Aktuelle Entwicklungen der MDMA-unterstützten Psychotherapie Stand März 2020

 

Von Prof. Dr. Torsten Passie

 

Der psychotherapeutische Einsatz von MDMA begann 1977 und erfolgte durch einige dutzend Ärzte und Therapeuten im Verschwiegenen bis 1985, vor allem in den USA und vereinzelt in Europa. Unmittelbar vor dem Verbot von MDMA im Jahr 1985 begann der MDMA-Enthusiast Rick Doblin mit toxikologischen Studien an Tieren, wie sie für die Durchführung von Studien am Menschen erforderlich waren. Die Ergebnisse wurden kurz danach veröffentlicht (Frith et al. 1986) und bildeten die Grundlage für die Arzneimittelstammdatei über MDMA bei der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA). Seitdem strebte Doblin eine enge Zusammenarbeit mit der FDA an. 1986 gründete Doblin die gemeinnützige Organisation MAPS mit der Absicht, die Forschungen auf dem Gebiet der Psychedelika zu fördern, insbesondere aber therapeutische Studien mit MDMA durchführen zu können.

Nach dem Verbot von MDMA 1985/86 blieben eine ganze Reihe von Forschungsanträgen mit dem Ziel einer therapeutischen Anwendung von MDMA an amerikanischen Universitäten erfolglos. Professor Charles Grob (Universität von Kalifornien in Los Angeles, UCLA) stellte Ende der 1980er Jahre einen Antrag, die Behandlung von Krebspatienten im Endstadium mit MDMA-unterstützter Psychotherapie zu untersuchen. Diese Studie wurde von einem neuen Gremium bei der FDA (dem Pilot Drug Evaluation Staff) sorgfältig evaluiert, und das Forschungsdesign für sachgerecht und sinnvoll erklärt. Es wurde jedoch festgestellt, dass zu diesem Zeitpunkt nicht genügend Daten über die physiologischen Wirkungen von MDMA vorlagen. Daher schlug die FDA vor, zuerst eine Studie über die Wirkungen von MDMA bei gesunden Freiwilligen durchzuführen. Diese Studie war die erste wissenschaftliche Studie, in welcher die Auswirkungen von MDMA beim Menschen untersucht wurden. Sie fand 1992 an der UCLA statt. Seit Ende der 90er Jahre folgten dann Studien in verschiedenen Ländern zu Auswirkungen von MDMA auf den Menschen. Diese Studien waren vorrangig auf die Wirkungen und Folgewirkungen des Konsums von MDMA als Freizeitdroge ausgerichtet.

 

Die ersten therapeutischen Studien

Nach einer fast unendlichen Reihe von Schwierigkeiten wurde 2004 in der Praxis von Dr. Michael Mithoefer in Charleston (South Carolina) die erste therapeutische Studie zur MDMA-gestützten Psychotherapie zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) begonnen. Die Ergebnisse waren beeindruckend und wurden 2010 im renommierten Journal of Psychopharmacology veröffentlicht. Seit 2009 wurde in der Schweiz eine identische, von MAPS gesponserte Studie durchgeführt, die jedoch keinen signifikanten Unterschied im Behandlungserfolg im Vergleich zur Placebogruppe zeigte. Dies war durch die geringe Anzahl der behandelten Probanden verursacht. Wenn fünf weitere Probanden behandelt worden wären, wären die Ergebnisse signifikant gewesen.

Vier weitere Phase 2-Studien in den USA, Kanada und Israel haben durchweg sehr gute Behandlungsergebnisse gezeigt, die mit der ersten Studie von Mithoefer et al. (2010) übereinstimmten. Es ist erwähnenswert, dass es keine Unterstützung für MDMA-Studien von Seiten der Pharmaindustrie gab. Daher musste das gesamte, für die therapeutischen Studien erforderliche Geld über private Spenden gesammelt werden.

