Psycholytische und psychedelische Psychotherapie

Psycholytische und psychedelische Therapie:

Der folgende Text soll einführen in die als "psycholytische" bzw. "psychedelische" Therapie bezeichneten psychotherapeutischen Behandlungsverfahren und ihre Grundlagen. Es handelt sich dabei um Verfahren, welche die psychisch aktivierenden Eigenschaften bestimmter Substanzen zur Unterstützung psychotherapeutischer Behandlungen nutzen. Dafür geeignete psychoaktive Substanzen sind Lysergsäurediäthylamid (LSD), Psilocybin, Meskalin oder auch Methylendioxyamphetamin (MDMA), um nur die bekanntesten zu nennen. Diese werden aufgrund ihrer Eigenschaften psychisches Erleben in spezifischer Weise umzustrukturieren und zu intensivieren auch als "psycholytische" ("seelenlösende") oder "psychedelische" ("den Geist offenbarende") Stoffe bezeichnet. Im medizinischen Bereich hat sich allerdings die nicht unproblematische Bezeichnung "Halluzinogene" durchgesetzt.

Es kann an dieser Stelle keine vollständige Geschichte der Verfahren und ihrer Standards geliefert werden. Doch erscheint es angebracht, ihre Ursprünge aufzuzeigen und die drei wissenschaftlich fundierten Therapieverfahren zu charakterisieren. Überdies soll auf aktuelle Forschungen und Bestrebungen in diesem Bereich hingewiesen werden.

Mehr als 700 wissenschaftliche Arbeiten machen deutlich, wie intensiv sich Mediziner und Psychologen in den 50er und 60er Jahren mit dem therapeutischen Potential dieser Stoffe beschäftigten. Durch den zunehmenden Laiengebrauch während der 60er Jahre kam es dann jedoch zum strafrechtlichen Verbot der Substanzen, auf dessen Wirkungen noch einzugehen ist. Seitdem ist ihre weitere Erforschung und Nutzung drastischen Einschränkungen unterworfen worden. Auch die Publikationstätigkeit ging drastisch zurück (vgl. Graphik 1). Seit Mitte der achtziger Jahre zeichnen sich jedoch Veränderungen ab, die eine erneute Verwendung solcher Stoffe in der Psychotherapie wahrscheinlich machen (Grob et al. 1995). Deshalb ist die Zugänglichmachung des bisher generierten wissenschaftlichen Materials eine Notwendigkeit für die weitere Forschung.
Erste Versuche pharmakologische Beeinflussungen der Bewusstseinslage psychotherapeutisch zu nutzen, gehen bis vor die Jahrhundertwende zurück, als man Äther, Chloroform und Haschisch zur Induktion und Vertiefung hypnotischer Zustände verwendete (Schrenck-Notzing 1891). In den 20er und 30er Jahren versuchten Ärzte, die durch Hypnose und Psychoanalyse geschaffenen Möglichkeiten psychotherapeutischer Behandlung durch den Einsatz subnarkotischer Barbituratdosen zu intensivieren. Diese Versuche schlossen an die Beobachtung an, dass viele Patienten in der Aufwachphase einer Barbituratnarkose einen ungehemmten Redefluss zeigten und intime Dinge ausplauderten. Ein als "Narkoanalyse" bekanntgewordenes Verfahren nutzt diesen barbituratinduzierte Erregungszustände, um vergessene und verdrängte Erlebnisse und Konflikte erinnerlich zu machen. Es erlangte vor allem bei der Behandlung traumatischer Kriegsneurosen Bedeutung (vgl. Horsley 1943).
Obwohl Wirkungen und heilerischer Gebrauch halluzinogener Wirkstoffe schon seit Jahrtausenden bekannt sind (vgl. Schultes / Hofmann 198), begann ihre wissenschaftliche Erforschung erst im 20. Jahrhundert. Seit den 20er Jahren wurden vielgestaltige Humanversuche mit Halluzinogenen, insbesondere dem Meskalin (vgl. Passie 1993/94), durchgeführt. Obgleich man eine genaue Phänomenologie und Klinik des Meskalinrausches erarbeiten konnte (Beringer 1927), waren fast alle Forscher der Ansicht, dass die Erlebnisse in keiner Weise die Psychodynamik der Probanden widerspiegeln würden. Als erster benutzte 1931 der italienische Psychoanalytiker Baroni ein Gemisch aus Meskalin und Datura Stramonium-Samen als Hilfsmittel bei Psychoanalysen. Doch erst klinische Experimente mit dem 1943 entdeckten hochwirksamen Halluzinogen Lysergsäurediäthylamid (LSD) machten die psychodynamischen Anteile der Erlebnisveränderungen offenbar (Stoll 1947). Stolls Arbeit erregte auch bei Psychotherapeuten Aufsehen und führte zu ersten therapeutischen Ansätzen (Frederking 1949; 1954/55; Busch et al. 1950). In deren Fortgang konnte der Nachweis einer psychodynamischen Relevanz und Authentizität der Erlebnisinhalte geführt werden (Leuner 1962; Masters/Houston 1966). Neben dem Vorläufer Narkoanalyse hat die "psycholytischen Methode" (Psycholyse) noch zwei andere Ursprünge:

1. Sandison et al. (1954, 1955) fanden nach einmaliger LSD-Applikation eine signifikante Zustandsbesserung bei neurotischen Patienten.

2. Zu Beginn der 50er entwickelte Leuner eine Tagtraumtechnik in der Psychotherapie ("Katathymes Bilderleben")(Leuner 19??). Er stellte fest, dass sich mittels geringer Halluzinogendosen therapeutisch wertvolle Imaginationen intensivieren lassen. Ausserdem würden regressive Erlebnisweisen und Abreaktionen begünstigt.

Aus diesen beiden Ansätzen entwickelte sich unter der Ägide psychoanalytisch orientierter Therapeuten (Sandison, Leuner, Chandler/Hartmann), jenes 1960 auf dem "Ersten europäischen Symposium für Psychotherapie unter LSD-25" einvernehmlich als "Psycholyse" (Sandison) bezeichnete Verfahren. Dieses stützt sich auf die weithin anerkannten Konzepte der klassischen Psychoanalyse und unterstützt mittels geringer Halluzinogendosen eine Aktivierung unbewusster Erinnerungen, Gefühlsregungen und Konflikte. Diese können im traumartig veränderten, aber weitgehend klaren, Bewusstsein bei guter Erinnerbarkeit erlebt und therapeutischer Durcharbeitung zugänglich gemacht werden. Während der Substanzwirkung liegt der Patient im abgedunkelten Raum auf einer Liege und wird von einem Beisitzer betreut. Die Dosierungen werden individuell so gewählt, dass der Patient orientiert und in Kommunikation mit dem Beisitzer sowie stets den therapeutischen Charakter der Situation realisiert. Er wird aufgefordert, sich den auftauchenden Eindrücken, Gefühlen und Visionen unbefangen hinzugeben. Gelegentliche Äusserungen des Patienten werden per Tonband bzw. schriftlich aufgezeichnet und ihm zur retrospektiven Protokollerstellung überlassen. Über ein unmittelbar an die Sitzung anschliessendes Gespräch hinaus werden die evozierten Erlebnisse in Zwischensitzungen ohne Substanzeinnahme nach Prinzipien der tiefenpsychologischen Therapie interpretiert und durchgearbeitet. Hierbei wirken also die drogeninduzierten Erlebnisse unterstützend bei einer weitgehend konventionellen analytischen Behandlung. In der Regel erstreckt sich diese über Monate bis Jahre und es werden zwischen 15 und 50 psycholytische Sitzungen durchgeführt.
Besondere Möglichkeiten der Psycholyse sah man in der Überwindung von starken und verfestigten Abwehrstrukturen bei vordem als therapieresistent angesehenen Patienten (Arendsen Hein 1967; Leuner 1981). Viele der damals mit dem Verfahren arbeitenden Therapeuten nahmen sich dieser schwierigen Patientengruppen an und konnten von guten Erfolgen berichten. Deshalb erschien es durchaus plausibel, mit der Psycholyse eine Erweiterung des psychotherapeutischen Indikationsspektrums zu erreichen (Mascher 1967).
Anfangs hatte man in einigen Fällen noch mit Komplikationen im Sinne depressiver Nachschwankungen zu tun. Diese konnten jedoch durch Optimierung des Verfahrens und Spezifizierung des Indikationsspektrums fast gänzlich vermieden werden (Cohen 1960; Denson 1969; Malleson 1971).

