Was ist therapeutisches (verstärktes) Atmen?

Von Prof. Dr. Torsten Passie

 

Verstärktes Atmen wird in der Schulmedizin als „Überatmung“ oder „Hyperventilation“ (HV) bezeichnet. Eine Hyperventilation ist so definiert, dass ein Mensch mehr bzw. stärker atmet als es seine körperlichen Bedürfnisse erfordern. Dadurch kommt es zu verschiede­nen Wirkungen auf die Physiologie des Organismus. In der medizinischen Literatur wird HV als krankhaft bzw. als psychopathologische Erfahrung beschrieben (Spinhoven 1992, Weimann 1968). Allerdings gibt es auch andere Wirkungen von gezielter HV.

 

Ursprünge

Es ist zu vermuten, dass die bewusstseinsverändernde Wirkung verstärkten Atmens von Urmenschen beim Feueranblasen entdeckt wurde. Schamanen, die urtümlichen Medizinmänner, haben verstärktes Atmen seit Jahrtausenden zur Tranceerzeugung angewandt. Noch heute gibt es bei den Buschleuten in der Sahara einen Heilungstanz, bei dem im Kreis gehend bis zum Eintreten einer Trance verstärkt geatmet wird (Katz 1985). Die islamischen Mystiker, die Sufis, verwenden verstärktes Atmen zur Induktion religiöser Trancezustände und auch im Yoga gibt es Techniken mit verstärktem Atmen. Mystiker wie Emanuel Swedenborg (1688-1772) und Piotr Ouspensky (1878-1947) berichten ebenfalls über Versuche mit verstärktem Atmen (Abb. 1).

Verstärktes Atmen spielt auch beim Sex in Form des „Stöhnens“ eine Rolle zur Vertiefung des sexuellen Erlebens (Passie et al. 2003).

Die ursprüngliche kathartische, das heißt reinigende Wirkung ist beim Schluchzen verwirklicht, wo es durch verstärktes Atmen zur Freisetzung von Gefühlen kommt.

 

Verstärktes Atmen als therapeutische Methode

In den 1970er Jahren wurde das verstärkte Atmen durch den amerikanischen Lai­entherapeuten Leonard Orr „wiederentdeckt“. Orr brachte es mit einem Wiedererleben der Geburt in Verbindung und hat es unter der Bezeichnung „Rebirthing“ als „Selbsthilfemethode“ weltweit verbreitet. Er bediente sich auch autosuggestiver Affirmationen und propagierte eine „spirituelle Reinigung“ durch das Atmen; später kamen „Reichtum und Unsterblichkeit“ dazu (Orr & Ray 1979).

Auch andere Therapeuten haben mit Methoden des verstärkten Atmens gearbeitet. Um 1980 kam der international bekannte LSD-Forscher und Psychotherapeut Stanislav Grof dazu. Er kombinierte das verstärkte Atmen mit starker, treibender Musik und forcierte den Ausdruck von Gefühlen und körperlichen Spannungen. Seine Methode nannte er „Holotropes Atmen“ (Grof 1987, Grof & Grof 2018).

Allerdings galt das verstärkte Atmen durch seine „Wiederentdeckung“ außerhalb des wissenschaftlichen Milieus als ‚paramedizinische Außenseitermethode‘ und wurde kaum ernsthaft beforscht.

Von der nachfolgenden Generation wurde das Atmen nicht mehr so sehr als Mittelpunkt der Therapie gesehen, sondern die Atemsitzungen wurden in eine längere, meist psychodynamische Psychotherapie eingebettet.

Zur Verbreitung der Methode ist zu sagen, dass sie nach wie vor eher randständig ist.; obwohl weltweit Zehntausende Erfahrungen mit dem verstärkten Atmen gemacht haben. In Deutschland gibt es psychosomatische Kliniken, die dieses Verfahren anwenden.

 

Forschung

Obwohl dem verstärkten Atmen als Methode ein plausibler Wirkmechanismus zugrunde liegt und die auftretenden psychologischen Phänomene gut zu therapeutischen Prozessen passen, wurden in den letzten Jahrzehnten kaum wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt.

In der Zeit von 1890 bis 1930 wurden Hunderte von Experimenten zu Atmung und Hyperventilation durchgeführt, nachdem seit Ende des 19. Jahrhunderts die Spiegel von Sauerstoff und Kohlendioxyd im Blut zuverlässig gemessen werden konnten. Diese Vielzahl der Studien hatte zur Folge, dass in den folgenden Jahrzehnten kaum noch dazu geforscht wurde, da „alles ausgeforscht“ sei.