 

Phasen der Arzneimittelentwicklung

Wenn eine Substanz entdeckt wird, die das Potenzial hat, als Medikament brauchbar zu sein, so muss ein Prozess zur Medikamentenentwicklung eingeleitet werden. Entgegen der landläufigen Meinung wird dieser Prozess nicht von der Pharmaindustrie initiiert, sondern von Finanzinvestoren, die das erhöhte Risiko in den frühen Entwicklungsstadien zu tragen bereit sind. Dieses Risiko kann erheblich sein. So wird die Entwicklung von vier der vielleicht fünf an-entwickelten potenziellen Medikamente schon in den ersten Entwicklungsphasen wegen Problemen abgebrochen.

Im Rahmen des Arzneimittelentwicklungsprozesses werden im ersten Schritt toxikologische Studien an Tieren durchgeführt, in denen das Sicherheitsprofil eruiert wird, einschließlich der physiologischen Reaktionen. Während dieser Studien werden auch hohe bis sehr hohe Dosen verabreicht, um mögliche nachteilige Auswirkungen auf die Organsysteme zu identifizieren – und die tödliche Dosis zu bestimmen. Nach erfolgreichem Abschluss kann die Substanz in sogenannten Phase 1-Studien an gesunden Freiwilligen getestet werden. Dabei werden die Stoffwechselwege der Substanz im menschlichen Körper untersucht und der Verlauf der Blutplasmaspiegel bestimmt. In Phase 2-Studien werden die Medikamente erstmals Patienten mit bestimmten Krankheiten verabreicht. Dies erfolgt im Rahmen einer doppelblinden und placebo-kontrollierten Studie, um eine mögliche Wirksamkeit zweifelfrei feststellen zu können. Ein besonderes Merkmal von Phase 2-Studien ist die Möglichkeit, die Dosis und die Einnahmefrequenz zu variieren, um die effektivste Behandlungsstrategie zu ermitteln. Wenn diese herausgefunden und die Ergebnisse von der FDA bzw. der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) überprüft wurde(n, können die Phase 3-Studien beginnen. Für diese muss ein festes Schema von Dosierungen und anderen Behandlungsvariablen angewendet werden. In den Phase 3-Studien werden zwischen 200 und 1.000 Patienten behandelt. Die große Patientenzahl dient dazu, die Wirksamkeit der Behandlung zu bewerten und mögliche seltene Nebenwirkungen zu identifizieren.

MAPS hat sechs Phase 2-Studien zur MDMA-gestützten Psychotherapie bei PTBS erfolgreich durchgeführt. Während dieser Zeit wurden einige Aspekte des Behandlungsverfahrens variiert und schließlich ein spezifisches Behandlungsschema festgelegt. Die Ergebnisse der Phase 2-Studien wurden von der FDA überprüft und für gut erachtet. Das Protokoll für die Phase 3-Studien wurde mit der FDA diskutiert, etwas modifiziert und 2018 von der FDA akzeptiert. Die MAPS-Forscher rekrutieren derzeit etwa 200 Teilnehmer an mehr als 15 Standorten für die Durchführung der Phase 3-Studien.

 

Ein Behandlungshandbuch für die MDMA-gestützte Psychotherapie

Seit 2005 begann eine Gruppe um die Mithoefers und Rick Doblin, an einem Behandlungshandbuch für die MDMA-unterstützte Psychotherapie bei PTBS zu arbeiten. Es wurde von Dr. Michael Mithoefer und seiner Frau Annie Mithoefer wie auch Lisa Jerome, June Ruse, Rick Doblin, Elizabeth Gibson und Marcela Ot'alora entwickelt und geschrieben. Insgesamt gab es sechs (Vor-)Versionen, bis im Jahr 2015 eine endgültige Version veröffentlicht wurde. Das Handbuch beschreibt die Qualifikationen und Verfahrensweisen, wie sie für die Durchführung der MDMA-gestützten Psychotherapie in einem standardisierten Format erforderlich sind. Dies ist besonders wichtig für die Studien der Phasen 2 und 3, da sie standardisierten Behandlungsverfahren folgen müssen, insbesondere wenn sie von verschiedenen Therapeuten an verschiedenen Orten durchgeführt werden. Das Behandlungshandbuch ist verfügbar unter: https://maps.org/research-archive/mdma/MDMA-Assisted-Psychotherapy-Treatment-Manual-Version7-19Aug15-FINAL.pdf).

