Erlebnisphänomene beim verstärkten Atmen (Hyperventilation)  Ergebnisse einer empirischen Untersuchung

Von Prof. Dr. Torsten Passie, Randolph Pleske und Dr. Hannah Binder 

 

Einleitung 

Das verstärkte Atmen ist eine uralte Methode zur Tranceerzeugung bzw. Veränderung des Bewusstseinszustandes, die im Schamanismus und bei religiösen Praktiken verwendet wird. Verstärktes Atmen wird in der Schulmedizin als Überatmung oder Hyperventilation (HV) bezeichnet. Hyperventilation ist so definiert, dass ein Mensch mehr bzw. stärker atmet als es seine körperlichen Bedürfnisse erfordern. Dadurch kommt es zu verschiedenen Wirkungen auf die Physiologie des Organismus. In der medizinischen Literatur wird HV ausschließlich als krankhafter physiologischer Vorgang bzw. als psychopathologische Erfahrung beschrieben (z. B. Spinhoven 1992, Fried 1973, Weimann 1968). 

In den 1970er Jahren wurde das verstärkte Atmen durch den amerikanischen Laientherapeuten Leonard Orr „wiederentdeckt“ und als „Selbsthilfemethode“ verbreitet. Unter den Bezeichnungen „Rebirthing“ (Orr und Ray 1979) und „Holotropes Atmen“ (Grof 1987, Grof und Grof 2013) sind solche Methoden heutzutage praktisch weltweit als (psycho-)therapeutische Methoden verbreitet. Trotz dieser Verbreitung wurden bisher die subjektiven Erlebnisveränderungen durch eine längerdauernde (therapeutisch) intendierte HV nicht systematisch untersucht.
Diese Lücke in der wissenschaftlichen Forschung versuchten wir mit
unseren Untersuchungen zu schließen. Zusammen mit Kollegen an der
Medizinischen Hochschule Hannover
und dem Bender Institute für Neuroimaging an der Universität Gießen hat
 unsere Gruppe seit mehr als zehn Jahren Forschungen zum „therapeutischen
Atmen“ auf praktisch allen Ebenen
 betrieben: Wir haben eine Reihe von 
Blutwerten gemessen, Herzfunktion und Blutdruckwerte erfasst sowie Sauerstoff und Kohlendioxidwerte erhoben. Außerdem haben wir Veränderungen der Hirndurchblutung, des Bewusstseinszustandes und des Gefühlserlebens untersucht. Das hat uns ein relativ vollständiges Bild dieser Zustände vermittelt.

Die der vorliegenden Darstellung zugrundeliegenden Untersuchungen hatten zum Ziel, die unter einer willentlich forcierten HV auftretenden psychischen Veränderungen mit Fragebögen psychometrisch zu objektivieren (Studie 1) und die sich aus den subjektiven Erlebnisbeschreibungen ergebenden Erfahrungsmuster und Erlebnisweisen zu systematisieren und darzustellen (Studie 2). Ausschnitte aus diesen beiden Untersuchungen werden im Folgenden dargestellt, mit einem Schwerpunkt auf den ekstaseartigen Erlebnisphänomenen. Außerdem wird ein plausibler hirnphysiologischer Wirkmechanismus für das veränderte Erleben beim verstärkten Atmen vorgestellt. 

 

Physiologische Veränderungen durch verstärktes Atmen 

Es erscheint uns angebracht, zunächst in einfachen Worten die Auswirkungen von HV auf den menschlichen Organismus zu skizzieren. 

Im Körper wird Sauerstoff zu Kohlendioxid (CO2) „verbrannt“, um den Muskeln, aber auch dem Gehirn und anderen Geweben Energie zur Verfügung zu stellen. Da CO2 als Endprodukt beim Stoffwechsel anfällt, zeigt der CO2-Gehalt das Ausmaß des Stoffwechsels in einem Körpergewebe an. Daher nutzt der Körper den CO2-Gehalt, um den Stoffwechsel eines Gewebes festzustellen und das Maß der Durchblutung darauf einzustellen. Mit anderen Worten: Wo mehr Stoffwechsel stattfindet, fällt mehr CO2 an und die Blutgefäße erweitern sich. 

Beim verstärkten Atmen wird vermehrt CO2 abgeatmet und der CO2-Spiegel in den Geweben sinkt ab (vgl. Abb. 2). Daher nimmt der Körper an, dass weniger Stoffwechsel stattfindet, und verengt die Gefäße. Demnach „blufft“ man beim verstärkten Atmen den Körper. Denn obwohl während des verstärkten Atmens mehr Sauerstoff verbraucht wird, wird durch den verringerten CO2-Gehalt vorgetäuscht, die Gewebe bräuchten kaum Sauerstoff. Somit verengen sich die Blutgefäße und es findet weniger Blutdurchfluss statt.

