Was ist psychedelische Therapie? Geschichte - Definition - Praxis

Einleitung

Als psycholytische Therapie und psychedelische Therapie werden zwei psychotherapeutische Behandlungsverfahren bezeichnet. Es handelt sich um Verfahren, welche die psychisch aktivierenden Eigenschaften bestimmter Substanzen zur Unterstützung psychotherapeutischer Behandlungen nutzen. Dafür geeignete Substanzen sind etwa Lysergsäurediäthylamid (LSD), Psilocybin und Methylendioxyamphetamin (MDMA), um nur die bekanntesten zu nennen. Diese werden aufgrund ihrer Eigenschaften psychisches Erleben in spezifischer Weise umzustrukturieren und zu intensivieren auch als „psycholytische“ („seelen-lösende“) oder „psychedelische“ („die Seele offenbarende“) Stoffe bezeichnet. Im medizinischen Bereich hat sich leider die nicht unproblematische Bezeichnung „Halluzinogene“ durchgesetzt. 

In einer internationalen Bibliographie wurden von Passie (1997) mehr als 750 wissenschaftliche Arbeiten zur psycholytischen und psychdelischen Therapie bzw. ihrer Grundlagen erfasst. Dies macht deutlich wie aktiv Mediziner und Psychologen sich in den 1950er und 1960er Jahren mit dem therapeutischen Potential dieser Stoffe beschäftigten. 

Obwohl Wirkungen und heilerischer Gebrauch halluzinogener Wirkstoffe schon seit Jahrtausenden bekannt sind (vgl. Schultes und Hofmann 1980), begann ihre wissenschaftliche Erforschung erst im 20. Jahrhundert. Seit den 1920er Jahren wurden vielgestaltige Humanversuche mit Halluzinogenen, insbesondere dem Meskalin (vgl. Passie 1993/94), durchgeführt. Obgleich man eine genaue Phänomenologie und Klinik des Meskalinrausches erarbeiten konnte (Beringer 1927), waren fast alle Forscher der Ansicht, dass die Erlebnisse in keiner Weise die Psychodynamik der Probanden widerspiegeln. Dies änderte sich erst als man das Paradigma der Erzeugung von „experimentellen Psychosen“ durch die Wirkung der Substanzen widerlegt hatte und durch Versuche mit dem 1943 neu entdeckten LSD deutlich wurde, dass ich doch in erheblichem Maße persönliche Inhalte in dem veränderten Erleben unter LSD-Wirkung zeigten. Dies führte in den folgenden Jahren zu weltweiten Versuchen der Anwendung von LSD in der Psychotherapie. In Europa entwickelt sich damals eine als psycholytische Therapie bezeichnete Methode mit kleinen Dosen eines Halluzinogens wie LSD oder Psilocybin den Patienten in einen wachtraumartigen Zustand zu versetzen, in welchem er intensivere Gefühle, Imaginationen und Assoziationen erleben kann. Das Halluzinogen dient dabei als Promotor der latenten Psychodynamik des Patienten. Tiefenpsychologische Prozesse wie auch Abreaktionen können dadurch gefördert werden.

 

Die Ursprünge der psychedelische Therapie

Ein von der psycholytischen Methode klar abzugrenzender Ansatz zur therapeutischen Verwendung von Halluzinogenen wurde als "psychedelische Methode" in den USA entwickelt. Dieses Verfahren geht auf verschiedene Ursprünge zurück:

1. Ausgehend von der Beobachtung, dass viele Alkoholiker nach dem traumatischen Erlebnis eines Delirium tremens abstinent bleiben, wollten Osmond und Hoffer um 1950 durch LSD ein Delirium erzeugen, um so eine Abstinenz zu bewirken. Entgegen ihrer Hypothese stellten sie jedoch fest, dass kein Delirium erzeugt wurde, sondern positiv empfundene Erlebnisse im Sinne vertiefter Selbstwahrnehmung und religiöser Erfahrungen zu bleibenden therapeutischen Wirkungen führten (vgl. Dyck 2008, Hoffer & Osmond 1967). 

2. In ethnographischen Publikationen wurde über die rituelle Einnahme halluzinogener Pflanzen berichtet (Peyote-Kult, brasilianische Ayahuasca-Religion), die gelegentlich zu dramatischen positiven Persönlichkeitswandlungen bei soziopathischen und alkoholabhängigen Personen führten (z.B. LaBarre 1938).

3. Der Anästhesist Eric Kast führte während der 1950er Jahre eine vergleichende Studie zur schmerzstillenden Wirkung verschiedener Substanzen bei Krebskranken im Endstadium durch, in die auch LSD (als aktiver Placebo) einbezogen wurde. Zu seiner Überraschung stellte er bei den LSD-Probanden ein Nachlassen von Schmerzzuständen sowie eine entspanntere Haltung dem Tod gegenüber fest. Außerdem benötigten diese Patienten nach der LSD-Gabe dauerhaft weniger Schmerzmittel; und dies obwohl LSD selbst keinerlei schmerzstillende Wirkung hat. Auf Nachfrage berichteten die Patienten von Erlebnissen vertiefter Selbst- und Situationseinsicht sowie religiösen Empfindungen und einem daher veränderten Verhältnis zu Krankheit, Leid und Tod (Kast 1963).

 

Die Entwicklung der psychedelischen Therapie

Im Anschluss an ihre ersten Versuche entwickelten Osmond und Hoffer die psychedelische Behandlungstechnik, welche die gezielte Induktion mystisch-religiösen Erlebens zur Grundlage der therapeutischen Wirkung bei Alkoholikern machte. Während der weiteren Studien wurden sie auch mit dem therapeutischen Gebrauch von LSD bei Alkoholikern bekannt, wie ihn der amerikanische Laientherapeut L. Hubbard entwickelt hatte. In der Folgezeit kam es zu einer Zusammenarbeit mit Hubbard und sie wandten auch dessen Methoden an. Einige Zeit später kamen sie dann auch zur Anwendung des „psychedelischen“ Verfahrens in kleinen Gruppen (Blewett et al. 1970).