 

Das Handbuch enthält Abschnitte über:

 

o Qualifikation und Hintergrund des Therapeuten

o Die Unterstützung des Prozesses der Patienten

o Die Durchführung von Vorbereitungssitzungen

o Die Durchführung von MDMA-unterstützten Psychotherapie-Sitzungen

o Die Durchführung integrativer Folge-Sitzungen

o Die Psychohygiene des Therapeuten

 

Darüber hinaus enthält es ein Kapitel, in dem die Ähnlichkeiten und Unterschiede der MDMA-gestützten Psychotherapie zur Therapie interner Familiensysteme (IFS) und zur somatischen Verarbeitung beschrieben werden. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den "Elementen der MDMA-gestützten Psychotherapie und anderer Methoden". Das Handbuch wurde und wird als Grundlage für alle Behandlungen in Phase 2-Studien und Phase 3-Studien verwendet und ist auf die Verwendung von MDMA-unterstützter Psychotherapie bei PTBS beschränkt.

 

Ein Trainingsprogramm für die MDMA-gestützte Psychotherapie

Das Trainingsprogramm für die MDMA-unterstützte Psychotherapie wurde 2012 von Annie und Michael Mithoefer in Zusammenarbeit mit MAPS entwickelt und eingeführt, also den beiden Therapeuten, welche die ersten therapeutischen Studien durchführten. Die ersten MDMA-Therapeuten, die sich seit Ende der 1970er Jahre mit der MDMA-unterstützten Therapie dies beschäftigten, hatten meist Erfahrungen mit Psychedelika und der therapeutischen Verwendung veränderter Bewusstseinszustände (z. B. Holotropic Breathwork® von Stanislav Grof).

Das Training für MDMA-Therapeuten ist ein fünfteiliges Programm, das Therapeuten und Forscher auf die Arbeit an den Phase 3-Studien vorbereiten soll. Die Teilnehmer müssen über entsprechende Qualifikationen verfügen. Dazu zählt eine Ausbildung zum Psychologen oder Arzt mit Zusatzqualifikation zum Psychotherapeuten. Der fünfstufige Schulungsplan umfasst einen Online-Kurs, ein einwöchiges Seminar, das hauptsächlich praktischen Fragen gewidmet ist (z.B. der Diskussion von Videoclips MDMA-unterstützter Therapiesitzungen). Dadurch soll erlernt werden, wie man Patienten während des durch MDMA-induzierten Zustandes begleitet und mit ihnen arbeitet. Im dritten Teil hat der Therapeut die Möglichkeit, MDMA in einer Selbsterfahrungssitzung einzunehmen. Der vierte und fünfte Teil befassen sich mit der praktischen Behandlung eigener Patienten, einschließlich von Intervisions-/Supervisionssitzungen, die in der Regel in Peergroups erfolgen sollen.

Nach Ansicht der meisten MDMA-Therapeuten ist es wichtig, dass der Therapeut Selbsterfahrungen mit dem MDMA macht, um dessen Wirkungen zu kennen und die Erfahrungen seiner Patienten besser verstehen und einfühlen zu können. Um eine solche Selbsterfahrungsmöglichkeit sicherzustellen, musste ein besonderes Forschungsprojekt eingerichtet werden, da es nach amerikanischem Recht nicht gestattet ist, Freiwilligen außerhalb eines wissenschaftlichen Forschungsprojektes MDMA zu verabreichen. Daher wurde eine entsprechende Forschungsstudie entwickelt. Das Forschungsprotokoll lehnte sich an das Vorgehen des LSD-Forschungsteams von Dr. Albert Kurland im Spring Grove-Krankenhaus (Baltimore, Maryland) Anfang der 1970er Jahre an. Dieses Team hatte eine FDA-Zulassung zur Verabreichung von LSD an Krankenschwestern, Ärzte und Psychologen, die im Rahmen von LSD-Studien mit Patienten arbeiteten. Nachdem die FDA den Studienplan geprüft hatte, erhielt MAPS 2009 von der FDA und dem zuständigen Institutional Review Board (IRB) die Genehmigung dafür. Im Jahre 2010 nahmen die ersten Therapeuten MDMA als Teil ihrer Ausbildung ein. Bisher haben 85 Therapeuten die Selbsterfahrungsstudie durchlaufen. Derzeit ist die Teilnahme an mehreren Standorten möglich, aber auf Therapeuten beschränkt, die an den von MAPS gesponserten klinischen Studien arbeiten.

