Von Prof. Dr. Torsten Passie und Prof. Dr. Christian Scharfetter † 

 

Ekstase, das Außer-sich-Sein, ist kein scharf abgrenzbarer Begriff und dazu traditionsbelastet (religiöse Ekstase). Das Wort bezeichnet trefflich das „Außer-sich-Geraten“, „Nicht-bei-sich-Sein“: ein Herausgeraten aus dem Alltagswachbewusstsein mit seinem Ich-Bewusstsein und den zugehörigen Funktionen der Realisation von Ort (räumliche Einordnung), Zeit (Temporalisation in chronologisch-linearer, kontinuierlicher Zeit), Erinnerungsfähigkeit, Logik (Kausalität, Schlussfolgern etc.). Kurz: In der Ekstase fallen die „Instrumente“ zum Erfassen und adäquaten Reagieren auf die Alltagswirklichkeit seiner selbst (Selbstbewusstsein) und seiner Umgebung (interpersonelle und Subjekt-Objekt-Bezüge) aus. 

Ekstasen sind nicht klar von Trancen getrennt. Beide können sowohl dramatisch-bewegt als auch still-innengewendet sein („Enstase“ nach Eliade 1977). In beiden Bewusstseinszuständen können wahrnehmungsartige Erlebnisse (Visionen, Auditionen, Leiberlebnisveränderungen, Levitation usw.) mit einem dominierenden Affekt („Verzückung“, Glück, Freude, Liebe, Psychalgie [= seelischer Schmerz], Trauer, Angst, Panik, Wut) oder mit einer emotionalen Turbulenz vieler Gefühle und Stimmungen vorkommen. Vom äußeren Bild her ist Bannung, Faszination in Regungslosigkeit und Stummheit sowohl wie hohe mimische, gestische und andere Psychomotorik und vegetativ-nervöse Erregung bis zu „Anfällen“ verschiedener Gestalt zu beschreiben. Positive Inhalte (religiöse Erscheinungen, Glück, Liebe, Lust) werden eher dem Begriff Ekstase zugeordnet – negative (Beherrschtwerden von nicht-ichhaften Kräften, Ausagieren von Wut) mit dem Begriff Besessenheit (besessen von Wut, „Rachegelüsten“). 

Das Ich-/Selbst-Bewusstsein kann in verschiedenem Grade aufgehoben sein. In schweren Ausprägungen fehlen reflexive Selbst-Bewusstseinsfunktionen und die Selbststeuerung (self-monitoring-control). Aber ein Rest vom Ich-Bewusstsein muss doch erhalten bleiben, denn nach der Ekstase kann zumindest ein Teil des Erlebten als eigenes erkannt und berichtet werden. Also war eine mindestens partielle Zuordnung des Erlebten zum eigenen Ich („mir wird die Erfahrung zuteil“) erhalten und auch die Fähigkeit zu seiner Aufnahme ins Gedächtnis. Diese Egoifizierung des Erlebten und der mnestische Einbau in die Biographie ist besonders für die Langzeitwirkung von Ekstasen wichtig. 

Formen ekstatischen Erlebens 

Man sollte offen sein für die dimensionale Sicht von Ekstase und Trance. So wie es zwischen den Polen der vollen Absence und den „discrete states of mind“ (Tart 1975) alle Übergänge gibt, so sind auch ganz verschiedene Grade von „Ekstasen“ zu unterscheiden: Makround Mikro-Ekstasen im weiten Spektrum von ästhetischer, liebender, glücklicher, lustvoller Entzückung, angstvoller Einengung (Angst – angustia – Enge) des Bewusstseins, dem Außer-sich-Sein in Zorn, Hass, dem Wutanfall („verrückt vor Wut“), der Entrückung oder Absorption in kreativen Einfällen (vgl. Mantegazza 1888). Wir differenzieren Inhalte und (emotionale) Qualitäten und Unterschiede der Quantität, der Intensität. Es sind keine kategorialen Grenzen zu setzen. Für die in diesem Aufsatz zu behandelnden ekstaseähnlichen Bewusstseinszustände im Rahmen von Psychotherapien mittels psychoaktiver Substanzen ist diese Sicht auf „quantitative“ Übergänge zwischen diskreten, kaum erkennbaren („Miniekstasen“) und ausgeprägten, „auffälligen“ Bewusstseinsveränderungen wichtig (Abb. 1). 

Trance und ekstatisches Erleben sind gekennzeichnet durch eine Veränderung des Bewusstseinsrahmens, d.h. des Umfangs und der Struktur dessen, was an inneren und äußeren Reizen erlebt wird. Das Bewusstsein kann sowohl verengt als auch erweitert sein. 

 

 