Besondere betont wurde von Osmond und Hoffer die Wandlungsmacht mystischer Erlebnisweisen wie das Einheitserleben der sog. "Unio mystica". Das mystisch-religiöse Erlebnisweisen - bei geeigneter Vorbereitung und Umgebung - typischer Bestandteil des Erlebens unter Halluzinogenen wie LSD und Psilocybin sind, wurde zu Beginn der 60er Jahre von Pahnke (1962) und Leary et al. (1963) und neuerdings von Griffiths et al. (2006) in wissenschaftlichen Untersuchungen eindeutig belegt.

Die psychedelische Behandlung wurde während der 60er Jahre perfektioniert und mündete in eine Reihe wissenschaftlicher Studien am National Institute of Mental Health (NIMH) im Spring Grove Hospital bzw. dem Maryland Psychiatric Research Center (MPRC) in Catonsville, Maryland (z.B. Pahnke et al. 1970; Grof 1978). Mit diesem Verfahren wurden zwischen 1960 und 1973 mehr als 2.500 Alkoholkranke, Narkotikasüchtige und neurotische Patienten behandelt (Yensen & Dryer 1993). Hatte man zunächst, trotz der methodisch immer besser werdenden Studien, vermutet, dass die an einigen hundert alkoholabhängigen Patienten gewonnenen Ergebnisse keine nach heutigen Standards gültige Evidenz hätten, zeigte eine aktuelle Metaanalyse der Studien und ihrer Ergebnisse, dass die Ergebnisse auch bei kritischer Betrachtung bedeutende Besserungen zeigen (Johanson & Krebs 2012).

 

Warum gab es die psychedelische Therapie nur in Kanada und den USA?

Die psychedelische Therapie wurde praktisch nur in Kanada und den USA angewandt. Sie konnte sich in Europe nicht verbreiten. Dies hat seine Begründung  wahrscheinlich in drei Faktoren: 1. in den USA gibt es den indianischen Schamanismus, der seit Jahrtausenden Psychedelika bei religiösen Zeremonien und für Heilungsrituale eingesetzt hat; dies vielmehr als in Europa, wo man lediglich den Fliegenpilz und die Nachtschattenpflanzen als (therapeutisch praktisch nicht verwendbare) Halluzinogene kannte; 2. In Europa begann der therapeutische Gebrauch von Halluzinogenen durch Psychoanalytiker, die ihn konzeptionell in das Theoriemodell der Psychoanalyse integrierten. mit den so genannten „kosmisch-mystischen Erlebnissen“ konnte man dagegen offenbar weniger anfangen und interpretierte diese in psychoanalytischer Manier als aus innerpsychischer Abwehr resultierende „Erfahrungen eines primären Narzissmus“ (z.B. in Josuttis & Leuner 1972). 3. Die größere Offenheit für und der größere Glaube an „technische Errungenschaften“, die „auf Knopfdruck“ leidvolle Tätigkeiten (wie etwa das Abwaschen) beseitigen können. Daher gab es im Kontext eines „better living through chemistry“ (so eine damalige Werbekampagne) den schnellen Glauben an schnelle Lösungen. Bezeichnenderweise wurden auch in der amerikanischen Drogensubkultur deutlich höhere Dosierungen von LSD verwendet als Europa. 5. Es ist gut möglich, dass die Amerikaner mit dem ihnen eigenen Pragmatismus eine größere Offenheit für vorher nicht erwartete Ergebnisse und deren Umsetzung in weitere Entwicklung zeigen. Dies trifft auf die Entwicklung der psychedelischen Therapie zu. Die Amerikaner/Kanadier griffen die Zufallsbefunde von Hoffer und Osmond sowie von Hubbard und Kast schnell auf und entwickelten daraus zu Beginn der 1960er Jahre  die psychedelische Therapie.

 

Die psychedelische Therapie bei der Behandlung von Patienten mit lebensbedrohlichen Erkankungen

Der dritte von Kast (1963; 1966) eher zufällig entdeckte Anwendungsbereich halluzinogener Substanzen liegt in der Wandlung der Ängste und Einstellung zum Tod bei lebensbedrohlich Erkrankten. Der von Osmond zu seinem ersten Meskalinerlebnis geführte weltbekannte englische Schriftsteller Aldous Huxley („Schöne neue Welt“, 1953; „Die Pforten der Wahrnehmung“, 1954) vertrat die damals Ansicht, dass LSD gewinnbringend bei der psychotherapeutischen Unterstützung von Sterbenskranken verwendet werden könnte (Huxley 1980). Auch der damals sehr bekannte LSD-Forscher Sidney Cohen griff diese Idee auf und behandelte einige Fälle mit gutem Erfolg (Cohen 1965). Auch bei der Behandlung von terminal Kranken steht das mit entsprechender Vorbereitung zu erzielende mystische Gipfelerlebnis im Mittelpunkt. Eine mit diesem Erleben verbundene Ich-Auflösung wird von den Betroffenen meist als transzendieren individuell-körperlicher Begrenztheit erfahren und vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit, welches über die Vergänglichkeit des Körpers hinausweist. Dies wurde in vier aktuellen Studien bestätigt (Grob et al. 2011, Gasser et al. 2016, Ross et al. 2016, Griffith et al. 2016). Aufgrund dessen können sich die Patienten wesentlich angstfreier und entspannter mit der Perspektive des nahenden Todes auseinandersetzen. Diese Behandlung wurde während der 1960er Jahre an einigen hundert Patienten angewandt und in wissenschaftlichen Studien von der psychedelischen Forschungsgruppe am Maryland Psychiatric Research Center (MPRC) in ihrer Wirksamkeit belegt (vgl. Grof und Halifax 1979). 

