Von Prof. Dr. Torsten Passie und Dipl. Psych. Thomas Dürst

Psychoaktive Substanzen wie LSD, Psilocybin, MDMA und andere können eine große Hilfe bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie sein (Leuner 1971, Abramson 1967).

In der folgenden Studie soll anhand von auf wissenschaftlicher Grundlage durchgeführten halbstrukturierten Interviews mit Patienten aus psycholytischen Gruppentherapien (Dürst 2006) illustriert werden, wie eine solche Therapie von Patienten erlebt und empfunden wird. Auch sollen mögliche Schwierigkeiten bei der Verarbeitung bzw. Integration in das Alltagsleben thematisiert werden. Allerdings können nur einige wesentliche Elemente, die im Rahmen der Interviews eruiert werden konnten, behandelt werden. 

Um sich den teils außergewöhnlichen subjektiven Erlebnissen mit angemessenem Vorverständnis nähern zu können, sollen einleitend Wirkungen und therapeutische Implikationen veränderten Erleben sunter psychoaktiven Substanzen in Umrissen skizziert werden.

 

Veränderungen des Erlebens unter psychoaktiven Substanzen

Unter der Wirkung von Halluzinogenen (LSD, Psilocybin) bzw. Entaktogenen (MDMA, MDE) kommt es bei klarem Bewusstsein und gutem Erinnerungsvermögen zu tagtraumartigen Imaginationen vor geschlossenen Augen und einer Aktivierung von Affektivität und Sinnesfunktionen (Leuner 1962). Die gesteigerte innere Reizproduktion bedingt eine Steigerung des Gefühlserlebens und eine Überhöhung von Vorstellungen bis zu Trugwahrnehmungen. Die Fähigkeit zu abstrahieren tritt zurück. Die aufkommenden Einfälle und Gedankenreihen sind emotional sinnkohärent verbunden und gehorchen den Regeln des Freudschen Primärvorganges (Leuner 1962). Bildhaftes Denken steht im Vordergrund, emotionale Einsichten werden gewonnen und unbewusste psychische Inhalte treten hervor. Diese sind überwiegend konfliktzentriert bzw. spiegeln die latenten (unbewussten) Konflikterfahrungen in teils bildhaft-symbolischer Form nach Art der Traumsymbolik wider. 

Häufig gelingt es aus einer Beobachterperspektive, nach dem Prinzip eines Weitwinkelobjektives, weit auseinander liegende innerseelische Fakten wie Erinnerungen, menschliche Beziehungen, Gefühlserlebnisse oder fehlerhafte charakterliche Einstellungen miteinander in Sinnzusammenhang zu bringen. Dabei sind mehrere Bewusstseinsbereiche gleichzeitig angesprochen, sodass eine breite Integration unbewussten Materials gelingt. Der Betreffende kann eine Fülle introspektiver Einsichten in neurotische Fehlhaltungen gewinnen. Deren Überzeugungscharakter ist durch die ausgeprägte emotionale Beteiligung ausgesprochen gut, sodass der therapeutische Prozess beträchtlich vertieft und beschleunigt wird (Grof 1983, Leuner 1981).

Die psycholytische Therapie ist keine eigenständige Therapie. Vielmehr ist sie Hilfsmittel für eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. In der tiefenpsychologischen Begleitbehandlung entfaltet sich durch die psycholytischen Sitzungen regelhaft ein Netzwerk von Konnotationen und Einsichten in die unbewusste Psychodynamik der Person (Abwehrmechanismen des Ichs, Affekt- und Triebimpulse, Traumsymbolik usw.). Während der gesamten Sitzung bleibt die situative Orientierung im Sinne einer Einsicht in den therapeutischen Charakter der Situation erhalten („reflektierender Ich-Rest” nach Leuner 1962). Dies lässt sich über eine individuell angepasste Dosierung regulieren.

Neben der Dosierung spielen psychologische Parameter als Determinanten des Rauschverlaufes die Hauptrolle. Es handelt sich dabei um: 1. Das Setting: Dieses entspricht einem „Bühnenbild”, d. h. der äußeren Umgebung, dem Ambiente, der situativen Atmosphäre, den gegenwärtigen Personen, dem Verhalten und der Ausstrahlung des Therapeuten. Konkret wird der Patient auf eine entspannte Ruhelage (Couch) verwiesen und zur introspektiven Aufmerksamkeitszuwendung angehalten. Die Haltung des Therapeuten soll Ruhe, Sicherheit und menschliches Verständnis vermitteln. 2. Das Set: Dies entspricht der aktuellen inneren Verfassung des Patienten. 

Eine adäquate Vorbereitung auf die psycholytischen Sitzungen wird über die tiefenpsychologische Anamnese und konfliktzentrierte Gespräche Etwaige Erwartungsängste werden bei einer Vorbesprechung am Tag der Sitzung möglichst ausgeräumt. 

Schon früh wurde auch mit gruppentherapeutischen Anwendungen experimentiert (Fontana 1965; Spencer 1963), was Ende der 80er-Jahre durch die Praxis der Ärzte der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie wieder aufgegriffen und weiterentwickelt wurde (vgl. Gasser 1995, Styk 1994, Benz 1989).

Die Domäne der psycholytischen Therapie sind Charakterneurosen, verschiedene Symptomneurosen, Sexualneurosen sowie chronische Fälle von konversionsneurotischen und psychosomatischen Zuständen (Mascher 1967). 

Nach den während der 50er- und 60er-Jahre in umfangreichen Untersuchungen gewonnenen Ergebnissen kann die psycholytische Therapie als wirksames und klinisch etabliertes Behandlungsverfahren gelten, das bei Patienten mit chronischen Erkrankungen das Spektrum der wirkungsvollen Psychotherapie erheblich erweitern kann (Winkelman & Roberts 2007, Passie 1997, Leuner 1981).

 

Rahmenbedingungen der psycholytischen Sitzungen

Bei den hier beschriebenen Behandlungen wurden mittlere Dosierungen von MDE (125-150 mg p.o.) oder MDMA (100-125 mg p.o.) bzw. LSD (75-150 mcg p.o.) verwendet. Die Behandlungen wurden nach den Prinzipien der psycholytischen Methode (Leuner 1971, Fontana 1965) im Rahmen von Wochenendseminaren in einer Gruppe von 8-15 Klienten in 2 Behandlungsräumen durchgeführt. 

Vor den Sitzungen wurden mit den Klienten diverse (10-30) Einzelgespräche im Sinne einer tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapie durchgeführt. Die Psycholyse-Sitzungen wurden von drei permanent anwesenden professionellen Psychotherapeuten (2 Männer, 1 Frau) begleitet. Die Teilnehmer verwendeten während der Sitzung Augenklappen und es wurde über Kopfhörer leise Hintergrundmusik zur Stimulation des Erlebens gespielt. Die Teilnehmer wurden angehalten, sich dem inneren Erleben möglichst unbefangen hinzugegeben. Im unmittelbaren Vorfeld wurden sie angeleitet, im Austausch mit jeweils einem anderen Teilnehmer, ihre aktuellen persönlichen Themen zu zentrieren und durchzusprechen, um eine Fokussierung auf therapeutisch bedeutsame Aspekte herzustellen. Eine Integration und Deutung des in der Sitzung Erlebten fand in einer Gruppensitzung am Morgen des Folgetages statt (Dürst 2006). 

Alle interviewten Klienten hatten zwischen 5 und 10 Psycholyse-Sitzungen, weit überwiegend unter Entaktogenen (MDE, MDMA), während LSD-Sitzungen nur ca. 10-20% ausmachten. Insofern beziehen sich die folgenden Erörterungen bzw. Interviews vorrangig auf die Wirkung von Entaktogenen.

Bei den behandelten Patienten handelte es sich um weibliche und männliche Patienten mit Charakter-, Angst-, und Sexualneurosen sowie neurotischen Depressionen und psychosomatischen Störungen. Praktisch alle Behandelten hatten allerdings ein hohes soziales Funktionsniveau und es gab bei niemandem vorhergehende stationäre psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlungen (Duerst 2006).

Die theoretischen Konzepten von Leuner (1962), Masters und Houston (1966) und Grof (1975) zu Formen und Inhalten psycholytischer bzw. psychedelischer Erfahrungen geben Einblicke bedeutende Aspekte und Strukturen des veränderten Erlebens. Allerdings fehlen die Erlebnisformen und -inhalte wie sie durch die, den Halluzinogenen nahestehenden Entaktogene hervorgerufen werden. Diese sind von den Halluzinogenen im Bezug auf psychische und kognitive Wirkungen deutlich verschieden (Nichols 1986; Gouzoulis-Mayfrank et al. 1996, Passie et al. 2005a). 

 

Halluzinogene: LSD

Halluzinogene Substanzen wie LSD sind körpereigenen Transmittern chemisch und strukturell ähnlich. Sie entfalten ihre Wirkung, indem sie statt der Transmitter an die Rezeptoren anbinden und die Signalübertragung beeinflussen. LSD greift vornehmlich in das serotonerge Transmittersystem ein. Darüber hinaus beeinflusst es Synthese und Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin (Vollenweider 2001). Unter der Wirkung von LSD kommt es zu einer Aktivierung zentraler Funktionen. Bei den psychischen Wirkungen stehen die optischen Phänomene im Vordergrund. Neben abstrakt-formalen Elementen können diese sich vor geschlossenen Augen in szenisch-gestalthaften Abläufen mit ganzheitlichen, thematisch gegliederten Bilderfolgen äußern (Leuner 1962).

Wesentlich profunder greifen die Steigerungen von Affektivität und Emotionalität in das Ich- und Welterleben ein. Die Stimmungslage bewegt sich in einem Spektrum von tiefer Traurigkeit bis hin zu als beglückend empfundenen mystischen Erlebnissen. Das gesamte Erleben steht unter dem Einfluss einer starken emotionalen Eigensteuerung. Von ihr erhalten die komplexeren Imaginationen ihre Bedeutungsinhalte und Erlebnisqualitäten. Auch das Ich-Erleben kann stark verändert sein, teils im Sinne einer psychischen Auflockerung, teils im Sinne einer angstvollen Ich-Auflösung oder auch im Sinne eines ozeanisch-ekstatischen Entgrenzungserlebens (mystische Erfahrung). Unter geringeren Dosierungen ist der Gedankengang meist beschleunigt, assoziativ gelockert und oft sprunghaft. Die Fähigkeit zum abstrakten Denken nimmt ab und dieses wird durch ein emotional betontes bildhaftes Denken ersetzt. Ebenfalls dosisabhängig ist die Erhaltung einer kritischen Instanz mit der Fähigkeit zur Orientierung und Selbstkontrolle („reflektierende Ich-Rest“ nach Leuner 1962). Die Erlebnisveränderungen unter LSD beginnen (bei Dosen von 75-150 mcg p.o.) etwa 45 Minuten nach Einnahme, erreichen ihren Höhepunkt nach zwei bis drei Stunden und dauern insgesamt acht bis zehn Stunden an.

 

Entaktogene: MDMA und MDE

Bei den Entaktogenen handelt es sich um Substanzen mit einem spezifischen Wirkungsbild, welches weder den Halluzinogenen noch den Stimulantien (Amphetaminen) zuzuordnen ist. Zwar teilen Entaktogene einige Eigenschaften beider Substanzgruppen, doch ihr Wirkungsschwerpunkt liegt im emotionalen Bereich (Gouzoulis-Mayfrank et al. 1996).. Die für diese Substanzen geprägte Bezeichnung Entaktogene bedeutet: „eine behutsame Berührung mit dem eigenen Inneren hervorbringend“ (Nichols 1986).

Die psychischen Effekte der Entaktogene werden nur in geringem Maße über die Interaktion mit dem adrenergen Transmittersystem (Dopamin, Noradrenalin) vermittelt. Nach Vollenweider (2001) beruhen sie in erster Linie auf einer Ausschüttung und Wiederaufnahmehemmung des Neurotransmitters Serotonin. 

Die psychischen Wirkungen der Entaktogene sind – im kontrollierten und geschützten therapeutischen Rahmen – gekennzeichnet durch eine leicht kontrollierbare Erlebnisveränderung mit primär emotionaler Tönung bei oft vorkommender Entängstigung und ausgeprägter psychophysischer Entspannung. Sie induzieren regelmäßig eine erhöhte Bereitschaft zur Kommunikation und eine gesteigerte Introspektionsneigung. Die Aufmerksamkeit lässt sich leicht auf emotional bedeutsame Inhalte lenken. In einer Art innerem Dialog können durch die angstreduzierende Wirkung („Auflösung neurotischer Furcht“) und eine dadurch begünstigte Erweiterung der Assoziationswelt neue Aspekte seiner selbst bzw. seiner Geschichte wahrgenommen und in neue Bedeutungszusammenhänge gestellt werden. Dabei können, im Sinne einer katalytischen Wirkung, latente, sonst unbewusste innere Spannungssysteme („transphänomenale dynamische Steuerungssysteme“ nach Leuner 1962; „systems of condensed experience“ nach Grof 1978) auf Auflösung drängen und die mit ihnen verbundenen psychischen Inhalte ins Bewusstsein rücken. Weiter entsteht ein Gefühl erhöhter Selbstsicherheit und Selbstakzeptanz sowie der empathischen Wahrnehmung anderer. Im Unterschied zu den Halluzinogenen bleiben kognitive Funktionen und Ich-Integrität weitgehend unverändert. Die intrapsychischen Abwehrmechanismen werden zwar gelockert, bleiben aber dem Ich weiterhin verfügbar (Passie et al. 2005a, Hess 1997). Der Gedankenfluss ist in seiner Geschwindigkeit kaum beeinträchtigt, gut kontrollierbar und fast immer auf intrapsychische und interpersonelle Realitätsaspekte bezogen. Selten sind Depersonalisationsempfindungen und mystische Erlebnisse. Bei einer mittleren Dosierung im Bereich 100-125 Milligramm (p.o.) haben MDMA bzw. MDE eine Wirkdauer von vier bis sechs Stunden.

 

Methodisches Vorgehen

In der vorliegenden Studie soll der Frage nachgegangen werden, wie und wodurch Patienten - aus ihrer Sicht - Veränderungen in mit MDMA/MDE (in erheblich geringerem Masse auch mit LSD) unterstützten psychotherapeutischen Prozessen erleben. Dadurch sollen diejenigen Faktoren herausgefunden werden, die Patienten in psycholytischen Gruppensitzungen bei der Bearbeitung ihrer Probleme als besonders hilfreich und wirksam erlebt haben. Zur Bearbeitung dieser Fragestellung wurde ein am therapeutischen Prozess orientierter qualitativer Forschungsstil gewählt.