Vor einigen Jahren wurde schließlich das Gesamtkonzept des Trainingsprogramms von der FDA genehmigt.

Die erste Schulung in Europa fand 2012 in Österreich statt, die zweite 2018. In Maastricht führten Mitarbeiter von MAPS eine einwöchige Schulung für 60 Therapeuten durch, welche die Phase 3-Studien in Europa durchführen sollen. Die Teilnehmer kamen aus der Tschechischen Republik, Dänemark, Großbritannien, Finnland, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Spanien, der Slowakei sowie Israel, Australien, Afghanistan und China. Bis 2019 wurden über 500 Ärzte, Krankenschwestern, Berater und andere psychiatrische Fachkräfte in das Programm aufgenommen.

 

MDMA erhält von der FDA die Bezeichnung "Breakthrough Therapy Designation"

Nachdem MAPS sechs internationale Phase 2-Studien an 107 Patienten mit chronisch behandlungsresistenter PTBS abgeschlossen hatte, erkannte die FDA nach sorgfältiger Prüfung der Ergebnisse an, dass die Behandlung wirksam, gut verträglich und physiologisch unbedenklich war. Die Patienten erhielten 2-3 Sitzungen mit MDMA-unterstützter Psychotherapie und einige begleitende psychotherapeutische Sitzungen. Die Ergebnisse zeigten, dass 56% der Patienten nach der Behandlung keine PTBS mehr hatten, obwohl vorher alle Teilnehmer an einer chronischen und behandlungsresistenten PTBS litten und zwar im Durchschnitt über 17,8 Jahre. Bei einer Nachuntersuchung nach 12 Monaten zeigten 68% keine PTBS-Symptome mehr.

Am 27. August 2017 konnte MAPS bekanntgeben, dass die FDA ihnen eine „Breakthrough Therapy Designation (BTD)“ für MDMA zur Behandlung von PTBS erteilt hat. In dieser wird offiziell anerkannt, dass die MDMA-unterstützte Psychotherapie "eine wesentliche Verbesserung gegenüber bestehenden Therapien nachweisen kann" (Feduccia et al. 2019). Seit 2012 hat die FDA ein Programm für eine optionale BTD während einer Medikamentenentwicklung eingeführt. Die FDA gewährt diese Bezeichnung für Behandlungen, die (1) allein oder in Kombination mit einem oder mehreren anderen Arzneimitteln zur Behandlung einer schweren oder lebensbedrohlichen Krankheit bestimmt sind; und (2) vorläufige klinische Beweise darauf hindeuten, dass eine wesentliche Verbesserung gegenüber bestehenden Therapien nachgewiesen werden kann. Beide Voraussetzungen erfüllt die MDMA-unterstützte Psychotherapie. Eine BTD stellt sicher, dass die FDA eng mit dem Studiensponsor zusammenarbeitet, um die Phase 3-Studien so effizient und schnell wie möglich durchzuführen. Zwecks Beschleunigung werden Kommunikationsprozesse erleichtert und die Arbeitsabläufe in den Behörden effizienter gemacht.

Es ist erstaunlich, dass eine kleine gemeinnützige Organisation wie MAPS dies erreicht hat. Julie Lepin, eine Expertin aus der Pharmaindustrie, merkt dazu an: "Es ist eine ziemlich große Sache. BTD spiegelt die Einschätzung der FDA wider, dass die vorgelegten Daten einen signifikanten therapeutischen Fortschritt widerspiegeln." In Verbindung mit dem BTD hat MAPS auch die spezielle Protokollevaluation ausgehandelt, die das Protokolldesign und die folgenden Schritte sicherer und einfacher macht.