Für das therapeutische Atmen sind vor allem die Wirkungen auf die Hirndurchblutung von Bedeutung. Schon 1946 hat man festgestellt, dass bei verringertem Kohlendioxidgehalt durch verstärktes Atmen die Hirndurchblutung um bis zu 30 Prozent absinkt (Kety et al. 1946). Neuere Untersuchungen mit bildgebenden Methoden („Neuroimaging“) haben gezeigt, dass die Durchblutung in der äußeren Schicht des Gehirns, also der Hirnrinde, am stärksten vermindert ist. In der Mitte des Gehirns, wo die Zentren des Gefühlslebens liegen, fällt die Durchblutung dagegen nicht so stark ab (Bednarczyk et al. 1990, Posse et al. 1997). Das bedeutet, dass die Schicht der „grauen Zellen“, das Denkund Kontrollorgan sozusagen, stärker in ihrer Funktion geschwächt wird als die tieferliegenden Hirnstrukturen. Daher kommt es zu einer Verminderung von Kontrollmechanismen und einer Verstärkung des Gefühlserlebens, aber auch zu Schwindel und geistigen Veränderungen. Im Anschluss an die HV-Phase, also die Phase des aktiven Atmens, steigt der CO2-Gehalt wieder an und die Blutgefäße weiten sich. Bei vielen unserer Probanden fiel in der Nachphase der Sauerstoffgehalt zeitweilig ab, weil der „Atemantrieb“ durch den erhöhten CO2-Spiegel fehlte, was aber unproblematisch ist, da der Körper das gut toleriert. Es gibt noch einige weitere körperliche und biochemische Veränderungen, doch das sind die wichtigsten. 

Als Begleiterscheinungen oder „Nebenwirkungen“ des verstärkten Atmens treten Verkrampfungen der Hände und manchmal Empfinden von erschwertem Atmen auf. Gesunden Menschen kann im Stehen schwindelig werden; im Sitzen oder Liegen ist das aber kein Problem. Diese Nebenwirkungen sind harmlos und medizinisch unbedenklich (Weimann 1968). 

Verstärktes Atmen ist für gesunde Menschen ungefährlich. Nicht so atmen sollten schwer herzkranke Menschen, bei denen sich die ohnehin schon verringerte Durchblutung des Herzens weiter verringern kann. Bei Menschen mit einer Epilepsie, also mit vom Hirn ausgehenden Krampfanfällen, kann das verstärkte Atmen das Gehirn „reizen“ und einen Krampfanfall auslösen. Dass es beim verstärkten Atmen bei gesunden Menschen nicht zu gefährlichen oder bleibenden Schädigungen kommt, ist durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt (vgl. Brown 1953, Gardner 1996). 

 

Verstärktes Atmen zur Tranceerzeugung und in der Psychotherapie 

Man könnte vermuten, dass die bewusstseinsverändernde Wirkung des verstärkten Atmens von Urmenschen beim Feueranblasen entdeckt wurde. Schamanen, die urtümlichen Medizinmänner, haben das Atmen wahrscheinlich seit Jahrtausenden zur Tranceerzeugung angewandt (Lommel 1965). Noch heute gibt es bei Buschleuten in der Sahara einen Heilungs-Trancetanz, bei dem im Kreis gehend bis zum Eintreten einer Trance verstärkt geatmet wird (Abb. 3) (Katz 1985, Pfeiffer 1973). 

 

Die islamischen Mystiker, die Sufis, verwenden das ver-
stärkte Atmen zur Hervorrufung religiöser Trancezustände.
Auch im Yoga gibt es zwei Techniken, bei denen eine verstärkte Atmung angewendet wird (Lysebeth 1977). Unse-
re Arbeitsgruppe an der Medizinischen Hochschule Hannover konnte plausibel machen, dass auch in der Sexualität verstärktes Atmen in Form des „Stöhnens“ eine Rolle bei der Vertiefung sexuellen Erlebens spielt (Passie et al. 2003, 2004). Doch die ursprüngliche 

Archaisch Vorgeschichtlich

 

Religiöse Tradition

 

Neuzeitliche Mystik 

Feueranblasen   Sexualität   Schluchzen  

 

Schamanen   Afrikanische Buschleute   Yoga

 

Sufis   Swedenborg   
Ouspensky 

Abb. 3: Übersicht zur Herkunft des verstärkten Atmens 

kathartische, reinigende Wirkung ist beim Schluchzen verwirklicht, wo es sowohl zum verstärkten Atmen als auch zur Freisetzung von Gefühlen kommt (Abb. 3). 

Mitte der 1970er Jahre „entdeckte“ Orr die therapeutische Wirkung und begann, es als eine „Selbsthilfemethode“ zu verbreiten. Orr wurde in den Folgejahren allerdings immer obskurer in seinen Ansichten und Praktiken. So nutzte er zunehmend autosuggestive Affirmationen, propagierte „spirituelle Reinigung“ durch das Atmen und brachte später auch das Erreichen von „Reichtum und Unsterblichkeit“ mit dem Atmen in Zusammenhang (Orr und Ray 1979). Um 1980 kam der international bekannte LSD-Forscher und Psychotherapeut Stanislav Grof dazu. Er kombinierte das Atmen mit starker, treibender Musik und forcierte den Ausdruck von Gefühlen und körperlichen Spannungen (Grof 1987). 

