1. Einleitung

Die Verwendung von Halluzinogenen oder als "Psycholytika" (Sandison) bezeichneten Substanzen wie Meskalin und LSD im Rahmen moderner psychotherapeutischer Verfahren reicht bis in die fünfziger Jahre zurück und wurde zunächst hauptsächlich von der Verwendung des LSD geprägt (vgl. Abramson 1960; 1967; Passie 1997). Erst zu Beginn der sechziger Jahre wurde das kurz zuvor in mexikanischen Pilzen entdeckte und kurz darauf synthetisierte Psilocybin (4-phosphoryloxy-N,N-dimethyl- tryptamin) (Hofmann et al. 1958; 1959) unter dem Namen Indocybin Sandoz in diese Verfahren einbezogen. Das praktisch nur in Europa verwendete Psilocybin wurde vor allem als Hilfsmittel zur Aktivierung unbewußten Materials im Rahmen tiefenpsychologischer Behandlungen eingesetzt ("Psycholyse"). Dieses Verfahren nutzt die Eigenschaft halluzinogener Substanzen eine Stimulation der Affektivität und einen traumartigen Erlebnisfluß bei klarem Bewußtsein und gutem Erinnerungsvermögen zu erzeugen. In diesem können unbewußte Konflikte und Erinnerungen erlebt und psychotherapeutischer Bearbeitung zugänglich gemacht werden. Aber nicht die pharmakologischen Effekte erzeugen die therapeutische Wirkung, sondern vielmehr erst die langfristige therapeutische Durcharbeitung des freigelegten Materials. Mittels dieser pharmakologisch unterstützten Methode konnten sogar vordem als therapieresistent betrachtete Patientengruppen psychotherapeutisch behandelt werden.

Das Psilocybin und sein kurzwirkendes Derivat CZ 74 (4-hydroxy-N-diäthyltryptamin) (Hofmann 1959; Leuner et al. 1965; Baer 1967a,b) zeichnen sich - nach übereinstimmenden Beobachtungen der Autoren - durch Eigenschaften wie kurze Wirkungsdauer, geringe neurovegetative Nebenwirkungen, wenig Depersonalisationserleben und Angstprovokation sowie eine stabiler positive Tönung des affektiven Erlebens aus. Da es somit einen schonenderen und besser steuerbaren Rauschablauf als das vorher dominierende LSD bietet, erscheint es als Mittel der Wahl für zukünftige Arbeiten mit der psycholytischen Therapie (vgl. Leuner 1968, 1981).

Bezüglich ihres Einsatzes in der Psychotherapie werden hier vier Verfahrensweisen dargestellt, mit denen etwa 1500 Patienten behandelt wurden. In der Diskussion werden Ähnlichkeiten und Differenzen von traditionellen und modernen Anwendungsformen herausgearbeitet.

 

2. Frühgeschichte des Psilocybingebrauches

In dem Monumentalwerk des spanischen Franziskanerpaters Bernhardino de Sahagun aus dem Jahre 1598 mit dem Titel "Historia general de las cosas de Nueva Espana" finden sich Beschreibungen von Eingeborenen der neuen Welt, die während religiöser Feste bestimmte berauschende Pilze zu sich nahmen. Diese Rituale erschienen den inquisitorischen Geistlichen der alten Welt als Teufelswerk. Die Eingeborenen vernahmen dagegen in der Wirkung der Pilze eine direkte Wirkung Gottes und bezeichneten ihn von daher als "Teonanacatl", den "göttlichen Pilz" (Wasson 1958). In der gleichen Quelle finden sich Hinweise, daß die Pilze nicht nur zu religiösen Festen, sondern auch von Medizinmännern im Rahmen von Heilbehandlungen verwendet wurden. Die Einnahme der Pilze verlieh ihnen demnach gewisse seherische Kräfte, die es ihnen ermöglichten, sowohl die Ursachen von Krankheiten zu erkennen als auch Wege zu ihrer Heilung zu weisen.

Im Rahmen derartiger schamanistischer Heilbehandlungen werden sowohl psychologische als auch soziale Konfliktsituationen der Patienten behandelt. Die therapeutischen Sitzungen vollziehen sich meist in Gegenwart auch von Verwandten des Patienten, die selektiv in den Verlauf der Behandlungszeremonie einbezogen werden. Die Pilze werden dabei oft auch alleine vom Heiler zu diagnostischen Zwecken gegessen. Aber auch die gemeinsame Einnahme mit dem Patienten sowie gelegentlich auch mit anwesenden Verwandten scheint recht häufig vorzukommen. Letzeres geschieht, um nicht nur Charakter und Ursachen der Erkrankung zu diagnostizieren, sondern die Sensibilisierung im veränderten Bewußtsein zugleich für heilerische Katharsis und Beeinflussung zu nutzen (Wasson 1980; Passie 1985, 1987). Durch die Einbeziehung von Familienangehörigen und Verwandten gewinnt das Geschehen außerdem wichtige psychodramatische Akzente.

Die ersten modernen psychopharmakologischen Untersuchungen des Psilocybins wurden schon in den Jahren 1958 bis 1960 vorgelegt (Delay et al. 1959a,c; Rümmele 1959; Quetin 1960). Berichtet wurde über ein den bekannten Halluzinogenen LSD und Meskalin nahestehendes Wirkungsbild mit traumartigen Erlebnisabwandlungen, Steigerungen des sensorischen Erlebens bis zu Illusionen und Pseudohalluzinationen, ausgeprägter Introversionsneigung, Synästhesien, Veränderungen des Raum-, Zeit- und Körpererlebens, Depersonalisationserscheinungen sowie einer unspezifischen Verstärkung affektiver Qualitäten. Besonders erwähnt wird auch das häufige Wiedererleben affektbesetzter Erinnerungen mit ausgeprägter emotionaler Beteiligung, welches besonders prägnant bei neurotischen Versuchspersonen beobachtet wurde (Delay et al. 1959b,c,; 1961; 1963; Quetin 1960).