 

Phase 3-Studien in den USA

Nachdem die Daten der Phase 2-Studien von der FDA geprüft wurden, hat MAPS der FDA einen Plan für die Gestaltung der Phase 3-Studien vorgelegt, der kurz darauf von der FDA genehmigt wurde. Diese Phase 3-Studien sind die letzten Studien vor der Zulassung eines Arzneimittels zur Vermarktung. Daraufhin startete MAPS im November 2018 die Etablierung von 15 Standorten für die Phase 3-Studien mit der MDMA-unterstützten Psychotherapie bei PTBS. An diesen sollen 200 bis 300 Teilnehmer in den USA, Kanada und Israel teilnehmen.

Die Studienteilnehmer werden über 12 Wochen behandelt. Sie erhalten währenddessen 12 nicht-medikamentöse Vorbereitungs- und Integrationssitzungen von jeweils 90 Minuten sowie im Abstand von einem Monat drei eintägige Sitzungen mit MDMA oder Placebo in einem psychotherapeutischen Setting mit jeweils zwei Therapeuten. Der primäre Endpunkt ist die PTBS-Symptomskala CAPS-5. Der Zustand der Patienten nach Abschluss der Behandlung wird von unabhängigen Bewertern, sogenannten Ratern beurteilt, die nicht wissen, ob der jeweilige Patient mit MDMA oder Placebo behandelt wurde.

Um die Therapeuten auf die Behandlung der Patienten in den Phase 3-Studien vorzubereiten, wird eine Art Vorstudie, ein sogenanntes "Open-Label-Lead-In" durchgeführt. Dabei behandelt jedes Therapeutenpaar jeweils einen Patienten mit MDMA-unterstützter Psychotherapie – und zwar bevor die Phase 3-Studien beginnen. Anschließend werden die Videos der Behandlungssitzungen von den Therapeuten und Supervisoren kritisch durchgegangen, um sicherzustellen, dass die im Handbuch vorgesehene standardisierte Behandlungsmethode umgesetzt wird, wie dies in einer Phase 3-Studie erforderlich ist. Seit April 2019 wurden in den USA und Kanada alle geplanten Phase 3-Standorte in diese offene Lernstudie aufgenommen.

Um die Kosten für die Phase 3-Studien zu decken, hat die gemeinnützige Organisation MAPS aus privaten Spenden mittlerweile den erstaunlichen Betrag von 27 Millionen US-Dollar gesammelt.

 

Kombinierte Phase 2- und 3-Studien in Europa

Um therapeutische Studien in Europa durchzuführen, hat die gemeinnützige Organisation MAPS zwei Tochtergesellschaften gegründet: 2014 die MAPS Public Benefit Corporation, 2018 folgte MAPS Europe. Das MAPS Europe-Team hat derzeit fünf Teammitglieder, die sich voll und ganz der Unterstützung der Europäische Operationen von MAPS in Zusammenhang mit den MDMA-Studien widmen.

Am 12. Juni 2018 traf sich MAPS in London mit Mitarbeitern der Europäische Medizin Agentur (EMA) zu einer wissenschaftlichen Beratung, um die Versuchspläne in Europa vorzustellen und zu erörtern. Einige Wochen später erhielt MAPS eine schriftliche Stellungnahme zu den Plänen für die Phase 3-Studien. MAPS schlug die Behandlung von 70 PTBS-Patienten im Rahmen der europäischen Phase 3-Studien vor. Die Studien sollen an neun Studienorten durchgeführt werden. Wie auch in den USA, erhält die Hälfte der Teilnehmer eine Psychotherapie und drei MDMA-Sitzungen, die andere Gruppe die gleiche Psychotherapie, aber Placebo statt MDMA. Im Rahmen der Beratungen schlug die EMA einige Änderungen am Studiendesign vor. Basierend auf diesen Empfehlungen plant MAPS durch die Anwendung in verschiedenen Ländern die interkulturelle Validität der Forschung zu erhöhen. Außerdem sollen in das Verfahren 10 Flüchtlinge mit PTBS-Symptomen eingeschlossen werden. Nach der Überarbeitung erhielt MAPS Mitte 2019 von der EMA die Genehmigung, die Phase 3-Studien in Europa durchführen zu können. Da die EMA zugestimmt hat, jene Daten zu akzeptieren, die bei den Studien in den USA gesammelt wurden, werden die Kosten für die Phase 3 für Europa auf „nur“ etwa 5 Millionen US-Dollar geschätzt.