Die Wachheit kann erhöht, aber auch vermindert sein. Leichtere Formen von
tranceartigen Zuständen, die jeder erlebt hat, sind das Tagträumen, die „Autobahn-Hypnose“ sowie Zustände von Übermüdung und Erschöpfung. Aber auch Zustände zugespitzt intensivierten Gefühlserlebens, wo es zu einer starken Absorption durch inneres Erleben kommt, zählen zu der Art Ekstasen, die hier als Mikroekstasen bezeichnet werden; wo also die Struktur inneren Erlebens verändert ist, aber nicht von einem veränderten Bewusstseinszustand (mit erheblicher Veränderung des Ich-Erlebens und der
Matrix kognitiver Funktionen) im engeren Sinne nach Tart (1975) gesprochen werden kann. Im Blick auf religiöse und spirituelle Erlebnisse gilt auch eine solche dimensionale Konzeption: Versenkung und Versunkenheit (in der Meditation, vgl. Albrecht 1951) mit und ohne perzeptionsähnlichen Erfahrungen (Audition, Vision, Levitation, Stigmatisation, duale Begegnung oder Unio mystica) können einen Menschen entrücken, in Ekstase
wegtreten lassen, die äußerlich „sichtbar“ ist, oder auch nur still zurückgezogen erscheinen lassen (Enstase).Für die Art der Manifestation von Intensiverlebnissen spielen außer ihrer Intensität die Persönlichkeit, ihr Temperament, ihre Fassungskraft eine Rolle, aber auch die Kultur, die entweder Beherrschung, Gefasstheit, stete Besonnenheit wertschätzt oder die Exaltationen erwartet und mit Verehrung belohnt. Während eines Trancezustandes sind das gesamthafte subjektive Erleben, Kognition und
der Bewusstseinsrahmen verändert. Laut einiger Autoren (Oesterreich 1921, Bourguignon 1973) können die Trancezustände in zwei Kategorien unterteilt werden. Zum einen die luzide Ekstase/Trance, bei der ein klares Bewusstsein mit – mindestens partiell – geordnetem Erlebnisstrom herrscht, der – bei meist fehlenden abstrakten Denkprozessen und verminderter Besonnenheit – gewöhnlich in einem imaginativen Bilderfluss und ohne gedankliche Vorgänge erlebt wird. Typischerweise kann auch eine Defokussierung des
Bewusstseins vorkommen, da aufgrund der veränderten Hirnfunktionen Reize weniger selektiv und konzeptgebunden verarbeitet werden können. Das Gefühlserleben ist bei der Trance in einigen Fällen gesteigert, in anderen weicht es einer Art Gleichmut oder ist schlicht reduziert. In der luziden Trance sind körperliche Koordination und Teile der Realitätsprüfung erhalten, obgleich die Fähigkeit zur Selbstreflexion reduziert ist. Die Erlebnisinhalte sind zum größten Teil erinnerlich. Die somnambule Ekstase/ Trance, in der die Bewusstseinshelligkeit verringert, das Sensorium getrübt oder abgeschaltet ist, steht dem Traum erheblich näher. Das Bewusstsein ist meist auf ein eingeengtes Erlebnisfeld bezogen, der Fluss des Erlebens eher verlangsamt, teils gar verarmt, doch dann auch wieder dynamisch, konvulsionsartig gesteigert. Er wirkt unkoordiniert, wenig auseinander hervorgehend, eher fragmentiert und sprudelnd wie im Traum. Abstrakte Denkprozesse
treten praktisch nicht auf, von einer koordinierten, kortikal mitgestalteten
Erlebnisformierung etwa im Sinne der selektiven Aufmerksamkeitsausrichtung oder Lenkung des Erlebens kann nicht mehr gesprochen werden. Der Betroffene erscheint meist wie in einer anderen Welt, ist nur reduziert ansprechbar, wirkt abwesend und nicht auf die Umwelt bezogen. Das Gefühlserleben kann stark gesteigert, aber auch verringert sein. Es können persönlichkeitsfremde Äußerungen und Verhaltensweisen auftreten. Die
Realitätsprüfung ist erheblich reduziert, eine Selbstreflexion nicht mehr möglich. Die körperliche Koordination ist noch rudimentär erhalten. Der Inhalt des Erlebten kann in der Regel nicht oder nur eingeschränkt erinnert werden (Oesterreich 1921, Bourguignon 1973). Die durch Halluzinogene und Entaktogene hervorgerufenen Zustände sind der luziden Ekstase zuzurechnen. Von daher wird hier die somnambule Ekstase nicht weiter
behandelt.
Es scheint angebracht, aufgrund einiger Spezifika der Wirkung von Entaktogenen eine besondere Form ekstatischen Erlebens abzugrenzen. Diese soll in der Folge (im Anschluss an Naranjo 1979) im Unterschied zu Depersonalisations-Ekstasen, bei denen die Person bzw. ihr „Selbst-
“Erleben in den Hintergrund gerät bzw. als personales verschwindet (mystische, vulkanische und – partiell – Halbekstasen), als Personalisations-Ekstasen bezeichnet werden. Bei diesen kommt es, zumeist auf der Basis einer ausgeprägten Entängstigung, zu einem intensivierten, sehr aufgeschlossenen Zugang zum eigenen Selbst. Es macht den Anschein, als wenn eine sehr nahe und authentische Begegnung mit sich selbst zustande
kommt, wie sie den Betroffenen aus dem Alltagsbewusstsein unbekannt ist. Aufgrund der Entängstigung scheint es zu einem Wegfallen von Wahrnehmungshemmungen zu kommen, so dass auch kritischen Anteilen der eigenen Person mit einer basalen Offenheit und Selbstakzeptanz begegnet werden kann (Adamson und Metzner 1988, Mithoefer 2008). Obgleich die Ich-Struktur nicht gravierend verändert ist, so ist doch das Ich Erleben und der Rahmen der gewöhnlichen Selbstwahrnehmung soweit transzendiert, dass die Rede von einem Außer-sich-Sein im Sinne einer erheblichen Veränderung des
Wahrnehmungsrahmens gegeben ist (Passie et al. 2005). Zur Illustration eines solchen Erlebens seien die folgenden Beschreibungen aus einer Therapiesitzung unter dem Entaktogen MDMA angeführt: „Die erste Reise war nur herrlich und ich glaube, ich habe hunderttausend Mal dem Therapeuten Dankeschön gesagt, weil dieses Erlebnis von einem solch unschätzbaren Wert war. Was ich da für mich empfunden habe, wie ich mich empfunden habe, so nah bei sich zu sein, sich so öffnen zu können, über sich selber reden
zu können“. „Hinterher kam die zweite Reise und die habe ich auch ‚die Ernüchterung‘ genannt, weil sie ziemlich das Gegenteil davon war. Es wirkte so, als hätte mir die erste Sitzung eine Basis gegeben, die mich gefestigt hat. Ich fühlte mich wohl bei mir ... dafür war die zweite Reise genau das Gegenteil. Sie wurde sehr kritisch. Da habe ich den Verlust meines Kindes gesehen, und ich habe den als Verlust eines Teils meiner Person empfunden. Ich habe auch versucht da reinzugucken, warum das so geschehen ist und wo
dieses Kind nun ist. Das hieß auch Abschied nehmen. Das war sehr hart“ (aus Passie und Dürst 2009).
Als Halbekstasen hat Leuner (1981) Zustände bezeichnet, in denen unter der Wirkung psychoaktiver Substanzen zwar ein Bewusstseinswandel angestoßen, sich aber durch fehlerhafte Dosierung, ungünstige Settingbedingungen oder fehlende psychische Reife nicht voll ausbilden konnte, so dass der Betroffene in einem „halbekstatischen“ Erleben gefangen
bleibt. Viele halluzinogeninduzierte Zustände, wie sie sich im Milieu des
Drogenmissbrauchs ereignen, sind dieser Kategorie zuzurechnen. Auch das Erleben von psychischem Schmerz und Leid kann sich unter der Wirkung psychoaktiver Substanzen, die als unspezifische Katalysatoren psychischen Erlebens verstanden werden können (Grof 1978, Leuner 1962), derart steigern, dass es zur Ausprägung einer von Grof (1978) als vulkanische Ekstase bezeichneten Erlebnisform kommen kann.
Die Frage, ob bestimmte Menschen disponiert sind, eher eine ekstatische Erfahrung zu erleben als andere, lässt sich nur schwer beantworten, da eine ganze Reihe von Variablen in der „richtigen“ Konstellation zusammentreffen muss, um eine solche Erfahrung auszulösen. Studien von Lamparter und Dittrich (1995) weisen darauf hin, dass Personen mit einer extrovertiert-optimistischen Charakteristik eher zu solchen Erfahrungen Zugang haben könnten. Ekstasen können spontan auftreten, in innerlich bewegten, guten, reichen oder auch belasteten (Schmerz, Trauer, Konflikte, Sehnsucht) Lebensabschnitten, in Einsamkeit, Fremde, Müdigkeit, langen Anstrengungen, Fasten – bei manchen Menschen auch eher in Gemeinschaft, bei Festen, religiösen Intensivübungen (Workshops, Exerzitien). Manche
Menschen lernen, Ekstasen (wie Trance) selbst zu induzieren: mit Tanz, rhythmischen Bewegungen, Gong, Trommel, Musik, Mantrarezitationen, Gebet, oft auch kombiniert mit Schlaf-Wach-Veränderungen (Schlafentzug) und Fasten. In Gruppen sind die Gruppenerwartung und – bei geführten Gruppen – die Leitung der Gruppe, ihre Position, ihr Gewicht und ihre Ankündigungen als Suggestionsfaktoren in Rechnung zu stellen.
Unter den Induktoren sind auch die verschiedenen psychoaktiven Substanzen zu nennen. Es kann an dieser Stelle keine Darstellung des Gesamtkonzeptes der durch psychoaktive Substanzen unterstützten Psychotherapie gegeben werden. Dafür sei auf die Darstellungen von Leuner (1971), Grof (1983) sowie Passie und Dürst (2009) verwiesen. Grundsätzlich geht es um die kontrollierte Stimulation des psychischen Erlebens durch die Effekte der psychoaktiven
Substanzen, welche die „innere Reizproduktion“ (Leuner) steigern und das psychische Erleben unspezifisch verstärken („Katalysatorwirkung“). Gewöhnlich erzeugen diese Stoffe einen veränderten Bewusstseinszustand mit Introversionsneigung, affektiver Stimulation und einer intensivierten Imaginationstätigkeit. Dies ermöglicht den Zugang zu unbewusstem Material, welches in einem traumartigen, primärprozesshaft geprägten Bewusstseinszustand erlebt wird. Bei dem Erlebten stehen so genannte psychodynamische Erfahrungen im Vordergrund, d.h. es werden vergangene, aber auch aktuelle biographisch bedeutsame Erfahrungen, Erinnerungen und Beziehungen verstärkt erlebt. Somit kann es zur Freisetzung von unbewusstem Material, inneren Konflikten, der Ermöglichung einer angstfreien, offenen Selbstbegegnung sowie korrigierenden Neuerfahrungen im zwischen-menschlichen Bereich kommen. Das Auftreten ekstaseartiger
Zustände ist eher randständig; es dominieren biographisch bezogene Erlebnisinhalte. Für den Einsatz von psychoaktiven Substanzen in psycholytischen Psychotherapien, bei denen geringe bis mittlere Dosierungen eingesetzt werden, sind Halluzinogene wie LSD und Psilocybin sowie Entaktogene wie MDMA und MDE („Herzöffnungsdrogen“) die
bedeutendsten (Tabelle 1). Es ist zu berücksichtigen, dass die Entaktogene – im Unterschied zu den Halluzinogenen – typischerweise die Ich-Funktionen bzw. das Ich-Erleben nur unwesentlich verändern. Das bedeutet, dass die Erfahrungen in einem noch weitgehend regulär konfigurierten Ich bei weitgehend erhaltener Ich-Struktur ablaufen. Dies ist bei den Halluzinogenen anders, da unter deren Wirkung die Ich-Struktur geschwächt wird. Ist das Ich als zentrale integrierende psychische Instanz verändert, so kann es leichter zu einem „ichlosen“ Erleben und damit auch zu ekstatischen Zuständen des Außer-sich-Seins kommen. Allerdings sollte dies nicht zu der trügerischen Schlussfolgerung verleiten, dass ein schwaches Ich eine gute Voraussetzung zum Erleben ekstatischer Zustände sei. Dies ist nicht der Fall. Vielmehr ist eine Voraussetzung für das Erleben der temporären Ich-Losigkeit im ekstatischen Einheitserleben ein starkes Ich, das in der Lage ist, auch das Ich stärker alterierende Erfahrungen zuzulassen und diese nicht als ungewollte Fragmentierung im Sinne einer „angstvollen Ich-Auflösung“ (Dittrich 1985) zu erleben.