Während der sechziger Jahren folgten Untersuchungen unter verschiedenen Gesichtspunkten durch Forscher unterschiedicher Nationalität (mit z.T. erheblichen Probandenzahlen (Leary 1961ff.; Salgueiro 1964)). Diese konnten die oben geschilderten psychopharmakologischen Wirkungen, die gute Steuerbarkeit des Rauschzustandes und die physiologische Ungefährlichkeit des Psilocybins bestätigen (Malitz et al. 1960; Hollister 1961; Heimann 1961; Sercl et al. 1961; Rinkel et al. 1961; Nieto Gomez 1962; Leuner 1962ff; Aguilar 1963; Perez de Francisco 1964; Reda et al. 1964; Keeler 1965; Metzner et al. 1963; 1965; Da Fonseca et al. 1965; Steinegger et al. 1966; Flores 1966; Dubansky et al. 1967a,b; Fischer et al. 1970).




 

3. Klinisch-psychotherapeutische Anwendung

Geschichte der psycholytischen Therapie

Schon im Zusammenhang mit umfangreichen Forschungen zu halluzinogenen Substanzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere dem Meskalin (vgl. Passie 1995a), wurde auf ihre langtradierte Anwendung in indigenen Heilungsritualen des mittel- und südamerikanischen Raumes hingewiesen (Beringer 1927; LaBarre 1938). Insofern lag es nahe, ihre Brauchbarkeit zur Unterstützung psychotherapeutischer Behandlungen zu prüfen. Doch erst Experimente mit dem 1943 entdeckten hochwirksamen Halluzinogen LSD (Lysergsäurediäthylamid) (Stoll 1947) gaben den Anstoß, diese Substanzen bei der Psychotherapie neurotischer Patienten anzuwenden. Erste Behandlungsversuche führten Busch et al. (1950) und - im Kontext des psychoanalytischen Verfahrens - Frederking (1953/54; 1954) durch. Vor allem aber wurde man durch die von der englischen Gruppe um Sandison et al. (1954ff.) berichteten Zustandsbesserungen neurotischer Patienten nach einmaliger LSD-Verabreichung auf das Potential dieser Substanzen zur Förderung psychotherapeutischer Behandlungen aufmerksam.

Einige Forscher hatten zunächst einen pharmakologischen Effekt für die therapeutische Wirkung verantwortlich gemacht. Es wurde aber schnell deutlich, daß es sich bei den beobachteten Besserungen keineswegs um pharmakologisch induzierte Veränderungen handelte, sondern die hervorgerufenen Erlebnisse sich ohne Einbindung in eine längerfristige psychotherapeutische Behandlung wenig ergiebig strukturierten und zudem schnell verflüchtigten. Letztlich wurde den beteiligten Forschern immer klarer, daß es sich bei diesen Substanzen nur um Hilfsmittel zur Förderung unbewußten Materials und vertiefter Selbsteinsicht im Kontext aufdeckender psychotherapeutischer Verfahren handeln kann.

     

Mechanismen psycholytischer Psychotherapie

Eine Brauchbarkeit zur Unterstützung von Psychotherapie besitzen Psycholytika wie LSD und Psilocybin durch ihre Eigenschaft einen traumartigen Erlebnisfluß bei weitgehend klarem Bewußtsein und gutem Erinnerungsvermögen hervorzurufen. In diesem können vordem verdrängte unbewußte Konflikte und Erinnerungen aktiviert und lebhaft wiedererlebt werden. Ausserdem wird häufig eine Lockerung psychischer Abwehrmechanismen sowie eine Begünstigung psychotherapeutisch wertvoller regressiver Erlebnisweisen ("Altersregression") beobachtet. Die Stimulation der Affektivität läßt sowohl vergangene als auch aktuelle Gefühlsbeziehungen deutlicher erlebbar werden. Auch die Übertragungsbeziehung erfährt eine Intensivierung, die bis zu illusionären Gesichts- und Gestaltverkennungen des Arztes gehen kann. Dem Patienten wird dadurch mit aller Deutlichkeit der projektive Charakter womöglich infantiler Übertragungen vor Augen geführt.

Weiteres Kennzeichen des Erlebens unter geringen Dosen von Psycholytika ist eine eigentümliche Distanz mit der der Erlebende bzw. ein "reflektierender Ich-Rest" (Leuner) dem veränderten Erleben gegenüberzustehen vermag. Dies garantiert die stete Einsicht des Patienten in den künstlichen Ursprung seiner Erlebnisveränderungen. Außerdem gelingt es ihm aus einer Beobachterperspektive, nach dem Prinzip eines Weitwinkelobjektives, weit auseinanderliegende innerseelische Fakten wie Remineszenzen, menschliche Gefühlsbeziehungen oder fehlerhafte charakterliche Einstellungen miteinander in Sinnzusammenhang zu bringen. Dabei sind mehrere Bewußtseinsbereiche gleichzeitig angesprochen, so daß eine breite Integration unbewußten Materials gelingt. Der Betreffende kann so eine Fülle introspektiver Einsichten in neurotische Fehlhaltungen gewinnen. Deren Überzeugungscharakter ist durch die ausgeprägte emotionale Beteiligung ausgesprochen gut, so daß der therapeutische Prozeß beträchtlich intensiviert, beschleunigt und zugleich vertieft wird.

Aufgrund der genannten Wirkungen erschien einer nicht geringen Zahl von Therapeuten mittels der psycholytischen Methode eine Erweiterung des Indikationsspektrums der Psychotherapie auch auf vordem für unbehandelbar erachtete schwere und chronifizierte Neurosen möglich. Die meisten Patienten dieser Gruppe sind gekennzeichnet durch rigide Abwehr- und Verdrängungsmechanismen, mangelnde zwischenmenschliche Beziehungsfähigkeit und eine Unfähigkeit unbewußtes Material durch die üblichen Methoden der "freie Assoziation", das Traumleben usw. hervorzubringen. Eine aufdeckende psychotherapeutische Behandlung ist von daher stark behindert bzw. verunmöglicht. In der durch Psycholytika anregbaren traumartigen Erlebnisveränderung erkannten deshalb viele Psychotherapeuten ein probates Mittel um auch dieses schwierige Klientel erfolgreich psychotherapeutisch zu behandeln (Arendsen Hein 1963).

Im Laufe der folgenden zehn Jahre wurde die Anwendung von Halluzinogenen in der Psychotherapie schwerer neurotischer Störungen international geprüft, weiterentwickelt und als klinisches Verfahren etabliert (vgl. z.B. Sandison et al. 1954ff.; Leuner 1962ff.; Ling et al. 1963; Hausner et al. 1963ff.; Grof 1967ff.; vgl. auch Abramson 1960, 1967; Passie 1995b, 1997).

