Ausbildungen in substanz-unterstützten Psychotherapien


Von Prof. Dr. Torsten Passie
 

Seit etwa 10 Jahren wird zunehmend deutlicher, dass sich das Gebiet der substanz-unterstützten Therapie mit Psychedelika, insbesondere Psilocybin, LSD und MDMA, in einem neuen Aufschwung befindet. Laufend werden neue experimentelle Forschungen und Therapiestudien durchgeführt und veröffentlicht. Mittlerweile sind auch einige sog. „key opinion leader“, also die Meinungsmacher im psychiatrischen Fachgebiet, aufgesprungen und prägen ein neues Bild dieser besonderen Medikamente.

Selbstverständlich wächst damit auch der Bedarf an Psychotherapeuten, die über die notwendigen Spezialkenntnisse und eine fundierte praktische Ausbildung, inclusive Selbsterfahrung mit den Medikamenten, verfügen.

Zuerst haben darauf diejenigen Gruppen reagiert, die die Therapiestudien durchführen um ihre Studientherapeuten auszubilden. Dazu zählen etwa die Firma COMPASS und MAPS. Die Schweizerische Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT) und das California Institute for Integral Studies (CIIS) bieten ihre Ausbildungen aus einer Tradition mit großem Erfahrungshintergrund an. Sie sind somit weniger auf ein spezifisches Verfahren bezogen und umfassender.

Ich habe im Folgenden versucht, die Ausbildungen der verschiedenen Institutionen in Kürze darzustellen:

  • Ausbildung in Therapie mit Psychedelika am California Institute for Integral Studies (CIIS)

    Im Verlauf seiner Geschichte wurde das CIIS in San Francisco eine führende Institution im Bereich der Bewusstseinsforschung, insbesondere der Erforschung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände. Das CIIS genießt seit 50 Jahren einen hervorragenden Ruf bezüglich seiner Hochschulausbildung, die Bewusstseinsstudien, fernöstliche und westliche Psychologie, einschließlich psychedelischer Studien, zusammenführt. Der bekannte Psychedelik-Experte und Psychotherapeut Ralph Metzner war über Jahrzehnte Professor und Dean am CIIS.

    Um dem Bedarf an spezifisch ausgebildeten Psychotherapeuten bei experimentellen und therapeutischen Studien mit Psychedelika gerecht zu werden, hat das CIIS 2015 ein „Zentrum für psychedelische Therapien und Forschung“ (das Zentrum) gegründet. Das Zentrum wird von der klinischen Psychologin Prof. Dr. Janis Phelps (CIIS) geleitet und arbeitet mit MAPS und dem Heffter Research Institute zusammen. Angesichts der aktuellen Phase 3 Studien, der erweiterten Zugangsprogramme für die Psilocybin- und MDMA-unterstützte Psychotherapie, wie auch deren künftige breitere Anwendung, gibt ist ein größerer Bedarf an kompetenten Therapeuten absehbar.

    Die Leiterin des Ausbildungsprogramms, Prof. Janis Phelps weist darauf hin, dass die Fokussierung auf evidenzbasierte Ergebnisse in methodisch hochwertigen Studien zu einem Mangel an Diskussionen und Forschungen über die Kernkompetenzen der Therapeuten geführt hat.

    Ziel  der vom CIIS angebotenen Ausbildung ist es, lizenzierte Psychotherapeuten und Mediziner in der psychedelischen Therapie und Therapieforschung in den USA und im Ausland auszubilden.

    Das Format des Unterrichts und des Lehrplans wurde von Prof. Phelps in Zusammenarbeit mit Klinikern und Forschern auf dem Gebiet der Psychedelika entwickelt. Führende Psychiater, Psychologen und Therapeuten der Johns Hopkins University, der New York University, der UCLA, der UC Berkeley und anderer Institutionen unterrichten im Programm.

