vielmehr damit zu rechnen, dass das Bild der Intoxikation durch vegetative Nebenwirkungen, Sedierung, Bewusstseinstrübungen sowie uneinheitliche Verzerrungen des Erlebens gekennzeichnet ist. Aufgrund dieses Wirkungsbildes wird die Wahrscheinlichkeit des Auftretens psychiatrischer Komplikationen, wie sie im vorstehenden Fall geschildert wurden, als nicht gering einzustufen sein. Insbesondere die Kombination unangenehmer körperlicher Nebenwirkungen mit deutlich irritierenden psychischen Wirkungen dürfte dazu beitragen. Aufgrund dessen wird trotz der legalen Verfügbarkeit und der Bewerbung nicht mit einer weiten Verbreitung oder einem dauerhaften Konsum zu rechnen sein. So sind in Amerika die Wirkungen seit Jahrzehnten in der Drogensubkultur bekannt, ohne dass der Konsum enge Grenzen überschritten hätte [23]. Dennoch kann auch der einmalige Gebrauch, insbesondere bei Schwangeren [9], unkalkulierbare Risiken bergen.

  • Literaturverzeichnis

    1. Al-Assmar SE (1999) The seeds of the Hawaiian Baby Woodrose are a powerful hallucinogen. Arch Intern Med 159:2090

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    4. Brimblecombe RW, Pinder RM (1975) Hallucinogenic agents. Wright-Scientechnica, Bristol


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