Vor der Einführung des Psilocybins dominierte der Einsatz von LSD. Die ersten Experimente zur psychotherapeutischen Verwendung des Psilocybins datieren jedoch schon aus den Jahren nach seiner Entdeckung und synthetischen Reindarstellung 1958-61. Zuerst wurde nur die einfache psychopharmakologische Wirkung auf einzelne neurotische Patienten - ohne psychotherapeutische Vorbereitung und Nachbearbeitung der Erlebnisse - untersucht (Delay et al. 1959ff.; Vernet 1960; Quetin 1960; David et al. 1961; Duche 1961, Sercl et al. 1961). Erste Behandlungen mit Psilocybin im psycholytischen Setting berichtete Leuner (Barolin 1961: 468; Leuner 1962), der mit seiner Arbeitsgruppe an der Göttinger Universitätsklinik bis in die achtziger Jahre mehr als 150 neurotische Patienten langfristig mit Psilocybin bzw. seinem kurzwirkenden Derivat CZ 74 behandelte (Leuner 1981, 1987, 1995; Fernandez Cerdeno et al. 1967a,b).

Als Vorteile des Psilocybins gegenüber dem LSD wurden die kürzere Wirkungsdauer, weniger neurovegetative Nebenwirkungen, geringere Neigung zu Depersonalisationserlebnissen, eine stabiler positive Tönung des Erlebens und eine geringere Bedrängnis beim Wiedererleben von Konflikten und traumatischem Material beschrieben. Dies lasse das Erleben unter Psilocybin insgesamt schonender und weniger konfrontativ verlaufen als beim LSD.      

Die einzelnen Verfahren

Zur Beschreibung der Anwendungen von Psilocybin in der Psychotherapie bietet sich eine Unterteilung der Verfahren nach Rahmenbedingungen und therapeutischem Vorgehen an:

  1. A. Psychoanalytische Individualtherapie mit eingeschobenen ambulanten oder stationären psycholytischen Einzelsitzungen und deren Nachbearbeitung im psychoanalytischen Einzelsetting.
  2. B. Ambulante oder stationäre psychoanalytische Einzeltherapie mit regelmäßigen psycholytischen Einzelsitzungen im stätionären Rahmen und gruppentherapeutischer Nachbereitung des Erlebten (als Variationsform: "stationäre Intervallbehandlung").
  3. C. Tiefenpsychologische Gruppentherapien mit eingestreuten psycholytischen Gruppensitzungen und anschließender Durcharbeitung in der Gruppe.
  4. D. Gruppentherapeutische Vorbereitung und (hochdosierte) Verabreichung der Substanzen im supportiven stationären Gruppensetting mit "psychedelischer" Methodik und Zielsetzung.

Author

Methode

Ritual-
charakter

Intendierte
Erfahrung

Sitzungs-
anzahl

Dosis

Patienten-
anzahl

Andere
Substanzen

Leuner (1962 et seq.)

A/B

+

Aktivierung unbewußter Konflikte und Erfahrungen

10-30

 

150

LSD / CZ-74

Gnirss (1963 et seq.)

A

+

"

10-30

 

25

---

Aldhadeff (1963)

A

+

"

1-5

 

15

LSD

Hausner et al. (1963 et seq.)

B

+

"

1-35

 

einige Hundert

LSD

Massoni et al. (1964)

A

+

"

Some

 

92

LSD

Derbolowski (1966)

B

+

"

1-15

 

65

LSD

Fernandez-Cerdeno (1967)

A

+

"

7-30

 

?

LSD

Berendes (1979/80)

A

+

"

?

 

?

LSD / DPT

Johnsen (1967)

B

+

"

1-3

 

12

LSD / CZ-74

Kristensen (1963)

B

+

"

5-10

 

20

---

Geert-Jörgensen (1968)

A/B

+

"

5-15

 

150

LSD

Cwynar (1966)

?

+

"

9-12

 

11

---

Clark (1967/68)

A

+

"

2-5

 

20

LSD

Rydzynski et al. (1978)

A/B

+

"

12-15

 

31

LSD

Hollister et al. (1962)

A (?)

+

"

?

 

18

LSD / Mescaline

Fontana (1961 et seq.)

C

++

"

1-10

 

250

LSD / Mescaline

Alnaes (1965)

D

+++

Psychedelic ego transcendence

2-5

 

20

LSD / CZ-74

Leary et al. (1965 et seq.)

D

++

"

2-3

 

40

---

Roquet et al. (1981)

D

+++

"
and selfconfrontation

5-10

 

950

LSD /Mescaline
/ Ketamine

 

 

Zu A.:

Es handelt sich hierbei um die in erster Linie von Sandison et al. (1954ff.), Leuner (1959ff.), Hausner et al. (1963ff.), Ling et al. (1963) und Grof (1967ff.) bis zur klinischen Anwendungsreife entwickelte Methode der Anwendung von psycholytischen Substanzen im Verlauf von psychotherapeutischen Einzelbehandlungen. Den Rahmen dieses 1960 von Sandison erstmals als "Psycholyse" bezeichneten Verfahrens (vgl. Barolin 1961) bildet die psychoanalytische Einzelbehandlung mit zusätzlichen wöchentlichen bis monatlichen psycholytischen Sitzungen. Die Erlebnisse aus den psycholytischen Sitzungen werden dann in drogenfreien Zwischensitzungen anhand von Protokollen und Erinnerungen durchgearbeitet. Fast immer geht den ersten psycholytischen Sitzungen eine mehrmonatige psychoanalytische Vorbehandlung voraus. Zur Anwendung kommen bei diesem Verfahren niedrige Dosen von LSD (50-150mcg) oder Psilocybin (3-15mg). In den ersten Sitzungen wird mit einer Schwellendosis begonnen und sukzessive bis auf jene Dosis gesteigert, bei welcher der Patient die produktivsten Erlebnisverläufe zeigt. Bei adäquater Dosierung sollte psychodynamisches Erlebnismaterial sowie eine Intensivierung der Übertragungsbeziehung im Vordergrund stehen. Während der Sitzungen bietet die permanente Anwesenheit des Therapeuten bzw. eines sog. Hilfstherapeuten (meist eine speziell geschulte Schwester) schützenden Beistand, ohne jedoch interpretierend in den Erlebnisverlauf einzugreifen. Gelegentliche Besuche des behandelnden Arztes im Behandlungsraum ergänzen die Betreuung. Die Rahmenbedingungen der Sitzungen sind so angelegt, daß der Patient sich möglichst unbefangen den auftretenden Erlebnissen hingeben kann. Deren Interpretation und und Integration bleibt den drogenfreien Zwischensitzungen vorbehalten. Zur diskreten Stimulation des Erlebens wird von fast allen Autoren eine Abdunkelung des Behandlungsraumes und das Abspielen leiser Musik empfohlen. Mit dieser Methode wurden in den sechziger Jahren Behandlungserfolge mit Psilocybin bei mehreren hundert neurotischen Patienten berichtet (Fontana 1961; Heimann 1962; Leuner 1962ff.; Alhadeff 1963a, 1963b; Hausner et al. 1963ff.; Stevenin et al. 1962; Gnirss 1963, 1965; Kristensen 1963; Geert Jörgensen et al. 1964, 1968; Massoni et al. 1964; Cwynar et al. 1966; Derbolowsky 1966; Johnsen 1967; Fernandez Cerdeno et al. 1967a; Clark 1967/68; Berendes 1979/80).