     

    Das Programm zielt auf den Aufbau folgender Kernkompetenzen:

    • Kenntnis der physischen und psychischen Wirkungen von Psychedelika
    • Kenntnisse in komplementären Techniken
    • Dauerhafte einfühlsame Präsenz
    • Vertrauensbildung
    • Spirituelle Intelligenz
    • Ethische Integrität des Therapeuten


    Das Ausbildungsprogramm ist privat finanziert und muss daher von den Ausbildungskandidaten voll bezahlt werden. Ausnahmen sind in besonderen Fällen möglich.  Es wird in acht Monaten (plus Sommerpause) durchgeführt. Die Ausbildung besteht aus vier Wochenend-Workshops und einem einwöchigen Retreat mit Lernprogramm. Die Ausbildung umfasst 180 Unterrichtsstunden, darunter 60 Stunden Online-Videounterricht, Freiwilligenarbeit und Mentoring. Die Lernumgebung besteht aus Vorlesungen, Diskussionen in Kleingruppen, Erfahrungslernen (z. B. Rollenspiele, geführte Bilder, Ausdruckskunst) und angewandter Arbeit in therapeutischen Umgebungen. Ein Erlebniswochenende ermöglicht Erfahrungen mit holotroper Atemarbeit.

    Die Ausbildung des CIIS ist vom Staat Kalifornien anerkannt. Somit können vom CIIS zertifizierte Therapeuten an Forschungseinrichtungen in den USA beschäftigt werden. Im Rahmen der bevorstehenden Programme für „erweiterten Zugang“ (‚Expanded Accesss‘) für Therapien mit Psychedelika können Absolventen schon in naher Zukunft gemeinsam mit Psychiatern therapeutisch arbeiten. Bis 2019 durchliefen 220 Personen das Ausbildungsprogramm.

    Im Jahr 2019 erhielt das Programm eine Spende der Threshold Foundation, um einen Antrag auf Genehmigung des Schulungsprogramms bei der FDA zu unterstützen. Sollte dies genehmigt werden, so könnten die Ausbildungskandidaten Sitzungen eines erfahrenen Therapeuten miterleben und im Selbstversuch MDMA und Psilocybin erleben.


    Weitere Informationen: www.ciis.edu/research

  • Die Therapeuten-Ausbildung von COMPASS

    Die Firma COMPASS bemüht sich seit einigen Jahren mit Unterstützung von Investoren um die Etablierung einer psychedelischen Behandlung von Depressionen mit Psilocybin. Sie hat in mehreren europäischen Ländern Phase 2 Studien auf den Weg gebracht und will Psilocybin durch die – sehr aufwändigen – Phase 3 Studien bis zur Marktzulassung bringen.

    Für die Ausbildung von COMPASS sind Psychiater, Psychologen mit Psychotherapieerfahrung und Fachkräfte mit Master-Abschluss wie z. B. Krankenpfleger für psychische Gesundheit zugelassen

    Das Ausbildungsprogramm umfasst mehrere Stufen:

    1. Online-Lernen über 20 Stunden (Videovorträge, Nachstellungen gängiger klinischer Szenarien aus Psilocybin-Sitzungen, Psilocybin-Therapiehandbuch und andere Ressourcen);

    2. Ein 5-tägiges interaktives Training in Kleingruppen von 10-12 Therapeuten mit Schwerpunkt auf Rollenspielen und Feedback;

    3. Das Training unter Anleitung eines erfahrenen Psilocybin-Therapeuten. Die angehenden Therapeuten müssen mindestens 4 Psilocybin-Sitzungen beobachtet haben, bevor sie eine Sitzung alleine leiten können.

    4. Die Möglichkeit eine Psilocybin-Sitzung an sich selbst zu erleben. Dies gilt als wichtiger Teil des Programms.

    5. Fortlaufende 1:1-Supervision und Feedback-Sitzungen mit einem engagierten Mentor. Außerdem finden monatlich Webinare von Therapeuten und Trainern statt, die sich auf klinische Fälle konzentrieren.

    Derzeit steht können nur Therapeuten an der Ausbildung teilnehmen, die an Studien von COMPASS beteiligt sind. In Zukunft soll ein größerer Pool von Fachleuten in das Programm aufgenommen werden.

    Quelle: Compass-Website, Stand 20-02-2020

  • Die Weiterbildung der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT)

    Die SÄPT wurde 1985 auf Anregung von Dr. med. Peter Baumann gegründet. Zweck der Gesellschaft ist es, „die für psycholytische und psychedelische Verfahren brauchbaren psychoaktiven Substanzen für die praktische psychotherapeutische Anwendung zugänglich zu machen, deren Handhabung zu kontrollieren, … und die für deren Handhabung nötige theoretische und praktische Ausbildung anzubieten“. Der Verein hat heute um die 60 Mitglieder, vornehmlich aus der Schweiz und Deutschland.