Während der 60er Jahre wurde die Psycholyse an 18 europäischen Behandlungszentren regelmässig praktiziert. Durch stete Weiterentwicklung und Optimierung kann heute von einem ausgereiften, therapeutisch valenten und sicheren Verfahren gesprochen werden (Grof 1979; Leuner 1981). Zwischen 1953 und 1968 wurden damit mehr als 6000 Patienten behandelt (Cohen 1960; Malleson 1971; Passie 1995).
Ein von der psycholytischen Methode streng zu unterscheidender Ansatz zur therapeutischen Verwendung von Halluzinogenen wurde als "psychedelische Methode" in den USA entwickelt. Zur Entwicklung dieses Verfahrens führten wiederum verschiedene Wege:

1. Ausgehend von der Beobachtung, dass viele Alkoholiker nach dem traumatischen Erlebnis eines Delirium tremens abstinent bleiben, wollten Osmond und Hoffer um 1950 durch LSD ein Delirium tremens erzeugen, um so eine Abstinenz zu bewirken. Sie stellten jedoch fest, dass - im Gegensatz zu ihrer Hypothese - vielmehr positiv empfundene Erlebnisse i.S. vertiefter Selbstwahrnehmung und religiöser Erfahrungen eine bleibende therapeutische Wirkung hinterliessen (Hoffer/Osmond 1967).

2. In ethnographischen Publikationen wurde über die rituelle Einnahme bestimmter halluzinogener Pflanzen berichtet (Peyote-Kult, brasilianische Ayahuasca-Religion), die zu dramatischen positiven Persönlichkeitswandlungen bei soziopathischen und alkoholabhängigen Individuen führten (LaBarre 1938, Perez de Barradas 1950).

3. Kast (1963) stellte eine vergleichende Studie zur analgetischen Wirkung verschiedener Substanzen bei terminal Krebskranken an, in die auch LSD einbezogen wurde. Überraschend konnte er bei den LSD-Probanden ein Nachlassen von Schmerzzuständen sowie eine entspanntere Gesamthaltung feststellen. Auf Nachfrage berichteten diese Personen von Erlebnissen vertiefter Selbst- und Situationseinsicht sowie religiösen Empfindungen und einem von daher veränderten Verhältnis zum körperlichen Tod.

Im Anschluss an ihre ersten Versuche entwickelten Osmond und Hoffer die psychedelische Behandlungstechnik, welche die gezielte Hervorrufung mystisch-religiösen Erlebens zur Grundlage therapeutischen Wirkens machte. Besondere betont wurde die Wandlungsmacht bestimmter mystischer Erlebnisweisen wie die sog. "Unio mystica". Das religiöse Erlebnisformen - bei geeigneter Vorbereitung und Umgebung - typischer Bestandteil des Erlebens unter grösseren Dosierungen von Halluzinogenen sind, wurde zu Beginn der 60er Jahre von Pahnke (1962) im Doppelblind-Versuch und von Leary et al. (1963) wissenschaftlich belegt.

Die psychedelische Behandlung wurde während der 60er Jahre weiter perfektioniert und m�ndete in die methodisch sorgfältigen Studien am National Institute of Mental Health (NIMH) im Spring Grove Hospital bzw. dem Maryland Psychiatric Research Center (Pahnke et al. 1970; Grof 1975). Mit diesem Verfahren wurden zwischen 1960 und 1973 über 2500 Alkoholkranke, Narkotikasüchtige und neurotische Patienten behandelt (vgl. Yensen/Dryer 1993).