Für das Auftreten von ekstaseähnlichen Bewusstseinszuständen während der
psycholytischen Therapie mit Substanzen wie LSD oder MDMA sind die Variablen von Set und Setting (Räumlichkeit, Atmosphäre, einzeln, Gruppen, Leiter, Einnahmeabsicht, therapeutischer Kontext etc.) von großer Bedeutung. Ein bedeutender Faktor für das Auftreten ekstatischer Erfahrungen ist auch die Dosierung. Liegt diese im unteren Bereich, so kommt es kaum einmal zu deren Auftreten, im mittleren Dosisbereich kommen sie ab und zu vor, im hohen Dosisbereich – der in der psycholytischen Therapie allerdings kaum Anwendung findet – sind diese Erfahrungen dagegen häufiger (vgl. z.B. Sherwood et al. 1962, Griffith et al. 2006, McGlothlin et al. 1967). Allerdings werden heute von Psycholyse-Therapeuten typischerweise Dosierungen im mittleren Bereich verwendet (siehe Tabelle 1) (Passie 2007a). Diese können, da die Ansprechbarkeit der Menschen auf die Substanzen sehr unterschiedlich ist, auch bei mittleren Dosierungen ausgeprägtere makroekstatische Zustände auslösen. Treten ekstatische Zustände auf, so werden sie meist zunächst recht unauffällig erlebt und sind den Therapeuten nicht gleich offenbar, da der Klient typischerweise auf innere Prozesse fokussiert und von diesen absorbiert ist. Erst im integrativen Nachgespräch
erfährt der Therapeut mehr von derartigen Erfahrungen. Sie werden von den Klienten fast immer spontan geschildert. Das Spektrum kann von sehr intensiv und bereichernd bis – in seltenen Fällen – ängstigend und irritierend reichen. Die Schilderungen der Klienten können sowohl realistisches Gepräge haben als auch von Ausschmückung und Selbstüberhöhung („Gott ist mit mir“, Sich-auserwählt-Fühlen u.a.) geprägt sein. Es können aber auch nach außen auffällige ekstatische Zustände auftreten, die mit körperlicher Exzitation und
vermehrter Bewegung einhergehen und in Gruppentherapien manchmal eine zeitweilige Herausnahme der Person aus dem Gruppenkontext erforderlich machen. In solchen Fällen kommt es meist zu einer Verringerung der Körperbeherrschung und einem visionär veränderten inneren Erleben von solchem Ausprägungsgrad, dass ein Mensch darin völlig aufzugehen scheint,
d.h. den Kontakt mit der äußeren Welt zeitweilig verliert. Auch solche intensiven Erfahrungen sind jedoch ungefährlich und bedürfen lediglich einer besonders beschützenden Umgebung und Betreuung. Dies bestätigen auch Untersuchungen unter kontrollierten Bedingungen (z.B. Griffiths et al. 2006, Grof 1983, Kurland et al. 1971, Alnaes 1965).
Von Interesse ist die Tatsache, dass ekstatische bzw. mystische Erfahrungen häufiger bei Menschen auftreten, die über keine oder nur geringe Vorerfahrung mit psychoaktiven Substanzen verfügen. Bei diesen scheint das psychische und kognitive System „offener“ für solche Erfahrungen zu sein. Diese Personen sind noch weniger von Erwartungen und vorgefassten Konzepten bezüglich der Erfahrung geprägt. Kommen Erwartungen und Absicht dazu, so verringert sich offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass solche Erfahrungen auftreten. Doch ist einmal eine ekstatische Erfahrung aufgetreten, so wird nicht selten versucht, das Erlebte „wiederzuerlangen“, das Erleben gezielt wieder in eine solche Richtung zu treiben. Genau dies verhindert jedoch das Auftreten einer solchen Erfahrung. Auch eine häufigere Einnahme kann die Anzahl erlebter ekstatischer Erfahrungen nicht vermehren;
obgleich es Hinweise gibt, dass bei einigen Menschen erst nach der „Durcharbeitung“ innerer Spannungen und Disharmonien ekstatische Erfahrungen aufzutreten scheinen (Grof 1983). Darauf weist diese Patientin hin: „Später hatte ich den Eindruck, als wenn Wissen in mir aufstieg, und das war sehr beglückend. Ich hatte das sichere Gefühl, viel von den
Zusammenhängen der Welt verstanden zu haben. Plötzlich habe ich gewusst, was wirklich Liebe ist ... als wenn ich ein schlaues Buch gelesen hätte, aber ich habe es dann auch gefühlt. Ja, das sind Zusammenhänge, die ich dann verstanden habe. Das Universum, das Leben, Sterben, Krieg, Freiheit, so große Begriffe, die ich plötzlich verstanden habe oder fühlen konnte. Das Tolle war, dass ich wußte, was es ist, was Liebe ist oder Freiheit ist. Aber ich konnte es nicht formulieren, und das war genau das großartige Erlebnis. Es war nicht in Worte zu fassen und trotzdem ganz klar da, fühlbar und sichtbar. Das waren tolle Erlebnisse. Dies ist erst in den letzten Sitzungen passiert, als ... meine Belange nicht mehr so im Vordergrund waren, also erst nach der Entrümpelung“ (aus Passie und Dürst 2009).
Versucht man die Häufigkeit des Auftretens ekstatischer Erfahrungen in der Psychotherapie mit psychoaktiven Substanzen einzuschätzen, so kann in Bezug auf die zuvor charakterisierten Makroekstasen im Sinne mystischer Erfahrungen gesagt werden, dass diese in „psychedelischen“ Therapien (Einzelsetting, besondere Vorbereitung, Halluzinogene wie LSD und Psilocybin in hohen Dosen, besondere Musik) in professionellem Rahmen bei 60 bis 80 Prozent der Patienten auftreten (Pahnke et al. 1970, Grof 1983). Im psycholytischen Setting (zumeist Gruppenrahmen, Vorbereitung durch psychodynamische Psychotherapie, Musik nur als Hintergrund, geringe bis mittlere Dosis) treten sie dagegen vermutlich nur in 1 bis 5 Prozent der Fälle auf. Hierbei handelt es sich allerdings um Schätzungen, da verlässliche Daten zur psycholytischen Therapie diesbezüglich bisher nicht vorliegen (vgl. Jungaberle et al. 2008, Gasser 1997, Widmer 1989, Leuner 1981). Häufiger sind in psycholytischen Therapien dagegen Mikroekstasen wie kathartische Reaktionen und Makroekstasen im Sinne von Personalisations-Ekstasen, insbesondere unter der Wirkung von Entaktogenen.
Über die Wirkung von Ekstasen im weiten Sinne – besonders der religiösen – außerhalb von Psychotherapien weiß man wenig Genaues. Gewiss ist die religionspsychologische Literatur dazu groß, aber es ist nicht klar, welcher Mensch durch seine Ekstase Bestätigung, Erhöhung, Begnadung, selige Verzückung, Erleuchtung, Glaubensstärkung erfährt und diese dann im weiteren Leben umsetzt in Predigt, Mission, Sektengründung, Intensivierung des eigenen religiösen Lebens mit Auswirkungen auf die Ethik seiner Lebensführung, wer gar (wie Saulus) zur Konversion kommt. Gibt es Persönlichkeiten, die ekstase-begabt sind, welche leichter „aus dem Häuschen“ ihres Selbst geraten, und solche, die in wiederholten Ekstasen zu größerer Fassung, Besonnenheit, nonegoistischer Liebe und Toleranz wachsen? Von den profanen Ekstasen weiß man dazu noch weniger.
Beglückende Ekstasen rufen nach Wiederholung, also nach kultischen oder
idiosynkratischen „Techniken“ (Ritualen, Strategien) der Induktion solcher
Bewusstseinszustände. Die Trennung in religiös-„spirituelle“ und profane Ekstase ist kulturabhängig und beruht auf jeweiliger Zuschreibung. Ob Orgasmen als „profane“ Ekstasen bewertet werden oder – als Repetition des Hierós Gamós – als „spirituelle“ kosmische Vereinigung, ist eine Frage der Attribution. Die „Wirkung“ bleibt eher in der Suche nach Repetition oder Steigerung (Kamasutra, tantrische Sexualpraktiken) als bei im engeren Sinn religiösen Erlebnissen, die das Leben in eine andere Bahn bringen können. Nebst den die Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit fördernden Effekten dürfen auch die problematischen Wirkungen makroekstatischer Erfahrungen nicht unerwähnt bleiben. So können Erfahrungen, die in die Tiefen der Persönlichkeit eindringen und somit zu tiefgreifenden Wandlungsprozessen führen, ja sogar Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen können, naturgemäß auch Irritationen hervorrufen. Diese können sich auf die akute oder subakute Nachsituation beziehen, wo es zu psychischen Irritationen, Anspannungen, Schlaflosigkeit, Größen-, aber auch Kleinheitsempfindungen usw. kommen kann. Sie können auch mit ihren längerfristigen Nachwirkungen zu Problemen führen. Dies etwa, wenn die Person sich mit den weltanschaulichen Implikationen auseinandersetzen
muss. So wird ein Atheist vielleicht erhebliche Mühe haben, eine tiefe mystische Erfahrung mit seinem bisherigen Weltbild zu vereinbaren. Oder wie wird es einem Menschen ergehen, der immer von einem tiefen Misstrauen sich selbst und der Welt gegenüber beherrscht war?
Er muss sich womöglich in einer „veränderten Welt“ neu zurechtfinden und wird vielleicht nicht wenig Mühe haben, sich auf eine Vielzahl ihm begegnender Situationen neu einstellen, sie anders aufnehmen und aufgreifen zu müssen. Nicht zuletzt kann es auch zu Problemen mit der Einordnung des Erlebten dahingehend kommen, dass der Betroffene sich „von Gott berührt“ , „begünstigt“ , ja „auserwählt“ empfinden mag. Und wer solchermaßen auserwählt wurde, braucht der sich noch um verhältnismäßig langweilige Alltagsprobleme und eigene Entwicklungsund Beziehungsprobleme kümmern? Treten ekstatische Erfahrungen – womöglich unabhängig von der eigentlichen Psychotherapie – einmal auf, so können sie möglicherweise persönlichkeitswandelnde Wirkungen entfalten (Dürckheim 1956). Dafür ist es jedoch erforderlich, dass der Therapeut eine Offenheit diesen Erfahrungen gegenüber zeigt, sie sorgfältig eruiert und wertschätzt und nicht als „Regression“, Rückfall oder Ausweichen in einen „primären Narzissmus“ o.ä. abtut.