Von der nachfolgenden Generation wurde das verstärkte Atmen nicht mehr als Mittelpunkt der Therapie gesehen, sondern in der „Integrativen Atemarbeit“ (Platteel-Deur und Mensing 1993) und der von Pleske und Pleske praktizierten „Atemzentrierten Psychotherapie“ mit einer längerfristigen Psychotherapie verknüpft. Zur heutigen Verbreitung der Methode ist zu sagen, dass die Methode eher randständig ist, obwohl weltweit sicher Zehntausende diese Atemerfahrungen gemacht haben. 

Trotz der Tatsache, dass der Methode ein plausibler Wirkmechanismus zugrunde liegt und die auftretenden psychologischen Phänomene gut zu therapeutischen Prozessen passen, wurden wissenschaftliche Untersuchungen, die eine therapeutische Wirksamkeit unzweifelhaft feststellen könnten, bisher nicht durchgeführt. 

 

Definitionen: Therapeutisches Atmen, HV-Phase, Nachphase 

Zur Klärung der im Folgenden verwendeten Begriffe werden hier Definitionen für drei wichtige Begriffe gegeben. 

Therapeutisches Atmen (nach Pleske) ist ein verstärktes Atmen in einem psychotherapeutischen Rahmen im Einzeloder Gruppensetting. Die verstärkte Atmung erfolgt ohne Musik und Körperarbeit. Es werden keine Kopfhörer oder Augenklappen verwendet. Das verstärkte Atmen wird vom Therapeuten begleitet und erstreckt sich über einen Zeitraum von 30 bis max. 60 Minuten, woran sich eine 20bis 30-minütige Ruhephase (Nachphase) mit sanfter, fließender Musik anschließt. Während der Phase des aktiven Atmens bleibt der Therapeut in ständigem Kontakt mit den/dem Klienten. Verbale psychotherapeutische Interventionen sind Teil der Methode. Das Ausleben von Gefühlen wird nicht forciert, aber zugelassen (vgl. Passie und Pleske 2011). 

Als HV-Phase wird hier die Phase des verstärkten Atmens bezeichnet. Während dieser Phase wurde verstärkt geatmet, mit einer Frequenz von 25–30 pro Minute bei einer nach Möglichkeit gleichbleibend erhöhten Atemtiefe. Die HV-Phase im Rahmen der hier geschilderten Versuche war jeweils 30 Minuten lang, die Dauer der Nachphase betrug ebenfalls 30 Minuten. 

Als Nachphase wird jene Phase einer Atemsitzung bezeichnet, die sich unmittelbar anschließt, wenn das verstärkte Atmen (=HV) eingestellt wird. Erst nach einer mindestens 20-minütigen Phase verstärkten Atmens ist die Nachphase voll ausgeprägt. Während der Nachphase kommt es zu einer 20 bis 30 Minuten dauernden Rückbildung der durch das verstärkte Atmen im Körper verursachten Veränderungen. Das Erleben ist während dieser Phase von ausgeprägter körperlicher und seelischer Entspannung und einem regressiven Bewusstseinswandel geprägt. 

Veränderungen des Bewusstseins und Gefühlserlebens bei verstärktem Atmen 

Es wurde von uns eine Untersuchung durchgeführt, welche die Frage verfolgte, ob sich unter der Wirkung einer HV objektiv messbare Veränderungen des Bewusstseins und der Affektivität ereignen. Dafür wurde ein wissenschaftliches Experiment an der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt. 

Da bisher keine wissenschaftliche Studie dieser Art durchgeführt wurde, war eine statistische Power-Analyse vorab nicht möglich, so dass von einem „gewöhnlichen Stichprobenumfang“ auszugehen war. An der Studie nahmen insgesamt 26 Personen teil. Die HV-Gruppe bestand aus 15 Teilnehmern, davon 4 Frauen und 11 Männer (mittleres Alter 36.2 ± 5.16 Jahre). Die Kontrollgruppe bestand aus 5 Frauen und 6 Männern (mittleres Alter 31.6 ± 6.65 Jahre). Bei keinem der Teilnehmer wurden bei den Voruntersuchungen körperliche oder psychische Erkrankungen festgestellt. Alle Teilnehmer hatten Abitur. 

Die Blutgasanalyse wurde mit einem Messgerät durchgeführt, welches keine Hautverletzung nötig machte. Es wurde lediglich ein Sensor auf den Unterarm geklebt. Mit dem Gerät (TINA® TCM3/TCC3 der Firma Radiometer, Kopenhagen) wurden dann Sauerstoff und CO2 kontinuierlich online und computerkompatibel gemessen. 

Die Teilnehmer der HV-Gruppe wurden angehalten, mit höherer Frequenz und tiefer als gewöhnlich zu atmen, wobei die HV-Gruppe während der 30-minütigen HV-Phase auf Atemfrequenzen von 25–30 pro Minute und eine gleichbleibende Atemtiefe kontrolliert wurde. Nach 30 Minuten wurden die Teilnehmer der HV-Gruppe angewiesen, die verstärkte Atmung einzustellen. Die Blutgas-Messungen wurden während der folgenden 30 Minuten (hier als „Nachphase“ bezeichnet) fortgesetzt, so dass der Messzeitraum insgesamt 60 Minuten umfasste. Im Anschluss an die Messung füllten die Versuchspersonen die bereitliegenden Fragebögen aus. Der Ablauf war bei der Kontrollgruppe identisch. Auch diese lagen auf der gleichen Liegefläche in der gleichen Position, wurden aber angewiesen, mit normaler Frequenz und Tiefe zu atmen. 