Bei der Betrachtung von Wirkzusammenhängen zwischen therapeutischer Intervention und therapeutischer Veränderung spielt die prozeßorientierte Forschung – im Unterschied zur sog. outcome-orientierten Forschung - seit Mitte der 80er-Jahre zunehmend eine Rolle, um Bedingungen für einen erfolgreichen Therapieverlauf zu erhellen (Bastine 1992). Dadurch wurde der therapeutische Prozess zum Gegenstand detaillierter Veränderungsforschung, mit dem Ziel, die für therapeutische Veränderungen maßgeblichen prozessualen Faktoren sowie deren Interaktion und Wirkzusammenhänge zu identifizieren (Bastine et al. 1989; Greenberg & Rice 1984).

Für die Deskription der Struktur und Dynamik von Veränderungsprozessen kommt in der prozessorientierten Psychotherapieforschung der Einzelfallforschung eine besondere Rolle zu (Auckenthaler 1991). Einzelfallstudien erlauben es, „... sich durch die Beschränkung auf ein Untersuchungsobjekt oder relativ wenige Personen intensiver mit mehr Untersuchungsmaterial beschäftigen zu können, und dadurch umfangreichere und komplexere Ergebnisse zu bekommen“ (Witzel 1982: 78; Langenmayer & Kosfelder 1995). 

Im folgenden Text sollen aus dem vielfältigen subjektiven Erleben einige Erlebnisweisen und Erlebnisinhalte unter den beiden Arten von psychoaktiven Substanzen (Halluzinogene und Entaktogene) dargestellt werden, die in einem gleichbleibenden therapeutischen Rahmenbedingungen zustandekamen. Es sollen typische Formen und Inhalte psycholytischer Therapieerfahrungen dargestellt werden wie sie sich zwanglos aus der Erinnerung und Perspektive von Patienten ergeben (phänomenologische Methode; vgl. Moustakas 1994).

 

In der Übersicht stellen sich die zu behandelnden Elemente wie folgt dar:

 

  1. Formale Elemente

Themenfokussierung

Gruppenerfahrung

Bedeutung der Therapeuten 

Steuerbarkeit des Erlebens

 

  1. Inhaltliche Elemente

Entängstigung, Öffnung, Vertrauensbildung

Altersregressionen

MentaleAlternativsimulationen

Problemaktualisierung und korrigierende Neuerfahrungen

Transpersonale Erfahrungen

 

  1. Integration in den Alltag und therapeutische Veränderungen 

Integration in den Alltag

Therapieresultate aus Sicht von Patienten

 

  1. Vergleich mit konventioneller Therapie

 

Nachfolgend werden die genannten Punkte anhand von Angaben bzw. Beispielen, wie sie von den Interviewten berichtet wurden, dargestellt und erläutert. Die Seitenangaben beziehen sich, wo nicht anders angegeben, auf die Arbeit von Düerst (2006). Die ursprünglich auf Tonträger aufgezeichneten und dann wörtlich transkribierten Interviewtexte wurden zur Verbesserung der Lesbarkeit von Füllwörtern befreit und bezüglich Syntax und Grammatik der Schriftsprache angeglichen. Wo mehr als zwei Worte heraus- oder hereingenommen bzw. verändert wurden, ist dies mit ... bzw. [ ] kenntlich gemacht. Selbstverständlich wurde darauf geachtet, dass sich durch diese Veränderungen keine inhaltliche Veränderung bzw. Sinnentstellung des Geschilderten ergibt. Auf die Setzung von Anführungszeichen wurde zugunsten einer verkleinerten Buchstabengröße für die Zitate verzichtet. Die Substanzen werden in den Interviews mit M (= MDE/MDMA) und L (= LSD) bezeichnet.

 

1.Formale Elemente

 

Themenfokussierung

Die hier beschriebenen Therapieerfahrungen fanden in einem Gruppenrahmen statt, der zu Beginn der Zusammenkunft eine Themenzentrierung beinhaltete. Dabei sollten die Teilnehmer sich in Pärchen zusammensetzen und sich gegenseitig über ihre aktuelle Lebenssituation und biografische Ereignisse, die sie aktuell an Themen besonders beschäftigen, berichten. Jeweils ein Teilnehmer soll dabei für 10 Minuten nur Sprechen, der andere nur zuhören, bis nach 10 Min. die Positionen getauscht werden. In einer anschließenden Runde mit allen Teilnehmern berichtete dann jeder über das was er an Themen in der Dyade erörtert und zentriert hatte. Dies dient, neben dem Kennenlernen der Teilnehmer untereinander, der weiteren Vertiefung ihrer indivduellen Themen bzw. der sich diesbezüglich ergebenden Fragestellungen.

 

Für mich war wichtig, mein Thema konkret zu erfassen. Also da hat der Therapeut, während ich irgendwie meinte, das und das sei mein Thema, das meistens auf den Punkt gebracht. Das war wichtig am Abend vorher. Dann habe ich oft erst kapiert, was wirklich mein Thema. Häufig hatte ich da irgendwie so ein Chaos im Kopf, oder meinte ein anderes Thema zu haben, und der Therapeut hat dann erkannt, dass mein Thema ein ganz anderes Thema ist. Das war sehr hilfreich ... (16).

 

Gruppenerfahrung

Die Therapiegruppen umfassten 10 bis 15 Teilnehmer. Einige Teilnehmer kannten sich durch mehrfache Teilnahme untereinander. Da die meisten Teilnehmer sich während ihrer Teilnahme an den psycholytischen Sitzungen in tiefenpsychologischen Einzelbehandlungen befanden, war für sie die Gruppensitzung eine neue Erfahrung, die viele Ängste und Wünsche mobilisierte.

 

Die Gruppe war für mich sehr wichtig, denn es waren verschiedenartige Männer und Frauen da. Dadurch konnte man bestimmte Rollen ausleben. Man sieht sich ja in diesem Zustand in den anderen Personen bzw. Rollen gespiegelt, zum Beispiel Vater und Mutter oder in Rollen, die man im Alltag erlebt, sprich Arbeitskollegen usw. Man kann sich ganz gut damit auseinandersetzen, wenn man das möchte. Und vor allen Dingen war es wichtig, die anderen Erfahrungen zu hören, sich auszutauschen, auch während der Sitzungen. Für mich war es toll zu sehen: Wie sehen mich die anderen, wie nehmen die das wahr?“ (66).

 

Bei einer Sitzung habe ich mal eine Ablehnung gespürt gegen eine Person und habe über diese Ablehnung dann gesehen und gefühlt, was mit mir ist, was ich da ablehne. Ein anderes Mal habe ich plötzlich alle Männer verstanden, die da waren. Ich wusste genau, was mit denen ist. Ich konnte plötzlich all ihr männliches Problem erfassen. Bei einer anderen Sitzung habe ich in einem Menschen, der sich ganz gut und angepasst darstellte, bei der Begrüßung ganz viel Böses gesehen. Das hat dazu  geführt, dass ich kapiert habe, dass das, was man vorgibt ,nicht das ist, was man wirklich ist. Ich guck seitdem viel tiefer in Menschen hinein und kann sie besser fühlen … (14f.).

 

In einer Gruppe eingebettet zu sein war für mich eine der wichtigsten Erfahrungen. Erstmal zu erfahren wovor ich Angst habe … wie schamhaft ich bin und wie voller Komplexe. Normalerweise tritt man auf als Mensch mit einer Aufgabe, zum Beispiel bei der Arbeit. Doch hier tritt man nur als Mensch auf, mehr nicht. Man hat keine Aufgabe, an der man sich profiliert. Man ist einfach da mit dem, was man ist, mehr nicht. Das war am Anfang mit sehr viel Angst besetzt (42).

 

Die Erfahrung in der Gruppe war auch sehr wichtig, weil man da zutiefst mit sich konfrontiert war, aber zugleich auch in der Gruppe war und das gleich praktisch umsetzen konnte. Dadurch, dass man sich geöffnet hat, es wagte sich zu öffnen, und eine Gruppe da war, die auch bereit war einen anzunehmen, konnte man das neue Gefühl gleich praktisch üben. Und das waren sehr gute und hilfreiche, auch lehrreiche Kontakte. Man hat voneinander gelernt … (35).

 

Am Ende der Gruppensitzungen fanden dann ja auch Gespräche statt und nachts war man zusammen und konnte sich unterhalten. Da war die Bedrohung völlig weg. Das war für mich ganz wichtig, dass ich Menschen nicht mehr in erster Linie als Bedrohung empfinde, sondern stattdessen wieder Vertrauen aufbauen kann, insbesondere Gruppen gegenüber, die ich ja nicht kontrolliere. Ich  bin früher mit Gruppen zusammen gewesen, aber dann habe ich die Gruppen immer kontrolliert. Und hier hatte ich das Gefühl, ich kann die Kontrolle aufgeben. Ich kann mich wirklich entspannen. Da passiert mir nichts, da ist Wohlwollen vorhanden. ... eine ganz wichtige Erfahrung, die sich in meinem Leben fortsetzt, weil ich Menschen wieder mehr Vertrauen entgegenbringen kann (28).

 

Man ist sehr nahe beieinander, aber während der Reise ist man für sich alleine ... Doch dann, wenn man dann den Zugang braucht zu den Menschen, sind sie da und man teilt einfach. Ich fand das wunderbar, teilen zu können ohne in den anderen aufzugehen. Die Grenzen sind da. Es ist nicht so, dass man sich gegenseitig besetzt oder zuviel Intimität verlangt. Überhaupt nicht. Es ist einfach  nur richtig wie es passiert, nicht zu viel und nicht zu wenig und man hat jederzeit auch die Möglichkeit, dass zu regulieren. Doch ich habe nie erlebt, dass es da Auseinandersetzungen gegeben hätte, weil jemand zu weit gegangen wäre oder so ... (42/43).

 

Es kommt sowohl zu speziellen Begegnungen mit einzelnen Teilnehmern als auch zu einem allgemein tragenden Gefühl der Gruppe … Das war meine größte Sorge bei der Reise. Ich hatte meinen Therapeuten gefragt: Können, Leute auf mich zukommen. Das möchte ich nämlich nicht. Das sagt ja schon viel über meine Ängste aus. Prompt kam natürlich jemand zu mir. Aber das war überhaupt kein Problem, weil darauf geachtet wird, dass man nicht gestört wird. Das heißt, es findet nie statt ohne Zustimmung des Therapeuten. Die achten sehr darauf., Ausserdem konnte ich es auch sagen, wenn ich nicht gewollt habe. Es hat nicht viele, aber ein paar Begegnungen gegeben, die unglaublich waren, die für mich eine große Rolle gespielt haben (38).

 

Aus den Beispielen wird deutlich, dass in einer derartigen Gruppe eine ganze Palette von Ängsten und Vorbehalten im zwischenmenschlichen Raum mobilisiert wird. Dies in Abhängigkeit von den jeweiligen biografischen Vorerfahrungen. Genauso wie diese aktiviert werden, werden auch korrigierende Neuerfahrungen und vertrauensfördernde Erlebnisse ermöglicht. Durch die entängstigende Wirkung der Entaktogene können während der Sitzungen hindernde Befürchtungen überwunden werden und neue Erfahrungen gemacht werden, die oftmals Vorerfahrungen und Befürchtungen konterkarieren. Hierbei kann zwischen neuartigen Erfahrungen in Einzelbegegnungen dem Effekt einer tragenden Gruppeunterschieden werden.. Zudem scheint sich häufig eine oszillierende Nähe zur Gruppe durch die Hinwendung zum Eigenen ergeben. Interessant ist auch, dass sich die Gruppenprozesse nicht, wie man aufgrund der großen individuellen Verschiedenheit des Erlebens vielleicht erwarten könnte, im Sinne einer Chaotifizierung auswirken. Vielmehr scheinen sich autoregulative Prozesse abzuspielen, die (ergänzt durch Strukturierung der Therapeuten) die Gruppe in einem weitgehend ungestörten Gleichgewicht halten. Die wird auch durch die Ergebnisse von Spencer (1963), Fontana (1965) und den schweizer Psycholysetherapeuten (Gasser.1995) bestätigt.

Es scheint, dass durch die entängstigende Wirkung der Entaktogene eine beschleunigte und vertiefte vertrauensvolle Einlassung auf therapeutisch wirksame Erfahrungen in einer Gruppensituation möglich wird.

 

Bedeutung der Therapeuten

Grundsätzlich kommt der Beziehung zum Psychotherapeuten im Rahmen einer Psychotherapie eine zentrale Bedeutung zu. Da aufgrund der während einer Sitzung weitgehend selbstständig ablaufenden inneren „psycholytischen“ Prozesse der Therapeut weitgehend in den Hintergrund tritt, erscheint es von Belang, die Bedeutung, die der Therapeut noch behält, und diejenigen Aspekte, die sich als seine Aufgaben in einem solchen Rahmen auftun, aufzuzeigen.

 

Die Kunst des Therapeuten war schon sehr wichtig, um die richtige Mischung herzustellen aus auflockerndem, aufwärmendem, sozial anbahnendem Verhalten und das wiederum auch jeder bei sich bleibt. Letzteres fand ich eigentlich einen sehr guten Aspekt, dass man nicht zu gruppengluckenhaft miteinander zusammen kuschelte. So vierzehn Leute im Heuschober, ganz dicht. Nach dem Motto: Wir sind alle ganz kleine arme Kinder und haben uns ganz schrecklich lieb. Das hätte nur abgelenkt. Das hat er sehr gut geschafft, diese Schwebe herzustellen, die einerseits klarstellt, dass jeder sich mit seinem Problem und seinem Thema befassen soll und dass ein symbiotisches Verschmelzen miteinander der Sache gar nicht guttut … Das war eine Kunst, für die ich ihn sehr bewundert habe … 

In dem Augenblick, als man sich innerlich von falschen und beängstigenden Vorstellungen gelöst hatte,... da hat er eine Atmosphäre von Unerschrockenheit vor dem angeblich Schrecklichen vermittelt … als ob da ein Löwenbändiger wäre, der, wenn so ein Vieh in den Käfig reinkommt, sagt: Okay, es ist ein Löwe, gucken wir uns den mal an. Dieser Umgang mit beängstigenden Gefühlen war sehr wichtig (56).