 

Um eine Lernerfahrung für die meist konventionell ausgebildeten Therapeuten zu ermöglichen, bevor mit der Behandlung von Studienteilnehmern begonnen wird, werden alle Phase 3-Therapeuten die Behandlung eines Patienten vorab durchführen. Dies entspricht dem, was weiter oben als „open-label lead in“ skizziert wurde. Es sei darauf hingewiesen, dass die Therapeuten in Europa und den USA die gleiche Ausbildung durchlaufen. Einige Patienten der Phase 3-Studien werden zusätzlich an einer Studie mit funktioneller Magnetresonanz (fMRT) teilnehmen, um neurophysiologische Wirkungen  der Behandlung festzustellen. Die geplante Phase 2/3-Studie wird in 7 europäischen Ländern (Niederlande, Tschechische Republik, Norwegen, Vereinigtes Königreich, Portugal, Finnland und Deutschland) durchgeführt. Da es in jedem europäischen Land erhebliche kulturelle und regulatorische Unterschiede gibt, ist es zeitaufwändig und schwierig, die lokalen behördlichen Genehmigungen zu erhalten.

Bisher (Stand Anfang 2020) wurden Anträge für klinische Studien bei den niederländischen, tschechischen, deutschen und norwegischen Regierungsbehörden und Ethikkommissionen eingereicht. Im Rahmen der Genehmigungsverfahren wurden eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die vom zuständigen Team der MAPS BPC beantwortet wurden. Die Studiengenehmigung wurde bisher in den Niederlanden und in der Tschechischen Republik erteilt.

 

Compassionate use von MDMA-unterstützter Psychotherapie in der Schweiz

Das Schweizerische Bundesgesetz über Betäubungsmittel sieht die Möglichkeit eines eingeschränkten medizinischen Einsatzes von in der Entwicklung befindlichen Psychopharmaka vor. Voraussetzungen für eine Sondergenehmigung sind die entsprechenden Qualifikationen eines Psychiaters, vorläufige Nachweise für die Wirksamkeit und die Sicherheit des Arzneimittels und die Behandlung insbesondere von Patienten, die nicht auf herkömmliche Behandlungen angesprochen haben. Im Jahre 2014 haben zwei Schweizer Psychiater eine Sondergenehmigung erhalten, um MDMA und LSD ihren Praxen einzusetzen. Diese zwei Psychiater hatten die ersten wissenschaftlichen therapeutischen Studien mit MDMA-unterstützter Psychotherapie bei PTBS und zur Verwendung von LSD bei Patienten mit der Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit durchgeführt. Die Lizenzen müssen für jeden Einzelfall separat beantragt und genehmigt werden. Basierend auf Erfahrungen, die 1988-1993 von fünf Psychiatern in der Schweiz gemacht wurden, die eine Sondergenehmigung zur Verwendung von MDMA und LSD hatten, verwenden die Schweizer Psychiater in vielen Fällen ein Gruppentherapiemodell. Die Mehrheit der an diesem Programm teilnehmenden Patienten leidet an einer behandlungsresistenten komplexen PTBS, dissoziativen Störungen und anderen posttraumatischen Störungen, aber auch an anderen psychischen Erkrankungen. Im Jahre 2019 haben die Schweizer Behörden sechs weiteren Psychiatern Sondergenehmigungen für den Einsatz von MDMA und LSD erteilt.

 

Studien zur MDMA-gestützten Psychotherapie bei anderen Erkrankungen

MAPS konzentriert seine Bemühungen auf die Verwendung von MDMA bei PTBS. Es wurden jedoch auch Studien zu anderen Indikationen finanziert. Eine Umfrage von Forschern der UCLA bei Patienten mit Autismus ergab, dass diese eine Verbesserung ihrer sozialen Angst unter dem Einfluss von MDMA und für eine Weile danach berichteten. Dies inspirierte die Forscher Dr. Alicia Danforth und Professor Charles Grob, eine Studie über Behandlungsmöglichkeiten für soziale Angst bei Patienten mit Autismus zu beginnen. Die Studie wurde im Zeitraum 2015 bis 2018 durchgeführt und erzielte vielversprechende Ergebnisse (Danforth et al. 2018). Ein Problem ergab sich daraus, dass die autistischen Patienten dazu neigten anzunehmen, dass Autismus mit MDMA kausal behandelt werden könne. Dies ist jedoch nicht möglich, sondern es geht darum, die soziale Angst, die im Verlauf des Lebens aus frustrierenden Interaktionen mit anderen resultiert ist, zu verringern.