Seitdem wurde Hyperventilation nur noch gelegentlich als ‚pathophysiologisches‘ Phänomen, als ‚krankhafte Veränderung‘, die es zu vermeiden und nicht hervorzurufen gelte, beforscht. Vor einiger Zeit erhielt ich ein bei einer psychosomatischen Fachzeitschrift zur Publikation eingereichtes Manuskript mit dem Kommentar zurück, dass es Tausende Veröffentlichungen gebe, die Hyperventilation als krankhaftes und ‚wertloses‘ Phänomen beschreiben – und wie es da sein könne, dass ich ‚positive‘ Wirkungen zu berichten hätte.

 

Wirkmechanismen

Ich möchte kurz referieren, wie man sich die physischen und psychischen Wirkungen des verstärkten Atmens auf wissenschaftlicher Grundlage vorstellen kann.Im Körper wird Sauerstoff und Glukose zu Kohlendioxid „verbrannt“, um den Körpergeweben Energie zur Verfügung zu stellen. Kohlendioxid fällt dabei als Endprodukt des Stoffwechsels an, so dass der Kohlendioxidgehalt des Gewebes das Ausmaß des Stoffwechsels in diesem Körpergewebe angibt. Diese Angabe nutzt der Körper, um die Stoffwechselaktivität des Gewebes fest- und die Durchblutung darauf einzustellen. Kurz gesagt: Wo mehr Stoffwechsel stattfindet, fällt mehr Kohlendioxid an und die Blutgefäße erweitern sich,

Beim verstärkten Atmen wird vermehrt Kohlendioxid abgeatmet und der Kohlendioxidspiegel in den Geweben sinkt ab. Daher nimmt der Körper an, dass weniger Stoffwechsel stattfindet und verengt die Gefäße. Das hat Auswirkungen auf den ganzen Körper.

Für die psychischen Wirkungen sind vor allem jene auf die Hirndurchblutung von Bedeutung. Schon 1946 wurde festgestellt, dass bei verringertem Kohlendioxidgehalt die Hirndurchblutung um bis zu 30% absinken kann (Kety & Schmidt 1946). Neuere Untersuchungen mit bildgebenden Methoden haben gezeigt, dass die Durchblutung der äußeren Hirnschichten – der Hirnrinde – stärker vermindert ist als in der Mitte des Gehirns, wo die Zentren des Gefühlslebens liegen (Bednarczek et al. 1996, Posse et al. 1997).

Dies bedeutet, dass die Aktivität der Hirnrinde, dem Sitz des Denk- und Kontrollorgans, stärker abgeschwächt wird als jene der tieferliegenden Hirnstrukturen, die für das Gefühlserleben verantwortlich sind. Dadurch werden die Kontrollmechanismen der Hirnrinde vermindert und zugleich das Gefühlserleben verstärkt. Es kann auch zu geistigen Veränderungen, Muskelverkrampfungen und Schwindelgefühlen kommen. Letztere werden meist als unangenehm erlebt, sind aber harmlos.

Im Anschluss an die Phase des aktiven Atmens, in der ‚Nachphase‘, steigt der Kohlendioxidgehalt wieder an und die Blutgefäße gehen wieder auf. Außerdem fällt der Sauerstoff zeitweilig ab, was der Körper gut toleriert. Es gibt noch eine Reihe weiterer  Veränderungen; doch das sind die Wichtigsten.

 

Definitionen: Therapeutisches Atmen, HV-Phase, Nachphase

Es werden hier Definitionen für drei der im Folgenden verwendeten Begriffe gegeben.

Als Therapeutisches Atmen wird hier das verstärkte Atmen im psychotherapeutischen Rahmen, im Einzel- oder Gruppensetting, verstanden. Die verstärkte Atmung erfolgt ohne Musik und Körperarbeit. Sie wird vom Therapeuten begleitet und erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa 30 Minuten, woran sich eine 20- bis 30-minütige Ruhephase (Nachphase) mit sanfter, fließender Musik anschließt.

Als HV-Phase wird hier die Phase des verstärkten Atmens bezeichnet. Während dieser Zeit wird mit einer Frequenz von 25–30 pro Minute bei einer nach Möglichkeit gleichbleibend erhöhten Atemtiefe geatmet. Die HV-Phase ist 30 Minuten lang, Der Therapeut bleibt auch während der HV in ständigem Kontakt mit den/dem Klienten. Verbale psychotherapeutische Interventionen sind Teil der Methode. Das Ausleben von Gefühlen wird nicht forciert, aber zugelassen (Passie & Pleske 2011).