Zur Frage der Regression
Es ist immer wieder – wenn auch nicht häufig – kritisch diskutiert worden, inwieweit es sich bei ekstaseartigen oder auch mystischen Erfahrungen um Regressionsphänomene handeln könnte, die aus einer Rückbildung des psychischen Erlebens auf primitivere Organisationsstufen resultieren (Prince und Savage 1966). Diese Frage ist nicht einfach beantwortbar, da beide Möglichkeiten bestehen – die der progressiven, den Horizont des individuellen Welterlebens überschreitenden Transzendenzerfahrung im Sinne der Unio
mystica (Scharfstein 1973) und die der regressiven, der Rückbildung oder des simplen Entfalls von organisiertem Ich-Erleben und einem dadurch bedingten „Einheitserlebens“ (Hood 1976). Zudem erscheinen auch Mischformen gut vorstellbar. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für den Fall der Induktion durch psychoaktive Substanzen, sondern kann naturgemäß alle + Induktionsmethoden bzw. Entstehungskontexte betreffen. Warum sollte nicht
auch im Rahmen eines intensiven Gebetes oder eines gemeinschaftlichen Gospelsingens eine psychische Regression, eine anormale Alteration des Ich-Erlebens, eine mystische Erfahrung oder auch eine Mischung davon auftreten? Psycholytische Stoffe wie die Halluzinogene LSD und Psilocybin sind dafür bekannt, dass sie einen gewissen Grad von psychischer Regression, insbesondere in Bezug auf kognitive Leistungen (Lienert 1964), hervorrufen. Von daher kann auch ein primitiviertes psychisches Erleben zustande kommen (Leuner 1962). Allerdings ist es offenbar auch möglich, dass authentische mystische Erlebnisse einschließlich werteverändernder und läuternder Nachwirkungen auftreten können (Griffith et al. 2006, 2008, McGlothlin et al. 1971, Pahnke 1963).
Zwei Studien konnten demonstrieren, dass durch „natürliche“ Ursachen zustande gekommene und drogeninduzierte mystische Erfahrungen sich von ihrer Erlebnischarakteristik her nicht unterscheiden lassen. In den Studien wurden Experten (Religionswissenschaftler, Theologen, Psychologen) Beschreibungen von „natürlichen“ und von durch Psychedelika (LSD, Psilocybin) hervorgerufenen mystischen Erfahrungen durchmischt vorgelegt und sollten von ihnen den zwei Induktionsbedingungen zugeordnet
werden. Die Experten konnten in beiden Studien die Erfahrungen nicht über die Zufallstrefferquote hinaus korrekt zuordnen (Heigl 1980, Smith 2000). Dies belegt, dass die Erlebnischarakteristik der auf unterschiedliche Weise zustande gekommenen Erfahrungen quasi identisch ist. Allerdings impliziert das keine Aussage über ihren Wert für den betreffenden Menschen. Dieser Wert ergibt sich erst aus ihrer weiteren Verarbeitung (oder Verdrängung). Wird die Tatsache berücksichtigt, dass auch die Folgewirkungen in beiden Gruppen ähnlichen Charakter aufweisen, so ist zu schlussfolgern, dass unter der Wirkung von bestimmten psychoaktiven Substanzen authentische mystische Erfahrungen vorkommen können, die sich in ihren komplexen Erlebnischarakteristiken und Folgewirkungen nicht als Regressionsphänomene erklären lassen. Trotzdem sind natürlich auch regressive Phänomene bei der Psychotherapie mit psychoaktiven Substanzen beobachtbar, die
ekstaseartiges Erleben begleiten können.