Nachdem die letzten Forschungsprojekte zur psychedelischen Therapie Anfang der 1970er Jahre ausliefen, wurde auch diese Therapiemethode nicht mehr ausgeübt. Lediglich einige verstreute Behandlungen von Krebskranken durch ehemalige Mitglieder der MPRC-Gruppe wurden noch bis in die 1980er Jahre durchgeführt (vgl. Yensen & Dryer 1993).

 

Die Situation der psychedelischen Therapie nach 1970

Nach dem Verbot der Substanzen Ende der 1960er Jahre bemühten sich einige Forscher um neue Projekte und entsprechende Genehmigungen der Behörden. Dies blieb jedoch ohne Erfolg. 

Erst in den 1990er Jahren wurde mit der Gründung des US-amerikanischen Heffter Instituts (benannt nach dem bedeutenden Leipziger Pharmakologen Arthur Heffter) eine - wenn auch kleine - Basis geschaffen für eine Wiederbelebung der Forschungen mit Psychedelika. Man verfolgte die Strategie zunächst mittels neuer Methoden (z.B. Bildgebung und Neuropsychologie) solide Grundlagenforschung zu betreiben und dann sukzessive zur therapeutischen Anwendung überzugehen. Da man sich in der Verlegenheit sah, zunächst gegen all die „Gefahren- und Negativberichte“ das „Positive“ der Psychedelika und ihren therapeutischen Wert zu belegen, wählte man aus pragmatischen Gründen zunächst die - schnell zu messbaren Resultaten führende - psychedelische Therapie als therapeutische Modalität. Mit dieser wollte man den positiven Nutzen mit einfacher Methodik und in kurzer Zeit belegen. Die psycholytische Methode, die ja längere Behandlungszeiträume vorsieht, geriet dadurch in den Hintergrund. Da man sich in den Jahren nach dem Jahrtausendwechsel an die alkoholabhängigen Patienten nur zögerlich herantraute, versuchte man es mit dem zweiten Ansatz, nämlich der Behandlung von Ängsten bei Krebskranken im Endstadium. Man erhoffte sich bei dieser Patientengruppe eine einfachere Genehmigungspraxis der Behörden, da man ja „ohnehin verlorene“ Patienten behandeln würde. 

Eine Studie, die in dieser Strategie steht, ist die von Professor Charles Grob an der University of California  in Los Angeles (UCLA). In seiner Studie untersuchte Grob den Einfluss von zwei Psilocybin-Sitzungen mit begleitender Psychotherapie auf das Befinden von Krebskranken im Endstadium. Die Studie konnte ohne Komplikationen und mit guten Behandlungserfolgen abgeschlossen werden. Ihre Resultate wurden in der prominentesten internationalen psychiatrischen Fachzeitschrift, den Archives of General Psychiatry, veröffentlicht (Grob et al. 2011). 

 

Die Psilocybin-Studien an der Johns Hopkins-Universität

Während die psycholytische Therapie in einigen Ländern noch vereinzelt ausgeübt wurde (Deutschland, Tschechoslowakei), wurde die psychedelische Therapie seit Beginn der 1970 er Jahre praktisch völlig eingestellt. Seitdem wurde sie nur noch vereinzelt im Untergrund angewandt (vgl. Passie 2007).

Erst mit den Forschungen nach der Jahrtausendwende an der Johns Hopkins Universität kommst zu einer Wiederbelebung der psychedelischen Therapie. Daran waren einzelne Mitglieder der ehemaligen Forschungsgruppe am Maryland Psychiatric Research Center maßgeblich beteiligt. Man untersuchte zunächst, inwieweit höher dosierte Psilocybin-Gaben unter geschützten Umständen zu einer Hervorrufung von mystischen Erfahrungen führen können, wie dies der Theologe und Psychiater Walter Pahnke Anfang der 1960er Jahre erstmals belegt hatte. (Pahnke 1963). Diese Versuche wurden erfolgreich abgeschlossen und 2006 veröffentlicht. Bei etwa 80 % der (gesunden) Versuchspersonen traten mystische Erfahrungen auf (Griffith et al. 2006). Neben diesen tiefreichenden Erfahrungen konnten auch Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur bzw. der psychischen Einstellungen bei den Versuchspersonen beobachtet werden. So wurde eine bedeutende Veränderung im Bereich in der psychischen Messdimension „Offenheit“ im Persönlichkeitsfragebogen NEO-FFI gefunden (MacLean et al. 2011). Im Anschluss an diese Studien fand die psychedelische Therapie eine erneute Anwendung im Bereich der Behandlung von Krebskranken im Endstadium. 

 

Neueste Studien zur Psychotherapie von Ängsten bei Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen

In einer von der MAPS geförderten placebo-kontrollierten Studie an Patienten mit Ängsten bei lebensbedrohlichen Erkrankungen konnte der Schweizer Psychiater Peter Gasser mit zwei mittleren Dosen LSD (200 mcg p.o.) eine dramatische Zustandsbesserung bei den behandelten Patienten erreichen (Gasser et al. 2014, 2016). Zwei weitere Studien mit Psilocybin wurden an dieser Patientengruppe seit etwa 2010 an der Johns Hopkins Universität und der New York Universität begonnen. Die Ergebnisse von mehr als 100 Patienten wurden 2016 publiziert (Griffiths et al. 2016, Ross et al. 2016). 

