Mein Weg zur Ekstaseforschung

Seit über 35 Jahren interessiere ich mich für ekstatische Erfahrungen und das in mehrfacher Hinsicht. Zunächst interessierten mich vorwiegend deren Erscheinungsweisen, das heißt, wie ekstatische Zustände von einer Person konkret erlebt werden. Später weckten die Methoden, mit denen sie induziert werden können, mein Interesse. Dies auch deshalb, weil sie sich, wenn man sie denn halbwegs replizierbar erzeugen könnte, auch (besser) beforschen ließen. Mein persönlicher Weg führte durch Erfahrungen mit diversen veränderten Bewusstseinszuständen – von positiv-ekstatischer, aber auch erschreckender Art.

Als ich nach und nach verstand, dass ich mein Leben der Erforschung von veränderten Bewusstseinszuständen und dem Heilungspotential psychoaktiver Substanzen (Psychedelika oder Psycholytika) widmen würde, stand ich zunächst vor der Entscheidung, aus der Philosophie und Soziologie in die Humanmedizin zu wechseln. Ein Psychologie-Studium kam nicht in Frage, da die Beforschung deutlich veränderter Bewusstseinszustände und der für deren Erzeugung erforderlichen Methoden (Atemtechniken, Gabe psychoaktiver Substanzen usw.) eine medizinische Grundausbildung erforderte. Daher unterbrach ich – gegen erhebliche innere Widerstände – mein geisteswissenschaftliches Studium und wechselte zur Medizin.

Schon während des Medizin-Studiums begann ich mit dem Erlernen von psychotherapeutischen und bewusstseinsverändernden Techniken. 1992 lernte ich den Kreis um Professor Hanscarl Leuner (Universität Göttingen) kennen, der sich damals gerade als ein internationales Forum etablierte – das Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS) –, welches sich um die wissenschaftliche Erforschung veränderter Bewusstseinszustände bemühte.

Leuner, der als führender europäischer Experte im Bereich der Forschung mit Halluzinogenen und veränderten Bewusstseinszuständen galt, nahm mich 1994 als Weiterbildungsassistenten in seine Praxis auf. Über mehr als zwei Jahre hinweg konnte ich so täglich Erfahrungen in der Arbeit mit Halluzinogenen in der Psychotherapie sammeln (vgl. Passie 1996/1997).

Im Jahre 1996 setzte ich meine klinische Ausbildung als Psychiater und Psychotherapeut an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich fort, wo ich mit Professor Christian Scharfetter interessante Diskussionen führen konnte, die multiple Aspekte von veränderten Bewusstseinszuständen und auch deren Gefahren zum Inhalt hatten. Gemeinsam erörterten wir im Verlauf der folgenden zehn Jahre immer wieder konzeptuelle Aspekte der Theoriebildung über veränderte Bewusstseinszustände.

Als ich 1997, aus Zürich kommend, meine Arbeit als Assistenzarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) aufnahm, hatte ich meine philosophischen Studien mit einer Masterarbeit und einer (medizinischen) Dissertation zur phänomenologischen Psychiatrie abgeschlossen (Passie 1996). Mit dem Entwurf und der Durchführung von klinischen Forschungsprojekten an der MHH begann ich 1998.

Ich hatte das Glück, dass mit Professor Hinderk M. Emrich jemand die Abteilung leitete, der sich gegenüber meinem Interesse an ekstatischen Zuständen aufgeschlossen zeigte.

Nachdem ich mit psychoaktiven Substanzen (wie z.B. Psilocybin, MDMA, Ketamin), aber auch einigen Atemtechniken Methoden gefunden hatte, mit denen sich im Labor veränderte Bewusstseinszustände verlässlich erzeugen und beforschen ließen, führte ich eine Reihe von experimentellen und klinischen Studien durch. Ich wollte dabei diese Zustände „von innen“ (Perspektive des erlebenden Subjekts) und „von außen“ (Verhaltensbeobachtung, neurokognitive Tests, physiologische Messungen, Hirndurchblutung usw.) erforschen.

Zuerst führte ich in Kooperation mit der Abteilung Anästhesie einige experimentelle Untersuchungen mit den halluzinogen wirkenden Anästhetika Ketamin und Stickoxydul (Lachgas) durch. Außerdem untersuchten wir die psychischen und physiologischen Veränderungen, wie sie durch Phasen verstärkten Atmens (sogenannte „Hyperventilation“) zustande kommen. Ähnliche Atemtechniken werden seit Jahrhunderten im mystischen Islam (Sufis), im Yoga und im Schamanismus verwendet und wurden seit Mitte der 1970er Jahre zunehmend als „Selbsthilfemethoden“ oder zur Unterstützung von Psychotherapien verwendet (Passie & Pleske 2011). Wir untersuchten zunächst die physiologischen Veränderungen, dann die Veränderungen des Bewusstseinszustandes, der Hirndurchblutung und zuletzt die subjektiven Erlebnisphänomene während der Atemsitzungen und deren mögliche therapeutische Wirkungen. Ergebnisse dieser Studien werden noch veröffentlicht.