Als Nachphase wird jene Phase einer Atemsitzung bezeichnet, die sich unmittelbar anschließt, wenn das verstärkte Atmen (=HV) eingestellt wird. Erst nach einer mindestens 20-minütigen Phase verstärkten Atmens ist die Nachphase voll ausgeprägt. Während der Nachphase kommt es zu einer 20 bis 30 Minuten dauernden Rückbildung der durch das verstärkte Atmen im Körper verursachten Veränderungen. Das Erleben ist während dieser Phase von ausgeprägter körperlicher und seelischer Entspannung und einem regressiven Bewusstseinswandel geprägt. Die Dauer der Nachphase betrug bei unseren Versuchen ebenfalls 30 Minuten.

 

Psychische Wirkungen

Zu den bedeutendsten und stärksten Wirkungen des verstärkten Atmens dürfte die Intensivierung des Gefühlserlebens gehören. Obgleich das Erleben von „positiven“ Gefühlen anscheinend stärker ausfällt, ist auch das Erleben von „negativen“ Affekten verstärkt.

Das Auftreten von Bildern, Erinnerungen oder ganzen Szenen, die „vor einem inneren Auge“ wahrgenommen werden, ist häufig.

Fast alle Probanden weisen auf eine veränderte Steuerungsfähigkeit während des verstärkten Atmens hin. Die auftretenden inneren Prozesse scheinen, insbesondere während der HV-Phase, durch ein nur wenig willentlich gesteuertes „Heraussprudeln“ von Empfindungen, Gefühlen, Bildern und Erinnerungen gekennzeichnet. Auch während der Nachphase ist die Steuerung vermindert, was das dabei körpernah erlebte „basale Vertrauensempfinden“ unbefangener erlebbar macht.

In den meisten Fällen scheint es zu einem über die aktivierten Gefühle initiierten vorwiegend bildhaften Rückerinnern zu kommen. Dieses kann von angedeuteten Erinnerungen bis zu ausgeprägten hypermnestischen Phänomenen, teils verbunden mit Altersregressionen, reichen. Hierbei können biographische, emotionale, gedankliche und körperliche Phänomene zusammenwirken bzw. gemeinsam auftreten.

Gemäß den Erlebnisberichten treten in den Atemsitzungen häufig starke Gefühle auf, die in der Regel auch zu entsprechenden Verhaltens- bzw. Affekt-Reaktionen (Weinen, Ärger ausdrücken, Schreien, Lachen usw.) führen. Das Erleben und Ausdrücken starker Affekte wird in der psychotherapeutischen Literatur als „kathartische Abreaktion“ bezeichnet (Nichols & Zax 1977), die es dem Betroffenen erlaube, „... die traumatischen Ereignisse, an die diese Affekte geknüpft sind, wachzurufen, ja sie wieder zu erleben und abzureagieren“ (Laplanche & Pontalis 1986: 247).

Auch ekstatische Erlebnisqualitäten treten beim therapeutischen Atmen regelmäßig auf. Im Vordergrund stehen dabei körpernah erlebte Glücksgefühle, seltener sind mystikoforme Erfahrungen und sogenannte Kernerfahrungen. Passie et al. (2018) haben eine ausführliche Erörterung ekstatischer Phänomene beim verstärkten Atmen gegeben.

 

Ist verstärktes Atmen gefährlich?

Das verstärkte Atmen ist für gesunde Menschen ungefährlich. Für schwer herzkranke Menschen, bei denen die ohnehin verringerte Durchblutung des Herzens sich durch das verstärkte Atmen weiter verringern kann, ist es nicht zu empfehlen. Dasselbe gilt für Menschen, die an einer Epilepsie leiden, da das verstärkte Atmen das Gehirn „reizen“ und einen Krampfanfall auslösen kann. Auch schwer nierenkranke Menschen sollten nicht so atmen.

Die Begleiterscheinungen oder “Nebenwirkungen“ bestehen beim verstärkten Atmen hauptsächlich in Verkrampfungen der Hände und einem Empfinden von erschwertem Atmen. Auch gesunden Menschen kann im Stehen schwindelig werden, aber im Sitzen oder Liegen ist das kein Problem. Diese Nebenwirkungen sind medizinisch unbedenklich (Brown 1953, Weimann 1968).

Bei gesunden Menschen kann das Atmen also keinen Schaden anrichten. Dies hat drei Gründe:

1. Selbst wenn der Kohlendioxidgehalt des Blutes durch das verstärkte Atmen unter die Hälfte des Normalwertes absinkt, gibt es trotzdem keinen weiteren Abfall der Durchblutung. Das ist wohl ein Schutzmechanismus, der den Körper vor Schaden bewahrt.