 

Aktuelle Anwendungen der psychedelischen Therapie in den USA

Ursprünglich hatte das Heffter Institut (bzw. die hinter ihm stehenden Spender) daran gedacht diese Patientengruppe als erste für eine Medikamenten-Zulassungsstudie einer psilocybin-unterstützten Psychotherapie auszuwählen. Die im Jahre 2016 von Mitgliedern des Heffter Instituts mit der amerikanischen Medikamenten-Zulassungsbehörde FDA geführten Gespräche ließen eine grundsätzlich wohlwollende Haltung der Behörde erkennen. Doch wiesen deren Mitarbeiter darauf hin, dass die Indikation „existenzielle Angst bei terminal Krebskranken“ zwar eine klinische relevante Patientengruppe ausmache, diese aber in den standardisierten Diagnosemanualen wie ICD-10 und DSM V (nach denen die Diagnosen für wissenschaftliche Studien definiert werden, um eine Vergleichbarkeit sicherzustellen) nicht vorkomme und von daher auch nicht im Rahmen von Medikamenten-Zulassungsstudien beforschbar sei. Daraufhin verständigte man sich dahingehend, dass eine Studienplanung erforderlich sei, in welcher Patienten mit der Diagnose „Depression“ beforscht werden sollten. Etwa die Hälfte dieser Patienten könne aus der Gruppe der terminal Krebskranken stammen (die ja oft auch von Depressivität betroffen sind), der andere Teil solle aus Patienten mit einer „therapie-resistenten“ Depression (ohne gravierende körperliche Erkrankung) bestehen. Diese Studien könne man aufgrund der geleisteten Vorarbeiten an den krebskranken Patienten sofort als Phase 3-Studien mit größeren Patientenzahlen anlegen und durchführen. Nach erfolgreichem Abschluss von Phase 3-Studien kann eine Medikamentenzulassung und ggf. Vermarktung erfolgen. Für eine nicht-profit-orientierte Vermarktung haben Mitglieder des Heffter Instituts eine Non-Profit-Organisation namens USONA eigens für die Vermarktung der psilocybin-unterstützten Psychotherapie gegründet. Inwieweit allerdings allein durch Spender aus dem Bereich des Heffter Instituts die sehr hohen Kosten einer Phase 3-Studie aufgebracht werden können, erscheint derzeit fraglich. Konventionelle Pharma-Firmen haben naturgemäß aufgrund der wenigen erforderlichen Einnahmen eines Medikamentes wie etwa Psilocybin (nicht mehr als 2-3x pro Patient) und der fehlenden Patentierbarkeit der Wirkstoffe bzw. Behandlungsabläufe kein Interesse an diesen Forschungen.

Eine so genannte „naturalistische Studie“, also eine Untersuchung unter realen Alltagsbedingungen, die nicht von den Besonderheiten einer Studiensituation verzerrt werden, wurde im Jahre 2015 von einer anglo-amerikanischen Gruppe auf einer britischen Kanalinsel (Isle of Man) geplant, initiiert und mit den dortigen Behörden verhandelt. Auf der Isle of Man besteht die älteste Demokratie der Welt (>1000 Jahre). Die Insel ist von Großbritannien weitgehend unabhängig. Sie verfügt über eine eigenes Parlament und eine eigene Gesetzgebung. Daher hätte sie gesetzliche Bedingungen für eine solche Studie bereitstellen können. Leider kam es jedoch wegen einer fehlenden Beschaffbarkeit des Psilocybins nicht zur Durchführung dieser Studie. Die Initiatoren wandte sich daraufhin kommerziellen Studien zur Etablierung der psychedelischen Psilocybin-Behandlung bei Depressionen zu (vgl. compasspathways.com)

Um 2015 wurde an der University of New Mexico in Arizona eine Studie zur Behandlung von Alkoholikern mit Pilocybin begonnen. Diese wurde mittlerweile an die New York Universität verlegt. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, hat aber erste vielversprechende Ergebnisse erbracht (Bogenschutz et al. 2015). 

 

Der konkrete Ablauf einer psychedelischen Therapie

Ein typisches Vorgehen bei der psychedelischen Therapie, wie sie den 1960er Jahren praktiziert wurde, ist das Folgende. 

Die Behandlung gliedert sich in drei Teile: 

1. Die Vorbereitung, in welcher sich Patient und Arzt aussprechen über die Schwierigkeiten im Leben des Patienten, sowohl was die Vergangenheit als auch die Gegenwart angeht. Seine Ziele, seine Vorsätze und Wünsche, aber auch seine Frustrationen, seine Vorstellungen von Religion, Leben und Tod werden dabei thematisiert. Im Wesentlichen gleicht diesbezüglich das Vorgehen bei einer konventionellen Psychotherapie.

2. Die zweite Phase beinhaltet den Eintritt in einen veränderten Bewusstseinszustand, getriggert durch eine hohe Dosis von LSD (300-500 mcg per os) oder Psilocybin (20-40 mg per os). Diese führt zu einer Lockerung der innerpsychischen Abwehr und einer Abänderung des gewöhnlichen Ich-Erlebens. Das Erleben des Patienten wird in Richtung auf vermehrte Einsicht und Introspektion abgewandelt, aber es kommt auch zum unmittelbaren Ausdruck von Gefühlen. Dazu kommt eine besondere Erlebnisweise, die als „psychedelische Erfahrung“ bezeichnet wird. Ein Patient hat eine solche Erfahrung so beschrieben: „Es ist als wenn ich Ihnen meinen eigenen Garten Eden gehen würde, wo ich jenseits von Gut und Böse und alle menschlichen Konzepten bin. Es ist eine Erfahrung wie die der Mystiker, mit dem Unterschied, dass das reine Gefühl nicht so sehr das eines Einsseins mit Gott ist, sondern es sich mehr um das Finden und Einswerden mit meinem eigenen Sein handelt.“  Diese Erfahrung ist in ihrem Kern charakterisiert durch Intensität, Frieden, Mitgefühl und Liebe. Andere sprechen von Glauben, Hoffnung und Liebe. Die Hoffnung richtet sich auf die Tatsache, dass sich die Dinge im Leben des Patienten bessern können, der Glaube daran, dass er selbst etwas dafür tun kann um seine Situation zu verbessern. Das Versprechen bezieht sich darauf das er mit dem Durcharbeiten der angesammelten Gefühle von Hass, Feindseligkeit und Aggression nicht nur die Abwehr gegen diese Gefühle überwinden, sondern diese Gefühle letztlich in eine Erfahrung von Liebe auflösen kann.

