Neurobiologische Veränderungen durch Psilocybin bei Depressionen

Von Prof. Dr. Torsten Passie 

 

Psilocybin macht ein größeres Repertoire funktionaler Konnektivität in den Gehirnnetzwerken zugänglich als im normalen Wachbewusstsein. Diejenigen Hirnregionen welche die Basis für die Erzeugung und Aufrechterhaltung des normalen Bewusstseinszustandes sind im sogenannten Ruhenetzwerk repräsentiert, auch bezeichnet als Default-Mode Network (DMN). Dieses Netzwerk tritt vor allem dann in Aktion, wenn wir uns nicht mit Aufgaben in der Außenwelt oder mit geistigen Aufgaben befassen. Es bildet aber auch einen Untergrund, eine basale Organisationstruktur für das alltägliche Funktionieren unserer Psyche. 

Zentrale Verbindungsstellen (‘connector hubs’) innerhalb dieses Netzwerks erlauben die Kommunikation und Integration zwischen verschiedenen Hirnregionen (Hagmann et al., 2008, Bullmore et al., 2009). Die hochorganisierte Aktivität innerhalb des Ruhenetzwerkes ist eine Voraussetzung für Stimmungsregulierung und die Aufrechterhaltung höherstufige Konstrukte wie dem Selbst (Gusnard et al., 2001) oder dem „Ich“ (Carhart-Harris and Friston, 2010). Seine Aktivität ermöglicht auch Selbstbezüglichkeit und Selbstreflexion im Denken und Vorstellen (Raichle, 1998).

Die Gabe von Psilocybin verursacht Verminderungen des Blutflusses in wichtigen Hirnregionen des DMN. Dadurch wird sein Funktionieren teilweise aufgehoben und es kommt zu einer „ungebundenen Kognition“ (‘unconstrained cognition’) sowie Veränderungen des Selbsterlebens (Carhart-Harris et al., 2012a). Es ist gut möglich, dass Veränderungen der funktionalen Konnektivität zu jenen Erfahrungen beitragen von denen Patienten eine veränderte Perspektive und eine Re-Evaluierung von Situationen und Personen berichten (Carhart-Harris et al., 2014, Gasser et al. 2016).

Grundsätzlich scheint es so zu sein, dass die „interne“ Konnektivität eines Netzwerkes, welches z.B. die Aufmerksamkeit steuert oder auch das DMN, zunimmt, während die „externe“ Konnektivität, also das Ausmaß mit welchem die einzelnen Netzwerke untereinander verbunden sind, abnimmt (Tagliazucchi et al. 2014).

Patienten mit Depressionen und Angststörungen zeigen eine verminderte Aktivität im Präfrontalhirn, dem Steuerungszentrum für unser bewusstes Verhalten. Das Furchtzentrum, die so genannte Amygdala, zeigt dagegen eine Überaktivität, insbesondere bei negativen Stimuli (Hariri et al., 2006; Stuhrmann et al., 2011). Außerdem kommt es dazu, dass eine verminderte Aktivität des Neurotransmitters Glutamat die Aktivierung des Vorderhirns schwächt, was dann die Aktivität des Furchtzentrums (Amygdala) schlechter hemmen kann. Die Stimulation von postsynaptischen 5-HT2A-Rezeptoren im Vorderhirn durch Halluzinogene wie Psilocybin und LSD steigert dagegen die Aktivität rücklaufender glutamaterger Netzwerkaktivität. Auf diese Weise Wege wird das Vorderhirns gestärkt und kann die emotional-kognitive Negativ-Befangenheit reduzieren und die Einflussverschiebung zwischen Vorderhirn und Amygdala bei Depressionen bzw. Angst umkehren (Vollenweider & Kometer, 2010).

Die Langzeit-Wirkungen wie sie in der Studie von Carhart-Harris et al. 2016 bei der Depressionsbehandlung sichtbar wurden, aber auch die durchgreifende Wirkung von Peak Experiences bei der Veränderung von psychologischen Eigenschaften, Verhalten und Stimmung (Griffiths et al., 2006, 2011; MacLean et al., 2011) vermitteln Hinweise auf bleibende neurobiologische Veränderungen.  Hypothetisch könnten LSD-ähnliche Halluzinogene in der Psychotherapie das Befinden der Patienten durch das „Aufbrechen“ einer fixierten, in ihrer Dynamik verarmten neurobiologischen Funktionsmatrix, die mit emotionalem Bias sowie reduzierter Responsivität und Flexibilität einhergeht verbessern (Carhart-Harris et al., 2014; Vollenweider & Geyer, 2001). Patienten könnten demnach über die Psilocybin-Behandlung eine mentale Flexibilität zurückerlangen, die bei Depressionen und Angsterkrankungen deutlich eingeschränkt ist (Stuhrmann et al., 2011). 

Interessant ist, dass, ganz im Unterscheid zur konventionellen Psychotherapie mit ihrer alltäglichen „Kleinarbeit am Ich“ (Freud) eine Relativierung oder gar temporäre Aufhebung des Erlebnismittelpunktes unserer selbst, nämlich des „Ich“, zu solch durchgreifenden Veränderungen von Stimmung, Ich-Gefühl und Verbundenheitserleben führt (Tagliazucchi et al. 2017).

  • Literaturverzeichnis

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    Carhart-Harris RL and Friston KJ (2010) The default-mode, ego-functions and free-energy: A neurobiological account of Freudian ideas. Brain 133: 1265–1283

     

    Carhart-Harris RL, Erritzoe D, Williams T, et al. (2012a) Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin. Proc Natl Acad Sci U S A 109: 2138–2143

     

    Carhart-Harris RL, Leech R, Hellyer PJ, et al. (2014) The entropic brain: a theory of conscious states informed by neuroimaging research with psychedelic drugs. Front Hum Neurosci 8: 20

    Gasser P, Kirchner K, Passie T (2016) LSD-assisted psychotherapy for anxiety associated with a life-threatening disease: A qualitative study of acute and sustained subjective effects. J Psychopharmacol 2016 > ??

     

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    Tagliazucchi E, Roseman L, Kaelen M, Orban C, Muthukumaraswamy SD, Murphy K, Laufs H, Leech R, McGonigle J, Crossley N, Bullmore E, Williams T, Bolstridge M, Feilding A, Nutt DJ, Carhart-Harris Ret al., 2016, Increased Global Functional Connectivity Correlates with LSD-Induced Ego DissolutionCurrent Biology 26: 1043-1050

     

    Tagliazucchi E, Carhart-Harris R, Leech R, Nutt D, Chialvo DRet al., 2014, Enhanced Repertoire of Brain Dynamical States During the Psychedelic Experience. Human Brain Mapping 35: 5442-5456

     

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    Vollenweider FX, Kometer M (2010) The neurobiology of psychedelic drugs: Implications for the treatment of mood disorders. Nat Rev Neurosci 11: 642–651