Akutwirkungen ekstatischer Erfahrungen
Grundsätzlich können zwei Aspekte der Akutwirkung von Ekstasen betrachtet werden: die Abfuhr und der Gewinn. Diese schließen sich gegenseitig nicht aus.
1. Abfuhr – Katharsis
Die Abfuhr von Affekten, ungeklärten, belastenden Emotionen, insbesondere Ärger, Wut, Angst, aber auch Beziehungskonflikten (im Sinne der Offenlegung, Ablehnung oder Versöhnung) ist befreiend. Die zumindest partielle Desegoifizierung in der Ekstase entlastet von Scham, Schuld, Selbstverantwortung. Grundsätzlich ist es ein essentieller Bestandteil von erlebnisorientierten oder gefühlintensivierenden Psychotherapiemethoden, dass Affekte konfrontiert und abgeführt werden sollen. Nicht selten sind für neurotische Fehlentwicklungen „verbotene“ Gefühle oder auch ein insgesamt unausgelebtes, „gehemmtes“ Gefühlsleben verantwortlich. Auch können, wie Freud sich dies vorstellte, bei Erlebnissen, durch welche die Verarbeitungskapazität des psychischen Systems überschritten wird (traumatische Erlebnisse), „eingeklemmte Affekte“ zurückbleiben, die den psychischen Haushalt durch Blockaden, Verhaltenseinengungen und energiekonsumierende innerpsychische Abwehr beeinträchtigen. Diese sollen in derartigen Psychotherapien zutage gefördert und in geschütztem Rahmen ausagiert, d.h. abgeführt werden (Nichols und Zax 1977). Dies ist auch bei der Psychotherapie mit psychoaktiven Substanzen der Fall. Die psychische
Aktivierung durch diese Stoffe bringt ein intensiviertes Gefühlserleben mit sich, das sich mit Erinnerungen und aktuellen wie unbewussten Konflikten assoziiert und häufig zu starken emotionalen Abreaktionen führt. Diese Art von Abreaktionen und verstärktem inneren Erleben kann auch zu einem regelrechten Außer-sich-Sein führen, kann den Betroffenen „die
Fassung verlieren“ lassen. Diese Formen des Außer-sich-Seins wäre jedoch als Mikroekstasen anzusprechen, da sie in der Regel kein ekstatisches (mystisches oder vulkanisches) Erleben beinhalten.