 

Ich finde  es ganz wichtig, dass ein weiblicher und ein männlicher Therapeut dabei sind. Insbesondere, wenn so eine Problematik da ist wie bei mir mit den Eltern, der Scheidung und so weiter. Dann spielen die Therapeuten eine große Rolle. Denn wenn man in dem veränderten Zustand Hilfe holt und und mit denen redet, dann können die dir schon beispielhaft die Mutter oder den Vater verkörpern. Das war für mich ganz wichtig ... Das heißt, die Therapeuten haben das mit mir auch immer durchgespielt. Somit ist die Frau ganz genauso wichtig wie der Mann. Es gab Themen, zum Beispiel wenn man seine Weiblichkeit entdeckte, die man natürlich eher mit einer weiblichen Person beredet als mit einem Mann … (68).

 

In den ersten Sitzungen hatte ich immer das Gefühl, die Therapeuten müssten mich aus meiner Situation rausretten. So … habe ich die auch benutzt. Aber ich war auch mißtrauisch gegenüber den Therapeuten, dachte immer, die sind bestimmt auch irgendwie nicht in Ordnung. Doch das war mein Problem, mißtrauisch zu sein. Später habe ich sie gebraucht, um einen Wegweiser oder Diskussionspartner zu haben, um Lösungen zu finden, um mich selbst zu verstehen. Manchmal habe ich sie auch gebraucht als erhobenen Zeigefinger, wenn sie mich kritisiert und ermahnt haben, weil ich sie genervt habe, zuviel wollte oder mit ihnen gespielt habe (16).

 

DieTherapeuten … waren zutiefst menschlich, unglaublich verständnisvoll, aber doch auch sehr kritisch. … Mit einem Menschen so kommunizieren zu können ist einfach unglaublich. Bevor ich diese Erfahrung gemacht hatte, habe ich es nicht für möglich gehalten, dass man einem Menschen so nah sein kann und trotzdem den nicht beansprucht wie einen Menschen, den man liebt. ... Man fühlt sich einfach nur ernst genommen, angenommen, verstanden, aber auch ernst genommen in dem Sinne, dass man nicht irgendwas sagen kann was nur immer bejaht wird, sondern kritisch, aber liebevoll beantwortet wird (37).

 

Im Gegensatz zu den Einzelsitzungen spielte der Therapeut während der Gruppensitzungen eine fast dezentrale, periphere Rolle. Er war sehr wichtig in der Einleitungsphase, für das Vertrauen, dass ich aufgebracht hatte, für den Sprung in dieses Wasser … Da war er mir sehr wichtig in seiner Rolle als jemand, der dieses Setting herstellt, diese Atmosphäre. Während der Sitzung selbst spielte er für mich fast keine Rolle. Ich kann mich nur an ein, zwei, drei Mal erinnern, wo ich ihn hinzuzog als einen mir sehr vertrauten Kenner meiner ganzen Probleme, dem ich unbedingt jetzt mal erzählen musste, was ich rausgefunden hatte … (56).

 

Aus den Beschreibungen wird klar, dass die mit den Therapeuten sich verbindenden Wünsche, Wahrnehmungen und Erfahrungen sich auf eine Reihe von Faktoren beziehen. Zunächst werden die Therapeuten in einem allgemeinen Sinn als eine vertrauensvolle und sichernde Struktur und Atmosphäre herstellend gewünscht und erlebt. Außerdem haben sie eine im individuellen Fall unterschiedliche therapeutische Struktur und Halt vermittelnde Funktion. Dies unterschiedet sie von den Grundfunktionen her kaum von konventionellen Therapeuten.

Darüber hinaus ist den Zitaten zu entnehmen, dass die Übertragungnen auf die Therapeuten einen oft deutlich positiven Akzent bekommen. Die Patienten empfinden offenbar, vermutlich aufgrund der eine zwischenmenschlichen Entängstigung begünstigenden Wirkung der Entaktogene erheblich weniger Vorbehalte, können sich besser „öffnen“ und sich dem Therapeuten besser anvertrauen. Da die therapeutische Beziehung zentral darauf bezogen ist, adäquates mitmenschliches Vertrauen wieder herzustellen, erscheint es möglich, dass die psycholytischen Gruppensitzungen diesbezüglich katalytische Wirkung auf das (Wieder-)Erleben zwischenmenschlichen Vertrauens haben können.

Betont wird in den Beschreibungen auch die hilfreiche Wirkung therapeutischer Interventionen in inneren Problemlagen während des psycholytischen Prozesses. Hierbei können sowohl basale Aspekte von Haltgebung, aktivem Zuhören, körperlicher Zuwendung (Handhalten, Streicheln, beruhigen) eine Rolle spielen als auch kritisches Miterörtern, sanfte Konfrontationen, Hilfestellungen oder der schlichte Verweis auf Grenzen der Person bzw. Situation.

 

Steuerbarkeit des Erlebens

Große Befürchtungen können sich darauf richten, dass man das inneren Erleben nicht mehr kontrollieren könnte. Wie schon die Untersuchungen von Leuner (1962) gezeigt haben, sind die Patienten, bei entsprechend angepaßter Dosis jederzeit in der Lage, wesentliche Teile des inneren Erlebnisflusses wie auch die eigenen Reaktionen darauf, zu steuern und in geordneter Kommunikation mit der Umwelt zu bleiben. Dies ist auch von relevant, weil von einem übermächtigen Erleben auch die Gefahr einer Retraumatisierung ausgehen könnte. Doch obgleich gelegentlich belastende Erlebnisse auftreten können, kommt es nicht zu solchen Überforderungen durch aufkommendes Erlebnismaterial bzw. Neuerfahrungen. Dies gilt besondere im Bezug auf die Entaktogene, die erheblich geringere Veränderung von Kognition und Steuerungsfähigkeiten verursachen (Hess 1997, Naranjo 1973).

 

Ich hatte das Gefühl, ich könnte die Erfahrungen lenken und mitgestallten. Wenn jetzt z. B. ein Feuer ausbrechen würde, würde ich ganz geordnet aufstehen, meine Sachen packen, runtergehen und irgendeinem Reporter einen lückenlosen Bericht über den Ausbruch des Feuers geben ohne dass diese innere Geöffnetheit etwa unterbrochen wäre. … Ich konnte sehr bewusst mitgestalten. Ich hatte auch nie das Gefühl ich werde wehrlos in einem Strudel mitgerissen. Ganz im Gegenteil: Ich konnte Zäsuren setzen, konnte sagen: Ich versuch das jetzt in Worte zu fassen; obwohl das wortlos ablief. Stop, noch einmal zurück, wirklich wie einen Videorekorder, anhalten, Stopp, weiter, noch einmal zurück, wie ein Standbild, dass man so rausvergrößert; in dem Fall halt für Gefühle (57).

 

Man kann vieles steuern, aber man kann nicht alles steuern. Wenn man das Steuern erzwingen will, wird es die ganze Zeit ein irrer Kampf. … bei mir war es am Anfang die Angst, dass was Neues, Unbekanntes hochkommt. Als ich später mehr dazu bereit war, habe ich das nicht mehr gesteuert. Dann kam das Thema, was halt angestanden hat, und ich konnte mich darauf einlassen (68).

 

Am Anfang ist man dazu geneigt, sich tragen zu lassen von der Wirkung. Doch man lernt mit der Zeit, dass man tiefgründiger bei den Gedanken sein kann, man versucht, den Faden nicht abreißen zu lassen. Immer wieder zu dem Thema zurückzukommen, um detaillierter und tiefgründiger reinzugucken. Das war mit jeder Reise interessanter und … ich habe das immer ernster genommen. ... mich immer mehr darauf konzentriert, Dinge zu verfolgen, tiefer reinzugehen und für mich noch mehr Antworten zu bekommen (37).

 

Auf eine wunderbare Art und Weise ist alles miteinander verwoben ... Man ist in allen Schichten da, ist geistig präsent. Man kann sogar mittendrin das Bild anhalten, fast als hätte ich einen Videorecorder und würde es mir angucken und sagen: Stopp, noch einmal die Szene zurück; was hat das zu bedeuten oder: das merke ich mir für später. Aber ich kann mich dem auch ganz einfach hingeben mit körperlichen Gefühlen (52/53).

 

Die Beschreibungen zeigen, dass die Steuerungsfähigkeit weitgehend erhalten zu bleiben scheint. Teils kann der Umgang mit dem veränderten Erleben auch regelrecht gelernt werden, sodass nach einigen Sitzungen das Erleben zunehmend steuerbarer erscheint. Dieses führt dann auch zu einem gezielteren, Umgang mit den Möglichkeiten des veränderten Erlebens. Von Einigen wird aber gerade auch die verminderte Steuerbarkeit als Bereicherung angeführt, die ein Vorstoßen zu unbekannten Seiten seiner selbst oder in neue Erlebnisbereiche ermöglicht.

Von besonderem Interesse erscheint der, an hypnotherapeutische Anwendungen erinnernde, gezielte Zugriff auf bestimmte Erinnerungen. Diese scheinen wie mmit einem Videorekorder abspielbar, sind wie mit einem Zoom- oder Weitwinkelobjektiv heranholbar, könne gezielt untersucht, erweitert und in neue Kontexte gestellt werden.

 

2. Inhaltliche Elemente

 

Entängstigung, Öffnung, Vertrauensbildung

Entaktogene wie MDE und MDMA üben ihre Wirkung maßgeblich über eine entängstigende Wirkung auf die Psyche bzw. das Gehirn aus. Dies spiegelt sich in ihren neurobiologischen Wirkungen wider. So wurde unter MDMA eine signifikante Verringerung des Hirnstoffwechsels in der das „Furchtnetzwerk“ des Gehirns (Bandelow 2001) maßgeblich unterhaltenden linken Amygdala gefunden (Gamma et al. 2000).

Für die entängstigende Wirkung finden sich folgende Beispiele:

 

Bei MDMA bin ich einfach völlig verweichlicht und das war für mich ganz wichtig. Es ist also so, als wenn alle Schranken fallen, als wenn alle Gefühle einfach zugelassen sind. … eine aufgeweichte Situation, die mich geöffnet hat. Ich hatte keine Kontrolle mehr darüber, ob ich mich öffne oder nicht. Das war ja genau der Punkt, dass ich eigentlich zu stark kontrolliert bin oder war. Das fiel dann weg. Dann war ich irgendwie schon fast eher anhänglich, weich, offen und redselig; was ich so nicht kannte (10).

 

Das war zunächst eine ganz körperliche Wahrnehmung … da haben sich in mir richtig - auch körperlich spürbar  - Barrieren gelöst. Und über diese … schon fast vitale physische Wahrnehmung kam dann sekundär die Erlebnisebene dazu und auch die … konkreten Erlebnisse von der Kindheit bis jetzt. Nach einer ersten leichten Verkrampfung wurde ich sehr arglos … als würde ich mich in einen  Strom legen, wohl wissend, dass ich da drin schwimme und nicht untergehe. [Ich] habe da ganz physisch so etwas wie Urvertrauen oder Vertrauen erfahren, … ein Gefühl, als würde ich über Wendeltreppen in eine Tiefe gehen, aber nicht so in finstere, unheimliche Keller, sondern in Unterschichten, völlig wertfrei. Eine Lösung von körperlichen Sperren zu erleben, die unglaublich faszinierend war, weil ich mir dann erst bewusst wurde, wie … verkrampft ich sonst in meinem Alltag bin … (50/51).

 

Unter L war es so, dass ich mir am Anfang eine Frage gestellt habe und diese ... ganz ehrgeizig bearbeitet habe. Dann stellten sich alle Gefühle ein, die damit zu tun hatten ... Einmal auf LSD habe ich Angst gespürt. Diese Angst wurde immer größer, gegen alles. Zum Schluss hatte ich Angst vor dem Wind, Angst vor der Luft, Angst vor allem. Fast war das ein schönes Gefühl, diese Angst zu durchleben, weil die so ins Detail ging. Irgendwann flog eine Fliege an mir vorbei und selbst vor der hatte ich Angst und zugleich merkte ich: Ich habe eigentlich keine richtige Angst und doch hab ich irgendwie Angst. Diese Angst ging bis ins mikroskopisch Kleine. Irgendwie gewöhnte ich mich an diese Angst und als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, war sie weg. Dann hab ich sie plötzlich vermisst, weil ich gar nicht wußte, womit ich mich beschäftigen sollte außer mit der Angst. …  da hab ich mich dabei erwischt - so die Erkenntnis -, dass ich mich an der Angst festhalte, um dann auch nichts zu tun, … und dann löste sie sich auf und seitdem hab ich auch dieses Gefühl nie wieder gehabt … (11).

 

Einmal hatte ich so eine Nähe aufgebaut, dass ich mich so wohlfühlte neben dem Therapeuten und das Gefühl hatte, jetzt muss der unbedingt bei mir bleiben und ich plaudere jetzt mit dem und am liebsten lass ich den gar nicht mehr gehen weil das gerade so gemütlich ist. So ein Gefühl hatte ich, so was freundlich, kuschelig Intimes. Doch ohne mit irgendwelchen Ambitionen weiter zu gehen, mehr was freundschaftliches. Das war für mich ein großer Schritt, so weit zu kommen, so was Menschlich-Freundschaftliches zu erleben (16).

 

… Die Zustandsveränderung nach Einnahme der Substanzen … Es ist, als würde sich der Brustkorb öffnen, ganz tief einatmen und untertauchen, so dahingleiten mit einem enormen Gefühl des Glücks. Wenn man das dann einmal erlebt hat und das dann wieder eintritt, ist es einfach unbeschreiblich. Also, Öffnen und Wohlsein zugleich, körperliches Wohlbefinden, sich gut fühlen und sich unter seiner Decke verkriechen und wunderbar bei sich sein. Ja, auch lustvoll. Man ist sehr wach, sehr aktiv, aber ich habe mich immer so weich dabei gefühlt. Ganz entspannt war ich, sehr aufmerksam, aber entspannt (36).