Der dritte von Kast (1963; 1966) eher zufällig entdeckte Anwendungsbereich halluzinogener Substanzen liegt in der Wandlung der Einstellung zum Tod bei terminal Krebskranken. Auch bei dieser Behandlung steht das mit entsprechender Vorbereitung zu erzielende Gipfelerlebnis im Mittelpunkt. Eine mit diesem Erleben verbundene Ich-Auflösung wird von den Betroffenen als ein transzendieren individuell-körperlicher Begrenztheit erfahren und vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit, welches über die Vergänglichkeit des Körpers hinausweist. Aufgrunddessen können sich die Patienten wesentlich angstfreier und entspannter mit der Perspektive des nahenden Todes auseinandersetzen. Diese Behandlung wurde an einigen Hundert Patienten angewandt und von der NIMH-Gruppe mittels methodisch guter Studien auch in ihrer Wirksamkeit belegt (vgl. Grof / Halifax 1978).

>>TABELLE:

Psycholytische Therapie     Psychedelische Therapie


A. Kleine Dosen von LSD (30-200 mcg), Psilocybin (3-15
mg), Ketamine, MDMA etc. produzieren tagtraumartige Imaginationen, Regressionen und Übertragungsphänomene.     A. Hohe Dosen LSD (400-1500
mcg) führen zu sog. kosmisch-mystischen Erfahrungen. Einheitsgefühle und ekstatische Zustände werden erreicht.
B. Aktivierung und Vertiefung des psychoanalytischen Prozesses.     B. Ohne Fundierungen in den klassischen psycholgischen Theorien. Moderne transpersonale Ansätze zum Verständnis des Charakters der Erfahrungen.
C. Vielzahl von Sitzungen erforderlich (5-50).
    C. Eine bis drei "überwältigende" Erfahrungen werden angestrebt.
D. Analytische Diskussion des Erfahrenen in Einzel- und Gruppensitzungen (mit Schwerpunkten auf Ich-Psychologie, Übertragung und Abwehrmechanismen).     D. Sehr suggestive quasi-religiöse Vorbereitung und Gebrauch spezieller Räumlichkeiten und Musik. Keine detaillierte Erörterung der Erfahrungen.
E.Realitätsabgleich und Versuch der Integration der Erfahrungen bzw. ihrer Konsequenzen in das Alltagsleben.     

E.Anpassung an die Realität ist nicht der Hauptzweck. Förderung des Wandlungswertes der psychedelischen Erfahrung.
F. Ziel: Heilung durch Umstrukturierung der Persönlichkeit i. S. eines Reifungsprozesses und Lösung infantiler Bindungen; erforderung längere Zeiträume.     F. Ziel: Symptomatische Heilung mit nicht klar definierter Verhaltensänderungcure.
G. Klassische Psychotherapieindikationen: Neurosen,
psychosomatische Störungen, psychopathien, Sexualneurosen,
Borderline Störungen.. Weder Alkoholismus noch Psychosen.     G. Alkoholismus, Neurosen (?),
terminale Krebspatienten.

Table 1: Die beiden Hauptverfahren für den psychotherapeutischen Gebrauch der Hallucinogene (angelehnt an Leuner 1967).