Als geeignete Hauptindikationen werden Charakter-, Angst- und Zwangsneurosen, neurotische und reaktive Depressionen, Perversionen und Sexualneurosen angegeben. Kontraindikationen würden hysteriforme Neurosen, Psychosen, Borderline-Fälle sowie konstitutionell infantile und Ich-schwache Personen darstellen.  

Zu B.:

Diese Verfahrensweise wurde zunächst von Sandison et al. (1954ff.) entwickelt und an einer größeren Zahl von Patienten mit LSD erprobt. Die weitere Etablierung der Methodik - bei hauptsächlicher Verwendung von Psilocybin - wurde während der sechziger Jahre von psychoanalytisch orientierten Therapeuten wie Fontana (1961ff.), Derbolowsky (1966), Hausner et al. (1963ff.), Geert Jörgensen et al. (1964ff.), Gnirss (1965), Johnsen (1967), Alnaes (1965) und vor allem Leuner (1962ff.) geleistet.

Im wesentlichen folgt auch dieses Verfahren den unter A. beschriebenen Prämissen. Auch hier werden die in wöchentlichen bis monatlichen Abständen vom Therapeuten bzw. Hilfstherapeuten begleiteten psycholytischen Einzelsitzungen in einen tiefenpsychologischen Behandlungsrahmen integriert. Zur Abwicklung der Sitzungen werden die Patienten für mehrere Tage in einer Klinik bzw. Tagesklinik aufgenommen. Unterschiede zu der unter A. beschriebenen Verfahrensweise bestehen darin, daß die Patienten jeweils vor und nach den zeitlich parallel in Einzelzimmern stattfindenen psycholytischen Sitzungen zur tiefenpsychologischen Interpretation und Durcharbeitung in einer Gruppensitzung zusammenkommen. Hierbei kann der sensibilisierte psychische Zustand während der abklingenden Wirkung und die Aufgeschlossenheit unter dem Eindruck des in der Sitzung Erlebten für die Nachbearbeitung genutzt werden. Im Anschluß daran wird meist eine Möglichkeit zur Gestaltungstherapie (Malen, Formen von Tonmasse u.a.) geboten, wo die Patienten ihren Erlebnissen künstlerischen Ausdruck verleihen können. Am nächsten Tag finden nochmals einzel- und gruppentherapeutische Sitzungen statt, um die weitere Integration des Erlebten zu fördern. Eine bewährte Variante dieses Verfahrens stellt die von Leuner (1963ff.), Derbolowsky (1966), Fontana (1961, 1963), Geert Jörgensen et al. (1964ff.), Alnaes (1965) und Johnsen (1967) benutzte Methode der "stationären Intervallbehandlung" dar. Hierbei werden 5-6 Patienten, die sonst ambulant in psychoanalytischen Einzeltherapien behandelt werden, in regelmäßigen Abständen für nur 2-3 Tage zur stationär aufgenommen und nach dem oben skizzierten Verfahren behandelt. Dieses Vorgehen vereinigt die Vorteile einer längerfristigen ambulanten Psychotherapie mit den Möglichkeiten einer Intensivierung und Vertiefung durch psycholytische Sitzungen. Außerdem wird die Sicherheit des Verfahrens durch die gute Überwachungsmöglichkeit während und nach den Sitzungen erhöht.  

Zu C.:

Die Anwendung von Psilocybin und LSD in tiefenpsychologischen Gruppentherapiesitzungen hat vor allem Fontana (1961, 1963) an mehr als 240 Patienten erprobt.Nachdem eine feste Gruppe von 7-8 Patienten über mehrere Monate 1-2x wöchentlich gruppentherapeutisch gearbeitet hat, wird ihnen die Durchführung von einigen psycholytischen Gruppensitzungen angeboten. Zu den Sitzungen kommen die Teilnehmer in geeigneten Klinikräumen zusammen und erhalten eine niedrige Dosis Psilocybin (8-12mg) oder LSD (50-150mcg). Ohne das eine Gruppeninteraktion gefordert wäre, soll sich jeder Teilnehmer möglichst unbefangen dem eigenen Erleben hingeben. Allein ihren Bedürfnissen gemäß sollen die Teilnehmer miteinander in Kontakt treten. Als Sitzungsbegleiter fungieren der jeweilige Gruppentherapeut und ein zusätzlicher Co-Therapeut, der aber nur bei auftauchenden Problemen in das Geschehen einzugreifen hat. Mit einer ähnlichen Methode arbeiteten in jüngster Zeit auch die Schweizer Psycholyse-Therapeuten (Benz 1989; Styk 1994; Gasser 1995). Besondere Vorteile des Verfahrens sehen die Anwender in der gruppendynamischen Aktivierung und Intensivierung von Übertragungsphänomenen und einem dem Patienten ermöglichten Beobachten und Verstehen eigener Abwehrmechanismen. Außerdem biete die Gruppe dem Einzelnen eine tragende Struktur und vermindere damit Ängste und Isolation. Fontana (1963: 944) beschreibt die Dynamik einer sorgfältig vorbereiteten psycholytischen Gruppensitzung als "... comparable with that of a musical group, in that the melodies and rythms of each one serve to form a collective rythm and a complete melody not interfering with the individual melodies". Trotz der in Gruppensituationen besonders intensivierten Übertragungsreaktionen seien - bei sorgfältiger Vorbereitung - während solcher Sitzungen keine Steuerungsschwierigkeiten aufgetreten (Fontana 1963; Styk 1994; Gasser 1995). Die von Johnsen (1964) berichteten Schwierigkeiten bei der Gruppenapplikation von Psycholytika: gesteigerte Konfusion der Gruppendynamik und Beeinträchtigung des Selbsterlebens beim einzelnen Patienten, sind wohl eher auf die simple Übertragung gruppentherapeutischer Interaktionsanforderungen auf psycholytische Sitzungen zurückzuführen. Eine Nachbearbeitung der Erlebnisse aus den Sitzungen findet im Gruppenrahmen und - wenn erforderlich - auch in Einzelgesprächen statt.