 

MDMA ist … die Herzöffnung und Gefühlsöffnung. Da war für mich erstmal sehr große Angst, weil das ja genau meine Problematik war, meinen Gefühlen keinen freien Lauf zu lassen. Ich verkrampfte. Es war kalt. Ich hatte Angst, Angst, Angst. So wie das eigentlich in meinem Leben auch immer war, d. h. immer wenn ein Gefühl hochkommen wollte, bekam ich Angst. Ich habe also unter M dieses Wehren, dieses Kämpfen genau gesehen oder gefühlt. Ich kann so weitermachen oder ich kann langsam versuchen, in kleinen Schritten mich darauf einzulassen und dieses Gefühl kommen zu lassen, zu spüren, sprich, meinen Körper zu spüren. Das hat sich im Laufe der Sitzungen dann auch verändert. Es kam immer mehr Gefühl und ich habe dann immer mehr Vertrauen zu mir selbst gekriegt. … Mein Herz wurde immer weiter, ich hatte also die Möglichkeit, an all meine Gefühle ranzukommen, an Bilder ranzukommen, auch an Ängste ranzukommen, die zu sehen. Ich hatte auch Angst davor, dass Ängste sich auflösen, dass sie gar keine Ängste sind und ich mir eigene Panik selbst gemacht habe.

Jetzt komme ich noch kurz auf das L. Das war für mich angenehmer, weil ich ein Stück kontrollierter sein konnte, sprich, ich war mehr im Kopf, ich war klarer, ich konnte mich besser strukturieren. Ich habe meine Gefühle auch gespürt, aber eben auf eine andere Art, d. h. ich konnte vom Kopf her besser damit umgehen … Ich war unter L kreativer. Ich habe die Farben anders erlebt, ich habe die Musik anders erlebt, ich habe meinen Körper nicht mehr in dieser Steifigkeit erlebt ... Ich war gelöster unter L. Für mich war wichtig, dass ich Kopf und Gefühl ... gut zusammenbringen [konnte] (62).

 

Das Zentrale, Verändernde an diesen Erfahrungen ... ist schwer auszudrücken. Es ist ja ganz vielschichtig. Da waren Erlebnisse dabei, die sich auf ganz vielen Ebenen abgespielt haben. … Das Zentrale ist sicherlich …, dass alles, was mir problematisch, unlösbar, verwehrt vorkam, auf eine ganz eigenartig geschlossene Art und Weise Sinn machte. Ohne Trennung zwischen Geist, Körper, Seele. Diese drei Ebenen kamen miteinander in Einklang und schienen plötzlich an einem Strang zu ziehen; was Ideen betrifft, was Erfahrung betrifft, auch was Der-Wahrheit-ins-Auge-sehen betrifft. … Diese Einheit von bei mir doch immer getrennt agierenden Schichten war sehr bedeutsam … Vorher wurden da immer Kompromisse gemacht. Was soll man denn auch sonst mit drei so zerstrittenen Geschwistern machen, die man irgendwie ein bisschen ruhig halten muss. Plötzlich waren die drei vereint und waren sich einig ... plötzlich das Gefühl, wir sind jetzt eine Macht; zusammen sind wir viel besser (54).

 

Es zeigt sich in den Beschreibungen, dass die grundsätzliche Balance von Angst und Vertrauen unter der Wirkung von Entaktogenen verschoben wird; zumeist zugunsten eines in tiefgehender Weise verspürten Vertrauens in sich selbst, seine eigenen Kräfte und das Wohlwollen und die „Güte“ anderer. Diese Entängstigung geht einher mit einer Zunahme von Vertrauen und der Möglichkeit einer erweiterten Selbstexploration von Motiven, Hintergünden, Gefühlslagen und Zusammenhängen von Ereignissen der eigenen Biografie. Aufgrund des veränderten Bewusstseinsrahmens sind auch die gewohnten Bahnen, in denen sich die Assoziationen bewegen, verändert und es kommt zu einer „neuen Kontextualisierung“ von Erlebtem (ähnlich dem „Reframing“. in der Hypnotherapie). Bemerkenswert ist die eigenständige und doch sinnvolle Logik dieser Neuverortung von Erfahrungen, Personen und Ereignissen. Da die kognitiven Fähigkeiten unter der Wirkung von Entaktogenen nur wenig beeinträchtigt sind (Passie et al. 2005a), können die gefühlsaktivierenden bzw. gefühlsöffnenden Aspekte der Erfahrung recht zwanglos mit den – mehr „relaxierten“ als qualitativ veränderten kognitiven Funktionen – kognitiven Einsichten verbunden werden. Diese „Neuordnung“ geht nicht selten sehr tief und bleibt aufgrund der Realitätsnähe (die unter Umständen größer sein kann als in dem durch Ängste eingeengten gewöhnlichen Wachbewusstsein) nicht selten dauerhaft. Da auch die persönlichen Eigenarten und Erfahrungshintergründe anderer mit größerer Empathie und Akzeptanz erlebt werden, kann es auch zu dauerhaften Veränderungen von Beziehungen bzw. Beziehungserfahrungen kommen.

 

Altersregressionen

Altersregressionen sind definiert als Rückbildungen der psychischen Struktur bzw. des psychischen Funktionierens auf das Niveau eines Kindes in dem Alter auf das die Regression des Erlebens sich bezieht. Gelegentlich kommt es unter dem Einfluss eines altersregressiven Prozesses zu Durchleben verschiedener aufeinanderfolgender Phasen von zunächst meist fragmentarisch und undeutlich beginnenden Erinnerungen, die dann immer deutlichere Gestalt gewinnen und aufgrund der Intensität des Wiedererlebens in Altersregressionen transformiert werden. 

Altersregressionen im Rahmen der psycholytischen Therapie wurden erstmals von Fernandez-Cerdeno (1964) untersucht. Im Unterschied zu Altersregressionen bei hypnotischen Verfahren (vgl. Scott 1993) kommen Altersregressionen in psycholytischen Sitzungen eher spontan themengebunden vor und weisen eine große Erlebnisintensität auf. Zudem werden sie mit einer großen inneren Beteiligung erlebt und führen den Betroffenen auch in das typische Erleben der jeweilgen Altersstufe in nahezu realistischer Weise zurück. Dies kann von einem hypermnestischen Erleben innerer Szenarien begleitet sein. Diese intensiven Erlebnisse können zu starken Gefühlsevokationen mit affektiven Abreaktionen führen. 

 

Entscheidend waren die Erinnerungen, weil sie so erlebt wurden, als sei ich [wieder ein] Kind und hätte noch einmal eine zweite Chance. So als wenn ich noch einmal so und so alt sein könnte und dürfte  alles noch einmal machen könnte. Was würde ich denn anders machen? In diesem inneren Labor konnte ich das machen. Ich war mir ganz bewusst, dass das nicht der Realität entspricht, aber plötzlich habe ich entdeckt: Da sind Lösungsmöglichkeiten, dazu fällt mir was ein. Die waren symbolisch, aber eigentlich auch zukunftsweisend. So werde ich es dann draußen machen, wenn ich mal groß bin und groß bin ich, wenn die Sitzung zu Ende ist. Aber dies nicht wie ein fertiger Fahrplan, … sondern ein instinktiv emotionales Wissen mit einem Optimismus und einer Freude, das zu machen, wie man sie nur hat, wenn man ein Kind ist (52/53).

 

…Die Schmerzerlebnisse, die hatten was Biografisches. Da wusste ich genau, wann dieser große Schmerz entstanden ist. Zum Beispiel hab ich immer gewusst, dass als ich vier Jahre alt war, mein Vater für ein Jahr weggegangen ist. Er musste gehen … und ich habe diesen Schmerz nochmals durchlebt mit vier und dann wusste ich, dieser Schmerz war so heftig aus der Perspektive eines vierjährigen Kindes. In diesem Moment habe ich verstanden, dass da bei mir Verlustschmerz stattgefunden hat und dass ich diesen Schmerz abgekapselt habe. Den habe ich nie gespürt und nie erkannt. Erst durch so eine Reise bin ich darauf gestoßen und konnte mir erklären, warum ich an der Stelle so hart geworden bin. Nämlich weil dieser Schmerz, also den ich durchgemacht habe, so heftig war. Es muss mich wirklich umgehauen oder bedroht oder zerstört haben, dass mein Vater gegangen ist. Ich weiß nicht, wie das abgelaufen ist, aber nachdem ich diesen Schmerz erlebt habe, hat sich dieses Problem aufgelöst. Ich fühle seitdem keine diffuse Wehmut mehr, auch keine Verlustangst oder irgendwas Trauriges mehr. Solche Erfahrungen habe ich öfter gemacht, dass ich einem Schmerz begegnet bin der mir dann den Rest erklärt hat; warum ich so und so und so bin. Und durch die Begegnung mit diesem Schmerz habe ich dann die Sache aufgelöst. Dann war sie weg … (13).

 

Ein Beispiel für ein konkretes Erlebnis während der Sitzungen: Ich hatte mal eine Abtreibung und ich konnte mich unter M sehr schön von dem Kind verabschieden. Ich habe das Bild noch einmal gesehen und konnte das loslassen. Ich hatte vordem immer so ein Schuldgefühl in mir, dass das nicht sein darf und dass ich das nicht hätte machen dürfen. Das war für mich unter M sehr angenehm, weil ich an dieses Gefühl der Traurigkeit noch einmal rankam. … und ich hatte dann das Bild auch klar im Kopf, dieses Kind, so wie ich mir das vorgestellt hatte.  Und ich habe damit meinen Frieden gefunden, weil ich durch die Herzöffnung noch einmal behutsam an diese Schuld rankam (63).

 

Anscheinend sind biografische Erlebnisse von besonderer großem subjektivem Gewicht oft Anlass zu Altersregressionen und stehen dann erlebnismäßig in deren Zentrum. Naranjo (1973) hat in seinen Erörterungen zur psycholytischen Therapie mit dem Entaktogen Methylendioxyamphetamin (MDA) Altersregressionen als typischen Bestandteil psycholytischer Therapieerfahrungen herausgestellt und Spezifika dieser Altersregressionen folgendermaßen benannt: [During age regression with MDA] „... the patient simultaneously regresses and retains awareness of the present self. The person more than conceptually remembers, as he may vividly recapture visual or other sensory impressions inaccessible to him in the normal state, and he usually reacts with feelings that are in proportion to the event. All the way from hypermnesia to repetition of a past experience in which not only the old feelings are again felt” (Naranjo 1973: 26). Im Unterschied zu Altersregressionen, wie sie typischerweise auch unter LSD vorkommen, findet sich unter der Wirtkung von Entaktogenen keine LSD-typische Alteration des kognitiven Systems, bis hin zu einem präverbalen Modus mentalen Funktionierens. Vielmehr kommt es unter der Wirkung von Entaktogenen nicht zu einer Regression des kognitiven Funktionierens auf frühere ontogenetische Stufen (Lienert 1964), sondern zu einer erinnerungsgeleiteten Altersregression im Sinne eines differenzierten Wiedererlebens - bei erhaltener Ich-Struktur und erhaltenen kognitiven Fähigkeiten. 

 

Mentale Alternativsimulationen

Im Rahmen von mit dem Wiedererleben Erinnerungen verbundenen regressiven Prozessen kann es zu spontan sich entwickelnden kreativen und konstruktiven Prozessen im Bezug auf eigenes Erleben und Verhalten in den Erfahrungswelten der Vergangenheit kommen. Zum einen können im Rahmen der therapeutischen Ich-Spaltung (d. h. ein Teil des Ichs regrediert, ein anderer Teil behält die Erwachsenenperspektive) vergangene Situationen nicht nur wiedererlebt, sondern auch unter Einbezug von kreativen Kräften des erwachsenen Anteils konkret umgestaltet werden. Es wäre vorstellbar, daß man sich darüber von der Fixierung auf ein aus der Vergangenheit überkommenes Verhaltens-/Erlebensmuster löst, indem neue Möglichkeiten des Umgangs mit den wiedererinnerten, aber auch aktuellen (von diesem Verhaltensmuster bestimmten) Gefühlsreaktionen und Situationen erkannt werden. 

 

Diese Mischung eben, dass man ganz instinktiv mal gespürt hat, es geht auch anders, man ist nicht gefangen in diesem kindlichen Problemlösungsverhalten, das man sich fast wie Rückenmarksreflexe angewöhnt hat und von dem man immer dachte, das geht eben nicht anders. Dass man plötzlich sieht: Na klar geht das anders. Mit einer absoluten inneren Gewissheit zu sagen: Ja, das geht anders, aber natürlich geht das anders. Das ist keine Spinnerei, … nein, das war ein sehr praktisches, ein sehr erwachsenes Gefühl, eine von Machbarkeit geprägte Experimentierfreude. Mit diesem Baukasten bin ich dann immer rausgegangen und mir sind diese Veränderungen auch viel besser geglückt.  Dies im wahrsten Sinne des Wortes. Das war auch sehr glückhaft. Bis dahin hatte ich alles was ich meinte verändern zu wollen immer wie ein braver Musterschüler gemacht. ... Aber das das mit einer manchmal auch frechen, witzigen Kreativität zu tun haben kann, das wäre mir nicht in den Sinn gekommen (53).

 

Da gab es eine Situation, wo es um die Beziehung zwischen meiner klammernden Mutter und mir ging und ich sagte: Die ist immer in meinem Kinderzimmer drin, die geht nie raus aus meinem Leben. Hier habe ich es als Kind erlebt, dass sie immer in meinem Kinderzimmer ist … auf der Sitzung. Was auch immer ich mache, die ist immer dabei; und dann habe ich richtig laut in den Raum gerufen: Hau ab, raus hier, ja, raus hier! [Ich probierte] tausend Möglichkeiten, in einer fast kindlichen Experimentierlust: Auf welchen Ton reagiert die so, dass sie endlich hier raus geht. Ich habe dann bewusst gespürt: Rein körperlich kriege ich es nicht hin. Ich fühlte mich schon klein, aber nicht hoffnungslos unterlegen, sondern entwickelte plötzlich Strategien, wie kriege ich die da raus. … dann habe ich auch geschrien, habe geschimpft, mit dem Fuß aufgestampft … und dann entwickelte ich plötzlich kreative Ideen. Was könnte man aus dieser scheinbar unlösbaren Situation eigentlich machen, damit man die mal endlich auflöst? Dies mit einer fast kindlichen Neugier und dann schlicht und einfach - auch das war eine wunderbare einfache Lösung - zu sagen: Na, dann gehe ich eben raus, ja. Und dann bin ich innerlich in diesem Bild rausgegangen; soll die doch im Kinderzimmer bleiben, viel Spaß noch! (52/53).

 

Für eine Entwicklung von veränderten Umgangsformen mit Erfahrungen und Situationen ist natürlich eine Klärung des in der Vergangenheit stattgehabten Geschehens bzw. Erlebens von großer Bedeutung. Hierbei kann das für psycholytische Prozesse typische Hineingehen in die Vergangenheit mit vorhanden bleibendem reflektierendem Ich-Rest und einer erweiterten Perspektive im Sinne eines Weitwinkelobjektives, welches in die Lage versetzt, zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Erfahrungen und Fakten in einer retrospektiven Rekapitulation miteinander in Sinnzusammenhang zu bringen, zu einer klärenden Neuordnung der Vergangenheit beitragen.