2. Gewinn von kognitiven und emotionalen Einsichten
Auch in den oben angesprochenen Erfahrungen kommt es nicht selten zu besonderen Einsichten in den Hintergrund und die Dynamik eigenen Erlebens und Verhaltens. Etwas anders verhält es sich mit den Einsichten, wie sie durch das Erleben makroekstatischer Zustände, insbesondere mystischer Erfahrungen, zustande kommen können. Diese Erfahrungen und Einsichten können die Position des Selbst im Kosmos verändern, die ein Aufgehobensein im All – anstelle des Ausgesetztseins –, gar kosmisches Einssein (mystische Union) bedeuten: Sie sind beglückend, bereichernd, erhebend, stärkend. Eine Erfahrung liebevoller Geborgenheit im Kosmos relativiert, befreit vom bisherigen Schmerz des Vereinzeltseins, der Isolation, Alienation, der Last des Egos mit seiner unter Umständen traumatischen Geschichte, Obsession vom eigenen Leid. Ähnliche Erfahrungen können eine Idee von Leidbefreiung, Heilung, Erlösung bringen – und auf dem weiteren Weg hilfreich sein.
Nicht immer handelt es sich bei makroekstatischen Erlebnissen um mystische Erfahrungen, wie die folgenden zwei Beschreibungen von Personalisations-Ekstasen zeigen. „Das Zentrale, Verändernde an diesen Erfahrungen ... ist schwer auszudrücken. Es ist ja ganz vielschichtig. Da waren Erlebnisse dabei, die sich auf ganz vielen Ebenen abgespielt haben. ... Das Zentrale ist sicherlich ..., dass alles, was mir problematisch, unlösbar, verwehrt vorkam, auf eine ganz eigenartig geschlossene Art und Weise Sinn machte. Ohne Trennung zwischen Geist, Körper, Seele. Diese drei Ebenen kamen miteinander in Einklang und schienen plötzlich an einem Strang zu ziehen; was Ideen betrifft, was Erfahrung betrifft, auch was das Der-Wahrheit-ins-Auge-Sehen betrifft. ... Diese Einheit von bei mir doch immer getrennt agierenden Schichten war sehr bedeutsam ... Vorher wurden da immer Kompromisse gemacht. Was soll man denn auch sonst mit drei so zerstrittenen Geschwistern machen, die man irgendwie ein bisschen ruhig halten muss? Plötzlich waren die drei vereint und waren sich einig ... plötzlich das Gefühl, wir sind jetzt eine Macht; zusammen sind wir viel besser“ (aus Passie und Dürst 2009: 39).
„In der ersten Sitzung, in der ich diese körperliche Lösung und Erlösung erlebt habe, habe ich auch eine Liebe zu mir selbst gespürt, wie ich sie in dieser Art und Weise nie erfahren hatte. Das kann man sicher auch als eine Art spirituelle Erfahrung sehen. Das war ganz herznah und ganz gefühlsnah und mit körperlich spürbarer Gewissheit; dass ich von irgendeiner Form von Liebe getragen bin, die in mir ist, und die durch mich durchfließt, wenn ich mich öffne ... Aber die Liebe ist eben auch in mir, sodass die Frage, haben mich meine Eltern auch so richtig schön lieb gehabt, wie ich das immer haben wollte, und was haben sie denn alles falsch gemacht, plötzlich unglaublich langweilig wurde. Also dieses Sündenregister, das ich bis dahin akribisch wie ein Finanzbeamter durchforstet hatte, war nicht mehr spannend ...“ (aus Passie und Dürst 2009: 49). Aus den Beschreibungen wird deutlich, dass die Betreffenden tiefe Einsichten auf Erfahrungsebenen gemacht haben, die über ihren alltäglichen Horizont hinausgehen. Solche außergewöhnlichen Erfahrungen stellen für den Betreffenden stets etwas ganz Besonderes dar. Sie beinhalten kumulativ-synoptische Formen von Einsicht, Empfinden und Selbstund Weltannahme in einer stark verdichteten und in die Tiefen der Person dringenden Form, so dass sie stark in Erinnerung bleiben und bleibende Wirkungen hinterlassen können, wie dies in der folgenden Beschreibung anklingt: „Diese Sitzungen bewirken Dinge, ... die tief in einem schlummern, die sonst verdeckt sind. ... Es kommt an meine Grundsubstanz ran. ... Das Schöne war bei einer dieser Sitzungen, dass ich mich hinterher total wohlgefühlt habe. Das wirkt bis heute nach. Diese Erfahrung gemacht
zu haben, hat weder mit Prestige noch mit Geld noch mit sonstwas zu tun. Das ist – für mich jedenfalls – der Sinn des Lebens: Zu sein, einfach nur zu sein“ (aus Passie und Dürst 2009: 49).
Nicht selten bilden diese Erfahrungen einen Ausgangsund Angelpunkt, von dem aus sich die Person in verschiedener Hinsicht verändern kann. Kommt es etwa zu einer vermehrten Selbstannahme und vermehrtem Vertrauen in andere Menschen, so können sich dadurch auf der Verhaltensebene und im menschlichen Verkehr ganz neue Erfahrungsräume im Alltagsleben auftun. Diese sind nicht selten als „heilende“ Folgewirkungen tatsächlich bei
Patienten beobachtbar, da solcherart Erfahrungen einen dynamischen Prozess von für den Patienten neuen Möglichkeiten anstoßen können – und es sich durch eine dynamische Verschränkung des Prozesses mit der Umwelt und den Mitmenschen zu einem die psychische Homöostase (in einigen Fällen sogar die Persönlichkeit) verändernden Verlauf „aufschaukeln“ kann. Bei transpersonalen Erfahrungen mit Entaktogenen steht ein gesamthaftes
Vertrauensempfinden im Vordergrund. Nicht selten kommt es zu einem Erleben der „Einheit mit sich selbst“ („Personalisation“) (Naranjo 1979, Adamson und Metzner 1988). Seltener ist dagegen ein mystisches Einheitserleben, wie es vor allem unter Halluzinogenen vorkommt. Für LSD wurde schon früh das Auftreten von „Peak-Experiences“ (Maslow)
oder „integralen Erfahrungen“ (Masters und Houston 1966) beschrieben. Gelegentlich wird von der Gewinnung von Einsichten in archetypische Zusammenhänge oder grundlegende Menschheitsfragen berichtet. Die Betroffenen erleben dabei eine Art subjektiven „Aufstieg“ in eine neue Wahrnehmungsebene im Sinne intensiver Erfahrungen von oftmals überwältigendem Charakter. Die emotionale Ladung dieser Erlebnisse ist
ausgesprochen hoch, auch wenn sich das Erleben äußerlich meist in einem Zustand der Ruhe vollzieht. Der Betreffende nimmt auf intensivste Weise und mit Gewissheit wahr, sich auf der tiefsten Ebene menschlichen Erlebens zu bewegen, verstanden als Essenz, existenzieller Urgrund oder Gott. Dabei erscheint das eigene Ich als Illusion und verliert seine Begrenzungen, indem
es sich in einem Größeren, Umfassenderen aufzulösen scheint. In eine solche Richtung weist auch die folgende Beschreibung: „Ich hatte auf MDE/MDMA Gefühle, dass ich mich auflöse, in nichts oder in andere Leben, oder dass ich einfach irgendwo war, dass ich einfach in so einer Farbenwelt war. Es war wunderbar und es war schön und ich war einfach nichts. Das war eine wunderbare Erfahrung, ein sehr schönes Gefühl, einfach mal nichts zu sein ...“ (aus Passie und Dürst 2009: 49). Sherwood et al. (1962) haben als Erste die
persönlichkeitswandelnden Wirkungen solcher „psychedelic experiences“ beschrieben, die später in das Konzept einer „psychedelischen Therapie“ mündeten. Diese versuchte, durch eine spezifische Vorbereitung und die Gabe hoher Dosen bei den Patienten eine „psychedelic peak experience“ (psychedelische Gipfelerfahrung) im Sinne einer mystischen Erfahrung hervorzurufen, die dann zu einer Persönlichkeitswandlung führen sollte. Diese Methode war vor allem in den USA verbreitet und es wurden auch einige erfolgreiche kontrollierte Studien dazu durchgeführt (vgl. Kurland et al. 1971). Pahnke und Richards (1966) haben sich in diesem Zusammenhang explizit mit der Phänomenologie substanzinduzierter mystischer Erfahrungen und deren Implikationen auseinandergesetzt.