Der Religionswissenschaftler Stace hat die hier zum tragen kommenden Kernbestände der atheistischen Mystik prägnant charakterisiert (Stace 1961). Stace wurde schon von dem Theologen und Mediziner Walter Pahnke  1962 bei seiner Studie zur Hervorrufung von mystischen Erfahrungen durch Psilocybin-Gabe während eines Gottesdienstes an der Harvard Universität verwendet. Pahnke bemühte sich anhand der Arbeit von Stace die Bestandteile der mystischen Erfahrung zu operationalisieren, d.h. in messbare Merkmale aufzugliedern (Pahnke 1962). 

Während der Erfahrung im veränderten Bewusstsein wird emotionale Unterstützung gewährt, aber keinerlei interpretierende oder deutende Psychotherapie durchgeführt.

Die 3. Phase ist die Phase des Durcharbeitens. Das ist die Phase während der die „neuen Entdeckungen“ nach der Sitzung geordnet werden. Überholte Abwehrmechanismen werden über Bord geworfen und neue Erfahrungs- und Sichtweisen in ihrer Bedeutung erschlossen und für die Gestaltung der Welt des Patienten getestet. Der psychedelische Psychotherapeut Savage (1962) bemerkt dazu, daß die neue Erfahrung die der Patient gemacht hat, durch die Arbeit in der Arzt-Patient-Beziehung und die soziale Erfahrung gestärkt werden kann. Ohne eine solche Unterstützung würden die Eindrücke der psychedelischen Erfahrung schnell verblassen und unwirksam werden. Sie werde dann zur bloßen Erinnerung und führt nicht zu einer positiven  Persönlichkeitsveränderung.

Typischerweise kommt es nach einer intensiven psychedelischen Erfahrung zu einer Schwächung der Ich-Funktionen, die noch für einige Tage anhält, was für die Patienten meist eine angenehme Erfahrung ist. Dauerhafte therapeutische Wirkungen sind hauptsächlich während dieser Periode der „Ich-Synthese“ erreichbar. Während dieser Phase wird wiederum mit konventioneller Psychotherapie gearbeitet.

 

Eingangsvoraussetzungen und Indikationen für die psychedelische Therapie

Nach Abklärung von Diagnosen, Ressourcen und möglichen Kontraindikationen wird der Patient zur Therapie zugelassen. Eine gute Ich-Stärke ist Voraussetzung; genauso wie das Freisein von drückenden aktuellen Konfliktlagen. Auch sollte der körperliche Zustand das Durchleben von intensiven emotionalen Erfahrungen erlauben. Es geht bei der Auswahl der Patienten vor allem darum, ob die Person in der Lage ist, die intensive emotionale Erfahrung zu assimilieren. Die psychedelischen Substanzen öffnen andere Bereiche des Geistes und der Psyche, was die Person mit einer mit einem unglaublichen Maß von „neuen Daten“ konfrontiert; die ihm vorher kaum oder garnicht nicht bekannt waren, da sie dem Unbewussten entstammen. Wenn für die Verarbeitung des Materials keine ausreichende Ich-Stärke zur Verfügung steht, ist von einer psychedelischen Sitzung abzusehen. Wichtig ist den psychedelischen Therapeuten auch die Motivation des Patienten, den sie nur zur Behandlung zugelassen sehen wollen, wenn er auch entsprechend motiviert und eingestellt ist. 

Eine bedeutende Eingangsvoraussetzung für die psychedelischen Therapie wurde in der „Ehrlichkeit“ des Patienten gesehen. Dieser sollte bereit sein, sich der Erfahrung und den sich daraus ergebenden Erkenntnissen zu stellen und diese zu integrieren. Bedeutende psychedelische Therapeuten sind sich darin einig, daß vor allem jene Patienten von der Behandlung profitieren, die „ehrlich“ sind. Doch was ist unter Ehrlichkeit zu verstehen?  Eine ehrliche Person wird die Wahrheit wissen wollen, diese nicht ignorieren, sich nicht über sie hinwegtäuschen oder ihr vorsätzlich aus dem Weg gehen. Eine ehrliche Person wird in Anbetracht der Wahrheit versuchen diese zu akzeptieren, auch wenn sie nicht mit ihrer bisherigen Sichtweise oder ihren Wünschen übereinstimmt. Wir alle kreieren unsere eigenen Konstrukte. Wir sind gewöhnlich stolz darauf und nicht darauf eingerichtet, diese lange gewöhnten Sichtweisen und Werte infrage zu stellen oder gar über Bord zu werfen. Menschen, die in einer schwierigen Situation stecken und realisieren, daß ihre bisherige Lsöungen im Umgang mit sich und der Welt nicht mehr funktionieren und ihnen Leid verursachen, suchen meist nach neuen Einsichten, Haltungen und Lösungen. Sie können von der psychedelischen Therapie gut profitieren, wenn ihre gesamthafte Stabilität für die Verarbeitung hinreichend ist. Doch bedarf es immer der Ehrlichkeit um zuzugeben, dass das bisherige Konstrukt vielleicht nicht das Beste war.

