Aktuelle Studien zur psychedelischen Behandlung von Depressionen 

Von Prof. Dr. Torsten Passie


Einleitung

Um das Jahr 2010 begann eine Forschungsgruppe am renommierten Imperial College in London unter der Leitung des prominenten Psychopharmakologen Professor David Nutt Forschungsprojekte mit Halluzinogenen bzw. Entaktogenen. In erster Linie sollte die Wirkung der Substanzen auf das Gehirn untersucht werden. Dafür wurden Bildgebungsmethoden eingesetzt, wie funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), mit der am lebenden Gehirn der Blutfluss in Hirnarealen gemessen werden kann, die Elektroenzephalographie (EEG) und die Magnetenzephalographie (MEG). 

 

 

 

Die Forschungsergebnisse zeigten, dass unter der Wirkung von Psilocybin oder LSD der Blutfluss in einigen Gehirnregionen deutlich vermindert ist. Die betreffenden Hirnareale fungieren als zentrale Schaltstellen im Rahmen des so genannten „Ruhenetzwerkes“ des Gehirns. Beim Ruhenetzwerk (engl. Default Mode Network, DMN) handelt es sich um eine bestimmte Konstellation des Zusammenwirkens verschiedener Hirnareale, wie sie sich typischerweise im Ruhezustand einstellt, wenn das Gehirn keine „aktiven“ Tätigkeiten verrichtet (wie Rechnen oder Kommunizieren). Durch die psilocybin-induzierte Minderdurchblutung zentraler Schaltstellen des Ruhenetzwerkes kommt es sozusagen  zur veränderten Wechselwirkung der Hirnareale, die das Ich und die Ich-Perspektive in einem Verbundenheitserleben positiv relativiert (Tagliazucchi et al. 2014). 

Die Messergebnisse können dahingehend interpretiert werden, dass die Funktionsweise des Gehirns durch Psilocybin und LSD zu einem primitiveren und weniger differenzierten Modus verschoben wird, ähnlich wie schon früh von Lienert (1964) eruiert. Andere Interpretationen sprechen von einer „Super-Konnektivität“, da die Areale des Gehirns in einer zwar vereinfachten, aber gegenüber Normalzustand „vervielfachten“ und „weniger restriktiven“ Weise zusammenwirkten (Lord et al. 2019). 

Aus Studien ist bekannt, dass im Zustand der Depressionen diese Areale zwar ähnlich zusammenarbeiten wie im Normalzustand, aber die Flexibilität in der Art und Weise wie sie zusammenarbeiten erheblich eingeengt ist. Die Wechselwirkungen innerhalb der Netzwerke des Gehirns sind stärker als bei Gesunden, aber eingeengter. Die Wechselwirkung mit anderen Hirnnetzwerken ist dagegen geringer als im Normalzustand. Aufgrund dieser Befunde kamen die Forscher um David Nutt zu dem Schluss, dass es eine Möglichkeit geben könnte mit Psychedelika diese „festgefahrenen“ Netzwerkstrukturen im Gehirn Depressiver zeitweilig außer Kraft zu setzen, d.h. die „eingeengte Konnektivität“ durch die Gabe von Psychedelika für einige Stunden aufzuheben. Das könnte es bei Depressiven ermöglichen das Grundempfinden von Eingeengtheit (z.B. der Gedanken beim „Grübeln“) und der Isoliertheit von der Welt und anderen Menschen auszusetzen und Veränderungen anzuregen. 

Im Jahre 2014 initiierte Nutt’s Forschergruppe daher ein Forschungsprojekt, in welchem so genannte „behandlungsresistente“ depressive Patienten mit einer zweimaligen Gabe von Psilocybin (10 und 25 mg per os), eingebettet in eine Psychotherapie mit einigen Sitzungen, verabreicht wurden. Ergebnis der Studie war, dass 17 der 20 Patienten über Wochen bis Monate nicht mehr depressiv waren (Carhart-Harris et al. 2016, 2017a). Somit schien die Ausgangshypothese bestätigt. 

