Verstärktes Atmen und Trance beim Sex

Von Prof. Dr. Torsten Passie

Auch im Kontext sexueller Handlungen spielen die durch eine veränderte Atmung ausgelösten, gefühlsintensivierten Bewusstseinszustände eine Rolle.

Passie et al.  (2003) stellten als erste die Hypothese auf, dass verstärktes Atmen sexuelles Erleben intensiviert. Stöhnen und andere Lautbildungen, wie sie typischerweise beim Geschlechtsverkehr auftreten, sind Ausdruck einer Hyperventilation, also einer Atmungsaktivität, die über dem Bedarf des Organismus liegt. Das Stöhnen u.ä. wird mehr oder weniger bewusst eingesetzt, um über die Hyperventilation einen tranceartigen Zustand mit verringerter Selbstkontrolle und vermehrtem Gefühlserleben zu erzeugen. Dadurch wird das sexuelle Erleben intensiviert.

Durch die Hyperventilation verändert sich der Kohlendioxydspiegel im Blut, was eine verminderte Durchblutung des Gehirns und dadurch eine Modifizierung der Aktivität verschiedener Funktionsbereiche zur Folge habe. Der Kortex, auch Hirnrinde genannt, ist durch die verminderte Durchblutung erheblich weniger aktiv, während die Durchblutung in phylogenetisch älteren Bereichen wie dem limbischen System (dem „Gefühlszentrum des Gehirns“) weniger stark abnimmt. Dadurch verschiebt sich die Balance zwischen der Hirnrinde und den tiefergelegenen „subkortikalen“ Strukturen. Dies könnte erklären, warum die Versuchspersonen beim verstärkten Atmen ein stark intensiviertes Gefühlserleben zeigten. Aber auch tranceartige und euphorische Gefühlszustände, wie sie beim Geschlechtsverkehr bzw. sexuellem Erleben auftreten können, sind vermittelt durch eine Verschiebung der Aktivität von kortikalen zu subkortikalen Strukturen, wie sie durch ein intensives Stöhnen entstehen können.

Bestätigung fand diese Hypothese im Jahr darauf, als dieselbe Forschungsgruppe auf Daten einer Notarztzentrale stieß. Die Daten zeigten, dass sich nicht selten Menschen wegen einer „medizinischen Notfallsituation“ mit bzw. nach verstärktem Atmen meldeten. Diese Personen waren beim Sex durch intensives Stöhnen unwillkürlich in eine Hyperventilation geraten. Durch die Intensivierung des sexuellen Erlebens wird diese zwar anfänglich als angenehm empfunden, doch wenn stärkere Nebenwirkungen der Hyperventilation (z.B. Verkrampfungen der Hände, Gefühl von Atemnot) in Erscheinung treten, geraten manche Personen in Angst, was wiederum die Hyperventilation steigern kann, weil man bei Angst ohnehin oft schneller und tiefer atmet. Die Betroffenen befürchten dann häufig eine „Lungenkrankheit“ und rufen den Notarzt. Bei den von Passie et al. (2004) beschriebenen Fällen handelte es sich um Frauen, denen die Symptome einer Hyperventilation unbekannt waren. Gemäß den Recherchen waren etwa 20% aller Fälle, die wegen der Hyperventilationssymptome den Notarzt riefen, solche, deren Hyperventilation im Zusammenhang mit Sex aufgetreten war.

Es ist interessant, dass dieser Zusammenhang von Atmung und sexuellem Erleben in der Sexualforschung zuvor unbekannt und unerforscht geblieben war.

 

Literatur

Passie T, Hartmann U, Schneider U, Emrich HM. On the function of groaning and hyperventilation during sexual intercourse: intensification of sexual experience by altering brain metabolism through hypocapnia. Medical Hypotheses 60 (2003): 660-663.

Passie T, Wagner T, Hartmann U, Schneider U, Emrich HM. Acute hyperventilation syndromes induced by sexual intercourse: Evidence of a psychophysical mechanism to intensify sexual experience? Archives of Sexual Behavior 33 (2004): 525-526.