 

Bei welchen Patienten wird die psychedelische Therapie angewendet?

Während der 1960er Jahre wurde die psychedelische Therapie typischerweise bei schweren Alkoholikern und Neurotikern angewandt. Bei den Alkoholikern betrug die Dosis etwa 400-500 mcg LSD, bei den Neurotikern 300-400 mcg LSD. Die gesamte Behandlung dauerte zwischen drei und sechs Monaten. Währenddessen wurden zwei bis drei psychedelische Sitzungen verabreicht. Von mehr als drei Sitzungen wurde abgeraten. Seit Mitte der 1960er Jahre wurden auch eine Reihe von Studien mit Krebspatienten im Endstadium durchgeführt, die gute Erfolge bei etwa 2/3 der Patienten zeigten. Diese Behandlungen finden seit etwa 2006 wieder statt (Grob et al. 2011). 2016 sind zwei große Studien mit etwa 120 Patienten dazu publiziert worden (Griffiths et al. 2016, Ross et al. 2016).

Neben diesen Anwendungen gibt es derzeit auch Versuche Zigarettenabhängigkeit (Johnson et al. 2014) und therapieresistente Depressionen (Carhart-Harris et al. 2016) mit der psychedelischen Therapie zu behandeln.

 

Was verändert sich durch die psychedelischen Sitzungen?

Nach dem Eindruck der Therapeuten vertieft bzw. verbessert die LSD-Erfahrung das Verständnis der Personen für sich selbst und die Welt. Sie hilft dem Patienten insbesondere dabei zu erkennen welche Kräfte ihn vom Empfinden der „allem zugrundeliegenden Liebe“ als basaler Qualität des Lebens abgehalten haben. Um mehr darüber herauszufinden wird der Patient im Anschluß an die Sitzungen angeleitet, eine detaillierte Autobiografie zu schreiben, die mit den frühesten Erinnerungen beginnen sollte.

Zwei allgemeine Aspekte in Bezug auf die möglichen positiven „bewusstseinserweiternden“ Wirkungen sind die folgenden. Die Erfahrung vermittelt dem Patienten Daten, impliziert Wissen und Verständnis. Sie kann den Patienten von Teilen seiner bedrückenden Vergangenheit, den Folgen geronnener und ihn einengender Erfahrungen befreien. Er sieht vielleicht die Fallen und Fehler in denen er gefangen war, sieht die Fehlhaltungen die er ausgebildet hat, sieht die falschen Werte und Konstrukte. Unterdrückte Gefühle können bewusst werden und zum Ausdruck kommen; schon das kann sehr reinigend und befreiend sein. Nach dem Erleben psychedelischer Erfahrungen tendieren die Patienten dazu mehr adäquate Ich-Ressourcen zu zeigen, weniger Depressivität und psychisches Unwohlsein, weniger Zwangstendenzen und Angst sowie eine verminderte Distanz im zwischenmensachlichen Bereich. Doch ist stets daran zu erinnern, dass dies selbst noch nicht die Veränderung hervorbringt, sondern erst die nachfolgende Phase der Verarbeitung und Umsetzung des Erfahrenen und Erkannten. Am meisten profitieren diejenigen Patienten, die die gewonnene Erkenntnisse im Alltagsleben nutzen und umsetzen. Wer das nicht vermag, wird vermutlich erleben, dass er nach zwei, drei Monaten wieder da gelandet ist, wo er gestartet war.

Die Wirkung der psychedelischen Therapie besteht in einem recht abrupten, dramatischen und zugleich umfassenden Wandel der Person, die sich vor allem in einem veränderten Wertesystem ausdrückt - in der Art und Weise wie der Patient sich selbst und das Universum in dem er lebt wahrnimmt und interpretiert. Die Art und Weise wie er zu seinem Universum steht, kann sich markant verändern. Unmittelbar nach der Erfahrung macht sich dies zunächst im Bereich von Glauben und Werten bemerkbar. Dies ist gefolgt von langsameren und tieferen Veränderungen der Persönlichkeit und ihrem konkreten Verhalten. Werte könne sich über Nacht verändern, die Persönlichkeit nicht, was es schwerer macht, genau wie die Veränderung alltäglichen Verhaltens, welches lange Zeit eingeübt wurde. Was die Werteveränderungen angeht, so wurde in einigen Studien Änderungen in Richtung von weniger Dogmatismus und Autoritätsgläubigkeit sowie Konventionen gefunden. Höher bewertet wurden dagegen das Einheitsgefühl mit der Menschheit und die ästhetische Wahrnehmung. Politische Ansichten und Werte blieben unverändert (z.B. Mogar et al. 1964).

Eine besondere Wirkqualität scheint sich bei Zigarettensüchtigen als möglicher Wirkmechanismus abzuzeichnen. Werden diese in Bezug auf das Erhalten ihrer Abstinenz befragt, so berichten sie durchaus von Rückfallimpulsen und –gedanken. Den Unterschied macht jedoch der „innere Raum“ zwischen dem Impuls („ich will eine Zigarette rauchen“) und der ausgeführten Handlung. Dieser wird gemäß den Aussagen der Patienten „verlängert“. Es bleibt also mehr Zeit, mehr „Entscheidungsspielraum“, in dem die den Impuls relativierenden Gedanken und Gefühle dem entgegenwirken können (Johnson 2014).