2017 wurde eine Nachfolgestudie veröffentlicht, in der die betreffenden Patienten nach ihren Erfahrungen unter der Psilocybin-Wirkung in den Folgemonaten befragt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Patienten im Kern ein starkes, fast mystisches Verbundenheitsgefühl unter Psilocybin-Wirkung verspürten. Dieses Gefühl der Verbundenheit und Offenheit gegenüber der Welt bleibt anscheinend in den Wochen und Monaten danach erhalten. Es erschloss den Patienten einen erweiterten Zugang zu sich selbst und der Welt. Das veränderte Empfinden von Verbundenheit und Offenheit war der Dreh- und Angelpunkt auf den die meisten Patienten in den Interviews ihre Verbesserung zurückführten (Watts et al. 2017, Carhart-Harris et al. 2018). Dieses ist auch interessant, weil die subjektive Befindlichkeit von depressiven Patienten typischerweise genau das Gegenteil dessen ausmacht, was sie unter der Psilocybin-Wirkung und im Anschluss daran erleben. Depressive fühlen sich isoliert, ziehen sich zurück, verschließen sich, sind eher passiv, ergreifen wenig Initiative, fühlen sich von der Umwelt und den Mitmenschen „abgekoppelt“. Eine niedergedrückte Stimmung, Gedankenkreisen und Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Zukunft sind weitere Merkmale, die sich in den Wochen/Monaten nach der Psilocybin-Sitzung zu verändern scheinen. Dies bietet den Patienten die Möglichkeit viel „unbefangener“ mit sich und den sie umgebenden Umständen umzugehen, quasi „einen neuen Anfang“ zu machen. Darüber lassen sich vielleicht auch die längerwährenden Effekte dieser Behandlung erklären, da eine derart stark veränderte Grundeinstellung andere Perspektiven in der Sicht auf Situationen und Beziehungen eröffnet und es ermöglicht diese aktiv umzugestalten.

Im Jahre 2017 wurde eine weitere Studie aus diesem Forschungsprojekt publiziert. Diese untersuchte die Patienten vor der Behandlung mittels einer funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), die es ermöglicht den Blutfluss im lebenden Gehirn zu messen, in Bezug auf das Zusammenwirken der Hirnareale vor und nach der Behandlung. Die Ergebnisse zeigen, dass es zu anhaltenden Veränderungen der Hirnaktivität kommt (Carhart-Harris et al. 2017b, Mertens et al. 2020). Von daher scheint die Hypothese eines „Resets“, eines „Zurücksetzens“ auf ein quasi-normales Interaktionsmusters der Hirnareale durch die Psilocybin-Behandlung stimmig zu sein. Die induzierten Veränderungen gleichen teilweise denen nach einer Elektrokrampftherapie, wie sie auch effektiv zur Depressionsbehandlung eingesetzt. Allerdings ist die Elektrokrampftherapie für den Organismus, unter anderem da sie unter Narkose durchgeführt wird, mit nicht unerheblichen Belastungen und Risiken behaftet. Zudem gibt es Nebenwirkungen. So führt diese Behandlung nach neueren Studien zu Schädigungen des autobiografischen Gedächtnisses. Somit wäre die Behandlung mit Psilocybin eine erheblich „zartere“ Methode, die der Patienten zudem noch ganz bewusst erlebt. Überdies stellen die ausgeprägten positiven Nachwirkungen für die Patienten eine Möglichkeit dar das Leben aus anderer Perspektive/Warte zu sehen und mit neuer Initiative wieder aufzunehmen.

 

Wurde das nicht schon in den 1960er Jahren entdeckt?

Es ist bemerkenswert, dass diese Behandlungsmethode als „Neuentdeckung“ betrachtet  wird, aber die psychedelische Therapie, wie sie in den 1960er Jahren in den USA entwickelt wurde, das gleiche Behandlungsschema hat und dieselben Behandlungseffekte zeigte. Neu ist demnach der Weg zur „Entdeckung“ über die neurophysiologische Bildgebung. Bei der Studie von Carhart-Harris et al. (2016) kam man von der Hirnforschung und übersetzte deren Erkenntnisse in Behandlungsversuche. Die Prinzipien, was Vorbereitung und Durchführung der Sitzungen wie auch das Abheben auf mystische Erfahrungen angeht, gleichen sich neue und alte Ansätze. 

 

Aktuelle Entwicklungen seit 2019

Derzeit sind in einigen europäischen Ländern Studien zur psychedelischen Behandlung von Depressionen angelaufen. Dabei handelt es sich um unabhängige Forschungsstudien und so genannte Phase 2-Studien, die im Rahmen einer Medikamentenentwicklung durchgeführt werden. 

Das Heffter-Institut (https://www.heffter.org) versteht sich als gemeinnützig. Es hat Studien in den USA und in der Schweiz ausgerichtet und im November 2019 eine Breakthrough Designation für die Behandlung von Depressivität von der amerikanischen Medikamentenzulassungsbehörde FDA erhalten, was die Entwicklung beschleunigen dürfte. Ende 2019 hat das aus dem Heffter Institut hervorgegangene Usona Institut Phase 2-Studien an sieben Standorten in den USA gestartet, um die Sicherheit und Effektivität der psychedelischen Therapie mit Psilocybin bei Depressionen zu prüfen.