Zur Messung veränderter Bewusstseinszustände wurde der 5D-APZ-Fragebogen eingesetzt, der aus 94 Items besteht. In dem Fragebogen werden generelle Statements bezüglich eigenen Empfindens mithilfe einer visuellen Analog-Skala (1–100 mm lang) zwischen den Polen „nicht mehr als gewöhnlich“ und „sehr viel mehr als gewöhnlich“ bewertet. Es können mit dem Fragebogen fünf Hauptdimensionen veränderter Bewusstseinszustände festgestellt werden. Die fünf Hauptdimensionen sind: 1. Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE); 2. Angstvolle Ichauflösung (AIA); 3. Visionäre Umstrukturierung (VUS); 4. Vigilanz-Reduktion (VIR) und 5. Auditive Veränderungen (AWV) (Tabelle 1). Der 5-D-APZ ist ein international validierter Standardfragebogen zur Messung von veränderten Bewusstseinszuständen (Dittrich 1998). 

Bei unserer Untersuchung wurden noch weitere Fragebögen eingesetzt. Doch für das hier behandelte Thema ist neben dem 5D-APZ nur noch das Phenomenology of Conscious­ ness Inventory (PCI) in der deutschen Version (Rux 2002) von Interesse. Dieser Fragebogen hat 56 Items, die verbal zwei Pole des Erlebens charakterisieren und jeweils mit einer 7-stufigen numerischen Analog-Skala versehen sind. Die Fragen erfassen verschiedene Aspekte bewussten Erlebens, insbesondere des Gefühlserlebens. Der PCI-Fragebogen wurde in umfangreichen Studien validiert und gilt als Standardinstrument zur Erfassung veränderter Bewusstseinszustände (Pekala 1991). 

 

Statistische Auswertung 

Für die statistische Analyse der Daten wurde das Programm SPSS (Statistical Package for the Social Sciences) verwendet. Die zwei Gruppen wurden miteinander verglichen, um statistisch signifikante Unterschiede bestimmen zu können. Ein Two-tailed Mann-Whitney U Test wurde angewandt. Als signifikant werden Unterschiede bezeichnet, wenn p kleiner als 0,05 war und als hochsignifikant, wenn ein p kleiner als 00,1 gegeben war. 

 

1. Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE) 

Diese Skala misst strukturelle Erlebnisveränderungen des Selbsts und des Körpers, der Beziehung zur Umwelt, Veränderungen des Zeiterlebens und positive Stimmungsveränderungen. Der Begriff „ozeanische Selbstentgrenzung“ ist angelehnt an den Begriff des „ozeanischen Gefühls“ von Sigmund Freud, welcher zum Terminus technicus für Ekstase oder „kosmischmystische“ Erfahrungen in der Psychoanalyse geworden
ist. Im Kern beschreibt er eine positiv erlebte Erfahrung der Ich-Auflösung mit begleitenden Glücksgefühlen. Die Ichgrenzen erscheinen aufgelöst und die Unterscheidung von Individuum und Umwelt verschwimmt bzw. wird aufgehoben. 

Repräsentative Items für die OSE-Skala:


• Es schien mir, dass ich und die Umwelt eins waren.


• Ich fühlte mich sehr glücklich ohne äußeren Anlass. 

2. Angstvolle Ich-Auflösung (AIA) 

Diese Skala beschreibt eine unangenehme Erfahrung. Das
Ich wird mit Pein und Angst erlebt. Die Kontrolle über die Ich-Funktionen, die desintegriert oder fragmentiert sein können, ist stark geschwächt. Das Ich droht sich aufzulösen, was als entmächtigend und bedrohlich erlebt wird. Die Selbstkontrolle ist vermindert oder aufgehoben. Die Denkprozesse sind beschleunigt oder verlangsamt, nicht selten fragmentiert; inhaltlich besetzt von ängstigenden Themen. Zeit kann als quälend langsam erlebt werden. 

Repräsentative Items für die AIA-Skala: 

  • Es schien mir, als wenn da eine unsichtbare 
Wand zwischen mir und der umgebenden 
Welt war. 

  • Ich fürchtete, die Kontrolle über mich zu 
verlieren 

 

3. Visionäre Umstrukturierung (VUS) 

Bei vielen veränderten Bewusstseinszuständen sind visionär-halluzinatorische Phänomene ein typischer Aspekt. Diese lassen sich in drei Formen unterteilen:
1. elementare, „primitive“ optische Phänomene; 

2. organisierte szenische halluzinatorische Phänomene, die komplex strukturiert und meist mit dazugehörigen Affekten integriert sind;
3. Veränderungen der Erscheinung und Bedeutung von in der Außenwelt wahrgenommenen Objekten. 

Auch hypnagoge Imaginationen und Synästhesien gehören zum Messbereich dieser Skala. 

Repräsentative Items für die VUS-Skala:


• Ich sah Lichter oder Lichtblitze in totaler Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen.