 

Behandlungsergebnisse der psychedelischen Therapie

Kommt es auf die Behandlungsergebnisse mit der psychedelischen Therapie, so ist zunächst festzustellen, daß die meisten der in den 1950er und 1960er Jahren durchgeführten Studien einen adäquaten methodischen Aufbau vermissen lassen, der für die objektive Erfassung von Behandlungsgresultaten erforderlich ist. Es gibt allerdings auch einige Studien, die einen brauchbaren methodischen Aufbau hatten, so dass sie valide Resultate widergeben. Dazu gehören vor allem die Studien die am Maryland Psychiatric Research Center (MPRC) von der Gruppe um Walter N. Pahnke und Stanislav Grof durchgeführt worden sind (vgl. die Bibliographie von Passie 1997). 

Zumeist wurde von guten bis sehr guten Besserungen bei etwa 50% der Patienten berichtet; ob es sich nun um Alkoholiker, Neurotiker oder Patienten mit Ängsten bei Krebserkrankungen im Endstadium handelte. Vor einigen Jahren wurde eine Metaanalyse von sämtlichen kontrollierten Studien zur psychedelischen LSD-Behandlung bei Alkoholikern durchgeführt, die gute Behandlungsergebnisse aufgezeigt hat (Krebs und Johansen 2012). Etwa seit der Jahrtausendwende wurden wieder Studien mit der psychedelischen Therapie bei Patienten mit Ängsten bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, bei Patienten mit Zigarettensucht und bei Alkoholikern durchgeführt. Diese Studien hatten einen guten methodischen Aufbau und haben die Ergebnisse aus den 1960er Jahren bestätigt (Grob et al. 2011, Johnson et al. 2014, Gasser et al. 2014, 2016, Bogenschutz et al. 2015).

Auch wenn der methodische Aufbau bei vielen Studien in der Vergangenheit für die Beurteilung der Effektivität nicht besonders gut gewesen sein mag, so kann, was die Optimierung der psychedelischen Behandlungsmethode angeht, von einem klinisch erprobten und sicheren Verfahren gesprochen werden. Demnach dürften im Bezug auf das Verfahren selbst keine wesentlichen Verbesserungen mehr möglich sein. Ein bedeutendes Problem besteht allerdings darin, dass nur noch wenige Personen am Leben sind, die das psychedelische Verfahren noch während der 1960er Jahre praktisch erlernt haben. Daher ist wahrscheinlich vieles „wieder von vorn“ zu erlernen, auch wenn die Schriften und Berichte der damaligen Therapeuten noch immer vieles vermitteln können.

 

Was hinderte die weitere Entwicklung der psychedelischen Therapie?

Aufgrund der oben geschilderten Verwendungsmöglichkeiten halluzinogener Substanzen wurde von vielen Autoren eine vielversprechende Zukunft der Psychotherapie mit Halluzinogenen vorausgesehen. Die sukzessive Ausdehnung der Forschung auf diesem Gebiet macht auch eine Statistik der Publikationen deutlich.  Doch wurde die weitere Entwicklung von den sozialen Unruhen Ende der 60er Jahre überschattet. Zunächst hatte sich die Gruppe um die Harvard-Psychologen Leary, Metzner und Alpert in wissenschaftlichem Stil mit der Evokation und Implikationen psychedelischer Erlebnisweisen auseinandergesetzt. Seit 1964 gingen sie dazu über, die Substanzen als Instrumente zur "Erleuchtung des menschlichen Geistes" und eines Freiwerdens vom materialistischen westlichen Selbst- und Weltverständnis zu propagieren (vgl. Stevens 1987). Ihr Propagieren von Halluzinogenen zur "Bewusstseinserweiterung" koinzidierte mit dem massenhaften Aufbegehren jugendlicher Menschen in einigen westlichen Industrieländern gegen eine ihrer Ansicht nach überholte Normen- und Wertewelt sowie gesellschaftliche Missstände. Im Rahmen dieser internationalen Bewegung wurde der Gebrauch/Missbrauch halluzinogener Substanzen durch Laien ein Massenphänomen (vgl. Yablonski 1968). Dadurch wurde nicht nur die Intensität der Revolte - besonders in den USA - potenziert, sondern es zeigten sich auch Komplikationen, die aus der Einnahme von Halluzinogenen unter unkontrollierten Bedingungen entstehen können: Unrealistisches Verhalten, traumatisches inneres Erleben ("Horrortrips"), Auslösung latenter Psychosen, Suizidversuche, sog. "Flashbacks" und anderes mehr. Außerdem wurden 1968 Berichte über Chromosomenschädigungen durch Halluzinogene veröffentlicht. Diese konnten der nachfolgenden wissenschaftlichen Prüfung zwar nicht standhalten (für eine Übersicht vgl. Grof 1980 Appendix 1), aber die durch sie verursachte schlechte Publicity führte zu einem schlagartigen Rückzug der auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler, die nun fürchten mussten in den Sog von Negativ-Schlagzeilen zu geraten. Diesen Wandel beschrieb der LSD-Therapeut Oscar Janiger aus Los Angeles so: "Das ganze gottverdammte Klima änderte sich. Plötzlich waren wir Verschwörer, die darauf aus seien Menschen zu zerstören" (Stevens 1987: 171).