 

[Ich hatte immer] die Vorstellung von einem stattgehabten Missbrauch. Das hat sich unter M ganz gut aufgelöst. Wichtig war, dass ich dieses Gefühl zu meinem Vater wiedergefunden habe; diese Liebe noch einmal gespürt habe, die er mir damals gegeben hat. Am Anfang war das eher so ein Schwarz-Weiß-Bild. Das hat sich aber im Laufe der Zeit verändert, sodass ich zum Schluss unter M sagen konnte: Ich kann dieses Gefühl zu ihm wahrnehmen. … Ich habe ihn als Bild gesehen, habe ihn als Vater gesehen und dieses Gefühl dazu. Es war ein anderes Gefühl, ein tanzendes Gefühl. Es war einfach eine schöne Schwingung zwischen uns, als ich Kind war. Darüber habe ich gemerkt, dass dieser Missbrauch nie stattgefunden hat, dass es mein Kopf, dass ich es war, die sich das ausgedacht hat. Es war die Racheaktion eines kleines trotzigen Kindes, was sehr enttäuscht darüber war, dass die Eltern sich getrennt haben. … Dadurch habe ich auch diese Angst gespürt, die ich dann später, gegenüber anderen Menschen, anderen Männern hatte, dass die mich halt wieder enttäuschen könnten. Mir wurde deutlich, dass ich mich als junges Kind entschlossen habe: Ich lasse mich nicht mehr auf irgendwelche Menschen ein, die mir sagen, sie lieben mich. Ich wollte damit einfach nichts mehr zu tun haben. Das habe ich dann auch in Bildern gesehen: Dieses Kind, das sich gewehrt hat und gesagt hat: Nein, will ich nicht. Ich habe auch gemerkt, wie ich mir damit selbst Dinge kaputt mache …

Auf L habe ich dann gelernt, wie ich mit dem enttäuschten Kind umgehen kann, wie ich selbst für mich herausfinde, was tut mir gut, oder wie ich wieder Vertrauen zu mir finden kann, um dieses enttäuschte Kind wieder in den Arm zu nehmen und zu sagen: Jetzt gehen wir, jetzt werden wir ein Stück erwachsener und wir gehen diesen Weg gemeinsam (63).

 

[Profitiert habe ich] am meisten durch die inneren Erlebnisse, durch die Bilder, die Art und Weise, wie ich mich mit meinen Fragen konfrontiert gesehen habe. … Ja, ich kam mir manchmal vor wie jahrzehntelang in eine Sackgasse gerannt, ohne zu merken, dass es eine ist. Und plötzlich zu sehen, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, innerhalb der Sackgasse etwas anderes zu entwickeln; wenn es denn eine ist bzw. dass es vielleicht gar keine ist. Und an welchem Punkt meines Lebens ich anhalten muss um zu sagen: Rechts, links, geradeaus oder wenn es in eine Sackgasse ging: Stopp, wir gehen zurück, und das symbolisch für mein zukünftiges Leben, die Erlebnisse wieder aufgebracht, die das eingeleitet haben, dass ich blind wurde (48).

 

Psycholytische Prozesse wie die oben beschriebenen lassen sich in wesentlichen Teilen den psychotherapeutisch relevanten Klärungsprozessen im Sinne von Grawe (1995) zuordnen (vgl. auch Schlichting 2000).

 

Problemaktualisierung und korrigierende Neuerfahrungen 

Unter Problemaktualisierung versteht Grawe (1995), dass, was verändert werden soll– nach dem „Prinzip der realen Erfahrung“ in der Therapie bzw. den therapeutischen Bedingungen auch real erlebt werden kann. Das heisst, dass Probleme am effektivsten in einem Setting behandelt werden können, in welchem diese real erfahren werden können. Neben der Aktualisierung des Problems spielen für Veränderungsprozesse auch korrigierende Neuerfahrungen eine wichtige Rolle. Dafür lassen sich folgende Beispiele anführen:

 

Einmal habe ich ein Vertrauenserlebnis gehabt. Also ich hatte absolut kein Vertrauen während dieser Sitzung, dem Umfeld gegenüber, den Therapeuten gegenüber, den Leuten gegenüber, es war alles ganz furchtbar für mich. Ich habe dann durch Gespräche mit dem Therapeuten Vertrauen kennengelernt. Ich lernte wie sich das anfühlt, der Situation zu vertrauen. Ich habe vorher nie anderen vertraut; oder doch,: solange ich das alles im Griff hatte. Doch mich einfach einer Situation aussetzen und dem anderen vertrauen, dass der mir hilft und gut ist zu mir, das kannte ich nicht. Dieser Situation bin ich in den Sitzungen begegnet, dieser Seite an mir, meinem Misstrauen und dann der Erfahrung, wirklich Vertrauen zu erleben. Seit dieser Sitzung kann ich vertrauen, nicht ständig, nicht immer, aber durch die Vertrauenserfahrung ist Vertrauen entstanden in mir. Und das ist auch nie wieder weggegangen … (14).

 

In meiner Gefühlswelt war es so, dass ich genau diese Punkte bzw. Situationen, die mich verletzt haben in meinem Leben auf den Reisen noch einmal durchgemacht habe. Ich habe es dann oft anders erfahren als ich es noch in Erinnerung hatte, wie es gewesen bzw. wie es in meiner Gefühlswelt war. Zum Beispiel die Trennung meiner Eltern. Da hatte ich das Gefühl, mein Vater hat mich nie geliebt, da er uns verlassen hat. Auf einer Reise habe ich dann noch einmal erlebt, wie meine Eltern sich getrennt haben, vor allem, dass sie sich nicht wegen mir getrennt haben. Damit ist mein Schuldgefühl weggegangen. Vorher hatte ich immer das Gefühl, ich bin schuld, dass die sich trennen. Auf dieser Reise eben habe ich gesehen, dass es halt viele Auseinandersetzungen waren, aber dass ich nichts damit zu tun hatte, sogar, dass nichts an der Liebe mir gegenüber abgenommen hatte. Vorher hatte ich immer das Gefühl, man liebt mich deswegen jetzt nicht mehr (66).

 

Es gab eine Begegnung mit einem Mann auf einer Sitzung, wo ich den Mut gefunden habe, mich dem männlichen Part zu nähern. Erstmal war natürlich diese Angst da: Soll ich mich darauf einlassen oder soll ich nicht? Letztlich war es dann eine wunderschöne Erfahrung. Ich konnte mich auf diesen männlichen Teilnehmer einlassen. Ich habe das erste Mal diese Angst vor Nähe verloren, was ja immer mein Thema war. … Ich habe meinem Gefühl vertraut und konnte mich einlassen und es wurde auch angenommen. Das war für  mich das Wichtige, das bedeutete nämlich, ich konnte meinem Gefühl vertrauen. Für mich war ganz wichtig, dass ich diese männliche Seite auch ganz anders kennengelernt habe. Vorher war ich ja immer sehr misstrauisch und die Männer standen im schlechten Bild. Und dann hatte ich plötzlich eine ganz andersartige Begegnung ... (67).

 

Einmal hatte ich vor dem inneren Auge tatsächlich einen runden Tisch meiner inneren Instanzen: da saßen die Vernunft, die Kreativität, die Lust und der Zorn und sie durften alle mal einen Kommentar abgeben. Ich hatte den Eindruck, mein Ich sitzt als Moderator da und sagt: So, wir haben jetzt ein Problem, wie können wir das lösen? Jeder darf mal was einbringen. Zorn sagt Alles kaputtschlagen, Lust sagt: ach, machen wir einfach was anderes, Vernunft sagt: Oh, wenn das mal gut ausgeht. Alle durften allen zuhören und jeder durfte was sagen. Es kamen alle möglichen Ideen. Ich habe mir alles angehört und dann am Schluss entschieden: Ich denke, wir machen das jetzt so (58).

 

Die Zitate zeigen, dass neurotisch eingeengte Erlebens- und Verhaltensmuster, die das Leiden des Patienten zu wesentlichen Teilen ausmachen, dann verändert werden können, wenn sie im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse zum erleben gebracht werden. Hierbei ist sowohl das konkrete Erleben der einengenden Muster als auch deren Veränderung durch neue Erfahrungen mit anderem Inhalt und Ausgang entscheidend, denn für erfolgreiche Veränderung kommt es nach Grawe darauf an, „… dass der Patient tatsächlich erlebt, worum es geht …“ (Grawe 1995: 137). Dieses „tatsächliche Erleben“ kann im Rahmen von psycholytischen Therapien in einem Zustand von Entängstigung und vermehrter Offenheit gegenüber Neuerfahrungen in großer Verdichtung erfahren werden, sodass sich eine durchgreifende Wirkung im Bezug auf Vertrauensbildung und zwischenmenschliche Beziehungen entfalten kann.

 

Transpersonale Erfahrungen

Schon aus frühen klinischen Erfahrungen mit Halluzinogenen ist bekannt, dass viele Menschen unter deren Wirkung sowohl mystische Erfahrungen haben und in ungewöhnlicher Weise Einblick in archetypische Zusammenhänge bzw. Menschheitsprobleme gewinnen können (Grof 1978, Masters & Houston 1966). Mystische Erfahrungen können starke triggernde Wirkungen auf psychotherapeutische Entwicklungen haben und starke Effekte auf Lebensorientierungen und Wertewelt haben (empirisch belegt durch die Studien von Griffith et al. 2005 und McGothlin et al. 1967). Derartige Erfahrungen sind in psycholytischen Sitzungen (aufgrund der, im Vergleich zum Verfahren der  psychedelischen Therapie, eher niedrigen Dosierungen) nicht besonders häufig, kommen aber regelmäßig vor. Da sie im Rahmen anderer psychotherapeutischen Verfahren praktisch unbekannt sind, stellen sie ein Spezifikum der psycholytischen Therapie dar.

 

Die ersten Reisen hatten eher immer was Negatives; nein, im Nachhinein was super Positives, aber in dem Moment negativ weil ich irgendeiner Seite an mir bzw. einer Situation begegnet bin, die schmerzhaft, belastend oder traurig war. Später hatte ich den Eindruck, als wenn Wissen in mir aufstieg, und das war sehr beglückend. Ich hatte das sichere Gefühl, viel von den Zusammenhängen der Welt verstanden zu haben. Plötzlich habe ich gewusst,  was wirklich Liebe ist. … als wenn ich ein schlaues Buch gelesen hätte, aber ich habe es dann auch gefühlt. Ja, das sind Zusammenhänge, die ich dann verstanden habe. Das Universum, das Leben, Sterben, Krieg, Freiheit, so große Begriffe die ich plötzlich verstanden habe oder fühlen konnte. Das tolle war, dass ich wußte, was es ist, was Liebe ist oder Freiheit ist. Aber ich konnte es nicht formulieren, und das war genau das großartige Erlebnis. Es war nicht in Worte zu fassen und trotzdem ganz klar da, fühlbar und sichtbar. Das waren tolle Erlebnisse. Dies ist erst in den letzten Sitzungen passiert, als … meine Belange nicht mehr so im Vordergrund waren, also erst nach der Entrümpelung (12/13).

 

In der ersten Sitzung, in der ich diese körperliche Lösung und Erlösung erlebt habe, habe ich auch eine Liebe zu mir selbst gespürt, wie ich sie in dieser Art und Weise nie erfahren hatte. Das kann man sicher auch als eine Art spirituelle Erfahrung sehen. Das war ganz herznah und ganz gefühlsnah und mit körperlich spürbarer Gewissheit; dass ich von irgendeiner Form von Liebe getragen bin, die in mir ist, und die durch mich durchfließt, wenn ich mich öffne …. Aber die Liebe ist eben auch in mir, sodass die Frage, haben mich meine Eltern auch so richtig schön lieb gehabt, wie ich das immer haben wollte, und was haben sie denn alles falsch gemacht, wurde plötzlich unglaublich langweilig. Also dieses Sündenregister, das ich bis dahin akribisch wie ein Finanzbeamter durchforstet hatte, war nicht mehr spannend … (53/54).

 

Ich hatte auf M Gefühle, dass ich mich auflöse, in nichts oder in andere Leben, oder dass ich einfach irgendwo war, dass ich einfach in so einer Farbenwelt war. Es war wunderbar und es war schön und ich war einfach nichts. Das war eine wunderbare Erfahrung, ein sehr schönes Gefühl, einfach mal nichts zu sein … (52/53).

 

Diese Sitzungen bewirken Dinge, mit einem machen, die die tief in einem schlummern, die sonst verdeckt sind … Es kommt an meine Grundsubstanz ran … Das Schöne war bei einer dieser Sitzungen, dass ich mich hinterher total wohl gefühlt habe. Das wirkt bis heute nach. Diese Erfahrung gemacht zu haben, hat weder mit Prestige noch mit Geld noch mit sonstwas zu tun. Das ist - für mich jedenfalls - der Sinn des Lebens: Zu sein, einfach nur zu sein (24).

 

Die erste Reise war nur herrlich und ich glaube, ich habe hunderttausend Mal dem Therapeuten Danke schön gesagt, weil dieses Erlebnis von einem solch unschätzbaren Wert war. Was ich da für mich empfunden habe, wie ich mich empfunden habe, so nah bei sich zu sein, sich so öffnen zu können, über sich selber reden zu können. 

Hinterher kam die zweite Reise und die habe ich auch „die Ernüchterung“ genannt, weil sie ziemlich das Gegenteil davon war. Es wirkte so, als hätte mir die erste Sitzung eine Basis gegeben, die mich gefestigt hat. Ich fühlte mich wohl bei mir. ... dafür war die zweite Reise genau das Gegenteil. Sie wurde sehr kritisch. Da habe ich den Verlust meines Kindes gesehen, und ich habe den als Verlust eines Teils meiner Person empfunden. Ich habe auch versucht da reinzugucken, warum das so geschehen ist und wo dieses Kind nun ist. Das hieß auch Abschied nehmen.  Das war sehr hart. 

Doch bei allen Reisen, auch wenn da harte Momente waren, überwog eigentlich immer das Glücksgefühl und es gab immer nach einer Weile ganz lange Momente der Entspannung, des Glücksgefühls, der Seligkeit, der Freude, der Anteilnahme an allem, was um mich herum war (37).