Eine solche Breakthrough Designation hat auch die Firma COMPASS Pathways (https://compasspathways.com) für die psychedelische Therapie bei Depressionen erhalten. Diese Firma strebt eine Marktzulassung der psychedelischen Therapie für Depressionen an und führt Phase 2-Studien in einigen europäischen Ländern und (in der nahen Zukunft) auch in den USA durch. Die Firma wird von Investoren finanziert. Sie hat ein Ausbildungsmodul für „Psilocybin-Therapeuten“ etabliert, einschließlich einer Selbsterfahrung mit Psilocybin.

An der Johns Hopkins University in Baltimore (USA) wurde 2019 Forschungszentrum für psychedelische Therapie und Forschung gegründet (https://hopkinspsychedelic.org). Aktuell dort durchgeführte Studien befassen sich mit der psychedelischen Behandlung von Depressionen, Ängsten bei terminal Krebskranken, aber auch mit Magersucht (Anorexia nervosa) und Nikotinabhängigkeit. Außerdem werden Studien an Gesunden wie z.B. religiösen Lehrern durchgeführt.

 

Was heißt therapieresistent?

Erwähnenswert ist, dass die Behandlung in nur wenige begleitende Psychotherapiesitzungen eingebettet ist. Typischerweise wird ja in Deutschland bei Depressiven die stationäre Psychotherapie (meist in psychosomatischen Reha-Kliniken) bevorzugt, was in den angloamerikanischen und meisten europäischen Ländern, nicht der Fall ist. Von daher wird der Begriff der „Behandlungsresistenz“ in den jeweiligen Ländern unterschiedlich definiert. So gilt in den angloamerikanischen Ländern als behandlungsresistent, wer zwei „Antidepressiva“ eingenommen und 15 Sitzungen kognitiv-behaviorale Psychotherapie ohne Besserung durchlaufen hat. Diese Definition greift in Deutschland nicht, da in Deutschland den Patienten vielfach als Standardbehandlung eine intensive und oft effektivere stationäre Psychotherapie zukommt. Erst wenn auch diese erfolglos geblieben ist, wäre in Deutschland aus meiner Sicht von „therapieresistent“ zu sprechen. Unterschiedliche Definitionen können Schwierigkeiten bei der Ergebnisbeurteilung bedeuten.

 

Zukunftsperspektiven der Psilocybin-Behandlung bei Depressionen

Derzeit laufen zwei experimentelle Studien, in Zürich und den USA, die untersuchen sollen, wie gut Psilocybin bei Depressionen wirkt, wie vorzugehen ist und welche Patienten geeignet sind.

In Deutschland ist eine Studie mit mehr als 100 Patienten geplant, mit der durch Variation einzelner Komponenten herausgefunden werden soll, wie man die Behandlung optimal gestalten kann.

Voraussichtlich werden die derzeit laufenden Phase 2-Studien 2021 abgeschlossen sein. Sollte sich die Behandlung als effektiv und sicher erweisen, so kann mit Phase 3-Studien, also den letzten vor der Marktzulassung, begonnen werden. Als Ergebnis wünschen sich die Studieninitiatoren die Etablierung der psychedelischen Therapie mit Psilocybin in der Depressionsbehandlung. Sollte die psychedelische Behandlung von Depressionen mit Psilocybin als Regel-Behandlung tatsächlich zugelassen und vermarktet werden, so wäre in den nächsten fünf Jahren mit der Einführung an einigen Kliniken zu rechnen.

 

Literatur

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Carhart-Harris RL, Bolstridge M, Day CMJ, Rucker J, Watts R, Erritzoe DE, Kaelen M, Giribaldi B, Bloomfield M, Pilling S, Rickard JA, Forbes B, Feilding A, Taylor D, Curran HV, Nutt DJet al., 2017a. Psilocybin with psychological support for treatment-resistant depression: six-month follow-up. Psychopharmacology 235: 399-408

 

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Tagliazucchi E, Roseman L, Kaelen M, Orban C, Muthukumaraswamy SD, Murphy K, Laufs H, Leech R, McGonigle J, Crossley N, Bullmore E, Williams T, Bolstridge M, Feilding A, Nutt DJ, Carhart-Harris Ret al., 2016, Increased Global Functional Connectivity Correlates with LSD-Induced Ego DissolutionCurrent Biology 26: 1043-1050

 

Tagliazucchi E, Carhart-Harris R, Leech R, Nutt D, Chialvo DRet al., 2014, Enhanced Repertoire of Brain Dynamical States During the Psychedelic Experience. Human Brain Mapping 35: 5442-5456

 

Watts R, Day C, Krzanowski J, Nutt D, Carhart-Harris Ret al., 2017, Patients' Accounts of Increased "Connectedness" and "Acceptance" After Psilocybin for Treatment-Resistant Depression. Journal Humanistic Psychology 57: 520-564