    Von 1988 bis 1993 hatten fünf Therapeuten der SÄPT eine Sondererlaubnis vom Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit um mit MDMA und LSD in ihren Praxen psycholytische Therapien durchzuführen. Es wurden ca. 170 Patienten behandelt, die eintausend ganztägige Sitzungen durchliefen; ohne Gefahren und mit überwiegend positiven Ergebnissen (Gasser 1996). Seit 2010 wurden von drei Mitgliedern der SÄPT wissenschaftliche Studien zur psychotherapeutischen Behandlung von PTBS mit MDMA und der Behandlung Sterbenskranker mit LSD durchgeführt (Oehen et al. 2013, Gasser et al. 2014, 2016). Mittlerweile haben die Schweizer Behörden etwa 10 Psychiatern Genehmigungen für den therapeutischen Gebrauch von MDMA und LSD bei einzelnen Patienten erteilt.

    Die SÄPT verfügt auf das Gesamt ihrer Mitglieder gerechnet über eine sehr umfangreiche Erfahrung im therapeutischen Umgang mit MDMA und LSD. Daher hat sie die Erfahrungen und Fähigkeiten wichtige Elemente der therapeutischen Arbeit aufzuzeigen, zu bearbeiten und weiterzugeben.

     

    Die Weiterbildung richtet sich an Psychiater, Ärzte mit psychotherapeutischer Erfahrung, Assistenten im Bereich psychedelischer Forschung sowie nichtärztliche Psychotherapeuten. Sie dauert zwei Jahre.

    Die Weiterbildung soll befähigen, Menschen in durch Psychedelika veränderten Bewusstseinszuständen sicher und kompetent zu begleiten. Dazu werden wissenschaftliche Erkenntnisse, Konzepte, Theorien, Methoden und praktische Erfahrungen vermittelt. Diese werden in Vorträgen, Seminaren, praktischen Erfahrungen, Supervisionen, Erfahrungsaustausch, Selbststudium und mit einer Abschlussarbeit vertieft.

     

    Lerninhalte sind:

     

    • Geschichte
    • Umfeld und Rechtliches
    • Pharmakologische und neurobiologische Aspekte
    • Psychotherapeutische Aspekte
    • Kompetenzen der Therapeuten
    • Sicht der therapeutischen Rolle
    • Präsenz, Vertrauensbildung und Emotionsregulierung
    • Abgrenzung und Selbstfürsorge des Therapeuten
    • Screening der Patienten
    • Der Rahmen der Sitzungen
    • Die Inhalte der Sitzungen
    • Krisensituationen und deren Bewältigung
    • Umgang mit psychodynamischen Gefahren (Sexualisierung, Narzissmus usw.)
    • Qualitätssicherung

    Im Erfahrungsteil geht es darum, die Möglichkeiten und Grenzen der substanz-induzierten Zustände im eigenen Erleben kennenzulernen. Das ermöglicht, den inneren Prozess des Patienten sowohl empathisch als auch professionell zu begleiten.

    Die Teilnehmer sollen an 6 psycholytischen Gruppensitzungen und an 1-2 Einzelsitzungen teilnehmen. Die Selbsterfahrung beinhaltet die Auseinandersetzung mit eigenem Konfliktmaterial, d.h. Wahrnehmung, Durchleben, Integration der an der eigenen Lebensgeschichte und in den Sitzungen sich darstellenden psychodynamischen Prozesse. Derzeit sind keine Aufnahmen in die Ausbildung möglich.

    Weitere Informationen: www.saept.ch

  • Ausbildung für die MDMA-gestützte Psychotherapie bei PTBS

    Das Trainingsprogramm von MAPS für die MDMA-unterstützte Psychotherapie wurde 2012 von Annie und Michael Mithoefer in Zusammenarbeit mit MAPS entwickelt und eingeführt, also den beiden Therapeuten, welche die ersten therapeutischen Studien durchführten.