Fontana (1963: 944) sieht die speziellen Indikationen für eine derartige Gruppenbehandlung bei Charakterneurosen (Verdeutlichung sonst ichsynton erlebter Abwehrmechanismen), bei Hypochondrien (eine oft unter Psycholytika erlebte Dissoziation von Psyche und Soma mache deren Zusammenwirken erfahrbar), bei Adoleszenten (intensive Konfrontation mit spezifischen Konfliktmustern der Lebensphase: Beziehungen zur äußeren Welt und Lösung aus der Mutterbeziehung). Ansonsten gilt der Indikationsbereich für die unter A. und B. beschriebenen Verfahren.   

Zu D.:

Die Verwendung von hochdosierten Psilocybingaben in Gruppensitzungen zur Induktion religiöser Erlebnisse mit persönlichkeitsverändernder Wirkung geht auf die in der Einleitung beschriebenen indianischen Rituale bei der Verwendung des Peyotl-Kaktus (Meskalin) und des Teonanacatl-Pilzes (Psilocybin) zurück. Die Gruppe um Leary (Leary 1961ff.; Leary et al. 1963; Metzner et al. 1963, 1965) und auch Pahnke (1962) erforschten in naturalistischen Settings (Natur, Privatwohnungen, Kirchen) an mehr als hundert gesunden Freiwilligen die Wirkungen hochdosierter Psilocybinsitzungen. Aufgrund ihrer Beobachtungen empfanden sie es als naheliegend, die tiefgreifenden Abwandlungen des Selbst- und Welterlebens unter Psilocybinwirkung zur Förderung therapeutisch wirksamer Selbsteinsicht bei verhaltensgestörten Probanden (Gefängnisinsassen) einzusetzen. Man verfolgte dabei die Hypothese, daß - bei unterstützendem Setting und entsprechender Einstimmung der Probanden - ".. Psilocybin ... produces a state of dissociation or detachment from the roles and games of everyday interaction. ... This can provide insight and perspective about repetetive behaviour or thought patterns and open up the way for the construction of alternatives" (Leary et al. 1965: 64; vgl. auch Selbstschilderungen von Teilnehmern: Swain 1963: 240ff.; Castayne 1968). Das von Leary et al. am Concord Prison in Massachusettes initierte Projekt sollte im Kontext eines 6-wöchigen Programmes zur Verhaltensänderung neben regelmäßigen gruppentherapeutischen Sitzungen (unter Prämissen der Transaktionsanalyse) für jeden Probanden zwei Psilocybinsitzungen von "einsichtsförderndem Charakter" in einer Kleingruppe beinhalten. Nach der Auswahl der Probanden wurden diese über Sinn und Zweck des Programmes sowie über die Wirkungen des Psilocybins aufgeklärt. Nach einigen vorbereitenden Gruppensitzungen wurde in speziell hergericheteten Räumen des Gefängniskrankenhauses an eine zuerst 5-10, später nur noch 5 Personen (4 Probanden, 1 Psychologe) umfassende Gruppe in der ersten Sitzung 20-30mg, in der zweiten Sitzung 50-70mg Psilocybin verabreicht. Im Anschluß an die - gemäß den Autoren - meist von intensiven Erlebnissen und Selbsteinsichten geprägten Sitzungen wurden diese in Gruppendiskussionen nachbesprochen. Trotz dieser Nachbearbeitung wurden einige depressive Nachschwankungen und Schwierigkeiten bei der psychischen Integration der "psychedelischen" Erlebnisse beobachtet (Leary et al. 1965: 65). Nach den Autoren wurde bei katamnestischen Erhebungen eine deutlich reduzierte Rückfallquote, insbesondere was das erneute Begehen krimineller Akte angeht, bei Teilnehmern der Studie gefunden (Leary et al. 1968; vgl. auch DOBLIN).

Einen dem Vorgehen von Leary et al. nicht unverwandten gruppentherapeutischen Ansatz verfolgte der Norweger Alnaes (1965). Er wollte einer Gruppe von 20 psychoneurotischen Patienten, durch einige in einen tiefenpsychologischen Gruppenprozeß eingestreute hochdosierte Psilocybinsitzungen (20-50mg), mittels einer "psychedelischen" Erfahrung von Selbsttranszendenz tiefere Einsichten in eigenes Erleben und Verhalten ermöglichen. Bei der Vorbereitung und Durchführung seiner Experimente folgte er maßgeblich den von Leary et al. (1964) entworfenen Konzepten zu psychedelischen Erfahrungsformen. Nach einer Vorbereitung des Patienten in psychotherapeutischen Einzelsitzungen wurde den Patienten im Gruppensetting unter supportiven äußeren Bedingungen (angenehm gestaltete Behandlungsräume mit Bildern, Kerzenlicht und Musik) Psilocybin bzw. dessen Derivat CZ 74 verabreicht. Am Nachmittag nach der Sitzung wurden die Erlebnisse im Gruppenrahmen durchgesprochen und interpretiert. Alnaes berichtet von guten Besserungen seiner Patienten, ohne allerdings eine genauere Evaluierung zu leisten.