 

Das Verbot der psycholytischen und psychedelischen Therapie

1966 wurde zuerst in Amerika ein gesetzliches Verbot für halluzinogene Substanzen erlassen; kurz darauf folgten die europäischen Länder; obgleich der Laiengebrauch dort niemals ein vergleichbares Ausmaß erreichte. Gegen Ende der 1960er Jahre initiierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dann eine Gesetzesvorlage zum weltweiten Verbot der Halluzinogene. Bedauerlicherweise waren unter den Mitgliedern der WHO-Sachverständigenkommission nicht ein einziger Sachkundiger bezüglich der therapeutischen Anwendungen dieser Stoffe. Seitens der WHO wurden Halluzinogene den Opiaten gleichgestellt, obwohl ihre sachgemäße Einordnung die Einrichtung einer eigenen Kategorie erfordert hätte. Durch diesen folgenschweren Irrtum wurde die therapeutische Verwendung praktisch vollständig untersagt, obwohl aus dieser nachweislich keine Gefährdungen resultiert waren (vgl. Cohen 1960, Malleson 1971). In den USA und Europa wurden dadurch Therapieabbrüche bei hunderten von Patienten erzwungen (Leuner 1981). Obwohl die Gesetzestexte Ausnahmeregelungen grundsätzlich zulassen, kam es de facto zu einer praktisch vollständigen Einstellung der Forschung.

 

Aktuelle Entwicklungen seit den 1980er Jahren

Seit den 1990er Jahren veränderten sich die Umstände dahingehend, dass die Federal Drug Administration (FDA) sowie entsprechende Institutionen in Europa sich zu einer erneuten Sondierung bereitfanden und wieder Forschungsprojekte genehmigten. Seit Mitte der 1990er Jahre wird bzw. wurde Amerika, in Deutschland, Spanien und der Schweiz wieder aktiv mit Halluzinogenen geforscht (vgl. z.B. Grob et al. 1996; Strassman 1991; 1994; Hermle et al. 1992; Gouzoulis et al. 1993; Dittrich 1985; Vollenweider 1992, 1997). Neue therapeutische Perspektiven ergaben sich damals vor allem durch die Entwicklung von Substanzen mit einem neuen Wirkungsspektrum wie dem MDMA.

1985 wurde die "Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT)" gegründet, von deren Ärzten fünf zwischen 1988 und 1993 eine Genehmigung zur Psychotherapie mit LSD und MDMA erhielten (vgl. Benz 1992; Styk 1994). Im selben Jahr wurde auch das "Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS)" gegründet, welches europäische Forscher auf dem Gebiet der veränderten Bewusstseinszustände und der Halluzinogene über anderthalb Jahrzehnte im Rahmen von Kongressen und Symposien zusammenbrachte. 

In den USA wurden zwei Organisationen von Wissenschaftlern und Interessierten gegründet, die die Forschungen in diesem Bereich fördern sollten. 1986 gründete der spätere Harvard-Absolvent Dr. Rick Doblin die Multidiciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), die über nächste drei Jahrezehnte zu einer internationalen Vereinigung mit mehreren tausend Mitgliedern wurde (www.maps.org). Ihr gelang es für die möglichen positiven und therapeutischen Anwendungen der Psychedelika zu werben und auch erhebliche Geldmengen aufzubringen, mit dem derartige Forschungen gefördert werden konnten. Was die therapeutischen Perspektiven angeht, so wird von MAPS vor allem die Entwicklung von MDMA als Medikament in der psychotherapeutischen Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen propagiert und gefördert. Aktuell befinden sich die Forschungsprogramme von MAPS in der Phase 3 der Medikamentenentwicklung, also jener Phase nach deren Abschluß (2021) eine Zulassung von MDMA als Medikament erfolgen kann. Anfang der 1990er Jahre wurde von dem Medizinchemiker Professor David Nichols (emeritierter Inhaber des Lehrstuhls an der Purdue Universität in Indiana) und einigen Kollegen das Heffter Institute (www.heffter.org) gegründet. Dieses machte es sich zur Aufgabe, erstklassige wissenschaftliche Forschung im Bereich der Psychedelika zu fördern. Die mit dem Heffter Institut assoziierten Froscher haben internationalen Rang und konnten wichtige Forschungsprojekte realisieren, die vor allem Grundlagenforschung an Tieren und Menschen mit Psilocybin, MDMA, LSD und anderen Substanzen zum Inhalt hatten. Was die therapeutischen Perspektiven angeht, so fördert das Heffter Institut vor allem die Zulassung von Psilocybin als Medikament für die Behandlung von Depressionen sowie von Ängsten bei lebensbedrohlichen Erkrankungen. Vorgespräche mit der amerikansichen Medikamenten-Zulassungsbehörde FDA haben nach Abschluss von mehreren Phase 2-Studien 2017 stattgefunden und sollen demnächst in einer Phase 3-Studie mit mehreren hundert Patienten münden.

 

Drei aktuelle Meinungen zur psychedelische Therapie

Prominente Ärzte und Psychiater sind heute der Ansicht, dass wir „dringend neue Behandlungsansätze für die Behandlung von Suchterkrankungen brauchen. In den richtigen Händen, und ich betone das besonders, da das ganze psychedelische Feld Leute anzieht, die denken, dass sie die Wahrheit schon wissen bevor sie die wissenschaftlichen Belege erbracht haben – kann das ein sehr brauchbarer Ansatz sein“, sagt etwa Herbert Kleber 2017. Auch Kritik wurde, wenn auch begrenzt, geäußert. So meinte Prof. Florian Holsboer, Direktor des Max Planck Instituts für Psychiatrie, in der Wissenschaftszeitung Science: „Man kann den Leuten kaum eine Substanz geben, die einen antidepressiven Effekt hat, neben vielen anderen Wirkungen. Das wäre zu gefährlich“. Aus der Sicht der ehemaligen Direktorin des US-amerikanischen National Institute for Drug Abuse (NIDA) besteht der Hauptvorbehalt „in Bezug auf diese Ansätze darin, dass die Öffentlichkeit den falschen Eindruck bekommen könnte, dass Psilocybin eine sichere Substanz sei, die man einfach so einnehmen könnte. De facto sind seine Nebenwirkungen gut bekannt, aber kaum vorhersehbar.“

 

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