2. Der verminderte Sauerstoffgehalt des Blutes, das das Hirngewebe beim verstärkten Atmen bekommt, kann darüber ausgeglichen werden, dass aus dem Blut mehr Sauerstoff extrahiert wird.

3. Die Durchblutung sinkt bei weitem nicht so stark, dass eine Gewebsschädigung auftreten kann.

 

Mögliche therapeutische Wirkungen

Obwohl sich das verstärkte Atmen schon seit den 1970er Jahren als therapeutische Methode verbreitet hat und damit zigtausende Menschen behandelt wurden, liegen bisher keine methodisch sauberen Untersuchungen zur therapeutischen Effektivität vor. Das ist nur schwer zu erklären, könnte aber – ähnlich wie bei den Psychedelika – mit Ängsten der psychotherapeutischen Community vor jenen das Gefühlsleben stärker aktivieren Methoden zu tun haben.

In einer Studie zu subjektiven Erlebnisweisen beim verstärkten Atmen fanden wir Hinweise auf mögliche therapeutische Wirkungen So wurde beschrieben, dass sich bei den Klienten der Umgang mit Problemen im Alltag verändert. Dafür ein Beispiel: „Nehmen wir an, ich habe ein Problem damit, dass mich ein Arbeitskollege nervt. Ich trau mich aber nicht, dem das zu sagen. Wenn man während des Atemprozesses auf diese unterdrückten Gefühle stößt, so würde wahrscheinlich die Wut auf den Kollegen spürbar, gleichzeitig aber auch die Angst. Damit kann im Verlauf der Atemsitzung gearbeitet werden. Sowohl zu lernen, Wut auszusprechen und auszudrücken als auch die Angst zu spüren, zu sehen, was die Angst ist. Die Personen haben die Wut gespürt, haben die Angst gespürt und sich ausgedrückt. Sie haben vielleicht auch gespürt, dass die Angst doch nicht so groß ist und können im Alltag den Störenfried konfrontieren, mit ihm sprechen oder was auch immer.“ Auch längerfristige Wirkungen wurden beschrieben: „Sagen wir, die Klienten ziehen 20 Sitzungen durch und gehen durch das Atmen mit ihren Gefühlen in Kontakt, oft sehr stark und eindrücklich. Wenn man häufiger diese Erfahrung macht, gewinnt man mehr Vertrauen in die Gefühle. ... Es ist eine Ausweitung des Spürens zu mir gehörender Gefühle, aber auch solcher, die in Resonanz mit anderen entstehen“ (Passie & Pleske 2011)

Diese Beschreibungen können vielleicht einen Einblick vermitteln, aber nicht sorgfältige Wirksamkeitsstudien ersetzen.

Neben der Nichtbeachtung der Methode gibt es auch technische Forschungshindernisse und zwar hinsichtlich der Möglichkeit, eine placebokontrollierte Studie durchführen zu können. Wenn man die Teilnehmer der Therapiegruppe (Verum-Gruppe) verstärkt atmen lässt, dies aber nicht mit einer Kontrollgruppe (die als Placebo-Gruppe ja – unwissentlich – eine unwirksame Behandlung erhalten soll) vergleichen kann, ist das für eine methodisch saubere Forschung hinderlich. Das funktioniert schon deshalb nicht, da jeder, der verstärkt atmet, dies natürlich spürt und deshalb weiß, zu welcher Gruppe er gehört. Insofern ist eine exakte Untersuchung der Besserung von Patienten (mit und ohne verstärktes Atmen als Therapiebestandteil) schwierig. Eine denkbare Lösung wäre, wenn beide Gruppen die Einatmungsluft über ein Schlauchsystem zugeführt bekämen. Beide Gruppen würden verstärkt atmen; doch die eine Gruppe erhielte normale Atemluft, während die andere Gruppe Luft mit einem höheren Kohlendioxidgehalt erhielte. Dann würde der Kohlendioxidspiegel bei der einen Gruppe absinken, bei der anderen nicht, da dieser mehr Kohlendioxid in der Atemluft zugeführt wird. Bei der Gruppe mit dem höheren Kohlendioxydgehalt würden die physischen und psychischen Veränderungen dann nicht auftreten. So wäre eine Vergleichsstudie bei quasi identischen Bedingungen möglich.

 

Ausblick

Es erscheint denkbar, dass im Anschluss an die neuerdings wieder aufkommenden psychotherapeutischen Behandlungen mit Psychedelika wie LSD und Psilocybin, aber auch MDMA, andere Methoden, die mit einer Gefühlsintensivierung arbeiten, vermehrt Eingang in die psychotherapeutische Praxis finden. Für eine therapeutische Gefühlsaktivierung ist das verstärkte Atmen eine interessante Option.