In anderer Weise verwendete der mexikanische Psychiater Roquet Psilocybin und andere psycholytische Substanzen. Nachdem er seit 1967 bei deren Verwendung zunächst den Behandlungsrichtlinien von Leuner (1962ff.) gefolgt war, integrierte er zunehmend bestimmte Praktiken indianischer Heiler und kombinierte sie mit modernem technischen Instrumentarium zu einer eigenen Methodik (Roquet et al. 1975, 1981 YENSEN). Nach einer sorgfältigen Vorbereitung der Patienten durch tiefenpsychologische Gruppen- bzw. Einzeltherapie werden diese im Laufe eines Behandlungsplanes einer Sequenz von Erfahrungen mit verschiedenen halluzinogenen Pflanzen bzw. Substanzen im Gruppenrahmen ausgesetzt (Villoldo 1977: 50). Die Gruppen bestehen aus jeweils 6-35 Patienten. Am Tag der Sitzung finden sich die Teilnehmer morgens zu Entspannungsübungen zusammen, um danach in einem mit speziellem Bildmaterial von existentieller Bedeutung sowie moderner Beleuchtungstechnik ausgestatteten Raumes im Institut von Roquet die Substanzen einzunehmen. Nach dem Einsetzen der Wirkung werden die Teilnehmer starken sensorischen Reizen (Geräusche, Musik, Filme, Dias) ausgesetzt, die mittels ihres Bedeutungsgehaltes während des sensibilisierten psychischen Zustandes der Teilnehmer ausgeprägte emotionale Reaktionen hervorrufen. Dieses bewußt erzeugte "sensorische Bombardement" führt zu einer starken psychischen Irritation, die meist von einem Zusammenbruch innerpsychischer Abwehrstrukturen und mentaler Konzepte begleitet ist. Die konfrontative Anlage des Verfahrens zielt auf die Evokation und Stimulation persönlicher und transpersonaler psychischer Konflikte, die dann mittels anschließender Psychotherapie in die bewußte Persönlichkeit integriert werden sollen.

Roquet et al. (1981: 98) behandelten mit diesem Verfahren vor allem Charakterneurosen (83%), Sexualneurosen und Drogenabhängige. Bei der Behandlung von mehr als 950 Patienten wurden gemäß einer wissenschaftlichen Nachuntersuchung bei ca. 80% der Behandelten deutliche Besserungen beobachtet (Roquet et al. 1981: 103ff.).   

 

4. Diskussion

Das erst Ende der fünfziger Jahre als Inhaltsstoff von mittelamerikanischen Pilzen entdeckte und kurz darauf synthetisierte Psilocybin wurde schon kurz nach seiner Entdeckung intensiv auf seine pharmakologischen, somatischen und psychischen Wirkungen am Menschen untersucht. In den folgenden Jahren wurden umfangreiche Erfahrungen durch Forscher in aller Welt gesammelt (vgl. Passie 1995c). Die Anwendung des Psilocybins in der Psychotherapie zeigte, daß das Psilocybin eine Eignung zur Unterstützung psychotherapeutischer Behandlungen - vor allem nach der in Europa üblichen "psycholytischen" Methode - besitzt.

In diesem Kontext konnten auch seine spezifischen Wirkqualitäten im Unterschied zum LSD genauer herausgearbeitet werden. Die das Psilocybin auszeichnenden Eigenschaften sind demnach:

1. eine wünschenswerte kürzere Wirkungsdauer;

2. geringere neurovegetative Nebenwirkungen;

3. weniger Depersonalisationserleben;

4. seltenere Angstprovokation;

5. eine stabil positive Tönung des affektiven Erlebens

(Fontana 1961: 97; Kristensen 1963: 178f.; Fisher 1963: 211; Alhadeff 1963a: 245; Massoni et al. 1964: 129; Clark 1967/68: 22; Rydzynski et al.: 81). Daraus ergibt sich das Bild eines - im Vergleich zu LSD - sanfteren sowie besser erinnerbaren und integrierbaren Erlebniswandels bei guter Steuerbarkeit des Rauschverlaufes (Gnirss 1963; Leuner 1968; 1995). Vorteilhaft ist auch die nur kurze Wirkungslatenz bei intramuskulärer Applikation, was die Erwartungsspannung des Patienten vermindern hilft (die LSD-Wirkung entfaltet sich dagegen auch bei intramuskulärer Injektion erst nach ca. 30 Min. (Leuner 1981: 257; Pahnke 1967: 640)).

Zwei weitere Argumente die für eine Verwendung des Psilocybins bzw. seines Derivates CZ 74 (4-hydroxy-N-diäthyltryptamin) bei psycholytischen Therapieverfahrenangeführt wurden, sind das Wegfallen des Suggestivhintergrundes durch ihre geringe Bekanntheit in der Öffentlichkeit und ihre erschwerte chemische Herstellbarkeit.

Von Interesse für zukünftige Arbeiten mit der psycholytischen Therapie könnte, wie schon erwähnt, auch das von Leuner et al. (1965) und Baer (1967a,b) klinisch geprüfte sowie von Leuner

(1967ff.), Johnsen (1967) und Alnaes (1965) psychotherapeutisch eingesetzte Psilocybin-Derivat CZ 74 sein. Dieses hat eine Wirkungsdauer von nur ca. 3 Stunden und ist fast völlig frei von somatischen Nebenwirkungen. Ein verwandtes Tryptaminderivat mit einer Wirkungsdauer von 2-4 Stunden, nämlich DPT (Dipropyltryptamin) wurde während der letzten Forschungsprojekte der Baltimore-Gruppe (USA) von Grof (1972/73; Grof et al. 1973) und Soskin (1975; Soskin et al. 1973) als Alternative zur Verwendung von LSD untersucht. Auch für ambulante psycholytische Behandlungen schienen den Autoren diese kurzwirkenden Substanzen gut geeignet (Leuner et al. 1965: 473).

Mindestens die unter A., B. und C. geschilderten Verfahren bei denen Psilocybin bzw. sein Derivat CZ 74 psychotherapeutisch eingesetzt wurden, sind stark von den Prämissen und Verfahrensweisen der Freudschen und Jungschen Psychoanalyse geprägt. Die Psychoanalyse arbeitet schon von je her mit Methoden, die geeignet sind, traumatische Ereignisse und unbewußte Konflikte in der Persönlichkeitsentwicklung aufzudecken bzw. bewußt zu machen. Die hierbei von der Psychoanalyse angewandten Methoden sind die Hypnose, die Traumdeutung, die "Aktive Imagination" (nach C. G. Jung), die "freie Assoziation" und das Erleben im Tagtraum (auch als "katathymes Bilderleben" nach Leuner). Von daher konnte die Verwendung von Psycholytika, welche introspektives Erleben fördern und unbewußtes Material aktivieren können, bei psychoanalytisch orientierten Therapeuten auf fruchtbaren Boden fallen. Sie hat sich deshalb in diesen Kreisen schnell als experimentelles Verfahren etabliert. Zudem reichte die Aktivierung unbewußter Konflikte und traumatischer Erinnerungen in psycholytischen Sitzungen weit tiefer als mit konventionellen Methoden (vgl. Grof 1978). Dazu kommt die Beobachtung, daß die von Psycholytika erzeugten Altersregressionen bis in das erste Lebensjahr zurückreichen können und den Patienten eine äusserst lebhaftes und realistisches Wiedererleben weit zurückliegender Erfahrungen ermöglichen, was deren therapeutische Durcharbeitung stark begünstigt (Leuner et al. 1967b). Somit schien man ein probates Mittel zur Intensivierung und Beschleunigung der traditionellen tiefenpsychologischen Verfahren gefunden zu haben, welches die Behandlungsdauer beträchtlich abkürzen kann. Zudem konnten mittels der pharmakologischen Aktivierung unbewußten Materials auch vordem als therapieresistent geltende Patienten für psychotherapeutische Arbeit aufgeschlossen werden (Arendsen Hein 1963; Leuner 1981). Aufgrunddessen wurde von vielen Therapeuten und Forschern für diese Substanzen eine vielversprechende Zukunft in der Psychotherapie vorausgesehen. Diese fand aber angesichts des Ende der sechziger Jahre aufkommenden massenhaften Gebrauchs der Substanzen durch Laien ein jähes Ende durch das Verbot seitens der WHO (vgl. Leuner 1981: 17ff.).