Langzeitwirkungen ekstatischer Erfahrungen
Mikroekstatische Erfahrungen wie kathartische Reaktionen können Spannungen reduzieren, „eingeklemmte Affekte“ (Freud) freisetzen, Blockaden auflösen, Zusammenhänge verklaren, innere Unausgeglichenheiten vermindern, Neubewertungen ermöglichen und das Erleben von Gefühlen erleichtern. Im Rahmen von psycholytischen Psychotherapien können vor allem makroekstatische Personalisations-Ekstasen nachhaltige Folgewirkungen entfalten. Dies verdeutlicht die folgende Beschreibung: „... Danach habe ich viele Dinge gemacht, einfach gemacht. Ich spürte ein kaum beschreibbares Vertrauen in die eigene innere Stärke und Fähigkeit,
was immer auch an Folgen, Konflikten, Problemen entsteht, lösen zu können. Ein absolutes Vertrauen, das ich vorher nicht kannte, denn es waren eben immer noch vorsichtig abgecheckte Versuche, die immer noch eine gewisse Absicherung gesucht haben. Ich entwickelte einen viel direkteren Bezug zu den tiefsten Gefühlen. Ich glaube, ich habe von da an erst gespürt, was Liebe
ist ... Begeisterung und Mut, auch im Beruf, Dinge zu entwickeln und sie nicht nur in meinem Hinterstübchen im Kopf zu haben, sondern sie auch zu leben ... Es gab natürlich auch schmerzliche Veränderungen, Risse, Brüche, aber ich war plötzlich sehr, sehr viel angstfreier und sehr viel mutiger“ (aus Passie und Dürst 2009: 56). Mystisch-ekstatische Erfahrungen können tiefgehende Einsichten vermitteln, sind von großer Erlebnisintensität und können in einigen
Fällen eine durchgreifende Wandlung der Lebensorientierung und Wertewelt nach sich ziehen. Im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse stimulieren sie oft neue Wahrnehmungen der eigenen Person, anderer Menschen oder der Welt, verändern Blickwinkel und Perspektiven und können auch darüber triggernde Wirkungen auf psychotherapeutische Veränderungsprozesse
entfalten. Zu beachten sind auch die narrative Ausgestaltung und implizite Deutung derartiger Erfahrungen. Hier hat der Psychotherapeut eine Integrationsarbeit auf verschiedenen Ebenen – kognitive, weltanschauliche, psychische, emotionale und spirituelle – zu begleiten. An der Frage der Integration in die vorbestehende Persönlichkeit und ihre Weltinterpretation entscheidet sich, ob makroekstatische Erfahrungen tatsächlich die Persönlichkeit bereichern und entwicklungsbegünstigend wirken können. Oder ob sie die Persönlichkeit negativ erschüttern, verunsichern, beängstigen, labilisieren, irritieren und auf ihre Entwicklung hindernd wirken. Inwieweit Menschen aufgrund ihrer Grundpersönlichkeit eher zu einer produktiven oder die Irritation vermehrenden oder verdrängenden Verarbeitung tendieren, kann nicht generell beantwortet werden. Sicher erscheint dagegen, dass die Einbettung in den psychotherapeutischen Prozess – eine adäquate
offene Einstellung des Psychotherapeuten vorausgesetzt – zu einer Beschleunigung des therapeutischen Prozesses einen Beitrag leisten kann. Dies allerdings nur, wenn dem Betreffenden sowohl während des Erlebens als auch in der folgenden Integrationsarbeit ein „sicherer Raum“ (im übertragenen Sinne von Geborgenheit, Sicherheit, Verstehen) und eine weitgehend weltanschauungsfreie individualisierte Interpretation und Unterstützung zuteil wird.
Zum Ende möchten wir noch einmal auf einige Aspekte eingehen, die Wirkungen makroekstatischer mystischer Erfahrungen ausmachen können und an denen etwaig auch beurteilbar wird, ob die Erfahrung „gefruchtet hat“, d.h. sich in positiver Weise auf die Entwicklung der Persönlichkeit ausgewirkt hat. Es ist jedoch zu beachten, dass das Erleben mystischer bzw. makroekstatischer Zustände ein ganz individuelles Geschehen ist
und auch auf eine vorgeprägte Persönlichkeit trifft. Von daher sind auch Verarbeitung und Auswirkungen in der Person unterschiedlich. Schon deshalb können keine allgemeinverbindlichen Kriterien für eine „richtige“ oder „falsche“ Erfahrung, Verarbeitung oder Auswirkung angegeben werden. Aus diesem Grund sind die im Folgenden angeführten Aspekte nur Bestandteile einer Matrix, in der sich Veränderungen durch das Auftreten solcher Zustände abspielen bzw. auswirken können.
• Sich grundlegend anders empfinden 