Eine Kombination der oben skizzierten Verfahren wurde erstmals von Grof (1967) vorgeschlagen. Dieser "psychedelytische" Ansatz integriert sowohl die tiefreichenden Wandlungserlebnisse einzelner psychedelischer Therapiesitzungen, als auch die Durcharbeitung psychodynamischen Materials in psycholytischen Seriensitzungen (Yensen 1985). Er gilt als modernster Ansatz und fand schon in einigen Pilotstudien Anwendung (vgl. Yensen 1975; Gassser 1995).
Bezüglich der Behandlungserfolge wurden von den meisten psycholytischen Therapeuten langfristige Besserungen bei ca. 66% der meist schwer und chronisch neurotischen Patienten berichtet (vgl. Mascher 1967). Die damaligen Studien genügen allerdings nur dem damaligen Stand der Psychotherapie-Evaluation und sind aus heutiger Perspektive mit z.T. gravierenden Mängeln behaftet (vgl. Pletscher et al. 1994). Die psychedelischen Therapeuten konnten ihre Ergebnisse z.T. methodisch besser sichern. Sie mussten aber bei Follow-ups erkennen, dass es sich nur um kurzzeitige Besserungen handelte.

Ein anderer Aspekt wichtiger Aspekt psychotherapeutischer Forschung mit Halluzinogen ist deren heuristischer Wert. So gingen aus dieser Forschung bedeutende Modelle zum Verständnis psychischer Tiefendimensionen hervor (vgl. Leuner 1962; Grof 1975; Grof/Halifax 1978).

Aufgrund der oben geschilderten Verwendungsmöglichkeiten halluzinogener Substanzen wurde von vielen Autoren eine vielversprechende Zukunft der Psychotherapie mit Halluzinogenen vorausgesehen. Die sukzessive Ausdehnung der Forschung auf diesem Gebiet verdeutlicht auch die Statistik der Publikationen deutlich (vgl. Graphik 1).

Doch die weitere Entwicklung wurde zunehmend von den sozialen Unruhen Ende der 60er Jahre überschattet. Zunächst hatte sich die Gruppe um die Harvard-Psychologen Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert in wissenschaftlichem Stil mit der Evokation und den Implikationen psychedelischer Erlebnisweisen auseinandergesetzt. Seit 1964 gingen sie jedoch dazu über, die Substanzen als Instrumente zur "Erleuchtung des menschlichen Geistes" und eines Freiwerdens vom materialistischen westlichen Selbst- und Weltverständnis zu propagieren (vgl. Stevens 1987). Ihr Propagieren von Halluzinogenen zur "Bewusstseinserweiterung" koinzidierte mit dem massenhaften Aufbegehren jugendlicher Menschen in westlichen Industrieländern gegen eine ihrer Ansicht nach überholte Normen- und Wertewelt wie auch gesellschaftliche Missstände. Im Rahmen dieser internationalen Bewegung wurde die Verwendung halluzinogener Substanzen durch Laien ein Massenphänomen (vgl. Young 1966; Yablonski 1973). Dadurch wurde nicht nur die Intensität der Revolte - besonders in den USA - potenziert, sondern es zeigten sich auch Komplikationen, die aus der Einnahme von Halluzinogenen unter unkontrollierten Bedingungen entstehen können: unrealistisches Verhalten, traumatisches inneres Erleben i.S. von "Angst-" und "Horrortrips", sog. "Flashbacks", Auslösung latenter Psychosen, Suizidversuche und anderes. Ausserdem wurden 1968 Berichte über Chromosomenschädigungen durch Halluzinogene veröffentlicht. Diese hielten zwar einer sorgfältigen wissenschaftlichen Prüfung nicht stand (vgl. Dihotsky 197?; Grof 1979 Appendix 1), aber die von ihnen mitverursachte schlechte Publicitiy führte zu einem schlagartigen Rückzug der auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler, die fürchteten, in den Sog dieser Negativ-Schlagzeilen zu geraten. "The whole goddamn climate changed. Suddenly you were conspirators out to destroy people" (Stevens 1987: 171); so beschrieb es der psycholytische Therapeut Janiger aus Los Angeles.