Im Folgenden sollen einige Betrachtungen zum Vergleich der traditionellen und modernen Anwendungsformen von Psycholytika angestellt werden. In der modernen Psychotherapie wurden die Substanzen weit überwiegend im Einzelsetting bzw. in Kleingruppen mit nachfolgender Durcharbeitung und Interpretation genutzt, was einige Verwandtschaft zu traditionellen Verwendungsformen aufweist (vgl. Wasson 1980; Rosenbohm 1991). Bei den schamanistischen Heilbehandlungen sollen gleichermaßen unbewußte Konflikte und krankheitsbezogene Erinnerungen stimuliert, als Krankheitsursachen erkannt, und mit Hilfe des Schamanen interpretierend aufgearbeitet werden. Während die klassischen Psycholyse-Therapeuten den Patienten auffordern, sich den auftauchenden Erlebnissen einfach hinzugeben und sich bemühen nicht in den Rauschablauf einzugreifen, nutzen viele der indigenen Heiler den sensibilisierten Zustand ihrer Patienten auch zu prägnanten suggestiv-kathartischen Interventionen. Das in Europa entwickelte psycholytische Verfahren mit niedrigdosierten Seriensitzungen nutzt dagegen weniger suggestive und psychodramatische Möglichkeiten der Behandlung, sondern hebt vielmehr auf die Aktivierung und Durcharbeitung unbewußter Konflikte und Erinnerungen ab. Dafür geeignetes Material tritt bei einer im Vergleich zu traditionellen Anwendungen sehr niedrigen Dosierung vor allem in Gestalt von Traumfragmenten auf. Diese Traumfragmente haben nachweislich persönlichkeitsbezogenen Charakter (Leuner 1962) und können von daher sinnvoll in einen tiefenpsychologischen Therapieprozeß integriert werden. Das psychodramatische Moment fehlt bei dieser Methode und die Stimulation/Manipulation des Erlebens beschränkt sich auf das Abspielen leiser Musik in abgedunkelten Räumen. Die Ichfunktionen bleiben aufgrund minimaler Dosierung und Stimulation großenteils erhalten und erlauben dem Patienten eine Beobachterperspektive. Ein weiterer Unterschied zu traditionellen Verwendungen stellt auch die serienmäßige Verabreichung beim psycholytischen Verfahren dar. Während dabei die Patienten einer Folge von 10-70 wöchentlichen bis monatlichen Sitzungen ausgesetzt werden, herrschen bei der traditionellen Verwendung einzelne konfliktzentrierte Sitzungen mit starken psychodramatischen Elementen vor. Obwohl auch bei indigenen Heilern Folgesitzungen nicht ganz selten sind, ist doch die um ein aktuelles Krankheitsgeschehen zentrierte Anwendung die Regel. Um schon in solchen kurzzeitigen Interventionen einschlägige Wirkungen erzielen zu können, werden auch suggestive, psychodramatische und religiöse Aspekte der induzierten Erlebnisveränderungen genutzt. Die leitenden Schamanen greifen auch viel prägnanter und massiver in den Verlauf des Sitzungsgeschehens ein, als dies bei den modernen Psycholyse-Therapeuten der Fall ist. Diese leisten Interpretationshilfe und therapeutische Durcharbeitung praktisch ausschließlich in drogenfreien Zwischensitzungen. Auch die von Schamanen genutzte Einbeziehung von Familienmitgliedern und Verwandten in die Sitzungen verstärkt wahrscheinlich eine durchgreifende Wirkung vereinzelter Interventionen. Die Ichfunktionen sind durch die höhere Dosierung und die seltenere Verabreichung im schamanistischen Kontext starken Fluktuationen ausgesetzt. Im Unterschied zu den Schamanen konzentrieren sich die Psycholyse-Therapeuten mit ihren Seriensitzungen auf die Behandlung chronifizierter neurotischer Erkrankungen. Diesen liegen meist strukturelle Persönlichkeitsverformungen zugrunde, deren Behandlung nur durch längerfristige Psychotherapie erfolgversprechend ist (Leuner 1981). Unterschiede von traditionellen und modernen Verfahrensweisen lassen sich auch bezüglich der Tageszeit finden, zu der die Sitzungen abgehalten werden. Während bei den indigenen Heilern die Sitzungen den Nachtstunden vorbehalten sind, verabreichen die klassischen Psycholyse-Therapeuten die Substanzen vormittags, um den Nachmittag für eine Nachbesprechung nutzen zu können.