    Seit 2005 begann eine Gruppe um die Mithoefers und Rick Doblin von MAPS, an einem Behandlungshandbuch für die MDMA-unterstützte Psychotherapie bei PTBS zu arbeiten. Es wurde von Dr. Michael Mithoefer und seiner Frau Annie Mithoefer wie auch Lisa Jerome, June Ruse, Rick Doblin, Elizabeth Gibson und Marcela Ot'alora entwickelt. Es gab sechs Versionen, bis 2015 eine endgültige Version veröffentlicht wurde. Das Handbuch beschreibt Qualifikationen und Verfahrensweisen, wie sie für die Durchführung der MDMA-unterstützten Psychotherapie in einem standardisierten Format erforderlich sind. Dies ist wichtig für die Studien der Phasen 2 und 3, da sie einem standardisierten Verfahren folgen müssen.


    Das Handbuch enthält Abschnitte über:

    o Qualifikation und Hintergrund des Therapeuten

    o Die Unterstützung des Prozesses der Patienten

    o Die Durchführung von Vorbereitungssitzungen

    o Die Durchführung von MDMA-unterstützten Psychotherapie-Sitzungen

    o Die Durchführung integrativer Folge-Sitzungen

    o Die Psychohygiene des Therapeuten

    Das Handbuch ist verfügbar unter: https://maps.org/research-archive/mdma/MDMA-Assisted-Psychotherapy-Treatment-Manual-Version7-19Aug15-FINAL.pdf).

     

    Die von MAPS angebotene und von der FDA anerkannte Ausbildung für MDMA-Therapeuten ist ein fünfstufiges Programm, das Therapeuten auf die Arbeit in den Phase 3-Studien vorbereiten soll. Die Teilnehmer müssen über entsprechende Qualifikationen verfügen. Dazu zählt eine Ausbildung zum Psychologen oder Arzt mit Zusatzqualifikation zum Psychotherapeuten. Der Schulungsplan umfasst: Einen eintägigen Online-Kurs, ein einwöchiges Seminar, das hauptsächlich praktischen Fragen gewidmet ist (z.B. Diskussion von Videoclips von Therapiesitzungen). Dadurch soll erlernt werden, wie man Patienten während des MDMA-induzierten Zustandes begleitet und mit ihnen therapeutisch arbeitet. Im dritten Teil hat der Therapeut die Möglichkeit, MDMA in einer Selbsterfahrungssitzung einzunehmen. Der vierte und fünfte Teil befassen sich mit der praktischen Behandlung eigener Patienten, einschließlich von Intervisions-/Supervisionssitzungen, die in Peergroups erfolgen sollen.

    Nach Ansicht der meisten MDMA-Therapeuten ist es wichtig, dass der Therapeut Selbsterfahrungen mit dem MDMA macht, um dessen Wirkungen kennenzulernen und die Erfahrungen seiner Patienten besser verstehen und einfühlen zu können. Um eine solche Selbsterfahrung zu ermöglichen, musste ein besonderes Forschungsprojekt eingerichtet werden. Das Forschungsprotokoll lehnte sich an das Vorgehen des LSD-Forschungsteams von Dr. Albert Kurland im Spring Grove-Krankenhaus (Baltimore, Maryland) Anfang der 1970er Jahre an. Dieses Team hatte eine FDA-Zulassung zur Verabreichung von LSD an Krankenschwestern, Ärzte und Psychologen, die im Rahmen von LSD-Studien mit Patienten arbeiteten.

    Nachdem die FDA den Studienplan geprüft hatte, erhielt MAPS 2009 von der FDA und dem zuständigen Institutional Review Board (IRB) die Genehmigung dafür. Im Jahre 2010 nahmen die ersten Therapeuten MDMA als Teil ihrer Ausbildung ein. Bisher haben 85 Therapeuten die Selbsterfahrungsstudie durchlaufen. Derzeit ist die Teilnahme an mehreren Standorten möglich, aber auf Therapeuten beschränkt, die an den von MAPS gesponserten klinischen Studien arbeiten.

    Vor einigen Jahren wurde schließlich das Gesamtkonzept des Trainingsprogramms von der FDA genehmigt.

    Die erste Schulung in Europa fand 2012 in Österreich statt, die zweite 2018 in Maastricht. Dort führten Mitarbeiter von MAPS eine einwöchige Schulung für 60 Therapeuten durch, welche die Phase 3-Studien in Europa durchführen sollen. Bis 2019 wurden über 500 Ärzte, Krankenschwestern, Berater und andere psychiatrische Fachkräfte in das Programm aufgenommen.