1966 wurde dann zuerst in Amerika ein gesetzliches Verbot der halluzinogener Substanzen erlassen; kurze Zeit darauf folgten die europäischen Länder (1967-68); obgleich der Laiengebrauch dort niemals ein vergleichbares Ausmass angenommen hatte. Gegen Ende der 60er Jahre initiierte dann die World Health Organization (WHO) eine Gesetzesvorlage zum weltweiten Verbot. Bedauerlicherweise waren unter den Mitgliedern der WHO-Kommission keinerlei Sachverständige bezüglich der therapeutischen Anwendung dieser Stoffe, so dass deren therapeutischen Potentiale keine adäquate Berücksichtigung fanden. Seitens der WHO wurden die Halluzinogene deshalb einfach den Opiaten gleichgestellt, obwohl ihre sachgemässe Einordnung die Einrichtung einer selbständigen Kategorie erfordert hätte. Durch diesen folgenschweren Irrtum wurde die therapeutische Verwendung dieser Stoffe durch ausgebildete Ärzte, obwohl daraus keinerlei Gefährdungen resultiert waren, praktisch vollständig untersagt. In den USA und Europa wurden dadurch Therapieabbrüche bei hunderten von Patienten erzwungen. Obwohl die Gesetzestexte Ausnahmeregelungen grundsätzlich zulassen, kam es de facto zu einer nahezu vollständigen Einstellung der vordem vielfältigen Forschungsbemühungen (vgl. Abramson 1967; Leuner 1981; Grof 1979; Federal Drug Administration 1975). Somit wurde hier ein - bei sachgemässer Anwendung - praktisch ungefährliches medizinisches Heilverfahren (vgl. Cohen 1960; Malleson 1971) mit guter therapeutischer Valenz strafrechtlich untersagt. Es handelt sich dabei um einen in der Medizingeschichte praktisch einmaligen Vorgang.
Neue Aussichten auf eine adäquatere Sicht des therapeutischen Potentials dieser Substanzen eröffneten sich erst Mitte der 80er Jahre. Die Federal Drug Administration (FDA) und entsprechende Institutionen in europäischen Ländern zeigten sich nun zu einer erneuten Sondierung des Problemfeldes bereit und genehmigten wieder Forschungsprojekte. Seitdem wird in den USA, in Deutschland und der Schweiz wieder intensiver mit Halluzinogenen geforscht (vgl. z.B. Grob et al. MAPS; Strassman 1991; 1994; Hermle et al. 1992; 1993; Benz 1989; Dittrich 1985; Vollenweider 1992; 1994). Neue therapeutische Perspektiven ergeben sich auch durch die Entwicklung von Substanzen mit einem veränderten bzw. spezifizierten Wirkungsspektrum (MDMA und Phenethylamine) (vgl. z.B. Shulgin 1992).

Im Jahre 1985 kam es zur Gründung der "Schweizerischen Aerztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SAEPT)", deren Ärzte zwischen 1988 und 1993 eine Genehmigung zur Psychotherapie mit LSD und MDMA erhielten (vgl. Benz 1989; Styk 1994). Eine Gruppe dieser Ärzte versucht derzeit beim Schweizer Gesundheitsministerium ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zur Behandlung neurotisch gestörter Patienten mit Psilocybin genehmigen zu lassen. Im selben Jahr wurde auch das "Europäische Collegium für Bewusstseinsstuddien (ECBS)" gegr�ndet, welches alle europäischen Forscher auf dem Gebiet der veränderten Bewusstseinszustände vereinigt und auch der medizinischen Verwendung von Halluzinogenen zuarbeitet. Eine Gruppe um den Psycholyse-Pionier und ECBS-Prsidenten Leuner in Göttingen (Germany) versucht derzeit beim Bundesgesundheitsministerium ein Forschungsprojekt zur Behandlung schwer neurotisch gestörter Patienten genehmigen zu lassen. In den USA kam es im Anschluss an das Verbot der Substanz Methylendioxyamphetamin (MDMA), die vorher von Psychotherapeuten eingesetzt wurde (Eisner 1989), zu einem Aufbegehren, das zur Gründung der privaten "Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS)" führte. Diese gemeinnützige Organisation macht sich die sachgerechte Information über das therapeutische Potential halluzinogener Substanzen und die finanzielle Förderung derartiger Forschungsprojekte zur Aufgabe.