 

Für LSD wurde schon früh das Auftreten von „Peak-Experiences“ (Maslow) oder  „integralen Erfahrungen“ (Masters & Houston 1966) beschrieben. Die Person erlebt dabei eine Art subjektiven „Aufstieg“ in eine neue Wahrnehmungsebene, im Sinne sehr intensiver religiös-mystischer Erfahrungen. Die emotionale Ladung dieser Erlebnisse ist ausgesprochen hoch, auch wenn sich das Erleben meist in einem Zustand subjektiver Ruhe vollzieht. Der Betreffende nimmt auf intensivste Weise die Gewissheit wahr, sich auf der tiefsten Ebene menschlichen Erlebens zu bewegen, verstanden als Essenz, existenzieller Urgrund oder Gott. Dabei erscheint das eigene Ich als Illusion und verliert seine Begrenzungen in dem es in einem Größeren, umfassenderen sich aufzulösen scheint. Sherwood et al. (1963) haben als erste die persönlichkeitswandelnde Wirkungen von „psychedelic experiences“ beschrieben. Pahnke und Richards (1966) haben sich mit der Phänomenologie mystischer Erfahrungen und ihren Implikationen systematisch auseinandergesetzt. Sie betonen die Identität dieser Erlebnisse mit denen von religiösen Mystikern und heben ihre persönlichkeitswandelnde Wirkung auch im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse hervor. 

Für das hier bearbeitete Material ist zu betonen, dass es sich in der großen Überzahl der von den Teilnehmern beschriebenen Erfahrungen um solche unter der Wirkung von Entaktogenen handelt. Auch unter deren Wirkung kommt es zu sog. Peak-Experiences, die jedoch typischerweise ein anderes Gepräge haben. Wie die Beschreibungen zeigen, scheint bei diesen eher eine Affirmation der individuellen Aspekte des Selbst im Zentrum zu stehen; während bei LSD eher die Ich-Auflösung und eine Begegnung mit einem umfassenderen Transzendenten typisch ist. Die Ich-Auflösung unter Entaktogenen wäre dagegen eher als Auflösung einer durch Vorerfahrungen bedingten Einengung des Ich-Erlebens zu beschreiben, die sich durch eine von (Selbst-)Akzeptanz getragene Offenheit der subjektiven Erfahrungswelt auszeichnet. Die weltlichen Dinge und Zusammenhänge verschwinden hier keineswegs angesichts eines übergeordneten Transzendenten, sondern ihre Wahrnehmung ist lediglich durch Entängstigung und innere Ruhe so verändert, dass sich der Endruck einer basalen Intaktheit und Geordnetheit des (eigenen) Lebens ergibt. Man scheint nichts mehr zu benötigen zum Glück, denn alles ist vorhanden in der tiefsten Ruhe, der man sich hinzugeben in der Lage ist. Alles scheint eine Erklärung zu haben. Niemand hat es gegeben oder nach ihm gefragt. Eine ständig kritisierende und urteilende innere Instanz scheint ausgeschaltet und durch eine Art bedingungsloser Akzeptanz ersetzt.

Naranjo (1973), der sowohl mit Halluzinogenen als auch mit Entaktogenen Erfahrungen in der Psychotherapie gesammelt hat, kennzeichnet die Peak-Experiences unter Halluzinogenen wie LSD mit dem Begriff der „Depersonalisierung“ und diejenigen unter Entaktogenen als „Pertsonalisierung“ 

Kennzeichnende Elemente der in den obigen Beschreibungen geschilderten transpersonalen Erfahrungsqualitäten sind: 1. eine vollständig entspannte Öffnung gegenüber dem inneren Erleben; 2. das Empfinden einer emotionalen Gelöstheit, derart, dass alles in Ordnung und sicher ist; 3. eine positiv erlebte Annäherung an seinen inneren Kern; 4. ein Erkennen und Spüren, was Liebe ist; 5. ein Geöffnetsein für Selbstliebe, ein Sich-annehmen-können mit basaler Selbstakzeptanz; 6. eine Besinnung auf nicht-materielle Aspekte von Sein und Glück.

 

3.Integration in den Alltag und therapeutische Veränderungen

 

Integration in den Alltag

Ein Problem könnte bei psycholytischen Therapieerfahrungen die Integration des Erlebten in den Alltag darstellen. Dies aus zwei Gründen: 1. Durch den veränderten Bewusstseinsrahmen kommt es zu einer Intensivierung des Erlebens, dem Aufkommen von unbewusstem Material wie auch der Entstehung neuartiger Einsichten zu einer Auflockerung der Ich-Struktur. Die Fremdartigkeit einiger Erfahrungen im veränderten Bewusstsein wie auch eine etwaige Vermehrung der Permeabilität gegenüber Einflüssen des Unbewussten können die Integration des Erlebten erschweren. 2. Die in den psycholytischen Sitzungen gewonnenen Einsichten können nur schwer verdrängt werden, da sie im Rahmen eigenseelischer Abläufen – mit nur geringer Beteiligung der Therapeuten – gewonnen wurden. Sie könnten in manchen Fällen gewohnte narzisstische Balancen destabilisieren.

Auch wenn eine solche Labilisierung psychischer Strukturen eine problematisch sein kann, so kann sie auch für Veränderungsprozesse zuträglich sein, da sie das psychische Geschehen durchlässiger für neue Erfahrungen und Einflüsse macht. Zudem kann sie auch eine Flexibilisierung gewohnter Verhaltensmuster bedingen. Aber auch bei Auflockerung und Labilisierung müssen die psycholytischen Erfahrungen nicht zu einer Überforderung führen, da sie womöglich, wie dies auch die langjährigen Erfahrungen mit der psycholytischen Methode vermuten lassen (Leuner 1981), autoregulativen Mechanismen seelischen Geschehens unterliegen, die nur so viel Material zulassen wie auch verarbeitet werden kann.:

 

Eigentlich hatte ich nie das Gefühl, durch eine Erfahrung überfordert zu sein oder sie nicht integrieren zu können. Also man kann da nur so viel erleben wie man ertragen kann, verarbeiten kann, annehmen kann. Einmal hatte ich eine ganz heftige Sitzung und am Sonntagabend wurde ich immer depressiver und habe praktisch die Nacht nicht geschlafen. Ich habe nur geheult und geschrieben. Ich konnte am Montag nicht zur Arbeit gehen und habe weiter geheult und geschrieben. Am Dienstag war es vorbei und ich konnte wieder völlig normal weitermachen. Also da habe ich, weil es erst die zweite Reise war, Angst gehabt, dass es doch entgleitet, dass ich da was mitgemacht habe, was ich nicht mehr unter Kontrolle habe. Doch es hat sich gezeigt, dass das Gegenteil richtig war, also ich konnte unheimlich viel schreiben, sehr viel darüber schreiben wie wenig geliebt ich wurde, wie sehr ich im Stich gelassen wurde. Ich konnte auch meinem Vater und meiner Mutter die Schuld dafür geben. Irgendwann war es dann gut und vorbei. Dann ging ich ganz normal zur Arbeit und war überhaupt nicht überfordert. Das hat mir natürlich Vertrauen gegeben für die nächsten Reisen. Da wusste ich immer: Ich brauche keine Angst zu haben … (46).

 

Nicht selten wird eine Aufgewühltheit unmittelbar nach den psycholytischen Sitzungen bzw. den Tagen danach beschrieben. Auch wenn eine solche nicht vorliegt, kommt es zu einer weiterführenden „inneren Fermentierung“ des Erlebten. Hierbei spielen wahrscheinlich sowohl bewusste als auch unbewusste Verarbeitungsprozesse eine Rolle (Grof 1983). Nach einigen Tagen schon sind oft wesentliche Teile der Integration gelaufen und die neu gewonnen Einsichten und Erfahrungen können in den Alltag integriert werden. Auch bietet der Alltagnicht selten  Anlässe, die in den psycholytischen Sitzungen gewonnenen Einsichten und Erfahrungen zu reflektieren oder zu vervollständigen.

 

Das ich spontan weinen musste und nicht wusste warum… Da war irgendwie eine Trauer ,die ich erst viel später verstanden hab. Die Zusammenhänge ergaben sich … immer ein paar Tage oder Monate später. … Gegen Ende der Sitzungen hatte ich immer so Gefühlsausbrüche, da war ich aufgewühlt vom ganzen Prozess, von dem was ich da gesehen habe. Am Ende, kurz bevor oder während die Wirkung nachließ … bin ich schon sehr aufgewühlt und weinerlich gewesen und hatte so sentimentale Anfälle (12).

 

… Auf jeder Sitzung, die ich gemacht habe, waren im Nachhinein Dinge dabei, von denen ich zehren konnte … die ich allerdings auf der Reise noch nicht kapiert habe. Manchmal kamen nur Bilder oder ein Gefühl, ohne dass ich erstmal was damit anfangen konnte. Doch wenn die Sitzungen fertig waren, ein, zwei, drei Tage später, dann konnte ich die Bausteine zusammensetzen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass jede Reise, die ich gemacht habe, ein Baustein war. Nach ein paar Sitzungen konnte ich diese Bausteine zusammensetzen und es ergab für mich absoluten Sinn. Es gab auch konkrete Dinge, die ich dadurch ändern konnte … (65).

 

Das Wunderbare ist, dass man hinterher (obwohl diese Erfahrung eine Dimension hat, die man aus dem Alltag nicht kennt), wenn die Reise vorbei ist, wieder zu einem normalen guten Umgang findet. Es wird nicht exaltiert und hysterisch, sondern man findet ganz normal zum normalen Umgang. Der Therapeut bleibt der Therapeut und man denkt jetzt nicht: Ah, mein bester Freund, mein Vater oder so. ... Da war wieder der Therapeut der Therapeut, aber der Kontakt, diese Tiefe und dieses Von-sich-sprechen-können und sich einfach angenommen fühlen, das war einmalig (38).

 

Als sehr hilfreich werden von Vielen die zwischen den psycholytischen Sitzungen liegenden (tiefenpsychologischen) Psychotherapie-Einzelsitzungen beschrieben.

 

Die Verarbeitung dieser Erlebnisse und die Integration in den Alltag gelangen unter anderem durch die Einzelstunden. In denen habe ich das Ganze immer zusammengefasst. Nach den ersten Reisen habe ich richtig täglich eine halbe Stunde meditiert, um das alles zu verarbeiten, … was ich da erlebt habe, noch mal rekapituliert, ganz diszipliniert, jeden Tag. Ich wollte das, was ich da gesehen und erlebt hab, auch wirklich verwerten und integrieren. Später brauchte ich das nicht mehr. Seitdem habe ich das Gefühl, das passiert täglich mit jeder Erfahrung, die ich mache, mit jeder Begegnung die ich habe, mit bestimmten Gefühlen, die ich durchlebe, reflektiere ich immer das, was ich auf der Reise erlebt habe. Da erkenne ich auch plötzlich wieder was oder entdecke etwas, ... und das ist ein ganz tolles Gefühl ... Ich hab mich verändert und damit natürlich auch mein Umfeld. Ich hab sicherlich auch einige Menschen verwirrt, weil ich mich verändert habe ...Auf jeden Fall sind alle Beziehungen, alle Begegnungen positiver, reiner und klarer … (18).

 

Wichtig scheint auch zu sein, daß man in den Tagen nach den psycholytischen Sitzungen einige Zeit für sich hat, um die Erfahrungen nachklingen zu lassen, sie zu verarbeiten und gegebenefalls in den Alltag umsetzen zu können.

 

Um diese Erfahrungen zu verarbeiten und in den Alltag integrieren zu können, brauchte ich hinterher viel Ruhe für  mich, kaum Ablenkung. Darauf habe ich sehr geachtet. Damit sich das richtig noch mal festsetzt. ... Nach einer Sitzung war ich mal völlig aufgelöst, habe Heulanfälle bekommen, konnte nicht schlafen, musste mich auch direkt noch mal an den Therapeuten wenden hinterher. Da wurden mir Schuldgefühle klar, mit denen ich nicht klarkam. ... Ich konnte dann mit dem darüber sprechen und habe diese Heulanfälle dann einfach zugelassen … Die gehörten eben mit zur Verarbeitung. Außerdem habe ich alles auch noch niedergeschrieben. Das ist auch eine Form der Verarbeitung. Ich hatte einmal in der Woche eine Therapiestunde und die Erkenntnisse, die ich auf den Sitzungen gewonnen hatte, auch die Bilder, die Gefühlsausbrüche, die brachte ich dann auch dort zur Sprache ... (31).

 

Viele Patienten benötigen nach den psycholytischen Sitzungen einige Zeit, in der sie für sich sind, um das Erlebte zu verarbeiten. Die schriftliche Protokollierung des Erlebten kann zur Vertiefung und Integration erfahrungsgemäß sehr hilfreich sein.

Interessant sind auch systemische Prozesse, wie sie durch Veränderungen der Perspektive und die vermehrte Selbstakzeptanz zustande kommen. Diese können, wie das Beispiel oben zeigt, eine Eigendynamik entwickeln, die mittels Feedback-Prozessen über das zwischenmenschliche Umfeld Veränderungsprozesse erheblich beschleunigen kann.

 

Meine Kriterien zu relativieren geht bei mir viel über den Kopf ... Dass ich einen neuen Freund kennengelernt habe, dass ich einfach akzeptiert habe, wenn er mir sagte, das und das und das finde ich toll an dir. Dass ich mir dann gesagt habe: Ja, es ist so. Er findet das toll und stell das jetzt nicht mehr in Frage ... In dem Moment, wo mir ein Kompliment gemacht wurde, mir zu sagen: Ja, das nimmst du jetzt an, es ist so. Fang jetzt nicht an zu sagen: ach nein, ach komm, es ist ja doch nicht so … In solchen Momenten zu sagen: Nein, du hältst jetzt den Mund, du relativierst das nicht, sondern du sagst toll, danke, schön, finde ich gut. Auch auf der Arbeit war es sehr wichtig, dass ich den Kolleginnen ganz klar und ganz freundlich zeigen und sagen konnte: Wie du arbeitest, ist für mich eine Hilfe, du hast mir da richtig was beigebracht, wie du das und das und das machst oder regelst, das war für mich lehrreich. Und die Beziehungen wurden ganz toll … Und, also das war einfach eine ehrlichere, liebevolle Selbsteinschätzung, die ich mit mir gelernt habe und die mir geholfen hat, meinen Platz zu finden, mich einfach wohlzufühlen wo ich bin (45).