• Die Dinge in meiner Umgebung hatten eine neue, fremdartige Bedeutung für mich. 

4. Vigilanz-Reduktion (VIR) 

Items dieser Skala charakterisieren verringerte Wachheit und eine mögliche Trübung des Bewusstseins. Dies geht typischerweise mit einer Vigilanzminderung oder -fluktuation einher und ist meist mit einer reduzierten kognitiven Performanz und Selbstkontrolle assoziiert. 

Repräsentative Items für die VIR-Skala:

• Ich fühlte mich dösig.


• Meine Wahrnehmung war getrübt. 

5. Auditive Wahrnehmungsveränderung (AWV) 

Diese Skala erfasst akustische halluzinatorische Phänomene und besteht aus Items, die subtilere Veränderungen wie das Hören von Klicks oder amorphen Tönen beinhalten, bis hin zum Hören von Musik oder Stimmen. Manchmal kommentieren diese Stimmen das Denken oder die Handlungen der betreffenden Person. 

Repräsentative Items für die AWV-Skala sind:


• Ich hörte diffuse Geräusche, ohne zu wissen, woher diese kamen.


• Ich schien meine eigenen Gedanken zu hören, als ob ich sie ausgesprochen hätte. 

Tabelle 1: Beschreibung der Messdimensionen des 5-D APZ-Fragebogens (nach Passie und scHarfeTTer 2003) 

 

Allgemeine Beobachtungen 

Bei den Probanden der HV-Gruppe wurden erhebliche Veränderungen des Befindens beobachtet. Diese bestanden neben einer körperlichen Unruhe während der HV-Phase in einer psychischen Enthemmtheit, einem veränderten Körperempfinden und einem intensivierten Gefühlserleben. Diese Veränderungen sind bei keinem der Probanden in der Kontrollgruppe aufgetreten. Außerdem berichteten alle Teilnehmer der HV-Gruppe über das Gefühl einer sehr tiefen körperlichen und psychischen Entspannung im Anschluss an die HV-Phase, also während der Nachphase; während die Probanden der Kontrollgruppe lediglich eine leichte Entspannung, manchmal mit Einschlaftendenz, zeigten. 

 

Blutgasmessungen 

Die Blutgasmessungen zeigten in der HV-Gruppe praktisch während der gesamten HV-Phase eine erhebliche Minderung des CO2-Spiegels im Blut, während der Sauerstoffgehalt unverändert blieb. Erst nach Beendigung der HV-Phase zeigte sich bei den meisten Versuchspersonen eine Abnahme des Sauerstoffspiegels. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe zeigten keine solche Veränderungen, bei ihnen bewegten sich CO2und Sauerstoffgehalt die gesamte Zeit im physiologischen Normbereich (Abb. 4 und 5). 

 

Aufgrund der Ergebnisse ist festzuhalten, dass eine verstärkte Atmung über einen Zeitraum von 30 Minuten im Verlauf der ersten 10 Minuten zu einem starken Abfall von CO2 im Blut führt, der während der gesamten HV-Phase erhalten bleibt. Die O2-Konzentration zeigt ein minimales Absinken nach Beginn der HV. Der stärkste Abfall des Sauerstoffspiegels zeigt sich nach dem Ende der HV-Phase, also zu Beginn der Nachphase. Dies lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass viele Probanden nach der HV eher weniger stark atmeten, bedingt durch den verringerten Atemantrieb bei niedriger CO2-Konzentration. Nach Abschluss der einstündigen Messung erreichten die Werte wieder das Ausgangsniveau. 

 

Veränderungen des Bewusstseinszustandes und der Affektivität 

Abb. 6 zeigt die Ergebnisse des 5D-APZ-Fragebogens, vergleichend für beide Gruppen. In den Messdimensionen OSE und VUS sowie dem Gesamtscore gibt es hochsignifikante Unterschiede zwischen der HVund der Kontrollgruppe, während der Unterschied in Bezug auf die Messdimension AIA signifikant ist. In den Messdimensionen VIR und AWV konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der HV-Gruppe und der Kontrollgruppe festgestellt werden. 

 

Die Messwerte mit dem zweiten von uns verwendeten Fragebogen, dem PCI, sollen hier nicht detailliert wiedergegeben werden. Sie bestätigen eine Zunahme des positiven Erlebens und eine (schwächere) Verstärkung von negativ erlebten Gefühlsempfindungen. Betrachtet man die drei Subdimensionen der „Positive Affect Dimension“ des PCI, so fällt auf, dass zwar Empfindungen von Freude und Liebe verstärkt erlebt werden, das Erleben aber keine sexuellen Aspekte beinhaltet. Eine sexuelle Erlebniskomponente wäre aufgrund des weiter unten geschilderten „körpernahen Glückserlebens“ jedoch durchaus zu vermuten gewesen. 

Eine signifikante Steigerung des imaginativen Erlebens zeigt sich in der PCI-Messdimension „Imagery“ nicht, doch ist die Subdimension „Amount“, d.h. die Menge des Imaginierten, im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöht. Außerdem fällt eine Fokussierung auf inneres Erleben auf, wie es in dem hohen Score der Subdimension „Direction of Attention“ zum Ausdruck kommt. Auch „Arousal“ (Erregung) und Selbstkontrolle sind signifikant verändert. In Bezug auf die Messdimension „Altered States of Awareness“, die für den Grad der subjektiven Bewusstseinsveränderung steht, zeigt sich ein hochsignifikanter Unterschied zwischen der HV-Gruppe und der Kontrollgruppe. 