2019 begann an der Universität Bristol eine Studie, um das Potenzial der Behandlung von Alkoholismus mit MDMA-unterstützter Psychotherapie zu untersuchen. Die von Dr. Ben Sessa geleitete Studie läuft noch. Erste Ergebnisse scheinen vielversprechend (Sessa et al. 2019).

Parallel zur Vorbereitung der Phase 3-Studien in Norwegen plant dasselbe Behandlungsteam eine Studie zur Wirksamkeit von MDMA-gestützter Psychotherapie bei Depressionen.

Eine andere Gruppe von MDMA-Therapeuten hat kürzlich begonnen, Studien an Paaren durchzuführen, bei denen einer der Partner an PTBS leidet. Es ist bekannt, dass eine schwere PTBS immer auch den Partner des Patienten betrifft und leiden lässt. Die Studie fußt auf dieser Erkenntnis und behandelt daher beide Partner mit MDMA-gestützter Psychotherapie. Sie erhalten eine sog. kognitiv-verhaltensbezogene Conjoint-Therapie (CBCT) kombiniert mit zwei MDMA-unterstützten Therapiesitzungen für beide. Die vorläufigen Ergebnisse waren auch hier vielversprechend (Wagner et al. 2019).

In den Niederlanden soll 2020 eine Studie beginnen, bei der MDMA in der Paartherapie eingesetzt wird.

  • Literaturverzeichnis

    Danforth AL, Grob CS, Struble C, Feduccia AA, Walker N, Jerome L, Yazar-Klosinski B, Emerson A (2018) Reduction in social anxiety after MDMA-assisted psychotherapy with autistic adults: a randomized, double-blind, placebo-controlled pilot study. Psychopharmacology 235: 3137-3148

     

    Feduccia AA, Jerome L, Yazar-Klosinski B, Emerson A, Mithoefer MC, Doblin R (2019) Breakthrough for trauma treatment: safety and efficacy of MDMA-assisted  psychotherapy compared to paroxetine and sertraline. Front. Psychiatry, 12 September 2019; DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyt.2019.00650. [Accessed 02-20-2020].

     

    Frith CH, Chang LW, Lattin DL, Walls RC, Hamm J, Doblin R (1987) Toxicity of methylenedioxymethamphetamine (MDMA) in the dog and the rat. Fundam Appl Toxicol 9: 110-119

     

    MAPS (2019) MAPS research news - Winter 2019. Bulletin of the Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies. MAPS Bulletin Winter 2019: Vol. 29, No. 3, available at https://maps.org/news/bulletin/articles/438-maps-bulletin-winter-2019-vol-29,-no-3/7930, accessed 02-02-2020

     

    Passie T (2021) The History of MDMA (‘Ecstasy’). Oxford, New York et al.: Oxford University Press

     

    Passie T (2018) The early use of MDMA (‘Ecstasy’) in psychotherapy (1977-1985). Drug Science, Policy and Law. DOI: doi.org/10.1177/2050324518767442

     

    Sessa B, Sakal C, O'Brien S, Nutt D (2019) First study of safety and tolerability of 3,4-methyenedioxymethamphetamine (MDMA)-assisted psychotherapy in patients with alcohol use disorder: prelimnary data on the first four participants. BMJ Case Rep 12(7). pii: e230109. doi: 10.1136/bcr-2019-230109.

     

    Wagner AC, Mithoefer MC, Mithoefer AT, Monson CM (2019) Combining cognitive-behavioral conjoint therapy for PTSD with 3,4-methylenedioxymethamphetamine (MDMA): a case example. J Psychoactive Drugs 51: 166-173