 

Therapieresultate aus der Sicht von Patienten

Da im Rahmen der dieser Darstellung zugrunde liegenden psychologischen Diplomarbeit keine objektivierenden Befunde zu Therapieresultaten erhoben wurden, sollen hierfür relevante Passagen der Interviews aufgegriffen werden. In diesen können jedoch lediglich Sachverhalte, Erlebnisweisen und Veränderungsprozesse bzw. -resultate beschrieben werden wie sie sich aus der Perspektive der Patienten darstellen.

 

Durch die psycholytischen Sitzungen habe ich erst den Mut gefasst, mein Leben neu zu gestalten. … Der größte Schritt war, dass ich mich von meinem Mann getrennt habe und es gewagt habe, einen neuen Weg zu beschreiten. Dieser sieht so aus, dass ich mich mehr um mich selber kümmere und mich für mich verantwortlich fühle. Vorher war es so, dass ich mich zu sehr für andere verantwortlich fühlte, fixiert auf andere war. Die Sitzungen haben mir sehr deutlich gezeigt, dass ich dadurch überhaupt nicht mehr bei mir sein konnte und verlernt hatte zu spüren, wer ich bin. … Habe ich die Erkenntnis der Notwendigkeit und die Kraft finden können, zu realisieren, dass, wenn es mir wieder besser gehen soll, ich handeln muss. Und das habe ich dann auch geschafft. Ich brauche zwar immer noch Unterstützung, aber diese Wochenenden waren eigentlich der Schlüssel dazu … mit einer unheimlichen Nachhaltigkeit. … Wenn ich mir meine Berichte noch mal durchlese, dann bin ich erstaunt, wie sich der Faden durchzieht. Es ist ein richtiger roter Faden (22/23).

 

Durch diese Sitzungen hat sich für mich verändert, dass die Wahrnehmung intensiver und die Beziehungen zu Menschen sind klarer geworden sind. … ich habe im Grunde genommen ein deutlich tieferes und besseres Verhältnis zu Menschen. Ich kann sie stärker fühlen und mitbekommen und auf sie eingehen. Ich bin viel empathischer geworden. Was natürlich zur Folge hatte, dass einige Beziehungen weggebrochen sind, die dann so nicht mehr funktionierten. Manche Menschen, die mich dann verändert erlebt haben, kamen damit nicht klar (9).

 

… Danach habe ich viele Dinge gemacht, einfach gemacht. Ich spürte ein kaum beschreibbares Vertrauen in die eigene innere Stärke und Fähigkeit. Was immer auch an Folgen, Konflikten, Problemen entsteht, lösen zu können. Ein absolutes Vertrauen, dass ich vorher nicht kannte, denn es waren eben immer noch vorsichtig abgecheckte Versuche, die immer noch eine gewisse Absicherung gesucht haben. Ich entwickelte einen viel direkteren Bezug zu den tiefsten Gefühlen. Ich glaube, ich habe von da an erst gespürt, was Liebe ist. Eine Ausnahme sind vielleicht meine Kinder. Da habe ich innigste Liebe schon mal gespürt und das hat mich damals auch in die Therapie getrieben, weil ich da dieses Gefühl mal gespürt habe und gemerkt habe, dass ich das sonst gar nicht habe im Leben. Begeisterung und Mut, auch im Beruf, Dinge zu entwickeln und sie nicht nur in meinem Hinterstübchen im Kopf zu haben, sondern sie auch zu leben. … das, was in meinem beruflichen Umfeld, was mit meinen Freunden passiert ist ... Es gab natürlich auch schmerzliche Veränderungen, Risse, Brüche, aber ich war plötzlich sehr, sehr viel angstfreier und sehr viel mutiger (50).

 

Ich habe einen anderen Zugang zu meiner Innenwelt, zu meinem Gefühlsleben. Ich bin mehr bei mir. Ich kann mich mehr mit mir auseinandersetzen. Ich habe keine Angst mehr vor meinen Gefühlen. Ich war nach den Sitzungen bereit, eine neue Partnerschaft einzugehen, mich vollkommen darauf einzulassen. Das habe ich eigentlich alles dieser Therapie zu verdanken, dass ich diese Angst verloren habe, die Angst vor mir selbst und die Angst vor meinen Gefühlen (61).

 

… Ich habe durch die Sitzungen ein anderes Selbstvertrauen gekriegt. Ich habe mehr an mich geglaubt und dadurch eine andere Stärke entwickelt und konnte auch meine Ziele besser verfolgen, konnte meine Wünsche formulieren; was ich vorher nicht konnte. Ich konnte dann anfangen, die Wünsche auszusprechen und umzusetzen, mir Ziele stecken und diese Ziele bearbeiten. … Ich bin mit einer anderen Kraft aus diesen Sitzungen raus und habe gespürt, dass ich mir vertrauen kann. Somit bin ich dann raus ins Leben und habe angefangen, Schritt für Schritt meine Sachen zu ändern. Dieses neuartige Grundgefühl, diese Liebe zu mir, das ist das Starke, was rausgekommen ist auf den Reisen. Nach den Reisen bin ich in die Einzelsitzungen und konnte nach den Reisen das immer mit dem Therapeuten durchsprechen. Da habe ich auch noch mal viel für mich rausgenommen … (69).

 

... die Erlebnisse, die ich da gemacht habe, wie ich mich gesehen habe, kennengelernt habe, die begleiten mich. Meine harten Seiten, aber auch meine liebevollen Seiten sind mir viel präsenter geworden. Ich sehe das auch in meiner Arbeit, dass ich viel einfacher, natürlicher, umgänglicher bin als vorher, weniger kontrolliert. Ich muss weniger beweisen. Ich bin einfach da und weiß, ich habe zwar Aufgaben zu erledigen, aber das mache ich halt. Der Art des Umgangs mit Menschen erscheint mir mindestens so wichtig wie das Ergebnis der jeweiligen Aufgaben. Der Umgang mit Menschen hat sehr von den Erfahrungen mit den Medikamenten profitiert (35/36).

 

Was durchgängig aus Beschreibungen spricht, ist, dass es einen großen Zuwachs an Selbsterkenntnis im Sinne des Erlebens und Verstehens eigener Beschränkungen und Möglichkeiten sowie eine Vermehrung von Selbstakzeptanz gegeben hat. Daneben stehen Erweiterungen des Erlebens von Vertrauen und Gefühlen im Allgemeinen sowie veränderte Erfahrungen im mitmenschlichen Raum im Vordergrund. Im Bezug auf die Kategorien von Grawe (1995) scheint sich hier der Wirkfaktor „veränderte Bedeutungen“, in denen der Patient sich selbst und seine Umwelt erfährt in großer Deutlichkeit zu zeigen. Zudem kommt es im Gefolge von Prozessen, die am ehesten der Klärungsperspektive nach Grawe (1995) zuzuordnen wären, zu einer „Mobilisierung individueller Ressourcen“.

 

4. Vergleich zu konventioneller Psychotherapie

Man kann sich unschwer vorstellen, dass die intensiven und neuartigen Erfahrungen, wie sie bei psycholytischer Sitzungen auftreten, einen Unterschied zu konventioneller Psychotherapie ausmachen. Doch spielt hierbei auch die intensivierte Übertragung, insbesondere im Sinne eines Zuwachses an Vertrauen und der Verminderung von Schamgefühlen, eine besondere Rolle.

 

Im Unterschied zur konventionellen Therapie werden Grenzen gesprengt. Es gibt einen ganz tiefen, ganz aufgeschlossenen Zugang zu sich selbst. Wahrhaftigkeit und ganz intensives Erleben von Gefühlen und Emotionen, in einer Intensität, die man sonst kaum zulässt. Ja, sich einfach so geben wie man ist, alle Fassaden und Ängste sein lassen können und ganz authentisch wahrhaftig, liebevoll kritisch mit sich umgehen können. … Gefühle ... potenziert zu erleben, bis hin zu … was es heißt, einfach Liebe zu empfinden in sich selbst, für alles, nicht für einen Menschen oder ein paar ... Das das gibt es nur in solchen Sitzungen … Eine Therapiesitzung dauert sonst nur eine Stunde; während man da im Kontakt ist mit allen Menschen … Wenn man ohnehin Probleme hat sich aufzuschließen  … diese Einschränkung, die gibt es bei den Reisen nicht mehr. Deshalb sagte ich ... man hat keine Mauer mehr um sich herum. Es ist aber nicht so, dass man sie abbaut, sondern sie ist einfach nicht da ... (46).

 

Die Beziehung zum Therapeuten war auf den Sitzungen eine ganz wichtige Erfahrung, weil ich ihm anders begegnet bin als in der normalen Therapiestunde. Das war für mich wichtig, weil ich mehr Vertrauen hatte … Ich konnte mich mehr auf ihn einlassen, habe ein Stück Angst verloren und konnte mich mehr mit meiner Problematik auseinandersetzen. Er hat mir dabei geholfen, sprich, er hat mit mir diskutiert. … Ich hatte das Gefühl, ich komme mit ihm anders ins Gespräch als in der normalen Therapiestunde, auf einer ganz tiefen Ebene (67).

 

... Was in den normalen Stunden passierte, ist das, was einen gesellschaftsfähig macht und vielleicht an der Oberfläche hier und da versucht, Pflaster zu setzen und vielleicht sogar hilft. Doch im Kern erreicht wurde ich erst durch diese andere Therapieform, wirklich erreicht und wirklich verändert. Nicht in dem Sinne verändert, dass ich ein anderer Mensch wurde, sondern frei wurde von diesen ganzen Verkrustungen und Ablagerungen, von Verhärtungen und Mauern. Die werden natürlich durch diese Substanzen schneller durchbrochen. Bei so einer normalen Therapie kann man sich über das Gespräch noch schützen und wehren, da ist man klar da und hat die Kontrolle, aber durch diesen Kontrollverlust, der durch die Substanzen entsteht, ist man erreichbar, auch ganz tief im Kern. Man kann sich auch zum Kern hinarbeiten .... Tiefe traumatische Erlebnisse oder tiefe Ablagerungen und Verhärtungen werden durch diese Substanzen, die Wahrnehmungsintensität, diese Form der Arbeit erreicht (20).

 

Häufig wird von den Patienten auch eine starke Intensivierung und Vertiefung des Erlebens im Vergleich zu den konventionellen Therapiesitzungen beschrieben. Dabei scheint auch die oben mehrfach angesprochene fundamentale Entspannung bzw. Entängstigung eine wichtige Rolle zu spielen, weil sie Breite und Tiefe des Betrachtbaren vermehrt.

 

Im Bezug auf den normale Therapie und psycholytische Sitzungen sehe ich einen gravierenden Unterschied, und zwar was die Dynamik und die Aussicht auf Erfolg betrifft. Therapiesitzungen, das zieht sich und zieht sich und zieht sich … Ich war bei einem Therapeuten, der analytisch ausgerichtet ist. Das zieht sich hin; während so eine psycholytische Sitzung in relativ kurzer Zeit ganz viel an Erkenntnis bringt. Zudem ereignet sich ganz viel und zieht ganz schnell Veränderungen nach sich, sofern man sich darauf einlässt ... (31).

 

Im Bezug auf den Unterschied zwischen normalen Sitzungen und den psycholytischen Sitzungen kann ich jedem nur empfehlen, an diesen Sitzungen teilzunehmen. Das ist viel intensiver, geht viel tiefer. Man kann, wenn man dazu bereit ist, viel mehr rausziehen aus sich, kann sich halt in kurzer Zeit viel mehr Themen angucken. Man ist entspannter … als wenn ich jetzt zum Therapeuten gehe, wo ich vielleicht eine Stunde zwischen meinem Arbeitsplatz … oder man hat abends den Kopf noch mit ganz anderen Dingen voll … Für mich ist so ein Wochenende entspannter, weil man sich auch vorher schon auf das Thema, was man hat, konzentrieren kann. Man kann die Woche davor nehmen, um zu gucken, wenn man weiß, man geht auf die Reise … Man kann dann … schon etwas strukturierter an dem Wochenende in die Reise gehen. Man hat viel mehr Zeit, kann, wenn man will, 48 Stunden nonstop in die Innenwelt gehen. Beim Therapeuten gehe ich halt 45 Minuten rein und spreche an, was gerade aktuell ist … Das ist viel oberflächlicher. Doch habe ich die Stunden genutzt, um meine Reisen nachher zu besprechen. Diese Kombination war sehr wichtig für mich ... (70).

 

Wie schon im vorhergehenden Zitat angesprochen, ist hier kritisch zu berücksichtigen, dass durch die Wochenendseminare auch die therapeutische Einwirkung (incl. der Gruppenerfahrung) über einen Zeitraum von ca. 48 Stunden einen nicht zu vernachlässigenden Faktor der Effektivität dieser Therapieform darstellt. Doch dürfte sich die Gruppenerfahrung im Sinne von oft tief berührenden Neuerfahrungen besonders ergiebig darstellen, weil sich neben der Entängstigung auch grundlegende Erfahrungen von zwischenmenschlicher und körperlicher Nähe machen lassen. Diese sind gekennzeichnet durch ein „wie von selbst“ sich herstellendes, in praktisch nie anders als behutsamen Annäherungen und Kontaktnahmen sich ausdrückendes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und körperlichem Kontakt. Diesen Bedürfnissen kann aufgrund der Entängstigung (auch bei problematischen biografischen Vorerfahrungen) ohne das Gefühl einer Gefährdung der eigenen Integrität nachgegangen werden. Entsprechende Annäherungen und Kontaktnahmen finden jedoch eigenartigerweise ohne jedes sexuelle Empfinden  oder Ambitioniertsein statt. Auch ein über die Sitzungen selbst hinausgehendes „Hängenbleiben“ am anderen oder den mit ihm gemachten Erfahrungen, kommt kaum einmal vor. Von Passie et al. (2005b) wurde als psychophysiologische Erklärung für diese Phänomene die Hypothese einer Parallelität von entaktogen-induzierten psychophysischen Zuständen und dem postorgastischen Zustand entwickelt. Diese impliziert, dass man sich unter der Entaktogenwirkung im Zustand einer äquivalenten Entspannung und sexuellen Sättigung befindet wie im Zustand direkt nach einem Orgasmus. Dies könnte auch die fehlende Fixierung auf den anderen bzw. die mit ihm gemachten Erfahrungen großer Nähe erklären, da dieser bzw. diese dann nicht entsprechend libidinös besetzt (und darüber mental fixiert) werden. 