Die unter D. dargestellten Verfahrensformen schließen allerdings in verschiedener Hinsicht unmittelbar an die religiös-kultischen Verwendungen halluzinogener Substanzen an. Es wird dabei direkt auf religiös-ekstatische Erlebnisse abgezielt, wie sie bei entsprechender Präparation der Teilnehmer unter höheren Dosen von Psycholytika häufig zu beobachten sind (Leary et al. 1963). Solcherart Erfahrungen gehen oft mit Konversionserlebnissen von persönlichkeitsverändernder Wirkung einher. Dieser Effekt wurde vor allem von Pahnke (1962) wissenschaftlich belegt und kam in dem von amerikanischen LSD-Therapeuten entwickelten Konzept der "Psychedelischen Therapie" zum tragen (Chwelos et al. 1959; Savage 1962; Sherwood et al. 1962). Das den Probanden dabei gebotene Setting schließt in vielen Aspekten an Praktiken und Rituale traditioneller indigener Kulte an: Abgedunkelte und speziell präparierte Räumlichkeiten, quasi-religiöse Vorbereitung und Einstimmung der Teilnehmer, Schaffung einer Geborgenheit vermittelnden Gesamtatmosphäre, musikalische Begleitung und Begünstigung einer starken Verinnerlichung der Erlebnisse (Savage et al. 1967; Lipp 1990; Heim et al. 1958; LaBarre 1938). Eine psychodynamische Interpretation und Durcharbeitung der Erlebnisse findet im Gegensatz zur pycholytischen Methode nicht statt. Ein weiterer Unterschied ist darin zu sehen, daß die klassischen psychedelischen Therapiesitzungen meist im Einzelsetting bzw. sehr kleinen Gruppen veranstaltet wurden. Die traditionelle vorwiegend religiös inspirierte Verwendung findet dagegen stets in einem rituell strukturierten Gruppensetting statt (vgl. LaBarre 1938; Myerhoff 1980). Während im Einzelsetting der Verlauf des Erlebens maßgeblich von der Therapeut-Patient-Beziehung geprägt wird, ist bei traditionellen indianischen Gruppenritualen der Rauschzustand durch die rituelle Struktur und die gesamte Gruppe ausgesteuert. Die Nacharbeit beschränkt sich im traditionellen Setting auf eine gemeinsame Diskussion der jeweiligen Erlebnisse. Ähnlich wie bei den traditionellen Anwendungen werden auch bei der psychedelischen Therapie nur wenige längerfristig vorbereitete Sitzungen mit höherer Dosierung durchgeführt (Savage et al. 1965; Grof 1981).

Einer sachgerechten Nachbeobachtung der Teilnehmer (wegen möglicher Nachschwankungen) werden sowohl die traditionellen Heiler mittels nächtlichem Setting und erneuter Zusammenkunft am nächsten Tage gerecht, als auch die Psycholyse-Therapeuten mit ihrer Bevorzugung eines stätionären bzw. teilstationären Settings (Klinik o. Tagesklinik). Einen schon von Grof (1967) vorgeschlagenen Ansatz, Vorteile des psycholytischen und psychedelischen Verfahrens miteinander zu verbinden, verfolgten von den dargestellten Autoren Alnaes (1963), und Roquet et al. (1981) wie auch jüngst die Psycholyse-Therapeuten in der Schweiz (Styk 1994; Gasser 1995). Diese Autoren bemühten sich sowohl um die Begünstigung "psychedelisch-mystischer" Erfahrungsformen in einem dem traditionellen stark angenäherten Setting (Gruppensitzungen mit höherer Dosierung, nächtliche Einnahme, rituelle Struktur, naturnahe Settings u.a.) als auch um eine längerfristige therapeutische Aufarbeitung psychodynamisch-biographischer Erlebnisbestandteile.

Überblickt man die historische Entwicklung der Verfahrensweisen zur Nutzung von psycholytischen Substanzen in der modernen Psychotherapie, so ist eine zweigleisige Entwicklung zu beobachten. Zum einen die Entwicklung der psycholytischen Methode in Europa, die die Möglichkeiten der Evokation unbewußten Materials durch Psycholytika in hergebrachte tiefenpsychologische Behandlungsverfahren einbaute. Und zum anderen die Entwicklung der psychedelischen Methode, die in vielem unmittelbar an die traditionellen Settings und Vorgehensweisen anknüpft und quasi-religiöse Erlebnisse von mystischer Selbsttranszendenz zur Grundlage therapeutischen Wirkens machte.

Was die Behandlungsergebnisse der geschilderten Anwendungen des Psilocybins in der modernen Psychotherapie angeht, soll hier nur auf die katamnestischen Untersuchungen von Mascher (1966), Schulz-Wittner (1989), Leuner (1994) und der Baltimore-Gruppe (vgl. Yensen et al. 1995) verwiesen werden. Diese Autoren konnten - in Übereinstimmung mit vielen anderen - über eine deutliche Besserung bei etwa 65% der behandelten meist schweren und chronifizierten Neurosen berichten. Ein Teil dieser Evaluierungen erscheint allerdings problematisch, weil sie vor allem während der sechziger Jahre (als noch viel mit psycholytischen Substanzen geforscht wurde) durchgeführt wurden und somit nur den damaligen Standards der Psychotherapie-Evaluation genüge tun. Aus heutiger Perspektive erscheinen sie von daher mit z.T. gravierenden Mängeln behaftet (vgl. Pletscher et al. 1994). Weitere Untersuchungen bzw. Überprüfungen der damals als vielversprechend gewerteten

Behandlungserfolge mit heutiger Methodik sind unter Einhaltung mindestens folgender Prämissen wünschenswert:

1. Spezifikation der Diagnosen nach DSM IV/ICD-10;

2. Gebrauch standardisierter Instrumente zur Erfassung der Psychopathologie;

3. Spezifikation der Therapeuten und Environment betreffenden Variablen;

4. Operationalisierung der Outcome-Variablen und

5. Einführung von Kontrollgruppen.

"... It is hoped that with a better methodology and standardization and, hopefully, with international cooperation, a protocol on psychotherapeutic / psychopharmacological procedures will allow this work to continue" (Ladewig 1994: 228). In diesem Sinne wurde von Mitgliedern der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SAEPT) in den letzten Jahren der Plan für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Wirksamkeit einer durch Psilocybin unterstützten Psychotherapie erarbeitet. Diese Untersuchung sieht eine psycholytische Behandlung einer von depressiven Patienten vor und ist als randomisierte dreifach-blinde Studie konzipiert. Sie geht in ihrer wissenschaftlichen Konzeption noch deutlich über die oben genannten Forderungen hinaus. Erst von dieser aufwendigen und grundlegenden Untersuchung ist eine sichere Antwort auf die Frage nach einer besonderen Effektivität der psycholytischen Behandlung zu erwarten. Allerdings weisen die Ergebnisse einer retrospektiven Befragung unter Patienten, die während der Jahre 1988-1993 eine legale psycholytische Therapie durch Ärzte der SAEPT erhalten haben, eine große Zufriedenheit mit der Behandlung, deren Ergebnissen und ein erstaunlich geringes Gefahrenpotential hin (GASSER 1999).

 

  • Literaturverzeichnis

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