Insgesamt weisen die Skalenwerte des 5D-APZ und des PCI, aber auch die Konstellation der gesamten Veränderungen, eindeutig darauf hin, dass es während der HV-Atmung bzw. in der Nachphase zu einem ausgeprägten veränderten Bewusstseinszustand kommt. 

Leider war eine Trennung in HV-Phase und Nachphase nicht möglich, da die Fragebögen „danach“, also nach Ablauf beider Phasen, angewandt wurden, was eine Zuordnung des Erlebten zu einer der Phasen nicht ermöglicht. Die Ergebnisse eines anderen von unserer Gruppe durchgeführten Experiments weisen allerdings darauf hin, dass sowohl in der aktiven HV-Phase als auch in der Nachphase ekstatisches Erleben auftreten kann (Joas 2008). 

 

Hyperventilation und veränderte Hirndurchblutung 

Im Unterschied zur Forschung zu psychischen Veränderungen sind die physiologischen Wirkungen während der HV wissenschaftlich detailliert untersucht worden. Es sollen hier jedoch nur die Resultate geschildert werden, die für ein Verständnis der psychischen Wirkungen von Bedeutung sind. 

Es ist experimentell gesichert, dass sich während einer HV der Gehalt des Blutes an CO2 verringert; bei stärkerer HV vom Normwert (35–45 mm Hg) auf deutlich unter 20 mm Hg (Fried 1987). Die Veränderung des CO2-Gehaltes im Blut hat eine starke Wirkung auf das Gehirn, da – wie schon oben beschrieben –, die Hirndurchblutung über den CO2-Gehalt des Blutes gesteuert wird (Brian 1998). Der Blutfluss im Gehirn kann während einer starken HV um bis zu 50 Prozent im Vergleich zum normalen Hirndurchblutung verringert sein (Kety und Schmidt 1946, Duarte 1995). 

Einige der bildgebenden Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (Posse et al. 1997) und Positronen-Emissions-Tomographie (Bednarczyk et al. 1990) demonstrieren nicht nur eine generelle Abnahme der Hirndurchblutung, sondern zeigen ein bestimmtes Verteilungsmuster der Durchblutungsveränderungen. So kommt es in der äußeren Hirnrinde (dem Sitz der „grauen Zellen“, mit denen wir denken und unser Verhalten steuern) zu einer stärkeren Abnahme der Durchblutung als in den so genannten subkortikalen Strukturen, wie etwa dem limbischen System, wo das „Gefühlszentrum“ des Gehirns lokalisiert ist. Das dadurch eintretende „Ungleichgewicht“ zwischen dem Einfluss der Hirnrinde und den Gefühlszentren könnte die Erklärung für das intensivierte Gefühlserleben und die Veränderungen des psychischen Gesamtsystems bei der HV darstellen (Passie et al. 2003). Auch die euphorischen Gefühlszustände könnten durch eine verminderte Durchblutung der äußeren Hirnschichten mitvermittelt sein, da solcherart Durchblutungsverminderungen als Ursache euphorischer Zustände diskutiert werden (Pearlson et al. 1993). Mit der Hypothese einer stärker gefühlsgesteuerten Hirnfunktion stimmen auch neuropsychologische Untersuchungen überein, bei denen eine Reduktion der kognitiven Kontrolle während forcierter HV gefunden wurde (Gibson 1978). 

 

Subjektive Erlebnisphänomene beim therapeutischen Atmen: Eine qualitative Studie 

Um eine weiterführende und differenziertere Erforschung der Erlebnisveränderungen zu ermöglichen, wurde von uns eine weitere Studie durchgeführt. Diese sollte das subjektive Erleben während der Atemsitzungen (HV-Phase und Nachphase) detaillierter erschließen, um darüber Anhaltspunkte zu gewinnen, welche Erlebnisweisen auftreten und wie diese im subjektiven Erleben beschaffen sind. Da es sich um die systematische Erhebung qualitativer – nicht quantitativer – subjektiver Erlebnismerkmale handelt, wird diesbezüglich auch von „qualitativer psychologischer Forschung“ gesprochen. Solche qualitativen Studien schaffen erst die Voraussetzung für eine objektivierende und quantitative Forschung, da nur so Anhaltspunkte für die Entwicklung von entsprechenden objektivierenden Methoden wie z. B. wissenschaftliche Fragebögen gewonnen werden können. 

In der Studie wurden während mehrerer – unter gleichbleibenden Umständen stattfindender – Gruppensitzungen mit therapeutischem Atmen von den Teilnehmern schriftliche Protokolle über das Erlebte angefertigt. Diese wurden dann mit inhaltsanalytischer Methodik ausgewertet (Mayring 2008). Dies bedeutet, dass die Erlebnisprotokolle in Bezug auf inhaltliche Merkmale zunächst grob systematisiert werden. In einem nächsten Schritt werden anhand des Materials Kategorien entwickelt, denen die Beschreibungen dann zugeordnet werden. Dann werden die Hauptmerkmale extrahiert, zusammenfassend beschrieben und mit repräsentativen Beschreibungen unterlegt. 