Sehr eindrücklich und anders als in konventionellen Psychotherapeutischen Prozessen können die mit Hypermnesien durchsetzte intensiven (Alters-)Regressionen sein, die oft als ein bewusstes Zurückgehen auf frühere Erfahrungen erlebt werden. Dabei dient ein aktuelles schmerzhaftes Muster als Brücke, um in die Vergangenheit zu gelangen. Bei diesen „Regressionen im Dienste des Ich’s“ (Kris) sind keine Dissoziationen erwünscht, die gewöhnlich ohne therapeutische Ich-Spaltung und mit Wissen des Erwachsenen-Ichs ablaufen. Vielmehr sollen der Kontakt zur Realität und zum Therapeuten in vollem Maße erhalten bleiben. Wichtige Vorraussetzungen um in diesem Sinne Wunden in der Vergangenheit zu heilen sind ein durch den Rahmen und die therapeutische Beziehung zu realisierendes Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl sowie ein zentrieren und balancieren vor der dem Hineingehen in die psycholytische Trance. Alterregressionen im psycholytischen Setting werden aktiv und bewusst – nicht aus der Not, die gewöhnlich dissoziativen Phänomenen zugrundeliegt – unternommen. Das heißt, man will da hin, um was zu bewältigen, anders zu lösen, zu korrigieren. Ein weiterer Unterschied zur konventionellen Therapie kann darin gesehen werden, dass hier nicht der Therapeut der Lösung näher bringt, sondern der Patient dieses selbstständig im inneren Erlebnisraum zustandebringt.

 

Wirkfaktoren der psycholytischen Therapie mit Entaktogenen

Aus den Erörterungen der vorliegenden Studie lassen sich 5 wesentliche Faktoren herausarbeiten, die an der therapeutischen Wirkung psycholytischer Sitzungen mit Entaktogenen beteiligt sind:

 

1. Entängstigung und psychophysische Relaxation

Entaktogenen wie MDMA und MDE erzeugen nach den hier aufgearbetinen Beschreibungen aus der eine ausgeprägte Verminderung von Ängsten, ein Effekt, der auch als basale Entängstigung bezeichnet werden kann. Diese Wirkung hat ihr Korrelat in ihren neurobiologischen Wirkungen, nämlich Deaktivierung der linken Amygdala, einer das Furchtnetzwerk des Gehirns unterhaltenden Struktur. Unmittelbar mit dieser Entängstigung verbunden ist ein verändertes Körpererleben. Der Körper wird als sehr angenehm und frei von Verspannungen erlebt. Es scheint, als werde durch die sehr tiefgehende psychophysische Relaxation eine tiefe Geborgenheit über den ganzen Körper spürbar (Adamson & Metzner 1988).

Ein wichtiger Aspekt der Entängstigung ist die erhebliche Verminderung des Erlebens einer Gefährdung der eigenen Integrität, was neue Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung und des Erkennens von Problemen ermöglicht. Meist ist auch das Selbstwerterleben stark positiv verändert („Ich bin mehr ok als ich dachte“). Von vielen werden diese Veränderungen des Selbsterlebens als „Öffnung gegenüber Liebe und Selbstliebe“ beschrieben. Dies kann verstandne werden als eine temporäre Aufhebung narzißtischer Blockierungen oder Dysregulationen, was eine „Veränderung der Verteilung der Energien im psychischen Apparat“ (Freud) impliziert. Eine bei vielen neurotischen Störungen vorhandene und das die Selbstentfaltung behindernde verurteilende innere Instanz scheint weitgehend ausgeschaltet (Greer & Tolbert 1986).

Große Teile der Heilung gelingen über das Erleben der dazugehörigen Gefühle, insbesondere von Trauer, was durch die unspezifische affektive Aktivierung unter den Substanzen begünstigt wird. Gelegentlich kommt es jedoch nicht zur affektiven Abreaktion im unmittelbaren Zusammenhang mit dem konkreten Erlebnis. Die Betroffenen gelangen dann erst „verspätet“, nämlich erst nach dem Abklingen der akuten Substanzwirkung (abends bzw. nachts), zur Trauerreaktion bzw. Abreaktion der Affekte, was als Teil der Integration betrachtet werden kann.

 

2. Gruppenerfahrung

Auf der Grundlage einer Sicherheit und therapeutische Struktur vermittelnden Gruppenathmosphäre und der entängstigenden Wirkung entwickelt sich nicht selten eine, liebesgefühlgetragene Offenheit, Gelassenheit und Behutsamkeit in der Kommunikation mit anderen Gruppenmitgliedern (entaktogene Wirkung). Es kommt zu einer Öffnung und Vertrauensbildung im mitmenschlichen Bereich. Lange gewohnte interpersonale Ängste, Vorbehalte und Barrieren scheinen wegzufallen (Adamson & Metzner 1988). Die Gruppe wird dann zu einem Interpersonales Probierfeld, zu einem Experimentierraum, in dem korrigierende Neuerfahrungen mit mitmenschlicher Nähe gemacht werden können. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dabei die Tatsache, daß diese interaktionellen Prozesse sich ohne sexuelle Ambitionen (und interpersonale Fixierungen nach Abklingen der Wirkung) ereignen. Dies ist ein erstaunlicher und immer wieder beobachteter Effekt, der den Probiercharakter der Situation begünstigt, da neue Formen von Nähe und Interaktion mit großer Unbefangenheit gelebt werden können. Ihre neurobiologische Begründung hat diese Wirkung vermutlich in einer psychophysiologischen Ähnlichkeit von entaktogen-induziertem Zustand und dem postorgasmischen Zustand, wie sie jüngst aufgezeigt wurde (Passie et al. 2005b).

 

3. Dynamische intrapsychische Prozesse

Eine Hauptwirkung von Entaktogenen und Halluzinogenen ist die Aktivierung des Gefühlserlebens. Es machtt den Eindruck, das die Substanzwirkung dabei als Promotor der latenten Psychodynamik des Patienten wirkt. Typischerweis kommt es in therapeutischen Rahmenbedingungen zu Konfrontation mit Ängsten, Liebe, unaufgearbeiteten und problematischen Beziehungen. Auch kann es zur Reaktivierung traumatischer Erfahrungen kommen, die gewöhnlich auf eine Weise erfolgt, die das aufkommende (unbewußte) Material für den Betroffenen mit relativ großer innerer Ruhe und in geordneter Form erlebbar macht und so eine konstruktive Verarbeitung bzw. Integration des - im gewöhnlichen Wachbewusstsein abgespaltenen - Erlebten ermöglicht. Sehr differenziertes, emotionales und intellektuelles Klarwerden, Erinnern und eruieren von aktuellen und vergangenen Sachverhalten und Beziehungen. Typisch ist auch die Zusammenschau innerpsychischer Problemlagen und Zusammenhänge bei erhaltenen therapeutischen Ich-Spaltung. Auch Altersregressionen, die ein sehr realisitsches Widererleben von Geschehenem auf dem psychischen Organisationsniveau der Altersstufe ermöglichen, auf dem die jeweilige Erfahrung gemacht wurde. Interessant sind auch die dabei gelegentlich auftretenden Alternativsimulationen von prägenden Situationen der Vergangenheit in einem inneren Erlebnisraum auf sehr eindrückliche Weise möglich sind. Bei diesen außergewöhnlichen und intensiven Erlebnisformen kommt es, trotz der Ähnlichkeiten des Erlebnisflusses mit dem Träumen bzw. Tagträumen, nicht zu einer traumartigen Fragmentierung oder Verfremdung des Erlebens. Zugespitzte Formen intrapsychischer Prozesse finden sich in den seltenen und erlebnisverdichteten szenisch-synoptische Rekapitulationen von maßgeblichen Strängen prägender biografischer Erfahrungen. Mit den beschriebenen intrapsychischen Prozessen verbunden kommt es auch zum Erahnen, Spüren und Erkennen eigener Möglichkeiten und Ressourcen.

 

4. Übertragungsphänomene

Im Rahmen der Gruppensituation, bei der gewöhnlich 2-3 Therapeuten beider Geschlechter anwesend sind, hat es den Anschein als würden (die im dyadischen Setting bei der psycholytischen Therapie beschriebenen intensivierten) Übertragungsphänomene eine nur marginale Rolle spielen. Da sich die Klienten primär auf die Therapeuten bzw. Aspekte derselben konzentrieren, die positiven Halt, Anlehnung und Unterstützung vermitteln und die meiste Zeit auf sich selbst konzentriert sind (Augenklappen, Kopfhörer), scheinen problematische Übertragungsphänomene stark vermindert. Auch können durch die Gruppensituation Übertragungstendenzen eher „wegdiffundieren“.

 

5. Transpersonale Erfahrungen

Bei den transpersonalen Erfahrungen im weiteren Sinne steht ein gesamthaftes Vertrauensempfinden im Vordergrund. Nicht selten kommt es zu einem Erleben der „Einheit mit sich selbst“ („Personalisation“ nach Naranjo 1973). Seltener sind dagegen ein mystisches Einheitserleben, wie es vor allem unter Halluzinogenen vorkommt. Gelegentlich wird berichtet von der Gewinnung von Einsichten in archetypische Zusammenhänge oder grundlegende Menschheitsfragen. 

Transpersonale Erfahrungen könne sehr tiefgehende Einsichten vermitteln, sind von großer Erlebnisintensität und können in einigen Fällen eine durchgreifende Wandlung der persönlichen Lebensorientierung und Wertewelt nach sich ziehen. Im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse stimulieren sie oft zu neuen Wahrnehmungen seiner selbst, der anderen oder der Welt, verändern Blickwinkel und Perspektivität und können darüber triggernde Wirkungen auf psychotherapeutische Veränderungsprozesse entfalten.

 

6. Integrationsarbeit

In der Situation des Wiedererlebens bzw. Neuerlebens geht es zunächst um das Angucken, und das Annehmen des Gesehenen und dann erst um das Integrieren. Insbesondere sollten die neu gewonnenen Erfahrungen, Erkenntnisse und Gefühlszugänge in einer sorgfältigen Einzelbehandlung durchgesprochen und durchgearbeitet werden, da diese wichtige Integrationsarbeit an den erlebnisintensiven Wochenenden nicht gelingen kann. Unterbleibt dieses Durcharbeiten, so bleibt das Erlebte und Erreichte nicht so verankert.

 

Aktivieren Entaktogene Selbstheilungskräfte?

Aufgrund der geschilderten Wirkungen, über welche die Entaktogene unter geeigneten psychotherapeutisch strukturierten Bedingungen psychotherapeutisch wirksame Prozesse triggern/fördern können, kann angenommen werden, daß es sich um die Aktivierung von Selbstheilungsvorgängen handelt. So sind die im veränderten Bewußtseinszustand ablaufenden Prozesse praktisch immer weitgehend eigenständige Bewusstwerdungen sonst unbewusster Prozesse und Verhaltensweisen. Der Therapeut wird dabei lediglich anregend, nur selten konfrontierend und insgesamt fast marginal, da diese Prozesse - unter der weit weniger alterierenden und realitätsnäheren Wirkung der Entaktogene - „fast wie von selbst“ ablaufen und kaum einmal intensivere Interventionen der Therapeuten erfordern. Deren Aufgabe besteht demzufolge primär in der Sicherung des Rahmens und einer supportiven Haltung, die auf die Kräfte und Ressourcen des Patienten orientiert.

Die induzierte  tiefreichende psychophysische Relaxation und Entängstigung setzt narzisstische Dysregulationen und Verzerrungen außer Kraft (positives Ganzheitsempfinden, „Selbstliebe“, „Geborgenheit“) und könnte darüber Selbstheilungskräfte freisetzen. Aus den Beschreibugen und klinischen Beobachtungen wird zudem deutlich, das die oben aufgezeigten Möglichkeiten von korrigierenden Neuerfahrungen, insbesondere im interpersonalen Raum sehr konstruktiv von den Patienten genutzt werden könnte. Die Destrukturierung von oft chronischen neurotischen seelisch-körperlichen Verspannungen führt so zu neue Strukturierungen, die Heilungsprozesse begünstigen kann. Hierzu schreibt der LSD-Therapeut Grof (1985: 367): „Ein wesentliches Nebenprodukt dieser therapeutischen Strategie ist die Entwicklung des Gefühls bei den Klienten, Herr über sich selber zu sein. Sie erkennen sehr rasch, daß sie sich selber helfen können und daß sie eiegntlich die einzigen sind, die dies vermögen. Dadurch schrumpft ... der Glaube, daß nur eine magische Intervention von seiten des Therapeuten ... ihnen von Nutzen sein können“.

 

Die 4 Wirkfaktoren von Psychotherapie nach Grawe und die psycholytische Therapie

Im Bezug auf die 4 Wirkfaktoren von Psychotherapie nach Grawe kann aufgrund der vorliegenden Studie, in Übereinstimmung mit Schlichting (2000: 73f.), folgendes festgehalten werden: „Gerade weil sich in der Erlebnissitzung nicht nur die Pathologie darstellt, sondern eben auch die Erlebnisfähigkeit, Gefühle der Liebe und der Bindung, also intensive positive Affekte für den Patienten wieder erlebbar werden, kann er lernen, zur Problemlösung auf seine eigenen emotionalen Ressourcenzurückzugreifen und damit auch sein Selbstkonzept von seinen eigenen Kompetenzen positiv zu korrigieren. Ebenso nutzt die psycholytische Therapie die Problemaktualisierung und Konfrontation, wenn sich in der Sitzung eben auch problematische Beziehungsmuster, Ängste, neurotische Symptombildungen und Abwehrmechanismen sehr plastisch und erlebnisintensiv für den Patienten darstellen“. Dazu kommen im Fall der psycholytischen Therapie noch die Ermöglichung von tiefgehenden und alte Verhaltens- und Erfahrungsmuster überschreitenden korrigierenden Neuerfahrungen im intrapsychischen und insbesondere interpersonalen Bereich. Diese hat gewichtige Implikationen im  Bezug auf die von Grawe postulierte „neurobiologische Umformung durch Neuerfahrung“ (Grawe 200?). „... Schließlich die Klärungsperspektive, die in Form der verbesserten Introspektion und Einsicht in die Psychogenese der Störungen nd Probleme, in die Wurzeln der eigenen Lebensgeschichte , aber auch in die kreativen Potentiale sowie in die eigenen erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten einen ganz besonderen Stellenwert in der psycholytischen Behandlung besitzt“ (Schlichting 2000: 74).

 

Literatur

 

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