• Akzeptanz seiner selbst, des eigenen Lebens, der eigenen Vergangenheit 

• Vertrauen in sich selbst, in die eigenen Gefühle, in andere, in die Welt, in die Zukunft 

• Annahme eigener Schwächen und Defizite 

• Korrektur der Gewichtung des eigenen In-der-Welt-Stehens: z.B. von der Obsession

als Opfer (mit Selbstmitleid) zu freierer Entfaltung der Identität 

• Situationen und Verhalten anderer anders bewerten 


• Vermehrte Offenheit und Gelassenheit 

• Demütige Grundhaltung 

• Toleranz und Mitgefühl 

• Wertewandel, z.B. Beziehungsaspekt statt Materialismus 

Zentral scheint uns als eine gesamthafte Auswirkung mystischer Erfahrungen etwas, das „Proportionenkorrektur“ genannt werden könnte. Es geht dabei um die Relativierung des eigenen Ichs, um seine Einordnung in einen übergreifenden Zusammenhang (transpersonale Orientierung) sowie die Akzeptanz des Eigenseins in all seinen Idiosynkrasien („Ich bin wie ich bin, so nimm mich denn hin“). Letzteres nicht im Sinne einer bewussten Festigung oder Ignoranz eigener bestehender neurotischer Muster. Das verweist nochmals auf die schwierig zu beantwortende Frage des Persönlichkeitswandels durch Ekstasen. Es ist zu warnen vor der leichtfertigen Rede von „tiefgreifender Persönlichkeitstransformation“, wie sie bei einigen Modalitäten der so genannten „transpersonalen Psychotherapie“ gelegentlich auftritt. Auch ist darauf hinzuweisen, dass eine Veränderung von Zielen und Ausrichtungen der Person für sich genommen noch keine Persönlichkeitsänderung bedeutet – bleibt der Saulus der Paulus, nur mit anderem Ziel? Wenn in der psychotherapeutischen Gemeinschaftsarbeit an der Persönlichkeit des Klienten mit mystisch-ekstatischen Erfahrungen eine nachwirkende Integration solcher Erfahrungen, eine Proportionsveränderung
im Sinne besserer Abstimmung, Harmonisierung eigener Persönlichkeitsanteile gelingt, so wäre viel für eine heilsame Wandlung erreicht.