Die im folgenden angeführten Zitate von Erlebnisbeschreibungen sind der Dissertation von Binder (2017) entnommen. 

 

Das Spektrum der Erlebnisveränderungen 

Das Gesamtspektrum der möglichen Erlebnisveränderungen unter HV und in der Nachphase ist gemäß den Ergebnissen recht breit. Es konnten folgende regelmäßig auftretende Phänomene beschrieben werden: 1. verstärktes Gefühlserleben; 2. verstärktes Bilderleben; 3. Regression; 4. veränderte Steuerungsfähigkeit; 5. Wiedererleben von Erinnerungen; 6. „affektive Abreaktionen“; 7. körpernahes Glückserleben; 8. mystische Erfahrungen und 9. „Kernerfahrungen“. Im Folgenden wird auf die Erlebnisphänomene 1 bis 6 nur kurz eingegangen, während die dem ekstatischen Erleben nahestehenden Erlebnisphänomene 7 bis 9 ausführlicher behandelt werden. 

 

Verstärktes Gefühlserleben 

Zu den bedeutendsten und stärksten Wirkungen des verstärkten Atmens dürfte die Intensivierung des Gefühlserlebens gehören, die von vielen Teilnehmern eindrücklich geschildert wurde und die sich in den oben beschriebenen psychometrischen Messungen wiederspiegelte. Obgleich das Erleben von „positiven“ Gefühlen anscheinend deutlich stärker ausfällt, ist auch das Erleben von „negativen“ Affekten verstärkt, d.h. alle affektiven Erlebnisqualitäten imponieren gesteigert, mit einer Tendenz zu positiv erlebten Qualitäten. Gemäß den Erlebnisprotokollen der Probanden war insbesondere die Nachphase von einem sehr positiven Gefühlsund Körpererleben begleitet. 

Ein Proband schilderte seine Erfahrungen folgendermaßen: „Von totaler Verzweiflung und Trauer über Wut, das hab ich bei einer Atemsitzung ... gehabt. So eine Wut zu spüren habe ich noch nie in meinem Leben so ausgelebt. Also gespürt hab ich sie vielleicht, aber eben nicht so rausgelassen. Aber auch ganze Glückseligkeit und Freude, also die ganze Palette an Gefühlen“ (III, 36). 

 

Verstärktes Bilderleben 

Das Auftreten von Bildern, Reminiszenzen oder ganzen Szenen, die „vor einem inneren Auge“ wahrgenommen werden, sind häufig geschilderte Phänomene in den untersuchten Atemsitzungen. Während des Bilderlebens tritt das epikritisch-abstrakte Denken zugunsten eines emotional-assoziativ gesteuerten bildhaften „Denkens“ zurück. Gemäß den Schilderungen der Probanden kommt es sowohl während der HV-Phase als auch in der Nachphase zu einem verstärkten Bilderleben, was sich in den Fragenbogenmessungen bestätigt hat. So zeigt sich in der Messdimension „visionäre Umstrukturierung“ des OAVAV ein gegenüber der Kontrollgruppe um das Mehrfache erhöhter Wert. Folgendes Zitat aus einem Erlebnisprotokoll macht diese Phänomene anschaulich: „Es sind eher Sequenzen. Das kann [aber] wechseln: wenn man ein Bild gesehen hat und man dann vielleicht eine Traurigkeit spürt .... Dann kommt vielleicht ein anderes Bild, was damit nichts zu tun hat ... wofür es aber vielleicht wichtig war, sich das vorherige anzugucken. Manchmal kommen die Bilder unaufgefordert und es gibt Sequenzen, wo man ... während der ganzen Atemsitzung weitergeht ..., die sich auch ergänzen“ (IV, 53). 

 

Regression 

Die regressiven Prozesse können sowohl auf äußere Merkmale der Situation (liegende Position, geschlossene Augen) als auch auf innere psychophysisch bedingte Mechanismen zurückgeführt werden. Während der Atemsitzungen kommt es aufgrund von Veränderungen der Hirndurchblutung zu einer Schwächung kortikaler Kontrollfunktionen. Darauf verweist auch das verstärkte Gefühlserleben, welches das Erlebnisfeld stark vereinnahmen kann. Auch das verstärkte Bilderleben mit einer Primitivierung des epikritischen Denkens weist auf eine Regression des psychischen Systems hin. 

Die Nachphase scheint ebenfalls von einem regressiven Erleben geprägt. Dieses wird von tiefer Entspannung und einer ausgeprägten Introspektionsneigung mit verstärktem Bilderleben bestimmt. Beim Gefühlserleben stehen positive Erfahrungen im Vordergrund. Geschildert wird das Empfinden eines basalen Vertrauens „in die Welt, den eigenen Körper und sich selbst“, was zumeist mit einem Empfinden von „Offenheit und Verletzlichkeit“ einhergehe. Man fühle sich innerlich „leicht“ und könne „sich gehen lassen“. Daher bestehe keine Notwendigkeit, das Erleben willentlich zu steuern. Auch diese Erlebnisqualitäten können im Sinne einer Regression verstanden werden. 