Parallel dazu begann ich, klinische Studien mit psychoaktiven Substanzen (Ketamin, Psilocybin, Lachgas) durchzuführen, die weitere Aufschlüsse über die Charakteristik veränderter Bewusstseinszustände und ekstatischen Erlebens erbrachten. Insbesondere unter der Wirkung von Psilocybin konnte ich mehrfach tiefgehende mystische Erfahrungen und visionäre Erlebnisweisen bei den Studienteilnehmern beobachten, diese „messen“ und auswerten. Weitere Untersuchungen befassten sich mit den ekstatischen Aspekten sexuellen Erlebens, den Bewusstseinsveränderungen unter der Wirkung von Biofeedback und autogenem Training, bei Gurdjieff-Tänzen und unter anderen Induktionsbedingungen. Außerdem wurden neurobiologische Modellvorstellungen zur Entstehung von veränderten Bewusstseinszuständen (Passie 2007) und mystisch-ekstatischen Erlebnisformen systematisch aufgearbeitet (Passie et al. 2013). Eine vertiefende Beschäftigung mit der Psychopharmakologie von halluzinogenen und entaktogenen Substanzen begleitete die klinische Forschung (z. B. Passie et al. 2005, Hintzen & Passie 2010, Passie & Halpern 2013). Außerdem rückten psychotherapeutische Anwendungen und Implikationen vermehrt in den Vordergrund (z.B. Passie 2005, Passie & Dürst 2009).

Das langjährige Bemühen um die Zusammenführung einer Vielfalt von Aspekten ekstatischen Erlebens mündete 2008 in die Organisation des 1. Internationalen Kongresses über ekstatische Zustände an der Medizinischen Hochschule Hannover (Passie &  Belschner 2008). Die in den Beiträgen des Kongressbandes (Passie et al. 2013) zum Ausdruck kommenden vielfältigen Aspekte des Phänomens der Ekstasen zeigen, welch ein bedeutsames Gebiet die Erforschung ekstatischer Zustände darstellt. Die Beiträge wollen auf theoretischer, experimenteller und praktischer Ebene das Phänomen der Ekstase in seinen psychologischen, neurobiologischen und kulturgeschichtlichen Dimensionen beleuchten wie auch die potentiell heilsamen Wirkungen erschließen helfen.

Nachdem immer klarer wurde, dass dieses ertragreiche und interessante Gebiet einer Art Neglekt bzw. Tabuisierung in der wissenschaftlichen Forschung unterliegt, begann ich, dies als einen kulturgeschichtlichen Ausgrenzungsvorgang zu verstehen und darzustellen (Passie 2013a). Auch den – nicht immer einfachen – Folgewirkungen mystischer Erfahrungen wurde Aufmerksamkeit zuteil (Passie & Petrow 2013) und es wurden in einigen Studien die heilenden Wirkungen ekstatiformer Bewusstseinszustände erschlossen (Passie & Dürst 2009; Passie & Pleske 2011; Gasser et al. 2014, 2016).

  • Literaturverzeichnis

    Gasser P, Holstein D, Michel Y, Doblin R, Yazar-Klosinski B, Passie T, Brenneisen R (2014) Safety and efficacy of lysergic acid diethylamide-assisted psychotherapy for anxiety associated with life-threatening diseases. Journal of Nervous and Mental Disease 202: 513-20

    Gasser P, Kirchner K, Passie T (2016) LSD-assisted psychotherapy for anxiety associated with a life-threatening disease: a qualitative study of acute and sustained subjective effects. Journal of Psychopharmacology 29: 57–68

    Hintzen A, Passie T. (2010) The pharmacology of LSD. Oxford, New York u.a.

    Passie T (1996/1997) Hanscarl Leuner: Pioneer of hallucinogen research and psycholytic therapy. Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies Bulletin 7 (1): 46-49

    Passie T (2007) Bewusstseinszustände: Konzeptualisierung und Messung. Münster u.a.

    Passie T (2007) Contemporary psychedelic therapy: An Overview. In: Winkelman M, Roberts T (eds.) Psychedelic medicine – new evidence for hallucinogenic substances as treatments. Vol. 1. Westport, CT, London, pp. 45-68

    Passie T (2013) Traum, Trance und Ekstase – Ihr Verschwinden in der Kulturgeschichte des Abendlandes. In: Passie T, Belschner W, Petrow E (Hrsg.): Ekstasen: Kontexte – Formen – Wirkungen. Würzburg, S. 51–64

    Passie T, Belschner W (Hrsg.) (2008) Ekstase: Phänomen – Erfahrung – Heilung. Hannover [Broschüre zum Kongress]

    Passie T, Belschner W, Petrow E (Hrsg.) (2013) Ekstasen: Kontexte – Formen – Wirkungen. Würzburg.

    Passie T, Dürst T (2009) Heilungsprozesse im veränderten Bewusstsein. Berlin


    Passie T, Halpern JH (2014) The pharmacology of hallucinogens. In: Ries R, Fiellin D, Miller S, Saitz R, Gorelick DA (eds.) Principles of addiction medicine. 5th edition. Philadelphia et al. pp. 235–25

    Passie T, Hartmann U, Schneider U, Emrich HM (2005) Was sind Entaktogene? Pharmakologische und psychopharmakologische Aspekte einer Substanzgruppe. Suchtmedizin 7: 235–245

    Passie T, Petrow E (2013) Folgewirkungen mystischer Erfahrungen. In: Passie T, Belschner W, Petrow E (Hrsg.) Ekstasen: Kontexte – Formen – Wirkungen. Würzburg, S. 255–276


    Passie T, Pleske R (2011) Wirkungen therapeutischen Atmens. Berlin

    Passie T, Warncke J, Peschel T, Ott U (2013) Neurotheologie: Neurobiologische Modelle religiöser Erfahrungen. Nervenarzt 84: 283–293