 

Veränderte Steuerungsfähigkeit 

Fast alle Probanden wiesen auf eine teils erheblich veränderte Steuerungsfähigkeit bzw. Selbstkontrolle während der Atemsitzungen hin. Die auftretenden inneren Prozesse scheinen, insbesondere während der HV-Phase, durch ein nur wenig willentlich gesteuertes „Heraussprudeln“ von Empfindungen, Gefühlen, Bildern und Erinnerungen gekennzeichnet zu sein. Im PCI zeigt sich in der „Volitional control dimension“ eine gegenüber der Kontrollgruppe erheblich verminderte Selbstkontrolle. 

Auch während der Nachphase scheint eine verminderte Selbststeuerung vorzuliegen. Dadurch dominiert das körpernah erlebte „basale Vertrauensempfinden“, welches auf einem ausgeprägten körperlichen Entspannungszustand basiert. Auf diesem „Untergrund des Erlebens“ wird von den Probanden oft von einem „Sich-dem-Erleben-völlig-Hingeben“ berichtet. 

 

Wiedererleben von Erinnerungen 

In den meisten Fällen scheint es zu einem über die aktivierten Gefühle initiierten vorwiegend bildhaften Rückerinnern zu kommen. Dieses kann von angedeuteten Reminiszenzen bis zu ausgeprägten hypermnestischen Phänomenen, teils verbunden mit Altersregressionen, reichen. Hierbei können biographische, emotionale, gedankliche und körperliche Phänomene zusammenwirken bzw. gemeinsam auftreten. Neben schwächeren, womöglich fragmentierten Erinnerungsphänomenen können auch eindrückliche szenische Rückerinnerungen vorkommen. Was für Erinnerungen auftreten, scheint individuell verschieden und kaum vorhersehbar. Es scheint eine Häufung von Erinnerungen an besonders prägende und einflussreiche, aber auch an erschütternde, manchmal sogar traumatisierende Ereignisse in den berichteten Erfahrungen zu geben. 

Die gelegentlich in psychotherapeutischen Büchern zum Holotropen Atmen (z. B. Grof und Grof 2013) oder Rebirthing (z. B. Orr und Ray 1977) erwähnten „Erinnerungen an die Geburt“ waren in dem von uns erhobenen Material praktisch nicht zu finden. 

 

„Affektive Abreaktionen“ 

Gemäß den Erlebnisberichten und den Interviews treten in den Atemsitzungen häufig starke Gefühle auf, die in der Regel auch zu entsprechenden Verhaltensbzw. Affekt-Reaktionen (Weinen, Ärger ausdrücken, Schreien, Lachen usw.) führen. Das unmittelbare Erleben und Ausdrücken starker Affekte wird in der psychotherapeutischen Literatur als „kathartische Abreaktion“ bezeichnet (Nichols und Zax 1977), die es dem Subjekt erlaube, „... die traumatischen Ereignisse, an die diese Affekte geknüpft sind, wachzurufen, ja sie wieder zu erleben und abzureagieren“ (Laplanche und Pontalis 1986: 247). Zu „Abreaktionen“ kommt es gemäß den Erlebnisbeschreibungen und Interviews hauptsächlich während der HV-Phase. In der Nachphase scheinen dagegen nur gelegentlich Abreaktionen aufzutreten. Von einem Probanden wird ein „Abreagieren“ von Gefühlen folgendermaßen geschildert: „Ich kann schon sagen, dass ich mindestens bei der Hälfte meiner Atemsitzungen ... sehr traurige Empfindungen hatte, die schnell in Weinen übergingen. Dabei habe ich festgestellt, dass, wenn das Weinen tiefer wurde, es in ein Schluchzen überging“ (I, 2f ). 

 

Ekstatisches Erlebens beim verstärkten Atmen 

Vorweg sei angemerkt, dass wir uns mit den ekstatischen Erlebnisqualitäten in einer speziellen Arbeit auseinandergesetzt haben (Passie et al. 2019).

Ekstatische Erlebnisqualitäten sind beim therapeutischen Atmen aus unserer Sicht die körpernah erlebten Glücksgefühle, die wir den mikroekstatischen Phänomenen zuordnen, die mystikoformen Erfahrungen sowie die sogenannten Kernerfahrungen, die wir den makroekstatischen Phänomenen zurechnen. Bezüglich der Einteilung in mikro- und makroekstatische Phänomene verweisen wir auf die Arbeit von Passie und Scharfetter (2013). Während die mystisch-ekstatischen Erfahrungen anerkanntermaßen zu den zentralen Erlebnisweisen ekstatischer Art gerechnet werden, sind das körpernahe Glücksempfinden und die Kernerfahrungen bisher nicht als solche beschrieben worden. 

Grundsätzlich sind bei diesen drei Formen ekstatischen Erlebens die Wachheit und die Bewusstseinsklarheit nur wenig verändert; womit es sich um „luzide“ (gegenüber den „somnambulen“) ekstaseartige Zustände gemäß der Definition von Oesterreich (1921) handelt. 

 

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